Bordeaux von 1982 bis 1990

Eine hochinteressante Probenreihe startete unser Weinfreund Michael am 23. Januar 2009 im Weinlager Siegburg. Das Thema könnte kaum schöner und interessanter sein, denn es geht um trinkreife Bordeaux aus spannenden Jahrgängen. Den Anfang machten Grand Crus vom linken und rechten Ufer aus gemischten Jahrgängen von 1982 bis 1990. Fast alle Weine wirkten sehr vital und frisch, sogar etwas jünger als gedacht. Eine Erklärung dafür könnte ihre fast schon »zu gute« Lagerung gewesen sein, die meisten stammten aus einem überaus kühlen, tief unter hohen Bergen gegrabenen Luftschutzbunker — wahrscheinlich der beste Ort, um Weine für die Ewigkeit zu lagern. Nicht minder attraktiv war das Rahmenprogramm der Probe. Es gab gerade noch so abgekühltes, ganz frisches Roastbeef mit Sauce Bearnaise und zur Gaumenreinigung zwei Sterne-Auslesen von Schloss Lieser. Hier aber die Verkostungsnotizen:


1. Château Pavie St. Emilion Premier Grand Cru Classé B 1984
In der Nase deutliche Aromen nach Cassis und Orangenzesten, etwas grüne Paprika, Leder, Pilze, Zeder, wirkt sehr harmonisch, fein und filigran, fast von ätherischer Transparenz, eine grandioses Beispiel einer komplexen, wenngleich zurückhaltenden Nase. Auch im Mund sehr elegant und harmonisch im ersten Eindruck, eher elegantes Gerüst, Gurkenessenz, zarte Fruchtaromen nach Cassis, rote Beeren, Tee, feinporiges Tannin, feine Süße, die Säure ist perfekt gepuffert, nur Nuancen vom Holz nach Zedern und angefeuchtetes Tabakblatt, langer, sich ständig wandelnder Abgang. (90 Punkte)


2. Château La Lagune Haut-Medoc Troisième Grand Cru Classé 1989
Recht intensive, harmonische Nase nach warmem Kaffee, dunklen Beeren, dinkler Schokolade, gewisse Tiefe. Animierender Antrunk, sehr dicht und intensiv, mittlerer Körper mit eleganter Struktur, wieder deutliche Kaffeenoten, intensive Pflaume, Tabak und Kirschfrucht, dahinter Paprika und zarte Pfefferwürze; die Taninie sind wieder feinporig, die Säure hat Kraft; schöner, harmonischer Abgang, etwas schlichter als Pavie, aber lang und sehr gut. (89+ Punkte)


3. Château Cormeil-Figeac St. Emilion Premier Grand Cru Classé B 1986
In der Nase nicht sonderlich intensiv, aber vielschichtig, tiefe und sich ständig wandelnde Primär- und Tertiäraromen, Pilze, Holzspan; erinnert an den erloschenden Docht einer Bienenwachskerze, ein Hauch von Kirsche und Cassis. Im Mund nicht ganz so toll. Die Frucht ist recht eindimensional und recht rustikal, ebenso die reife Säure, sie steht neben dem Rest, der süßliche Tabak nimmt dem Wein ein wenig seine Konturen. Der Abgang ist etwas kürzer als bei La Lagune und Pavie und auch etwas schlichter. (88 Punkte)


4. Château La Tour de Mons Margaux Cru Bourgeois 1989
Kräuterwürzige Nase, Kirschfrucht, herbes Marzipan, etwas Leder, Kaffe, Tinte. Im Mund intensive Aromatik nach dunkler Schokolade und dunklen Waldbeeren, hochfeine Gerbstoffe und Tannine, überaus animierende Säure, der Aromakern ändert sich laufend und verspricht noch mehr Potenzial; das Extrakt ist dicht, der Abgang ist sehr lang mit zarten Holznoten, Kaffee, etwas herbem Nougat und getrockneten Kirschen. (92 Punkte)


5. Pavillon Rouge du Chateau Margaux 1990
Für diesen Wein gab es leider weder eine Beschreibung noch eine Bewertung, er hatte sehr deutlich Kork.


