Château La Tour-Carnet Grand Cru Classé Haut-Medoc, 2008

La Tour-Carnet 2008 (1 von 1)Seit einigen Wochen probiere ich mich ein wenig durch einige Bordeaux der Jahrgäng 2008 bis 2010 durch, um die Entwicklung dieser sehr unterschiedlichen Jahrgänge zu begleiten. Natürlich sind die Weine noch (zu) jung und weit von ihrem Höhepunkt entfernt, manches gefällt mir aufgrund der dicken Strukur, den überreifen Fruchtanklängen und dem hoch stehenden Alkohol eher weniger. Positiv überrascht bin ich jedoch von dem 2008er-La Tour-Carnet, der in diesem Jahrgang eine Cuvée von 65% Merlot, 32 % Cabernet Sauvignon, 2% Cabernet Franc und 1% Petit Verdot ist. In der Nase angenehm kühl, ätherische Noten, sogar steinwürzige Aromen, die mich an Graphit erinnern, dazu eine jugendliche Pflaumenfrucht, deutlich Orangenschale, feine Röstaromen vom Faßausbau, insgesamt ein präsentes und feinsinniges Bukett, dass Vorfreude auf den ersten Schluck entfachen kann. Am Gaumen trotz seiner 13,5% eher von mittlerem Körper, kein moderner Bdx-Blockbuster, man schmeckt dem Wein seinen hohen Merlotanteil an, die Frucht aber herrlich frisch, die Säure  jahrgangsbedingt agil und präsent, bestens in der Frucht integriert, die Tannine noch ganz leicht aufrauend, ohne zu stören, über den gesamten Verlauf wirkt der Wein frisch und trinkt sich animierend, selbst die dunkle Blockschoklade und die floralen Anklänge zeigen sich feinsinnig und nie laut, mittlere Tiefe und knapp guter Nachhall. Lässt sich bereits heute angenehm trinken, dürfte sich aber noch ein wenig verbessern.

Vom Fachhandel, 25 Euro, 88+/100 (sehr gut), jetzt bis 2028

Chateau Cos d´Estournel Probe in Oberhausen

IMG_0308Ende 2015 ging es mal wieder nach Oberhausen. Mein Weinfreund Norbert Kreutzer lud zu einer Verkostung diverser Jahrgänge von Cos d´Estournel ein. Dieses Deuxième Grand Cru Classé-Weingut zählt mit Montrose, von dem es auch einige Jahrgänge gab, ganz sicher zum bekanntesten und besten Weingut aus Saint-Estéphe und erzeugt im Vergleich zu Montrose einen etwas anderen Weinstil. Die aktuelleren Jahrgänge (ab 1990) wirken auf mich moderner, mit sehr klaren Fruchtaromen, saftig und opulent, dabei etwas geschliffen – hier wird ein zeitgemäßer, durchaus marktorientierte Bordeaux-Stil gepflegt. Da ist der Montrose für mein Empfinden noch deutlich mehr von seiner Herkunft geprägt. Ich erkenne ihn aufgrund seiner monolitischen, gerne etwas strengen Art mit seinen kantig-herben Tanninen, eher als ein Bordeaux aus dem Saint-Estéphe. Guido meinte mal so passend, der Montrose ist der Turm auf dem Schachbrett – klare Kante, fester Kern, etwas unnahbar, aber mit viel Tiefe. Das ist Cos für mich nicht unbedingt – mir fehlt es gelegentlich an Tiefe und einer sekundären Aromatik weshalb ich auch einen Bordeaux-Wein öffne. Dafür ist er oftmals glockenklar in seiner Frucht mit viel Saft und Trinkfluss.

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Vieux Château Certan Pomerol, 1983

Vieux Château Certan 1983 (1 von 1)In der Nase finde ich eine vollkommen geöffnete Blume nach reifen schwarzen Johannisbeeren, Kirschen und angereiften Pflaumen, zart-herbe Milchschokolade, Pfeiffentabak, dahinter etwas schwarzer Tee, dazu eine herrlich integrierte Würze vom Faßausbau, dazu Sattelleder und Graphit – so muss Pomerol riechen. Am Gaumen hinreichend dicht, im Antrunk ganze Bäche von reifer Cassis-Frucht, Schokolade, bestens verwobene Holzaromen, reife Säure mit Spiel, die Tannine reif und überwiegend abgeschmolzen mit noch leichten Griff, rotes Papirkapulzer, Graphitnoten, sehr harmonischer, vielschichtiger Verlauf, sehr guter bis langer Nachhall. In diesem Zustand hat der 83er-VCC noch eine lange Zukunft vor sich – einfach ein Leckerwein auf ausgezeichneten Niveau.

