Alte Burgunder 2 – Jahrgänge 1929 bis 1969

Mit großer, gleich doppelter Vorfreude pilgerte ich mal wieder nach Oberhausen. Zum einen sind mir die Abende mit Wera und Norbert immer eine persönliche Freude und dazu verwies das Wein Line-Up einen besonderen Genuss zu versprechen. Es ging mal wieder ins Burgund und wir sollten, mit Ausnahme von ein paar schmerzhaften Korker, nicht enttäuscht werden. Die Jahrgänge 1929 bis 1969 standen an, natürlich ergänzt um ein teilweise hochklassiges Rahmenprogramm.

Alle traffen pünktlich ein und so kam gegen 16 Uhr der erste Wein ins Glas. Blind versteht sich und so tippte ich auf einen grauen Burgunder mit Holznoten. Ich war nicht alleine, was mein Erstaunen auch nicht milderte, als Norbert den 2010er Schlehdorn von Kühn von der Banderole befreite. Ein unglaublicher Riesling, mit einer sehr blumige Note, deutlich nach reifen Polyphenolen roch und eine ausgesprochene burgundische Art an sich hatte. Im Mund zugenagelt, unterkühlt, distanziert, aber mit einem feinen Säurebogen. Keine Frage ein großer Wein, dachte ich, aber wann wird sowas reif? Nach dem Aufdecken wusste ich, meine Pullen vergrabe ich erst mal bis 2018. Damit aber nicht genug der Einstimmung. Es ging weiter mit einem 76er Spätburgunder von Wegeler aus dem Assmannshäuser Höllenberg. Und schon gingen die Meinungen deutlich auseinander. Während mein Sitznachbar, Norbert, aufgrund vermeintlicher Stallaromen, schnell abwinkte, gefällt anderen Teilnehmer die ungemein expressive Nase nach reifen und noblen Röstaromen und der vielschichtigen rotbeerigen Aromen. Sicherlich war der Wein vor ein paar Jahren schöner, aber seine Süße am Gaumen und die deutliche, aber gut eingebundene Röstaromatik gefiel u.a. mir ganz ordentlich (86 Punkte). Den nächsten Wein brachte das teilnehmende Winzerehepaar gleich selbst mit: einen 95er Spätburgunder Spätlese trocken und somit erst das 4. Jahr der Ziereisens. Damals wurde gar der Restzucker noch auf der Flasche angegeben (1,8 g/l). Was soll ich sagen – selbst ohne gebotene Höflichkeit gegenüber dem Winzer, ein wirklich gelungener Wein. Gleich als deutsche SB zu erkennen, aber ohne die übliche Schwere und den unverhältnismäßigen Holzeinsatz. In Erinnerung blieb die erstaunliche frische Frucht, Frische, die von der kalkigen Mineralik kommt, deutliche Holzaromen, leicht grobkörnige Tanninstruktur. Sehr gut (86/87 Punkte).


Wer sich dachte es gibt den ersten Altwein, sah sich getäuscht. Aber der erste offizielle Kandidat und so waren wir im richtigen Gebiet. Egal, die Stimmung am Tisch war bestens. Vor uns stand ein 96er Griotte-Chambertin von der Domaine Ponsot aus Morey St. Denis. 88 Punkte gab ich ihm, nach einer längeren Beschäftigung mit dem Kandidaten. Er machte es einem nicht leicht ihn zu mögen. Die Nase schön, mit gereiften, edlen Röstaromen, feiner Kirschduft, recht schlank und mineralisch geprägt. Im Hintergrund auch dunkle Waldfrüchte und ein Hauch Waldboden. Trotzdem frisch, aber keine große Nase. Im Mund von eleganter, schlanker Art, die Frucht jung, fast stahlig, wirkt daher etwas kantig und hart. Die gut eingebundene Säure dazu noch ein etwas resch. Dann treten auch noch trocknende Tannine auf. Ein Gaumenschmeichler ist der Wein wirklich nicht und für einen Grand Cru in dieser Preisklasse einfach zu karg und dünn. Auch im Finish fehlt es ihm an Tiefe und Nachhaltigkeit. Trotzdem freue ich mich im Burgund zu sein und kann den letzten Schluck meines Glases genießen. Manche motzen mehr, bewerten ihn aber höher. Vermutlich denken sie an die ersten 100 Euro, die alleine mit dieser Pulle schon durch waren.


