Riesling Große Gewächse 2007 – Eine Bestandsaufnahme nach acht Jahren Flaschenreife

Riesling GG 2007 nach achtJahren (1 von 1)Kurz vor Weihnachten 2015 hatte ich Gelegenheit, mir mittels zwölf Großer Gewächse einen aktuellen Eindruck über den aktuellen Zustand des Jahrgangs 2007 zu verschaffen. Die Rieslinge wurden in Flights mit je vier Weinen blind präsentiert. Nach jedem Flight wurde aufgedeckt. Mir war das Line-up unbekannt. Der Probenleiter beschränkte sich auf die Anbaugebiete Mosel, Nahe und Rheinhessen. Dies ist kein qualitativer Fingerzeig, die Probe diente als Vorbereitung für eine umfassendere Probe des Jahrgangs 2007 im kommenden Frühjahr 2016. Weiterlesen →

Weingut Wagner-Stempel Siefersheimer Riesling „Vom Porphyr“, 2010

IMG_0337Der Porphyr ist so etwas wie mein Hauswein von Daniel Wagner, und er ist natürlich aufgrund seines Bodens eine Besonderheit. Dieses Vulkangestein neigt für meinen Geschmack gelegentlich zur übermäßigen Fülle, doch bei diesem Ortswein hatte ich bisher noch nie auf unangenehme Weise diesen Eindruck. Bereits auf der Arrivage-Probe konnte mich der 2010er überzeugen und nach nun vier Jahren Flaschenreife ist eigentlich nicht viel passiert – er überzeugt erneut. 2010 wird wohl immer ein Jahrgang bleiben, der unterschiedliche Eindrücke hervorbringt und über dessen Qualität sich trefflich streiten lässt. Auch dieser Wein steht unter Spannung, zwischen seiner Restsüße, seiner hoch stehenden Säure und der für den Jahrgang hohen Extraktdichte.

In der Nase finde ich eine jugendliche und reintönige Rieslingfrucht wieder, die Spannung aus 2010 wird sofort deutlich, kandierte Zitrusfrüchte, selbst in der Nase meine ich bereits salzige Noten zu erahnen, glacierte Apfelfrucht, glockenklare Steinfruchtaromen, noch sehr jugendlich anmutend und ein kompaktes, leicht reduktives Bukett. Am Gaumen von betont mittlerem Körper, sehr saftiger und reintönig fruchtiger Auftakt, auf allen Früchten liegen grobe Salzkristalle. Trotz seiner vorhandenen Restsüße wirkt er sensorisch recht trocken, ein straffer, ja fordernder Verlauf, nichts für Fruchtliebhaber. Die packende Säure nimmt ihm seinen letzten Charme, dafür hat er einen herrlich erfrischenden Zug am Gaumen. Die heftige Extraktdichte des Jahrgangs wird deutlich, sehr nachhaltig, noch ein wenig verschlossen, trotzdem ein sehr guter Nachhall. Für mich ein weiterer gelungener, durchaus anspruchsvoller 2010er-Riesling, der jetzt genossen werden kann. Meine letzte Flasche werde ich allerdings noch fünf Jahre aufbewahren, im Wissen wie exzellent der Porphyr reifen kann.

Vom Weingut, 15 Euro, 90 Punkte (hervorragend), jetzt bis 2022

Kampf um die Riesling-Krone – der Kraftakt 2015

Kraftakt VIII (21 von 21)Auch in diesem Jahr fand er wieder statt, unser Riesling-Gipfel in der mittlerweile schon achten Ausgabe. Zu dieser jährlichen Probe bringt jeder Teilnehmer zwei trockene gereifte Rieslinge mit einem Potenzial von mindestens 90 Punkten mit. Das Ergebnis war ein einmaliges Line-up, noch nie punkteten wir derart hoch. Die Wachau tat sich dabei leider eher durch Korkschmecker hervor, deutsche Juwelen gab es aus Rheinhessen, dem Rheingau und der Pfalz. Und das Elsass sicherte sich erneut die Riesling-Krone. Weiterlesen →

Riesling Große Gewächse 2014: Rheinhessen

GG2014 Wiesbaden Titelbild 2 (1 von 1)**** (Sehr guter Jahrgang)