Vom Fachhandel, 110 Euro, 93 Punkte (ausgezeichnet), jetzt bis 2023

Terrassen-Zeit? Riesling-Zeit!

Weine zum Skat (1 von 1)Wie schön, der April zeigte sich von seiner schönsten Seite und so verlegten wir unseren Skatabend spontan auf meine Terrasse und genossen bei milden Temparaturen diverse Rieslinge, die in mir große Vorfreude auf den bevorstehenden Frühling und Sommer entfachten.

Es ging los mit einem erstaunlich fein-balancierten Tonschiefer von Dönnhoff aus dem Jahr 2009. Riesling von der Nahe hatten wir schnell erraten, aber einen derartig guten Tonschiefer hatten wir noch nie. Ein eleganter Riesling von großer Harmonie, die ausdruckstarke Mineralität spielt animierend mit den saftigen Steinfrüchten, sehr beweglicher Fluß, trinkt sich herrlich unangestrengt und zeigt dabei schönes Spiel, ohne jede Reifenoten, jetzt auf seinem Höhepunkt (88/100). Viel Wein für wenig Geld. Weiter ging es mit einem ausgezeichneten 2008er Scharzhofberger Pergentsknopp (P.) von Van Volxem. Aufgrund seiner ausgeprägen Schieferaromatik sofort als Saarwein zu erkennen, überzeugte er uns mit seinen rauchigen Noten, einer feinen Cremigkeit, der typisch subtilen Saarsäure und glockenklarer, saftiger Frucht, ein Wein mit Tiefe und Eleganz, ohne jede Breite und Schwülstigkeit, die Lage wurde ihrem Ruf für feine Rieslinge erneut gerecht. Der hohe Preis ist gerechtfertigt und mit (92/100) noch eher konservativ benotet. Jetzt herrlich gereift und zeugt erneut von dem Potential des Jahrganges. Anschließend machten wir mit dem 1989er-Chasse Spleen einen kurzen Abstecher ins Bordeaux. Der Moulis präsentierte sich noch schön zu trinken, aber auch am Ende seiner Entwicklungszeit. In der Nase sofort als gereifter, cabernet-dominierter Bordeaux zu erkennen, mit einem Bukett von Eisen, grünen Paprika, schon in den Hintergrund gerückte Cassisanklänge, getrocknete Kräuter und Laub. Am Gaumen ein schlanker Vertreter, der mit einer zarten süßen und klaren Cassisfrucht den Charme des Jahrganges andeutet, deutliche Reifenoten, Waldboden, Eisen und Laub und etwas Paprika; ist insgesamt noch intakt, aber seiner Karkheit kam nicht bei jederman gut an, andere lobten aber seine Balance und den Trinkfluß, insgesamt wie gesagt noch stimmig, sollte aber jetzt auch getrunken werden (86/100).

Zurück zu deutschem Riesling, nun jedoch kamen fruchtsüße Weine auf den Tisch, die wie immer herrlich zu  gereiften Variationen von Ziegenkäse harmonierten. Los ging es mit einer überraschend frischen 2006erSpätlese aus dem Lenchen von Kühn. Über den 2006er-Jahrgang von Kühn haben wir auf diesem Blog schön öfters geschrieben und gerätselt. In diesem Jahrgang wurden hier extreme Weine abgefüllt, die stark polarisieren. Das Lenchen aber war unser aller Liebling. Leicht kräuterwürziger, typischer Rieslingduft, glockenklar und vielschichtig. Am Gaumen herrlich gewogen, feine, aber vitale Säure, saftige Kernfrüchte, ein Hauch Honig, animierender Verlauf, einfach lecker, ohne die jetzt die größte Tiefe zu haben, jetzt auf seinem Höhepunkt (87/100). Anschließen kam mit Dr. Hermann eine traditionelle ausgebaute Auslese aus dem Ürziger Würzgarten „Ursprung“ auf den Tisch. Wie gewohnt bei Dr. Hermann fiel diese Auslese kräftiger aus, zeigte sich jedoch angenehm gereift,  dadurch die Süße nicht aufdringlich, mit saftigen Steinobst und deutlicher Schieferwürze. Eien ideale Auslese zum Käse, als Solist wäre er dann den meisten am Tisch spätenstens beim zweiten Glas vermutlich ein wenig zu süß (87/100). Mit der 2005er-Auslese GK aus dem Niederberg Helden von Schloß Lieser ging es weiter. Trotz des kräftigen Jahrganges gefiel er uns ein Stück besser, weil zwar auch hier die Süße deutlich zum tragen kam, aber die Säure frischer und agiler wirkte, wie gewohnt glockenklare Aromatik, null Botrytis, guter Trinkfluß, deutlicher Nachhall nach Schiefer (89/100). Nach dem die Käseplatte geplündert war und unser Skatspiel in den letzten Zügen lag, kam als Rausschmeißer noch der 2012-Steinberger Kabinett Versteigerung von den Staatsweingütern auf den Tisch. Ein recht süßer Kabinett, der dann doch dank seiner 8,5 % leichtfüßig auf unserem Gaumen spielte und eine sehr lebendiges Säurespiel besaß. Die Aromatik noch sehr jugendlich, noch etwas hefig im Bukett , sehr klare Rieslingaromatik, mineralische Pikanz, zeigt Zug am Gaumen, braucht noch 1-2 Jahre um sein Jugendspeck abzulegen, gutes Potential, mittlere Tiefe und Länge (87/100).

