Riesling Große Gewächse 2007 – Eine Bestandsaufnahme nach acht Jahren Flaschenreife

Riesling GG 2007 nach achtJahren (1 von 1)Kurz vor Weihnachten 2015 hatte ich Gelegenheit, mir mittels zwölf Großer Gewächse einen aktuellen Eindruck über den aktuellen Zustand des Jahrgangs 2007 zu verschaffen. Die Rieslinge wurden in Flights mit je vier Weinen blind präsentiert. Nach jedem Flight wurde aufgedeckt. Mir war das Line-up unbekannt. Der Probenleiter beschränkte sich auf die Anbaugebiete Mosel, Nahe und Rheinhessen. Dies ist kein qualitativer Fingerzeig, die Probe diente als Vorbereitung für eine umfassendere Probe des Jahrgangs 2007 im kommenden Frühjahr 2016. Weiterlesen →

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Weingut Wagner-Stempel Siefersheimer Riesling „Vom Porphyr“, 2010

IMG_0337Der Porphyr ist so etwas wie mein Hauswein von Daniel Wagner, und er ist natürlich aufgrund seines Bodens eine Besonderheit. Dieses Vulkangestein neigt für meinen Geschmack gelegentlich zur übermäßigen Fülle, doch bei diesem Ortswein hatte ich bisher noch nie auf unangenehme Weise diesen Eindruck. Bereits auf der Arrivage-Probe konnte mich der 2010er überzeugen und nach nun vier Jahren Flaschenreife ist eigentlich nicht viel passiert – er überzeugt erneut. 2010 wird wohl immer ein Jahrgang bleiben, der unterschiedliche Eindrücke hervorbringt und über dessen Qualität sich trefflich streiten lässt. Auch dieser Wein steht unter Spannung, zwischen seiner Restsüße, seiner hoch stehenden Säure und der für den Jahrgang hohen Extraktdichte.

In der Nase finde ich eine jugendliche und reintönige Rieslingfrucht wieder, die Spannung aus 2010 wird sofort deutlich, kandierte Zitrusfrüchte, selbst in der Nase meine ich bereits salzige Noten zu erahnen, glacierte Apfelfrucht, glockenklare Steinfruchtaromen, noch sehr jugendlich anmutend und ein kompaktes, leicht reduktives Bukett. Am Gaumen von betont mittlerem Körper, sehr saftiger und reintönig fruchtiger Auftakt, auf allen Früchten liegen grobe Salzkristalle. Trotz seiner vorhandenen Restsüße wirkt er sensorisch recht trocken, ein straffer, ja fordernder Verlauf, nichts für Fruchtliebhaber. Die packende Säure nimmt ihm seinen letzten Charme, dafür hat er einen herrlich erfrischenden Zug am Gaumen. Die heftige Extraktdichte des Jahrgangs wird deutlich, sehr nachhaltig, noch ein wenig verschlossen, trotzdem ein sehr guter Nachhall. Für mich ein weiterer gelungener, durchaus anspruchsvoller 2010er-Riesling, der jetzt genossen werden kann. Meine letzte Flasche werde ich allerdings noch fünf Jahre aufbewahren, im Wissen wie exzellent der Porphyr reifen kann.

Vom Weingut, 15 Euro, 90 Punkte (hervorragend), jetzt bis 2022

Kampf um die Riesling-Krone – der Kraftakt 2015

Kraftakt VIII (21 von 21)Auch in diesem Jahr fand er wieder statt, unser Riesling-Gipfel in der mittlerweile schon achten Ausgabe. Zu dieser jährlichen Probe bringt jeder Teilnehmer zwei trockene gereifte Rieslinge mit einem Potenzial von mindestens 90 Punkten mit. Das Ergebnis war ein einmaliges Line-up, noch nie punkteten wir derart hoch. Die Wachau tat sich dabei leider eher durch Korkschmecker hervor, deutsche Juwelen gab es aus Rheinhessen, dem Rheingau und der Pfalz. Und das Elsass sicherte sich erneut die Riesling-Krone. Weiterlesen →