Insgesamt 34 Große Gewächse präsentierte Rheinhessen. Die Qualität liegt hier in der Breite nochmals etwas über dem bereits sehr gutem Vorjahr, was insbesondere an den vielen überzeugenden Großen Gewächsen aus dem Roten Hang liegt. Die Steillagen mit ihrem geringen Wasserhaltevermögen kamen ganz offensichtlich bestens mit den feuchten Witterungsbedingungen im Herbst zurecht. Hinzu kommt aber auch, dass sich Weingüter aus der zweiten Reihe verstärkt bemühen, den Anschluss an die Spitze nicht zu verpassen. Endlich haben auch Gunderloch und St. Antony überwiegend vielversprechende Weine aus dem Hipping, Pettenthal oder Orbel erzeugt. Die Weine sind viel trinkanimierender geworden, nicht mehr so überladen, sondern straff mit feinem Zug, ohne ihre Herkunft zu verleugnen – eben Rieslinge vom Rotliegenden. Es bleiben daher gehaltvolle Rieslinge voller exotischer Früchte und einem festen und ausdrucksstarken mineralischen Fundament. Sie werden nur noch von den besten Lagen aus dem »Flachland« übertroffen. Hier werden mittlerweile seit einigen Jahren teilweise ungemein puristisch, ja fordernde Rieslinge erzeugt – kühl, unnahbar, mit packender, fordernder Säure und unbeugsamer Mineralität. Es sind die üblichen Verdächtigen, die erneut wahre Größe auf die Flasche gezogen haben. Einige davon gehören zu den besten Rieslingen des Jahres. Weiterlesen →

Weingut Keller Spätburgunder Dalsheimer Bürgel Großes Gewächs, 2012

IMG_0100 Kennt Ihr das? Man meint, einen Wein zu kennen, seine Stilistik entschlüsselt zu haben, und plötzlich kommt der neue Jahrgang ins Glas und man muss auf die Reset-Taste drücken, da der Wein sich gänzlich anders als gewohnt präsentiert. So ging es mir beim Bürgel, den ich im Frühjahr 2014 bei einem Besuch des Weingutes vor Ort ins Glas bekam. Bürgel war für mich im Vergleich zum Frauenberg der rustikalere Spätburgunder von Keller, viel deutsche Typizität, viel Schokolade, deutliche Süße, ein Hang zur Opulenz. Und dann — meine erste Notiz lautete: Er duftet wie ein Chambolle-Musigny, leichtfüßig, klare jugendliche Schwarzkirsche und Himbeere, für seine Jugendlichkeit eine überaus dezente Neuholzwürze, die sich aber weniger von seiner Schokoladenseite zeigt, sondern seriöser wirkt, gecrunchte Kräuter, herbe erdige Noten, dazu etwas Brom- und Himbeeren, also an einen deutschen Klon denke ich da wirklich nicht.

Nun ein Jahr nach seiner Abfüllung ging ich der ersten Flasche an den Kragen: Eine herrlich feinsinnige, duftige Pinot Noir-Nase mit einer feinen steinwürzigen Mineralität steigt da aus dem Glas empor, mit zunehmender Wärme durchaus kräftig wirkend. Am Gaumen von mittlerer Dichte, sehr reintönige Pinot-Noir-Frucht, Kirschen, Orangenschalen, herbe Kräuter, harmonische, feinporige Säure, trinkt sich bereits heute sehr harmonisch und animierend, wenngleich die jugendlichen Holzaromen sich noch dezent zeigen, aber kein Vergleich zu manch holzgeschwängerten Franzosen. Iich muss es nochmal sagen, der Wein wirkt frisch und packend, herrlich animierender Trinkfluss, heute noch ohne die letzte Tiefe, dazu ist er noch zu verschlossen und somit ist der Abgang eher mittellang.

Vom Weingut, 39 Euro, 91+ Punkte (ausgezeichnet), ab 2018+

Weingut Keller Riesling Nierstein Hipping „R“, 2013

Keller Hipping - R-, 2013 (1 von 1)Heute gilt Pettenthal als die beste Lage in Nierstein. Dies wurde nicht immer so gesehen. Wenn man das Privileg hatte, gereiftere, trockene Rieslinge aus den 80ern und 90ern zu verkosten, dann drängen sich auch die Lagen Bruderberg, Orbel und Hipping auf. In letzteren gelangt man, indem man aus dem Pettenthal einfach ortseinwärts geht. Die Lage ist 23 Hektar groß und nur ein kleiner Teil kann als Grand-Cru-Lage bezeichnet werden. Eine solch privilegierte Parzelle bewirtschaftet Klaus Peter Keller seit 2010 (ich berichtete bereits begeistert über den 2012er-Kabinett aus dieser Lage). Hipping verbinde ich mit einem mineralischem Rieslingstil, samt tropischer Noten vom Rotliegenden, von kräftiger Statur, aber durchaus mit feiner, gelegentlich tiefer Zeichnung und beachtlichem Entwicklungspotential. Die Weine sind Idealtypen für den berühmten Roten Hang.