Wie fast immer gefielen mir die Weine deutlich besser als mein Skatblatt, aber das mag vielleicht auch an dem Spieler liegen…

 

Château Cos Labory Saint-Estéphe, 1990

Cos Labory, 1990 (100 von 1)Dieses 5er-Cru liegt genau gegenüber seines berühmten und viel größeren Schwesterngut Cos d´Estournel, gehörten bis zur französischen Revolution sogar zusammen, und zählt mit 18 Hektar eher zu den kleinen Weingütern im Bordelais. Es erzeugt meines Wissen eine recht gleichmäßige Qualität auf mäßigem Niveau. In den neueren Jahren sollen 2009 und 2010 anständig gelungen sein und wenn es was gereiftes sein soll, dann empfiehlt sich 1989 oder 1990. Hier soll man dann aber auch für „kleines“ Geld einen vollwertigen Claret ins Glas bekommt. Auch ich las davon und so erstand ich kürzlich ein paar Flaschen vom 1990er.

Glänzendes Granatrot, nur leichte Randaufhellung, sieht gut aus. Geöffnetes, sehr klassisches Bordeaux-Bukett nach Tabak, Kräutern, Zedernholz, etwas Leder, durchzogen mit einer intensiven Cassis und Kirschnote, dahinter feiner Graphit-Ton, eher herb, als charmant – Saint-Estephe eben. Am Gaumen von mittlerer Dichte, feine Viskosität zeigend, entspricht aromatisch dem Naseneindruck, sehr harmonisch spielen die Frucht- mit den Sekundäraromen, die Tannine sind abgeschmolzen und das Holz zeigt sich nur noch leicht, der Cabernet wirkt gänzlich ausgereift und so begleitet mich bis zum mittleren Bereich ein schöne Süße. Er bleibt jedoch auch im Mund auf der herben Seite, was zu seiner Herkunft gut passt. Bis zur Mitte bin ich hier locker im ausgezeichneten Niveau unterwegs, auch weil die Nase so vielschichtig duftet. Im hinteren Bereich hält er die Harmonier leider nicht ganz durch, nicht dramatisch, aber erkennbar nimmt die Herbheit dann zu und verdrängt die Frucht und deren Süße zu sehr in den Hintergrund, hier fehlt es dann einen Tick an Dichte und so zeigt sich der Nachhall aromatisch limitiert, gar ein wenig dünn und herb. Ertragsreduzierung würde hier vermutlich helfen. Nichts destotrotz ein wirklich schöner, ja sehr guter Bordeaux, der sein Geld mir wert erscheint.

Vom Fachhändler, 30 Euro, 89 Punkte (sehr gut), jetzt bis 2017

Zum 1000. Jubiläum: Zweimal Eleganz und ein tänzelndes Monster

1000verkostungWie so oft im Leben, stand am Anfang ein kleiner Wein. Als wir im März des Jahres 2006 einen dünnen Chateau Belgrave aus dem Jahr 1997 schwer in Verriss nahmen, hätten wir recht verdutzt dreingeschaut, wenn uns jemand gesagt hätte, dass wir acht Jahre später die eintausendste Verkostungsnotiz freischalten würden. Umso schöner, dass es die Götter des Weins und des Internets so gut mit uns meinten. Diese eintausendste Verkostung wollten wir mit einem kleinen Ritual begehen, in vertrauter Runde und mit angemessener Bedachtheit. Mit drei Weintypen, die für uns archetypisch für diesen Blog stehen und die wir für eine Reise auf die berühmte einsame Insel einpacken würden. Und die wir auf diesem Blog noch nicht verkostet haben. Weiterlesen …

Margaux pur: Chateau Palmer vom 1920 bis 2005

Palmer 1 (100 von 1)Palmer gilt unbestritten mit dem namensgebenden Premier Cru der Appelation als bestes Chateau in Margaux. Für mich steht es mit seinem Charme und Feinheit mustergültig für die Typizität dieses Gebietes. Auf Blindverkostungen lag er gelegentlich sogar vor Chateau Margaux, einfach weil der Premier mir dann übertrieben konzentriert und kompakt vorkam, was keine Schwäche an sich ist, aber für mich sollen Margaux-Weine eben besonders fein, ja fast duftig sein, sie sind die burgundischen Bordeauxs.