Anschließend bewegten wir uns schnellen Schrittes auf unsere eigentliche Probe zu – 1929 bis 1969 – und lagen mit dem 94er Ruchottes-Chambertin Grand Gru „Clos des Ruchottes  von der Domaine Armand Rousseau nur noch 25 Jahre entfernt ;). Der erste wahre Spitzenwein mit einer noblen Nase nach Kirschkonfit, Orangenzesten und feinste Röstaromen nach Süßholz und Pfeifentabak. Packend und elegant zugleich. Fruchtig-würziger Antrunk von mittlerem Körper, hochfein und mit komplexer Tiefe, vielschichtige Beerenfrüchte, saftige Schwarzkirschen, kalkige Mineralik, sehr feiner, harmonischer Verlauf, gereifte Säure, enorme Länge. 93 Punkte und auch noch günstiger als der Vorgänger. Geht doch. Und nun kamen auch endlich die alten Weine…


Domaine Paul Cour Mercurey, 1937
Als Norbert ein schwarzes, stinkendes Etwas aus dem Flaschenhals zog machten wir uns alle etwas Sorgen. Aber bereits die Nase beruhigte unmittelbar mit einer feinen, recht süßlichen Waldbeeren. Dahinter Waldboden mit Champignons, eingemachte Pflaumen und Karamell. Am Gaumen eine enorme Extraktdichte, viel Glycerin und weiche, geschmeidige Tannine. Die Fruchtaromatik geht in Richtung Pflaumenwein und erinnert an alte Portweine. Sehr reife, süße Holzaromen nach Rauch, Röstaromen und Mokka, sehr langer Nachhall. 90 Punkte (weitere Details entnehmen sie einfach dem Etikett.)


Domaine de La Pousse d´Or Volnay 1er Cru “Les Caillerets”, 1988
Eines der interessantesten Verkostungsmomente an diesem Abend. Zunächst penetranter Liebstöckl und welkes Laub und Blüten. Zum Davonlaufen. Aber nach 15 Minuten hat der Wein sich gefangen und präsentierte jetzt eine klare und feingezeichnete Frucht nach Brombeeren und roten Johannisbeeren, dahinter Küchenkräuter. Im Mund Burgunder wie ich ihn mach – konsequent trocken ausgebaut, intensive Mineralik nach Kalkstein, eher von schlanker Statur, mit Zug am Gaumen und vielschichtigem, klaren Früchtebukett. Das Holz ist perfekt eingebunden, die Säure erfrischt und die Länge ist deutlich sehr lange. Ausgezeichnet! 93 Punkte


Domaine Ponnelle Bonnes Mares Grand Cru, 1957
Und jetzt kann ganz großer Stoff. Schon der Duft von eine grandiosen Noblesse nach süßem Pfeiffentabak, Mokka, süßem Lakritz, Kirschsaft und balsamischen Noten. Ich kann gar nicht mehr aufhören daran zu schnuppern. Am Gaumen zu Beginn hedonistisch süß, Pflaumenmus, Brombeeregelee und reife Himbeeren. Als Ausgleich leicht pfeffrige Kräuteraromen, feinste, vitale Säure und mustergültige Röstaromen vom Holz. Erneut viel Balsamico, Mokka und Tabaknoten. Der Wein hat viel Zug am Gaumen und wirkt so, als hätte er soeben sein Plateau erreicht und genießt den Ausblick auf eine lange Genussphase. Die Tannine greifen noch sanft in den Gaumen. Unheimlich langer Nachhall. Danke an unseren Raritätenhändler, der diesen Wein uns ans Herz gelegt hatte. 96 Punkte


Domaine Bocquet Chambolle-Musigny, 1961
Jugendliche, klare Nase nach Kirschen und Brombeeren, dahinter frischgeschnittene Kräuter und Gräser, auch etwas Nelken und Anis. Am Gaumen ähnlich jugendlich, sehr straff, fest und saftig. Waldbeeren, Kirschen und etwas Orangenschalen ohne jeglichen kompottigen Einschlag. Die Kräuter halten sich hier etwas zurück und dafür zeigen sich mineralische Anklänge. Das Holz sehr dezent mit einem etwas strengen Einschlag nach Zedernholz und kaltem Rauch, passt sehr gut zu der Orangennote. Langer, aber nicht sonderlich komplexer Nachhall, wieder enorm frisch. Der Wein hat mit einer klaren und etwas strengen Art einen hohen Wiedererkennungswert und macht sicherlich auch noch nach dem dritten Glas große Freude. 93 Punkte


Pachey Deslani Nuits-St. George, 1962
Das genaue Gegenteil vom Chambolle – Backpflaume, überreife Früchte, sehr krautig, auch etwas Liebstöckel. Nicht schlecht, aber schon mächtig weit entwickelt. So auch am Gaumen, der Wein wäre vor ein paar Jahren besser gewesen. Viel Pflaumenkompott und Erdbeermarmelade zu Beginn, dazu malzige Aromen vom Faßausbau. Die Struktur ist sichtlich noch in Ordnung, aber es fehlt bereits etwas an Frische. Erstaunliche Länge, gute Balance, aber auch ein wenig laktischen Noten. Trotzdem noch ein sehr guter Wein – für ein Glas. 86 Punkte


Domaine Laligant Chameroy Louis Jadot Vosne Romanée, 1934
Der anfängliche, sehr penetrante Maggi-Ton verfliegt zwar mit viel Luft, es bleibt aber eine grenzwertig kräuterige Nase. Es zeigt sich auch noch eine recht klar rotbeerige Frucht, Backpflaumen und schokoladige Anklänge. Im Mund von mittlerer Statur, hat ziemlich viel Zug am Gaumen, deutliche Süße, die mir aber etwas verwaschen erscheint, Karamell und Speck vom Faß, auch Anklänge nach Eisen und animalische Noten, mittlerer Nachklang.Gut, hinterlässt aber auch keinen sonderlichen Eindruck. 84 Punkte