Aufgrund des Kleinklimas bietet der Hipping ein Terroir, aus dem ich schon öfters hervorragend gereifte halbtrockene Qualitäten probieren durfte. Daher freue ich mich, dass ein gehobener Erzeuger wie Keller dieses etwas aus der Mode gekommene Format weiterpflegt. Heute geht es um den Hipping R, der aus einer speziellen Parzielle kommt, die Klaus-Peter Keller ganz bewusst weder für den Kabinett noch für das Große Gewächs nutzt. Der Wein hat um die 17 Gramm Restzucker und 10 Gramm Säure. Ergebnis ist ein dichter, tiefer Rieslingstil, der ein Touch mehr Cremigkeit im Mund hinterlässt und sich trotzdem bereits heute herrlich trinken lässt, nicht zuletzt aufgrund seines moderaten Alkoholgehaltes von 11 Prozent. Ich kann nur jedem Rieslingfreund raten, diese Weine zu kaufen und zu lagern. Gerade in Jahren, in denen die Säure reif wirkt und hoch steht, wie in 2013, kann daraus in 15 oder 20 Jahren ein einmaliges Geschmackserlebnis erwachsen. Und selbst wenn man nicht soviel Geduld aufbringen möchte, hat man stets einen Rieslingstil im Keller, der zu vielerlei Speisen passt, dank des niedrigen Alkohols in großen Schlucken genossen werden kann und nicht so Schwankungen unterliegt wie die trockenen Großen Gewächse. 35 Euro ist allerdings ein stolzer Preis, meines Erachtens aber gerechtfertigt, da der Wein spielend das Niveau von Großen Gewächsen erreicht, auch wenn er sich aufgrund seines Zuckergehaltes nicht so nennen darf bzw. ja nur ein Riesling als GG aus einer Lage vermarktet werden darf.

Doch nun zu Verkostung: Reintönige Nase, noch leicht hefig, weiße Pfirsiche, Zitrusfrüchte, Limettenblätter, gewachste grüne Äpfel, Kalkstaub, erdwürzige Noten, noch verschlossen. Am Gaumen pur, feste Frucht, erneut Zitrus, Kernfrüchte, herrlich saftig, die Restsüße wird perfekt von der feinporigen, pikanten Säure gepuffert; dadurch große Spannung zwischen Süße und Säure über den gesamten Verlauf hinweg; leicht cremiges, samtiges Mundgefühl, etwas Handcreme; animierend zu trinken, erneut hefige Anklänge, noch nicht geöffnet, aber die jugendliche Spannung fasziniert, straffer, fokusierte Verlauf, packende Minerlität; schon jetzt mit Freude zu genießen, wird aber mindestens acht Jahre Flaschenreife benötigen, um sich seinem Höhepunkt anzunähern; sehr langer, komplexer Nachhall. Erneut ein ausgezeichneter Riesling aus dem Hipping. Wir können gespannt sein, welche Mission Klaus-Peter Keller am Roten Hang weiterverfolgt.

Vom Weingut, 35 Euro, 92+ Punkte (ausgezeichnet), jetzt bis 2033

Weingut Keller Riesling Westhofen Morstein Großes Gewächs, 2009

Keller Morstein, 2009 (100 von 1)Die Lage Morstein in Westhofen bringt nach meinem Dafürhalten einen kräftigen, zuweilen üppigen Weinstil hervor. Besonders aus warmen Jahrgängen läuft der Wein dann dickflüssig über den Gaumen, beeindruckt mit seiner Kraft, seiner Saftigkeit und seiner dunkelwürzigen Mineralität. Eher ein Riesling für kältere Jahrezeiten, an dem man sich wärmen kann oder der auch gerne zu deftigen Speisen genossen werden darf. Ich gestehe, dass dies oftmals nicht meine bevorzugte Typizität des trockenen Rieslings ist, und so befinden sich noch ganze zwei Flaschen dieser Lage in meinem Keller. Dies gilt jedoch nur für die Jahrgänge bis 2007. Ab 2008, so scheint es mir, hat insbesondere Klaus Peter Keller seinen Stil grundlegend geändert, denn nun schmeckt der Morstein zwar immer noch kraftvoll, aber ohne Schwülstigkeit, ohne Süße, mit feingezeichneter, wenig aufdringlicher Frucht und einer tiefen, vielschichten Mineraität. War 2008 noch nicht ganz eindeutig in seiner Ausrichtung, überzeugte mich 2009 bereits auf der Erstpräsentation, denn nun spielten alle Komponeten perfekt zu einander. Der Morstein bleibt natürlich auch weiterhin der kräftigste Riesling bei Keller, aber nun kommen Straffheit, Finesse und Beweglichkeit hinzu. Auf unsere 2009er-Rieslingprobe vergangenen Jahres haben wir den Wein nicht probiert, was ich hiermit nachholen möchte.