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Chateau Pontet-Canet Pauillac, 1996

Pontet-Canet, 1996 (100 von 1)1996 gilt als eines der besten Jahrgänge der Dekade im Bordeaux (nur linkes Ufer), die Weine benötigen jedoch aufgrund ihrer dichten Struktur und den reichlichen (aber reifen) Tanninen eine lange Reifezeit. Die allermeisten Bordeaux-Kenner werden ihre OHKs noch gar nicht aufgemacht haben, aber nach knapp 20 Jahren darf dann doch mal erlaubt sein, eine Flasche zu versuchen. Wir wurden nicht enttäuscht, der Wein präsentierte sich zwar noch nicht gänzlich ausgereift, besonders die Tannine griffen jugendlich wirsch in den Gaumen und engten den Nachhall aromatisch ein, trotzdem offenbarte er stets die gehobene Güte des Jahrganges.

Das präsente Bukett dominiert eine vielschichtige Cabernet-Merlot-Aromatik, ein Potpourri aus vollkommen ausgereiften Brombeeren, schwarzen Johannisbeeren, Schwarzkirschen und roten, leicht süßlichen Paprika. Über die Frucht legen sich Schwaden von den Barriques, die uns an Marzipan, Leder und braunem Kaffee erinnern, im Hintergrund zeigt ein Touch Vanille das jugendliche Fett an, insgesamt eine von der Jugend geprägte, aber angehend geöffnete Medoc-Nase der gehobenen Güte. Am Gaumen gefällt mir besonders das Wechselspiel aus der Strenge des Pauillac und der Reife und Stuktur des Jahrgangs. Vermutlich macht das jetzt nur bedingt Sinn, jedoch neigt Pontet-Canet in den 90er-Jahren zuweilen recht streng, ja monolitisch zu wirken. Auch der 96er zeigt Anlagen dazu, aber dank der reifen und saftigen Fruchtaromatik erhält er ein Gegengewicht und diese macht ihn schon heute zu einem echten Spitzenwein. Bereits im Auftakt von fester Struktur, wird von der Süße aus Frucht und Fassaromen beinahe überlagert, für mich zum jetzigen Zeitpunkt ein Hauch süßer, als ich es persönlich bräuchte, aber das wird sich finden. Vergleichtbar mit der Nase, wird das komplexe Früchtespiel von einem noblen Holz ansprechend begleitet, dazu gesellen sich mineralische Noten,  die an Graphit erinnern, reife, tänzelnde Säure, sehr konsistenter, überzeugender Verlauf, der Nachhall zeigt die Eingangs erwähnten Probleme, aber das wird sich aller Voraussicht noch finden. Heute als Speisebegleiter eine unbedingte Empfehlung, wird in zehn Jahren völlig erblüht sein und dann selbst als Solist den verwöhntesten Gaumen Freude bereiten.

Vom Fachhandel, 91-92+ Punkte (ausgezeichnet), 2018 – 2036

 

Chateau Figeac Saint Émilion, 1998

Figeauc, 1998 (100 von 1)Zu Beginn zeigte der Figeauc pentrante animalische Noten, die mit der Zeit abnahmen, aber nie ganz verflogen. Hochreife Cassisfrucht, rotes Paprikapulver, dunkle Bitterschokolade, Graphitanklänge, wirkt bereits in der Nase hochkonzentriert. Am Gaumen kraftvoller Körper, dicht, fruchtintensiver Auftakt nach dunklen Beeren, vorallem Brombeere und hochreife Cassis, viel Herrenschokolade und eine noch etwas indifferente Süße vom Faßausbau, die Tannine reif, trotzdem noch derartig präsent, dass sie meinen Gaumen komplett bedecken, ein Wein noch von großer Unruhe seiner Jugend gezeichnet, bringt aber viele Anlangen mit gut zu reifen, im Mund übrigens keine Stallnoten mehr, bissige Säure, zeigt Tiefe an, langer, wenngleich unausgewogener Nachhall, noch mindestens 10 Jahre liegen lassen.