6. Château Pichon-Longueville Comtesse de Lalande Pauillac Grand Cru Classé 1990
Intensive, kühl wirkende Nase nach Cassis, dunkler Schokolade, Nougat, zarte Röstnoten, Zeder, der erste Wein mit deutlicher Mineralität, auch ein Hauch animalische Noten. Wirkt am Gaumen sehr harmonisch, feinporige Tannine, wirkt optimal gereift, schöne Melange von Röstaromen und Leder, Zedernholz und Tabakkiste, schwarz- und blaubeerige Frucht, viel Extrakt, tief, der Abgang dafür ist lang und wird von den Strukturaromen aus dem Fassausbau getragen, sehr interessant und komplex. Wieso bewertet Robert Parker diesen Wein mit 79 Punkten? (92 Punkte)


7. Château Palmer Margaux Troisième Grand Cru Classé 1986
Die Nase ist anfangs recht verhalten, viel rote Frucht, schöne mineralische Anklänge, Graphit, Leder, leichtes Paprika, Bitterschokolade, auch etwas Alkohol, der Wein wirkt noch nicht ganz harmonisch. Im Antrunk extraktsüß, wieder Graphit, feines Holz, ein Tick zu viel Alkohol, mächtige, markante Säure, frische Aromatik nach Sauerkirsche, Cassis, vegetabile Noten, wieder deutliche Mineralik. Langer dichter fruchtgetragener Abgang mit überaus präsentem Tannin. Der Wein ist noch zu jung, er deutet sein Potenzial an, braucht aber sicher noch 2-5 Jahre. (90+ Punkte)


8. Château Montrose St. Estephe Deuxieme Grand Cru Classé 1986
Leicht medizinale Nase, Aromen nach Unterholz, dunklen Beeren, etwas Wachholder. Auch im Mund kaum Frucht, blutig-karg wirkend, alt-holzige Aromen, ganz zarter Muffton, auch hier etwas stumpf, schöne, lebendige Säure, mineralische Anklänge, maskuline Stilistik, aber interessant, langer, kräuteriger, etwas stumpfender, mittellanger Abgang, auch hinten leicht adstringierend. (89 Punkte)


9. Château Angelus Premier Grand Cru Classé B St. Emilion 1986
Schwelgerische Nase mit Kaffee, Karamell und Port- bzw. Rumaromen, dunklen Beeren,ziemlich üppig. Im Mund ungemein kräftig, aber auch eine Spur zu breit, intensive Aromen nach Orangeat und Rum, altholzige Würze, gewisse Tiefe, gute Struktur. Sehr langer, fett durchzeichneter, leicht stumpfender und speckiger, aber harmonischer Abgang. (90 Punkte)


10. Château Montrose St. Estephe Deuxieme Grand Cru Classé 1982
Sehr harmonische, tiefe Nase nach Himbeeren, Wachholder, angetrockneten Kirschen, Fleisch, Kakao, zarte Röstaromen, sehr elegant und fest zugleich. Im Mund wiederholt sich die Früchtekomposition der Nase, herbe Schokolade, gute Struktur, die Tannine wirken leicht stumpf, tolle, prägnante Säure, gute Tiefe, komplexe Struktur, der Wein wirkt komplett und auf den Punkt gereift. Der Abgang ist lang. (92 Punkte)


11. Château Pichon-Longueville Baron Paulliac 1982
Extrem intensiver Duft nach Konzentrat aus fleischigen Rotfrüchten, Cassis, Pflaumen und Waldbeeren, ringt mit den ebenso eindrücklichen Aromen von dunkler Schokolade und Nougat. Am Gaumen ewig tief und zwingend, voll Eleganz, balanciert und harmonisch. Die Aromen graben sich in die Zunge, perfekte Tannine und springlebendige Säure, Extraktsüße, erneut intensive Früchtkomposition und Beerenkonfit, animierende Hölzwürze nach Tabak, grandioser fein schokoladiger, geschliffener Abgang mit einem sich ständig wandelnden Aromakern, sehr nachhaltig und komplex; ein besonderes sensorisches Erlebnis. (95 Punkte)

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