Komplexes Bukett, zunächst springt mich die übliche dunkelwürzige Mineralität an mit bodennahen Aromen, dazu etwas Petrolium, darin verwoben Anzeichen einer aufkommenden Frucht, die mich an rosa Grapefruit erinnert, dazu Zitrus und Orangenzesten, im Hintergrund komplexe Kräuteraromen mit steinbetonten Noten, Tafelkreide und blanker Fels, insgesamt glockenklar und hochklassig. Am Gaumen dicht gepackt und doch agil, der Antrunk von einer derartigen Salzigkeit geprägt, dass mir das Wasser im Munde zusammenläuft, eine steinige Mineralität fräst sich in den Gaumen, klar wie ein Gebirgsbach, darin fließen Essenzen aus Kiwi, Orangen, Zitronen ohne jede Süße. Die Säure wirkt sensorisch für 2009 erstaunlich lebhaft, ja im besten Sinne fordernd, sie betont den straffen Zug am Gaumen. Neben der üblichen würzigen Mineralität kommen Eindrücke von erhitztem Fels und Kreide hinzu, bei aller Dichte und Kraft vibriert der Wein auf dem Gaumen und bewegt sich unablässig, die pure Kraft in feste Bahnen gelengt. Heute dominiert noch die Mineralität, die Salzigkeit ist ihr ständiger Begleiter, schöne Länge mit salzigem, mineralischem Kick zum Abschluss, wirkt wie gerade abgefüllt und braucht vermutlich noch vier weitere Jahre Flaschenreife, um seinen Fruchtkern vollständig zu öffnen. Dieser Morstein erreicht ohne weiteres das Niveau der großen Weißweine aus dem Burgund oder der Loire.

Vom Weingut, 44 Euro, 95-96+ (groß), 2018 – 2030

Weingut Keller Riesling Kabinett -P- (Niersteiner Pettenthal), 2013

Keller Riesling Kabinett P, 2013 (100 von 1)Wer verstehen will, dass auch durchaus ein Kabinett in die Kategorie „Groß“ vorstoßen kann, der möge diesen Wein öffnen. Kabinett geht nach meinem Ermessen nicht besser, nur anders. Und nein, wir werden in keiner Weise von Weingut gesponsert. In der Nase riecht man am blanken Felsen, kühl, scharf gezeichnet, Orangenzesten, grüner Apfel, junger Weinbergspfirsich, alles sehr zart, ja filigran komponiert, bei aller Fruchtigkeit auch sehr ernsthaft, ein hochfeines Bukett, insgesamt noch in seiner Jugendlichkeit verwurzelt, aber dennoch groß. Am Gaumen fällt der Wein in keiner Weise ab, perfektes Süße/Säure-Spiel, filigran-tänzelnd läuft dieser Kabinett über den Gaumen, dabei vibriert die Säure, die Apfel- und Apfelsinnenaromen springen umher, alles tänzelt, alles in Bewegung, entsteht ein kurzer Eindruck von Süße, springt sogleich die Säure keck entgegen, dadurch aufregend animierend zu trinken, über den gesamten Verlauf wirkt dieser Kabinett wässrig, die Aromen intensive Essenzen, ohne jemals anstrengend zu wirken, der feste mineralische Kern ruht souverän im Hintergrund, verbreitet die notwendige Spannung, noch ist dieser Pettenthal nicht ganz aufgefächert, dafür betöhrt mich seine jugendliche Agilität, und so leert sich die Flasche in Windeseile. Ein grandioser Kabinett, wie ich ihn nur ganz selten erleben durfte.