90+ Punkte (ausgezeichnet), ab 2024+

Chateau Leoville Las Cases Saint-Julien, 2002

Las Cases, 2002 (100 von 1)Ein Bukett nach hochreifer, aber sehr feiner Cassisfrucht, dahinter drückt aber leider eine ins überreife gehende Waldbeerenfrucht mit gar rosinigen Ansätzen, die Hitze des Jahrganges ist deutlich zu spüren, dunkle Bitterschokolade, wirkt mit der Zeit fast ausladend, erinnert an die überextrahierten Kandidaten der neuen Weinwelt. Am Gaumen von gewaltiger Extraktdichte, saftiger Auftakt mit Bächen voller dunkler Beerenfrucht, viel Brombeere und Maulbeere, alle ummantelt von Schichten dunkler Schokolade von den Barriques, die Tannine reif, beißen mit aller Macht ungeniert in meinen Gaumen, auch hier wirkt die Frucht fast überreif, kompottige Anklänge begleiten mich über den gesamten Verlauf, der Alkohol wärmt, bleibt lange auf dem Gaumen liegen, aber ohne jedes Benehmen. Ja, man muss es sagen, es ist nur eine Karikatur der Feinheit und Finesse älterer Las Cases. Aber vielleicht haben die Weine aus den 70ern und 80ern, die ich heute so liebe, in ihrer Jugend ebenfalls so geschmeckt. Zweifel bleiben. Noch einige Jahr weglegen und hoffen.

88+ Punkte (sehr gut), 2017 – 2027

Chateau Lafite-Rothschild Paulliac, 2002

Lafite, 2002 (100 von 1)Glockenklares Bukett nach sehr feiner und noblen dunklen Beerenfrucht, Cassis par excellence in perfekter Ausreifung, duftige Anklänge nach Brombeeren und roten Johannisbeeren, vielschichtige Barriquenoten, die gelegentlich noch zu sehr die Frucht bedrängen, aber in diesem jugen Stadium sei es dem Wein zugestanden. Eine sehr klassische, aber nahezu perfekte Nase. Am Gaumen gibt es einen führenden Eindruck: delikat und klar. Mittlerer Körper, im Antrunk vielschichtige dunkle Beerenfrüchte, perfekt gereift, Kakaopulver und feinherbe Herrenschokolade, Tabakanklänge, etwas Vanille, die Säure bringt alle Aromen perfekt zum Ausdruck, gelegentlich noch etwas jugendlich angespannt, die Tannine reif, aber mit wenig Charme, der Wein ist noch mindestens 10 Jahre zu jung, aber bereits heute merkt man seine ganze Klasse an und er lässt sich mit Freude trinken, wird sich aber noch weiter auffächern, ein wahres Grand Cru, sehr langes Finish mit Tiefe und Spiel.

93+ Punkte (ausgezeichnet), 2017 bis 2032

Chateau Leoville Las Cases „Clos du Marquis“, 1998

1998-DCMLLCWas für eine schöne Nase… ich könnte mich hier einfach reinsetzen – und verweilen. Eine betont holzwürzig-röstige Nase, die von einer tiefen Brombeer-und Cassisfrucht umspielt wird, begleitet von einem Hauch Zeder und hellem Tabak. Hier wusste der Weinmacher, wie es geht, seine Kundschaft mit Röstaromen zu verführen. Dies wird nur noch schöner werden mit weiterer Reife, für sich eingenommen hat diese Nase mich aber schon heute… „1a-Zuhause-feeling“.

Mitteldichter Antrunk, sofort fällt hier die prägende (und mich faszinierende) Aromatik von hellem Tabak auf, die den Wein durchgehend bis ins Finale begleitet. Sehr schön auch die trockene, klare Cassisfrucht, rote Johannisbeere gesellt sich hinzu, die Frucht gewälzt in Kakaostaub. Alles in allem ein sehr ausgewogener Wein, kein Element drängt sich unschön in den Vordergrund, allesfalls das feinkörnige Tannin hat heute noch einen zu präsenten Grip. Da es nicht trocknend wirkt, wird sich dies schön einbinden in einigen Jahren. Eher schlanker Körper, die 12,5% Alkohol nimmt man dem Wein sofort ab – und nicht minder ist dieser Wein ein Plädoyer dafür, dass ein keinen überbordenden Alkohol benötigt, um Aromen zu transportieren. Mittellanges, etwas vom Tannin geprägtes Finale. Hat noch Reserven und wird wohl „ausgezeichnet“…

Ein ungemein schmackhafter Bordeaux klassischer Prägung, der trotz prominenter Herkunft nie teuer geworden ist (damals noch als der echte „Zweitwein“ von LLC vermarktet, heute ist der „Clos du Marquis“ ein eigenständiger Wein).

Offen und nach zwei Stunden in der Karaffe getrunken.