Domaine Bahezre Richebourg Grand Cru, 1929
Unmittelbar nach den Eingießen versprüht der Wein eine noble Eleganz und pralle Jugendlichkeit, dass es eine helle Freude ist. Feinste Fruchtaromen nach Brombeeren, Himbeeren und sonstigen Waldbeeren. Dahinter eine Ahnung von feinstem Holz und auch eine Mineralik zeigt sich in Form von Graphit. Einfach großartig. Auch im Mund ungemein elegant und von großer Noblesse. Es herrscht die pure, klare Frucht vor, zwar in einer Ausprägung wie sie nur alter Burgunder hervorbringt, aber ohne jegliche Alternnoten ala Kräuter etc. Die Tannine kugeln wie ein Samtschal über den Gaumen und das Holz betört mit süßem Lakritz, Rauch und Schokonoten. Große Länge – großer Wein. Eine perfekte Bewertung verwehrt ihm sein leicht trocknender Abschluss. 95 Punkte


Lupé-Cholet Negociant-Eleveur a Nuits-Saint-Georges Richebourg Grand Cru, 1987
Leider Kork


Philippe Thevenot Vignerons á Meursault Volnay-Santenots, 1969
Die Nase schwierig, weil viel Naphthalin und Möbelpolitur, dahinter jedoch saubere Fruchtaromen nach Kirschen und Blaubeeren. Der Auftakt im Mund geprägt von herrlich frischen Sauerkirschen. Ein erstaunlich schlanker, fast eleganter Wein. Leider zehrt er im Verlauf etwas aus und zeigt eine derbe Tanninstruktur. Ein kerniger, nahezu sehniger, aber durchaus schmackhafter Wein mit guter Länge und viel Frische. 86 Punkte


Maison Jule Régnier Nuits-St.-Georges Clos de la Roche, 1969
Dieser 69er ist viel weiter in seiner Entwicklung und spaltete die Truppe am Tisch. Viel Waldboden, Champignons, sehr reife Früchte nach Rosinen, Pflaumenkompott. Wirkt schon etwas müde. Mittelkräftiger Körper, erneut viel Pilze und erdige Aromen, auch ein wenig Sauerkirsche und Schlehen. Noch intakte Struktur, kräftige, aber feinporige Tannine, passable Länge. Nicht mein Fall. 83 Punkte.


Vandermeulen Richebourg Grand Cru, 1947
Nach 10 Minuten legte die Nase ihren Muff vollständig ab und präsentiert sich nun zurückhaltend, jedoch ungemein tief und vielschichtig. Verspielte rote Früchte, ein Hauch Mineralik und Röstaromen. Eleganz pur. Am Gaumen überraschend dicht, fast kraftvoll mit einem kompakten, saftigen Antrunk. Jugendliche Waldbeeren und Sauerkirschen eingebettet in mild-herber Schokolade und Krokant. Das Holz ist hier etwas mehr präsent und mit seiner satten Sahneschokonote fast ein Schmeichler, die mich an dem Abend davon abhält eine große Wertung abzugeben. Aber, das ist nun moppern auf höchstem Niveau. Die Länge ist ausgezeichnet und vielschichtig. Locker 93 Punkte.


Domaine Faiveley Corton Grand Cru, 1947
Als kleinen Spaß hatten wir den Vorjahressieger nochmal besorgt und mit großer Selbstverständlichkeit nahm er auch nun wieder den Siegerpokal mit. Er war sogar noch einen Tick besser als beim ersten Mal. Ein faszinierender Burgunder, wie ich ihn noch nie im Glas hatte. Hochfeine, glasklare Essenz aus Kirsche, Brombeeren, Graphit, Nougat und einer milden Kaffeeröstung. Im Mund der perfekte Wiederspruch aus einer gewaltigen Konzentration und Eleganz. Die Aromen füllen sofort den gesamten Gaumen ein und graben sich derart in die Zunge, dass es schon fast keine Rolle mehr spielt ob noch Wein im Mund ist, oder ich bereits über den Nachhall sinnierte. Reifes, sehr feines Säuregerüst trägt den Wein über den gesamten Verlauf. Die Tannine haben noch hinreichend Griff, geben den opulenten, aber klaren Früchten den notwendigen Rahmen. Das Holz ein Traum aus Mokka, süßem Lakritz und Pfeifentabak mit Anklängen von Graphit. Ein absolut genialer Wein. Ich suche nach dem Aber, lass es aber irgendwann sein und genieße einfach den Rest in meinem Glas. 97 sehr strenge Punkte, obwohl ich mir eine Steigerung kaum noch vorstellen kann.


Nach diesem Highlight kam der traurige Schlußpunkt, denn der 47er Chambertin von Vandermeulen hatte leider brutalen Kork und so schütteten wir den teuersten Wein des Abends zum Abschluss in den Abfluss *schluchz*. Trotzdem war es mal wieder ein großer Burgunder-Abend. Ganz sicherlich werden wir uns in einem Jahr wieder treffen, wenn es heißt „Alte Burgunder 3“.

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