Riesling Große Gewächse 2014: Rheinhessen

GG2014 Wiesbaden Titelbild 2 (1 von 1)**** (Sehr guter Jahrgang)

Insgesamt 34 Große Gewächse präsentierte Rheinhessen. Die Qualität liegt hier in der Breite nochmals etwas über dem bereits sehr gutem Vorjahr, was insbesondere an den vielen überzeugenden Großen Gewächsen aus dem Roten Hang liegt. Die Steillagen mit ihrem geringen Wasserhaltevermögen kamen ganz offensichtlich bestens mit den feuchten Witterungsbedingungen im Herbst zurecht. Hinzu kommt aber auch, dass sich Weingüter aus der zweiten Reihe verstärkt bemühen, den Anschluss an die Spitze nicht zu verpassen. Endlich haben auch Gunderloch und St. Antony überwiegend vielversprechende Weine aus dem Hipping, Pettenthal oder Orbel erzeugt. Die Weine sind viel trinkanimierender geworden, nicht mehr so überladen, sondern straff mit feinem Zug, ohne ihre Herkunft zu verleugnen – eben Rieslinge vom Rotliegenden. Es bleiben daher gehaltvolle Rieslinge voller exotischer Früchte und einem festen und ausdrucksstarken mineralischen Fundament. Sie werden nur noch von den besten Lagen aus dem »Flachland« übertroffen. Hier werden mittlerweile seit einigen Jahren teilweise ungemein puristisch, ja fordernde Rieslinge erzeugt – kühl, unnahbar, mit packender, fordernder Säure und unbeugsamer Mineralität. Es sind die üblichen Verdächtigen, die erneut wahre Größe auf die Flasche gezogen haben. Einige davon gehören zu den besten Rieslingen des Jahres. Weiterlesen →

Weingut Keller Spätburgunder Dalsheimer Bürgel Großes Gewächs, 2012

IMG_0100 Kennt Ihr das? Man meint, einen Wein zu kennen, seine Stilistik entschlüsselt zu haben, und plötzlich kommt der neue Jahrgang ins Glas und man muss auf die Reset-Taste drücken, da der Wein sich gänzlich anders als gewohnt präsentiert. So ging es mir beim Bürgel, den ich im Frühjahr 2014 bei einem Besuch des Weingutes vor Ort ins Glas bekam. Bürgel war für mich im Vergleich zum Frauenberg der rustikalere Spätburgunder von Keller, viel deutsche Typizität, viel Schokolade, deutliche Süße, ein Hang zur Opulenz. Und dann — meine erste Notiz lautete: Er duftet wie ein Chambolle-Musigny, leichtfüßig, klare jugendliche Schwarzkirsche und Himbeere, für seine Jugendlichkeit eine überaus dezente Neuholzwürze, die sich aber weniger von seiner Schokoladenseite zeigt, sondern seriöser wirkt, gecrunchte Kräuter, herbe erdige Noten, dazu etwas Brom- und Himbeeren, also an einen deutschen Klon denke ich da wirklich nicht.

Nun ein Jahr nach seiner Abfüllung ging ich der ersten Flasche an den Kragen: Eine herrlich feinsinnige, duftige Pinot Noir-Nase mit einer feinen steinwürzigen Mineralität steigt da aus dem Glas empor, mit zunehmender Wärme durchaus kräftig wirkend. Am Gaumen von mittlerer Dichte, sehr reintönige Pinot-Noir-Frucht, Kirschen, Orangenschalen, herbe Kräuter, harmonische, feinporige Säure, trinkt sich bereits heute sehr harmonisch und animierend, wenngleich die jugendlichen Holzaromen sich noch dezent zeigen, aber kein Vergleich zu manch holzgeschwängerten Franzosen. Iich muss es nochmal sagen, der Wein wirkt frisch und packend, herrlich animierender Trinkfluss, heute noch ohne die letzte Tiefe, dazu ist er noch zu verschlossen und somit ist der Abgang eher mittellang.