Aus dem Fachhandel, 35 EUR, 88+ Punkte (sehr gut), jetzt bis 2018

Große Weine in kleiner Runde

Titel Große Weine in kleiner RundeEiner der schönsten Proben des Jahres erlebte ich im November in Gütersloh. Nur sieben Weinliebhaber und Weinliebhaberinnen brachten je zwei hochwertige Flaschen mit und der Gastgeber verwöhnte uns kulinarisch auf das Allerfeinste. Wie sich herausstellte, hatten alle dieselbe Vorstellung von „hochwertig“, dazu war die Runde dermaßen entspannt, wie ich es mir öfters wünschen würde.

Das Vorprogramm startete mit einer Besonderheit, einem slowenischen Sauvignon Blanc von der Domaine Ciringa, der auf der steirischen Lage Zieregg wächst. Der Fosilni Breg 2011 wird am Weingut Tement gekeltert und offenbart in der Nase unmittelbar seine Rebsorte, im Mund überraschend trocken, würzig, Pfeffernote, tropische Anklänge, insgesamt ausgewogen, im Nachhall etwas karg 84/100. Auch der nächste Wein war besonders, denn im Rheingau macht wohl nur J.B. Becker derart furztrockene Rieslinge, die im Holzfass gereift nun wirklich nicht dem gemeinen Bild des Rheingau-Riesling entsprechen. Egal, seine Art kann ganz großartig sein, nur dieser 1990er-Wallufer Walkenberg Spätlese „trocken“ war schon einige Jahre drüber. Intensiver Duft nach Wachs, Mandeln, Brioche, nicht uninteressant, aber nur was für Freaks. Am Gaumen mittlerer Körper, erneut keine Frucht zu erkennen, trocken, die Säure geht rustikal zu Werke, fortgeschrittene Oxidation, komplexe Sekundär- und Tertiäraromen, null Charme 83/100. Der 2006er-Chardonnay von Jim Clendenen´s Große Weine in kleiner Runde 2Weingut Au Bon Climat aus dem Santa Ynez Valley (Santa Barbara County) war überraschend stark vom Holz maskiert, der die sehr frische und lebhafte Frucht besonders in der Nase stark maskierte. Am Gaumen von mittlerem Körper, das Holz lässt hier der Frucht etwas mehr Raum und zeigt eine erstaunliche Frische und Feinheit, betont trocken, ohne jede Schwülstigkeit, der Wein scheint mir heute noch zu jung, wenn er in wenigen Jahren das Holz besser integriert hat, kann das ein ausgezeichneter agiler Chardonnay werden. Heute 88/100. Noch jünger war der 2007er-Chardonnay von Bouchard aus der Mersault-Lage Genevriéres. Etwas offeneres, fruchtigeres Bukett nach frischen Birnenspalten, Mandeln, vielschichtige Kräuter, das Holz noch sehr deutlich wahrnehmbar. Am Gaumen mittelkräftig, saftiger Antrunk, viel Frucht und Holz, noch recht laut, Karamell, wirkt etwas süßer und fülliger, als der Kalifornier, die Frucht noch leicht dropsig, aber alles vorhanden für eine schöne Entwicklung. Noch liegen lassen 90/100.

Dann kamen wir zum Hauptprogramm und es ging los mit einem auf den Punkt gereiften Bricco dell´Uccelone von Braida aus dem Jahr 1998. Das war einfach perfekt gereifter Barbera mit einer verführerischen Kirschfrucht, roten Johannisbeeren, vom Faßausbau kaum etwas zu spüren, rauschendes Säurespiel, ungemein klar und packend, sehr animierend zu trinken, jetzt auf dem Höhepunkt 92/100. Erstaunlich gut in Form der Spätburgunder S vom Weingut Keller aus dem Jahr 2001. Feines Bukett nach rotbeerigen Früchten, floralen Anklängen, wirkte noch sehr jugendlich. Am Gaumen frisch, herrlich klare rotbeerige Früchte, nur am Rande zeigte sich das Holz, könnte auch aus dem Burgund kommen, kräftige Säure, im hinteren Bereich ziehte er sich leider etwas zu und hinterlies ein trocknendes Mundgefühl, trotzdem 89/100.