Vom Weingut, 18,50 Euro, 95 Punkte (groß), jetzt bis 2030

 

Legenden des trockenen Rieslings – 42 Grands Crus von 1983 bis 2010

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Am 27. August 2014 fand auf dem Weingut Emrich-Schönleber in Monzingen eine Werkschau von gereiften, trockenen Spitzenrieslingen statt. Die Idee zu dieser Probe entstand im Frühjahr 2014 auf dem Weingut, während wir die Rieslinge des aktuellen Jahrganges verkosteten. Die Realisierung war dann eine echte Gemeinschaftsleistung von privaten Sammlern und Weingütern. Alle Beteiligten öffneten bereitwillig ihre Keller und so kamen schlussendlich 42 Rieslinge zusammen.

Ziel der Probe war es, die Kenntnis über den Reifeverlauf trockener Rieslinge weiter zu vertiefen und den anwesenden Journalisten einen Einblick in die aromatische Vielfalt und Entwicklung über knapp drei Jahrzehnte dieses Weintypes zu vermitteln. Wir wissen darüber letztlich noch viel zu wenig, auch weil so selten darüber berichtet wird. Jedes Jahr stürzen sich die Interessierten und Kritiker auf das jeweils aktuelle Jahr und heben bzw. senken ihre Daumen. Die Urteile werden jedoch über eine Kategorie von Rieslingen verkündet, die vielleicht in acht bis zehn Jahren ihren Höhepunkt erreichen und erst dann ihre ganze Pracht, oder auch ihre Mängel zeigen werden. Die Urteile werden natürlich trotzdem gefällt und dies obwohl viele der Kritiker bis heute keine hinreichende Anzahl von gereiften Weinen verkosten haben, noch über Jahre hinweg trockene Rieslinge von ihrem Release bis hin zu ihrem Höhepunkt dauerhaft begleitet haben. Meines Erachtens ist diese Erfahrung jedoch notwendige Voraussetzung für eine fundierte Bewertung der Weine unmittelbar nach ihrem Release.

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Weingut Keller Riesling trocken von der Fels, 2011

Keller von der Fels, 2011 (100 von 1)Nach einer kurzen Verschlußphase präsentierte sich uns der 2011er -von der Fels- heute deutlich geöffneter. Es lohnt sich daher die ersten Flaschen aus dem Karton zu holen. In der Nase ein prachtvolles Bukett nach jugendlicher rosa Grapefruit, reifen, saftigen Pfirsichen, einem Hauch Rauch und erdiger Mineralität, dahinter Anklänge nach diversen Kräuter und etwas Traubenzucker. Eine Nase die weit über einen gefälligen Rieslingduft hinausreicht, ohne dass man hierfür ein Sensorikstuidium absolviert haben muss. Am Gaumen von mittlerer Dichte, herrlich saftiger Antrunk nach reifen Steinfrüchten, Blutorangen, sprich die Herbheit der Nase leicht zurückgenommen, dafür spielt die Mineralik schön in die Frucht, Basalt, Rauch, herbe Anklänge setzen einen angenehmen und notwendigen Kontrapunkt zur eingängigen Saftigkeit, die Säure mit feinem Spiel und eher mild, es fehlt aber nicht an Zug am Gaumen. Mir gefällt besonders die Reintönigkeit und der herrliche Trinkfluss für dieses doch recht warme Jahr, der -von der Fels- neigt erfreulicherweise nicht zur Wärme oder Breite, bleibt aber ein fruchtbetonter, charmanter Wein mit wahrnehmbarer Fruchtsüße, der zu vielen Gelegenheiten mit Freude und Freunden genossen werden kann und soll, zu einer ausgezeichneten Bewertung fehlt es ihm an Länge und Straffheit und an dem mineralische Biss und der Komplexität der großen Gewächse und genau deswegen ist es mal wieder eine Punktlandung.

Vom Weingut, 14 Euro, 88 Punkte (sehr gut), jetzt bis 2016+

Weingut Wagner-Stempel Riesling vom Porphyr, 2002

Wagner-Stempel Riesling vom Porphyr, 2002 (100 von 1)Der Jahrgang 2002 hat sich prächtig entwickelt und präsentiert sich heute auf seinem Höhepunkt. Noch vor fünf Jahren hatte ich eine solche Entwicklung diesem Jahr nicht zugetraut. Seine Stärken sind eine fortdauernde Frische, eine packende und saftige Fruchtigkeit, bei gleichseitigen komplexen und klar gezeichneten Sekundäraromen – Weine, die ihre Herkunft klar transportieren und nicht übermäßig dick, oder überkonzentriert wirken. Leider sind meine Bestände schon arg geräubert und so findet sich der Jahrgang nur noch vereinzelt im Glas.