Vom Weingut, 39 Euro, 91+ Punkte (ausgezeichnet), ab 2018+

Weingut Keller Riesling Nierstein Hipping „R“, 2013

Keller Hipping - R-, 2013 (1 von 1)Heute gilt Pettenthal als die beste Lage in Nierstein. Dies wurde nicht immer so gesehen. Wenn man das Privileg hatte, gereiftere, trockene Rieslinge aus den 80ern und 90ern zu verkosten, dann drängen sich auch die Lagen Bruderberg, Orbel und Hipping auf. In letzteren gelangt man, indem man aus dem Pettenthal einfach ortseinwärts geht. Die Lage ist 23 Hektar groß und nur ein kleiner Teil kann als Grand-Cru-Lage bezeichnet werden. Eine solch privilegierte Parzelle bewirtschaftet Klaus Peter Keller seit 2010 (ich berichtete bereits begeistert über den 2012er-Kabinett aus dieser Lage). Hipping verbinde ich mit einem mineralischem Rieslingstil, samt tropischer Noten vom Rotliegenden, von kräftiger Statur, aber durchaus mit feiner, gelegentlich tiefer Zeichnung und beachtlichem Entwicklungspotential. Die Weine sind Idealtypen für den berühmten Roten Hang.

Aufgrund des Kleinklimas bietet der Hipping ein Terroir, aus dem ich schon öfters hervorragend gereifte halbtrockene Qualitäten probieren durfte. Daher freue ich mich, dass ein gehobener Erzeuger wie Keller dieses etwas aus der Mode gekommene Format weiterpflegt. Heute geht es um den Hipping R, der aus einer speziellen Parzielle kommt, die Klaus-Peter Keller ganz bewusst weder für den Kabinett noch für das Große Gewächs nutzt. Der Wein hat um die 17 Gramm Restzucker und 10 Gramm Säure. Ergebnis ist ein dichter, tiefer Rieslingstil, der ein Touch mehr Cremigkeit im Mund hinterlässt und sich trotzdem bereits heute herrlich trinken lässt, nicht zuletzt aufgrund seines moderaten Alkoholgehaltes von 11 Prozent. Ich kann nur jedem Rieslingfreund raten, diese Weine zu kaufen und zu lagern. Gerade in Jahren, in denen die Säure reif wirkt und hoch steht, wie in 2013, kann daraus in 15 oder 20 Jahren ein einmaliges Geschmackserlebnis erwachsen. Und selbst wenn man nicht soviel Geduld aufbringen möchte, hat man stets einen Rieslingstil im Keller, der zu vielerlei Speisen passt, dank des niedrigen Alkohols in großen Schlucken genossen werden kann und nicht so Schwankungen unterliegt wie die trockenen Großen Gewächse. 35 Euro ist allerdings ein stolzer Preis, meines Erachtens aber gerechtfertigt, da der Wein spielend das Niveau von Großen Gewächsen erreicht, auch wenn er sich aufgrund seines Zuckergehaltes nicht so nennen darf bzw. ja nur ein Riesling als GG aus einer Lage vermarktet werden darf.

Doch nun zu Verkostung: Reintönige Nase, noch leicht hefig, weiße Pfirsiche, Zitrusfrüchte, Limettenblätter, gewachste grüne Äpfel, Kalkstaub, erdwürzige Noten, noch verschlossen. Am Gaumen pur, feste Frucht, erneut Zitrus, Kernfrüchte, herrlich saftig, die Restsüße wird perfekt von der feinporigen, pikanten Säure gepuffert; dadurch große Spannung zwischen Süße und Säure über den gesamten Verlauf hinweg; leicht cremiges, samtiges Mundgefühl, etwas Handcreme; animierend zu trinken, erneut hefige Anklänge, noch nicht geöffnet, aber die jugendliche Spannung fasziniert, straffer, fokusierte Verlauf, packende Minerlität; schon jetzt mit Freude zu genießen, wird aber mindestens acht Jahre Flaschenreife benötigen, um sich seinem Höhepunkt anzunähern; sehr langer, komplexer Nachhall. Erneut ein ausgezeichneter Riesling aus dem Hipping. Wir können gespannt sein, welche Mission Klaus-Peter Keller am Roten Hang weiterverfolgt.