Einfach ein großer Syrah ist der 1991er-La Turque von Guigal, mit einem intensiven Duft nach Teer, dunklen Waldfrüchten, Schinkenspeck und Olivenpaste, schon die Nase macht süchtig. Am Gaumen ohne Schwere, aber mit höchstem aromatischen Ausdruck, frisch-saftiger Auftakt nach Waldfrüchten, von wilden Kräutern ummantelt, alle Aromen im ständigen Spiel, alle Komponenten, Säure, Holz, Tannin, sitzen perfekt, Musterbeispiel an Komplexität, langer Nachhall. Großes Kino 97/100. Ausgezeichnet dann der 1996er-Chateauneuf-du-Pape Reserve vom Chateau Rayas mit einem wilden Bukett nach Rauch, deutlichen Holznoten, erinnerten an Grillaromen und dunkle Herrenschokolade, extreme Würzigkeit, im Hintergrund dunkle Waldbeeren und erste Champignonanklänge zeigen eine fortgeschrittene Entwicklung. Am Gaumen entspricht er aromatisch dem Naseneindruck, die Frucht tritt etwas deutlich zu Tage mit leichter Überreife, wirkt gewogen, die Aromen spielen und bringen Tiefe in den Wein, solide Säurestruktur, viel Zug, bleibt lange am Gaumen, jetzt gut zu trinken 93/100. Höhepunkt dann der ultrarare und ebenso teurer Vega-Sicilia Unico Reserva Especial, ein Cuvée aus den Unico Reserve Especial 70-72-73Jahrgängen 1970, 1972 und 1973. Der roch einmalig distinguiert nach Schwarzbrot, Blaubeeren, Schlehen, Kirschsaft und dunkler Bitterschokolade, insgesamt einfach nobel komponiert ohne jede Alterserscheinung. Am Gaumen saftig, klar, seidiges Mundgefühl, perfekte Balance aller Komponenten, erneut dieses sublime Spiel aus dunklen Waldfrüchten und einer Essenz aus Kirsche, vermählt mit den Schwarzbrotnoten, faszinierend feines Säurespiel, auch hier vom Alter nichts zu merken, außer seiner einmaligen Entspanntheit, bleibt sehr lange, ohne sonderlichen Druck am Gaumen haften, es geht kaum besser, jede Suche wert 97/100. Da kam der ebenfalls ausgezeichnete Cheval Blanc aus dem Jahr 1995 einfach nicht mit. Der duftet noch sehr jugendlich nach Kirschen, Cassis und Brombeeren, Schoko und Kakao vom Holz, sehr fein, aber noch nicht ganz aufgefächert. Der Auftakt am Gaumen dicht, klar und saftig, mit noch leicht jugendlich-süßlicher dunkler Beerenfrucht, Cheval Blanc 1995Schwarzkirschen mit Schokoüberzug, dahinter erste Anklänge von geräucherten Schinken und ätherische Noten, Kaffee, komplex, aber noch verschlossen, gute Länge, würde ich noch ein wenig liegen lassen 92+/100. Noch viel Frische, aber nur mäßigen Tiefgang zeigte der 1955er-Calon Segur. Duftet nach fragilen rotbeerigen Früchten, Küchenkräuter, leicht störend metallische Anklänge, Klebstoff im Hintergrund. Im Mund erstaunlich viel rotbeerige Frucht, macht im Auftakt einen fast saftigen Eindruck, der sich aber immer weiter verschlankt und im Nachhall versiegt dann die Frucht, die Säure recht markant, es fehlt ein wenig an Fülle, trotzdem noch wirklich sehr gut mit Genuss zu trinken 87/100. Der formale Höhepunkt war dann leider oxidiert, was bei einem Wein aus dem Jahr 1915 natürlich nicht wirklich überrascht. Trotzdem saßen wir mit langen Gesichtern vor dem Morin Pommard Hospices 1915Morin Pommard Hospices de Beaune, einfach weil wir uns soviel von ihm versprochen hatten. Besonders der edle Spender, mein Weinfreund Norbert, war natürlich untröstlich. Tröste dich, wie du weißt hatten wir wenige Wochen danach zwei Morins, die uns in den Burgund-Himmel führten. Den Abschluss machte der 1994er-Cabernet Sauvignon Reserve von Robert Mondavi, Mondavi Cabernet Sauvignon Reserve, 1994der mit seine tiefen, dunklen Kirsch- und Cassisfrucht sofort Noblesse versprühte, feine Minze, Graphit, wirkt fast noch scheu. Ebenso im Mund, er wirkte jedoch dermaßen zurückhaltend, schüchtern, wie wir es alle von einem Wein aus Napa Valley noch nicht erlebt hatten. Die Frucht, die Tannine, das Holz geschliffen, ohne jedes Geschrei, im Gegenteil sehr balanciert, fein, aber auch irgendwie komplett eingeschüchtert. Der Wein lies sich gut trinken, man spürte seine ganze Klasse, aber er lies uns irgendwie ratlos zurück, wenn der Wein sich auffächert, scheint mir die hohe Meinung von Parker möglich, heute wollte ich ihn nicht bewerten. Anschließend gab es noch feine Süßweine, die ich aber nicht mehr seriös notiert habe.