Heute geht es um den Ortswein, also der zweiten Reihe von Wagner-Stempel. Er stammt aus den GG-Lagen Höllenberg und Heerkretz und wird ähnlich den GGs im Edelstahltank bei anschließender Ausreifung im Stückfass ausgebaut. Er wirkt zwar nicht so dicht und konzentriert wie die GGs, dafür aber leichtfüssiger und ist bereits nach drei Jahren zugänglich, entwickelt sich aber zumeist viele Jahre darüber hinaus.

Der 2002er duftet mittelintensiv nach verspielten Steinfrüchten, viel Weinbergpfirsich und Mirabellen, die Frucht ruht auf einer steinig-rauchigen Mineralität und Abrieb von Zitrus und ätherischen Noten, klar gezeichnet, noch ohne jeden Alterston. Herrlich. Am Gaumen präsentiert er sich gänzlich ausgereift, mittlerer Körper, der vorhandene Restzucker hat sich aromatisch schon etwas zurückgezogen, es dominieren nun Zitrus- und Kernfrüchte, die Säure zeigt Biss, ist aber herrlich saftig, ein Karamallton bringt Cremigkeit in die Textur, ein mitteldichter Vertreter, dem im hinteren Verlauf vielleicht der letzte Druck und Zug fehlt, aber dafür ungemein trinkanimierend wirkt, auch im Mund noch keine Reifenoten zu erkennen, mittlerer Nachhall mit mineralischem Kick, der Karamellton bleibt lange am Gaumen stehen.

Rieslingherz was willst du mehr für damals um die 10 Euro. Wer noch hat, jetzt den Korken raus, besser wird das nicht mehr und die Säure fängt an zu drücken. Erneut ein ausgezeichneter Vertreter, des zumindest heute am besten zu trinkenden Jahrganges der letzten Dekade.

Vom Weingut, ca. 10 Euro, 90 Punkte (ausgezeichnet), jetzt bis 2016

Weingut Keller Nierstein Pettenthal Großes Gewächs, 2009

Keller Pettenthal, 2009 (100 von 1)Nach drei Stunden in der Karaffe entwickelte der Wein seine wahre Pracht. Das Bukett geprägt von einer komplexen Kräuterwürze, nahezu von herber Karkheit, dahinter schält sich eine sehr klare und jugendliche Apfelfrucht hervor, auch Blutorangen und Zitruszesten treten auf, die strafe Mineralität reizt meine Schleimhäute, sehr puristisch, zeigt Herkunft.

Am Gaumen setzt sich die Nase fort, komplexes Duett aus Frucht und Kräuterwürze, Schalen von Kernobst, kandierte Zitrusfrüchte, alles mit herben Scharm, stets wechselnde Nuancen, große Ernsthaftigkeit, die erste Jugend ist abgeschmolzen und so zeigt der Wein auch am Gaumen Pettenthal pur, ohne unnötige Süße und Speckschwarte, die kräutrig-röstige Mineralität lässt meine Gaumen zusammenziehen, entwickelt enormen Druck auf den Gaumen, aber ohne jede Schwere und Stoffigkeit, sehr langes Finish, es bleibt eine animierende Aromatik aus Fruchtfleisch und Kernen von jungen Äpfeln zurück. Ein ausgezeichneter, noch jugendlicher Riesling, der die Charakteristik der Lage auf den Punkt herausarbeitet, kann groß werden. Dank der geringen Alkoholgradation behält er trotz seiner Konzentration seinen Trinkfluß, wenngleich es ein Wein für Freaks bleibt. Hat soeben seine erste Trinkphase erreicht.

Vom Weingut, damals um die 30 Euro, 94+ Punkte (ausgezeichnet), jetzt bis 2029

Kühling-Gillot Riesling trocken Niersteiner Pettenthal Großes Gewächs, 2009

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Seit der Arrivage-Probe hatte ich diesen Wein nicht mehr im Glas. Umso mehr war ich voller Vorfreude auf ein Wiedersehen mit diesem Boliden. Kraftvoll schon in der Nase, aus dem Glase drückend Ananasaromen, ja auch ein Hauch von Christbirne. Hinzu kommen frische Zitrus-Aromen, die für ein wenig an beschwingter Balance sorgen. Deutet seine betonte Mineralität bereits hier an.