Vom Weingut, 35 Euro, 92+ Punkte (ausgezeichnet), jetzt bis 2033

Weingut Keller Riesling Westhofen Morstein Großes Gewächs, 2009

Keller Morstein, 2009 (100 von 1)Die Lage Morstein in Westhofen bringt nach meinem Dafürhalten einen kräftigen, zuweilen üppigen Weinstil hervor. Besonders aus warmen Jahrgängen läuft der Wein dann dickflüssig über den Gaumen, beeindruckt mit seiner Kraft, seiner Saftigkeit und seiner dunkelwürzigen Mineralität. Eher ein Riesling für kältere Jahrezeiten, an dem man sich wärmen kann oder der auch gerne zu deftigen Speisen genossen werden darf. Ich gestehe, dass dies oftmals nicht meine bevorzugte Typizität des trockenen Rieslings ist, und so befinden sich noch ganze zwei Flaschen dieser Lage in meinem Keller. Dies gilt jedoch nur für die Jahrgänge bis 2007. Ab 2008, so scheint es mir, hat insbesondere Klaus Peter Keller seinen Stil grundlegend geändert, denn nun schmeckt der Morstein zwar immer noch kraftvoll, aber ohne Schwülstigkeit, ohne Süße, mit feingezeichneter, wenig aufdringlicher Frucht und einer tiefen, vielschichten Mineraität. War 2008 noch nicht ganz eindeutig in seiner Ausrichtung, überzeugte mich 2009 bereits auf der Erstpräsentation, denn nun spielten alle Komponeten perfekt zu einander. Der Morstein bleibt natürlich auch weiterhin der kräftigste Riesling bei Keller, aber nun kommen Straffheit, Finesse und Beweglichkeit hinzu. Auf unsere 2009er-Rieslingprobe vergangenen Jahres haben wir den Wein nicht probiert, was ich hiermit nachholen möchte.

Komplexes Bukett, zunächst springt mich die übliche dunkelwürzige Mineralität an mit bodennahen Aromen, dazu etwas Petrolium, darin verwoben Anzeichen einer aufkommenden Frucht, die mich an rosa Grapefruit erinnert, dazu Zitrus und Orangenzesten, im Hintergrund komplexe Kräuteraromen mit steinbetonten Noten, Tafelkreide und blanker Fels, insgesamt glockenklar und hochklassig. Am Gaumen dicht gepackt und doch agil, der Antrunk von einer derartigen Salzigkeit geprägt, dass mir das Wasser im Munde zusammenläuft, eine steinige Mineralität fräst sich in den Gaumen, klar wie ein Gebirgsbach, darin fließen Essenzen aus Kiwi, Orangen, Zitronen ohne jede Süße. Die Säure wirkt sensorisch für 2009 erstaunlich lebhaft, ja im besten Sinne fordernd, sie betont den straffen Zug am Gaumen. Neben der üblichen würzigen Mineralität kommen Eindrücke von erhitztem Fels und Kreide hinzu, bei aller Dichte und Kraft vibriert der Wein auf dem Gaumen und bewegt sich unablässig, die pure Kraft in feste Bahnen gelengt. Heute dominiert noch die Mineralität, die Salzigkeit ist ihr ständiger Begleiter, schöne Länge mit salzigem, mineralischem Kick zum Abschluss, wirkt wie gerade abgefüllt und braucht vermutlich noch vier weitere Jahre Flaschenreife, um seinen Fruchtkern vollständig zu öffnen. Dieser Morstein erreicht ohne weiteres das Niveau der großen Weißweine aus dem Burgund oder der Loire.

Vom Weingut, 44 Euro, 95-96+ (groß), 2018 – 2030