Chateau D´Aiguilhe Cotes de Castillion, 2008

2008-CDCdC Wir waren auf der Suche nach einem kräftigen, jugendlichen Essensbegleiter (Rumpsteak)  –  und fanden die gewünschte Stilistik exakt in diesem Wein.

In der üppigen und recht lauten Nase eine vollreife Schwarzkirsche und ein wenig Heidelbeer-Joghurt, unterlegt von einer dunklen, noch sehr jugendlichen und vordergründig vanilligen Holztönung. Das Toasting wurde hier recht kräftig gewählt (viel neues Holz). Leider ist die Nase auch mit etwas Wärme versehen. Zugänglich also, aber nicht sonderlich komplex.

Der Antrunk erinnert stark an einen Merlot aus der „Neuen Welt“, reife Art, süßes und saftiges Brombeer-Schwarzkischgelée. Diesem Wein attestiert man sofort, dass er „gemacht“ wurde. Neben der üppigen, leicht kompottigen Frucht, finden sich saftige Schokonoten, leider trocknet das Tannin am Gaumen dann doch noch merklich, während das Finish noch nicht viel zu bieten hat.

Der Wein hat genug Substanz, um noch einige Jahre weiter zu reifen, aber als Solist wird er mir auch weiterhin nicht auf den Tisch kommen, denn dafür ist er nicht eigenständig und vielfältig genug. Mal sehen, was aus ihm in drei bis fünf Jahren wird – ein nominell „guter“ Wein ist er schon , auch wenn er überhaupt nicht „mein Wein“ ist. Aber so, wie es auch Frauen gibt, die Männer mit Schnäuzer mögen, gibt es bestimmt… ach egal.

Im Fachhandel gekauft, 19 Euro, 83+ Punkte (gut), jetzt bis 2016

Chateau de Fieuzal Blanc Pessac-Leognan, 1996

1996-CHFPLUnmittelbar nach dem Aufziehen strömt ein geöffneter und ganz typischer BDX blanc-Duft aus dem Glas. Exakt hierfür pflege ich meine kleine Ecke weißer Bordeaux in meinem Keller. Die Nase eine Melange aus billigem Kaugummi, geröstetem Olivenbrot, Anis, freuchten Kieselsteinen, tropische Früchten und die übliche Honignote von der Botryitis des Semillion, alles zusammen ergibt eine derartig stimmige Verbindung, dass jeder ernsthafte und offene Weinfreund sofort versteht, warum es diese Weinart einfach geben muss. Zu gebratenem Fisch, zu Greveten, zu bestimmten Austernarten ist dieser Weintyp einfach ein Gedicht. Ja klar, da ist auch eine unverkennbare, wenngleich unaufdringliche Holznote, schliesslich ist dieser Weißwein „erst“ knapp 20 Jahre alt, jedoch zeigt das Holz seine Bestimmung bereits deutlich an, irgendwann wird es mit der Mineralik und den zunehmend oxidativen Fruchtnoten perfekt vermählen. Natürlich kommt der Fieuzal nicht an einen Chevalier oder Laville ran, dafür fehlt es ihm an Eleganz und Komplexität, aber für ein Zehntel des Geldes bringt er ungemein viel Finesse ins Glas und ist somit der hochwertigste weiße Bordeaux fürs Volk.

Am Gaumen von mittlerem Körper, erste Ansätze von Oxidation zeigen sich anhand Anklängen ala Pflaumen, aber da sind auch noch viel zarte Blütenblätter, jugendliche Honigmelone, Karamell vom Faßausbau, feine Wachsnoten und ein Geschmack, der an eine feine Backstube erinnert, in der gerade die Hefezöpfe aus dem Steinofen geholt werden. Im Ganzen noch sehr jugendlich, frisch, fest und animiernd zu trinken, macht schon jetzt richtig Freude, wird sich aber noch lange entwickeln. Ob er besser wird? Vermutlich wird dies jeder unterschiedlich beurteilen. Abhängig vom eigenen Bestand rate ich ihn jetzt einmal anzutesten. Langer Nachhall in dem er noch jugendlicher erscheint. Ein grandioser, weil so typischer Wein. Ein Master of Wein würde ihn vermutlich sofort erkennen. Heute gelegentlich zu günstigen Preisen nachzukaufen. Wenn sich die Gelegenheit bietet unbedingt zuschlagen – auch wenn es nicht gefällt, bildet es das Verständnis von den Typizitäten unterschiedlicher Stilistiken von Weißweinen weiter.

Vom Fachhandel, 22 Euro, 90 Punkte (ausgezeichnet), jetzt bis 2023