Üppig im Antrunk, mein Gott, was für ein Konzentrat. Der Gaumen sucht in leicht rezeptorischer Überlastung nach Erlösung — und findet diese in einer feinporigen Säure. Der Wein nimmt einen spannenden Verlauf auf, changiert zwischen betonter steiniger Mineralität, einer feinen Säure und der transparenten, sehnig-seidigen, gelben und hochkonzentrierten Frucht, die fast schon als ölig bezeichnet werden kann. Wärmender, mächter Stil.

Steiniges, gelbfruchtiges Finale, leider aber nicht ganz sauber, denn hier schmeckt man den Alkohol zum ersten Mal störend heraus. Bemerkt hatte ich ihn schon beim Antrunk. Deutlich mittellanges Finale.

Dieser Wein gewinnt, wenn man ihn ein bis zwei Grad kühler ins große Glas gibt. Ihn davor zwei Stunden in der Karaffe zu belüften, dankt er mit zusätzlichem Ausdruck, dann zeigt er zusätzlich dunkle Brotkruste und etwas Anis.

Was als Fazit bleibt? Ein Riesling für Freunde mächtiger Weine, absolut auch ein Wein, der in sich ruht wie ein Felsblock — leider aber sitzt der Fokus im Finale nicht perfekt, was dem reifen und durchaus warmen Jahr geschuldet sein dürfte. Wer hiervon mehrere Flaschen hat, darf guten Gewissens eine probieren — meine war jedenfalls voll zugänglich. Eile ist aber nicht angesagt.

Aus dem Fachhandel, 29 EUR, 91 Punkte (ausgezeichnet), jetzt bis 2018+

Riesling aus dem Jahrgang 2002

2002er-Riesling-Flight (100 von 1)Kürzlich kamen blind in Folge sechs 2002er-Rieslinge aus Deutschlnad ins Glas, die erneut die besondere Güte des Jahrganges eindrucksvoll unter Beweis stellten. Die Weine haben sich alle vorzüglich entwickelt und präsentieren sich nun sehr harmonisch, mit noch viel Frische und komplexen Sekundäraromen.

1 Reinhard und Beate Knebel Riesling Winninger Uhlen Spätlese trocken Mosel, 2002
Feiner Duft nach Dörrobst, vorneweg getrocknete Apfel- und Aprikosenscheiben, Malz und eine Würze, wie sie für Elsass oder Terassenmosel bezeichnend ist. Am Gaumen extraktreich, mit der üblichen Dichte des Uhlens, viel Kräuterwürze, saubere Botrytis, erneut Wachs- und Malznoten, eine noch hinreichend, aber bereits fragile Frucht, animierender Säurebogen, der bis zum mittleren Nachhall Frische in den Wein bringt, mittlere Tiefe und Länge, perfekter Trinkfluss.
89/100

2 Weingut Benderhof Riesling Selection Pfalz, 2002
Das Bukett geprägt von einer dunklen, steinwürzigen Mineralität, Abrieb von Orangenschale, Kakaonoten. Am Gaumen von mittlerem Körper, noch ungemein frisch, im Auftakt eine nahezu tänzelnde Rieslingfrucht, herrlich gereift in bester Balance, cremige Mineralität, erneut ein feiner Säurebogen, etwas mehr Nachdruck als der Uhlen, betont mittlere Länge. Ein wirklich schön gereifter Rieling.
90/100

Knebel Uhlen, 2002 (100 von 1)3 Weingut Groebe Riesling Westhofener Kirchspiel Rheinhessen, 2002
Komplexes Bukett nach getoasteter Brotkruste, Toasbrot, angetrockneter Aprikosenschale, Thunfischöl. Am Gaumen von mittlerem bis kräftigen Körper, der Antrunk eine tabakige Rieslingfrucht, die sich animierend ummantelt von einer erdwürzigen Mineralität präsentiert, vitales Säurespiel, sehr tief und verspielt, sehr lange am Gaumen liegend. Ein ausgezeichneter Wein, der jetzt voll ausgereift ist, aber sich noch einige Jahr auf dem Niveau halten wird.
93/100

4 Weingut Wittmann Riesling Westhofener Kirchspiel Rheinhessen, 2002
Da kam der ebenfalls ausgezeichnete Wittman aus der gleichen Lage nicht mit. Wirkt in der Nase frisch, viel Zitrus, die aber ein wenig ins dropsige geht, erinnert mich an Weingummi, etwas überextrahiert, Kakaonoten, erdwürzige Mineralität. Am Gaumen kräftig, mit satten, saftigen Auftakt, getrockente Steinfrüchte, überreife Mirabelle, deutliche Restsüße, herrlich verspielte Säure, die Extraktdichte liegt ohne Ende am Gaumen, ein beeindruckender Riesling, der mir aber ein wenig zu dicht erscheint und weniger Spiel und Trinkfreude vermittelt im Vergleich zum Groebe.
90/100Benderhof Riesling Selection, 2002 (100 von 1)

5 Weingut Christmann Riesling Königsbacher Idig Pfalz, 2002
Riesling des Abends war der große Idig. Nahezu fruchtfreie Nase, vielmehr eine ungemein tief mineralischer Duft nach kaltem Rauch, schwarzem Stein und einem ganzen Strauß von Kräutern, dahinter Malz, Brotkruste und ein Hauch Grapefruit. Am Gaumen von mittlerem Körper, der Auftakt eine Wucht aus saftiger und cremiger Rieslingfrucht, eine wahre Freude, die durch den mineralischen Biss und einer rassig tänzelnden Säure ständig in Bewegung bleibt, auch dieser Wein ist sehr konzentriert, trinkt sich aber mit großer Frische, dazu gesellt sich ein salzig mineralischer Biss, wie es nur in großen Rieslingen auftritt, sehr langes Finish. Grandios.
96/100

6 Markus Molitor Riesling Zeltlinger Sonnenuhr Spätlese Versteigerung, 2002
Duftet nach Feuerstein, Schiefer, ganz dezenten Zitrussetzen, große Vorfreude weckend. Am Gaumen von mittlerem Körper, saftig, fruchtbetonter Auftakt nach Birnen, reifen Aprikosen, sehr klar und animierend, selbst die Säure wirkt saftig, hat aber ernormen Biss, mir gefällt es, herrlich klare Schiefermineralität, feiner, schon etwas zurückgezogener Süße, null Botrytis, nicht sehr tief, mittlere Länge. Spätlese wie ich sie sehr liebe, weniger als Begleiter zu seiner Süßspeise, sondern als Solist. So soll Mosel sein.
91/100

Weingut Wittmann Riesling Westhofen Morstein GG, 2006

2006-WMGGMeine Vorräte an 2006er Rieslingen gehen nun langsam zur Neige – einen ersthaften Grund, deshalb sentimental zu werden, sehe ich nicht. Nur wenige deutsche trockene Rieslinge aus diesem Jahrgang waren in der Lage, bei mir echte Begeisterung hervorzurufen. Wen Botrytis in trockenen Weinen nicht stört, mag diese Haltung vielleicht nicht teilen können, mir gefällt diese Stilistik aber nur selten. Umso schöner daher der heutige Wein, der zu dieser Thematik zum Glück nichts beizutragen wusste:

Eine kühle Nase, tief das saftige und nur angedeutet süßes Steinobst, begleitet von straffer Zitrus-/Limonenaromatik. Oft wird die Metapher des Gebirgsbaches bemüht, und auch wenn es schon fast schmerzt, auch hier habe ich sofort ein solches Bild im Kopf.

Eine ungemein elegante und glasklare Steinfrucht im Mund, wieder flankiert von Zitrusnoten, druckvoll und klar zugleich, der Wein spielt mit dem Gaumen, mal wogt die würzige Steinaromatik nach vorne, dann wieder nimmt einen die raffinierte Steinfrucht in den Bann. Der Wein ist in seiner Art wunderbar durchgezeichnet, nachhaltig mineralisch durchzogen im Verlauf und in einen Komponenten perfekt balanciert. Die Säure setzt nadelstichartige Kontrastpunkte und puffert den erkennbar vorhandenen Restzucker ab, der sich insbesondere im langen Finale als süßes Grapefruit-Bitterl zeigt. Dieser Wein wirkt hierdurch im Vergleich etwas weniger konsequent als aktuelle Morstein-Jahrgänge aus gleichem Haus. Dennoch bietet auch dieses Exemplar ein saftiges und zugleich anspruchvolles Trinkvergnügen.

Befindet sich aktuell in einer sehr schönen Trinkphase, zuvor eine Stunde in der Karaffe belüftet.

Aus dem Fachhandel, 29 Euro, 91 Punkte (ausgezeichnet), jetzt bis 2016