Tenuta Il Poggione Brunello di Montalcino, 2004

2004-TIPBdMDiesen Wein hatte ich in den letzten Monaten zwei Mal im Glas – jedesmal zeigte er sich verschlossen und noch zu jugendlich.

In der Nase ein edles Konzentrat aus Kaffee, gerösteten Nüssen, Mokka, sehr schöne Anlagen, aber natürlich noch völlig unfertig; kaum Fruchtnuancen sind erkennbar, denn diese werden vom Fassausbau überdeckt. Trotzdem ahnt man, dass sich dieser Brunello gut entwickeln kann, denn die Nase hat innere Balance.

Der Antrunk ist seidig und fleischig zugleich, auch im Mund kann man die dunkle Frucht nur erahnen, sie sitzt fest und dicht umschlossen im Korsett der Holzwürze. Mittelvoller bis voller Körper, kraftvoller Stil, aber noch in Balance. Erst im Finale scheint die Säure vor und sorgt für Frische. Moderne Machart, aber mit sehr geschmackvollen Anlagen.

Wer diesen Wein im Keller hat, darf mühelos noch fünf Jahre warten – oder sollte vorab den Wein über eine lange, lange Zeit dekantieren. Meine weiteren Flaschen werde ich nicht vor 2018 öffnen – dies könnte ein „ausgezeichneter“ Wein werden.

Im Fachhandel, 30 Euro, 88+ Punkte (sehr gut), ab 2018+

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Tenuta di Lilliano Colli della Toscana Centrale IGT Anagallis, 1990

Lilliano Anagallis, 1990 (100 von 1)Einen weiteren Wein meiner Wunschliste hatte ich heute mit einem gereiften Anagallis von der Tenuta di Lilliano im Glas. Formal sicher kein großer oder besonders berühmter Wein, aktuelle Jahrgänge sind auch in Deutschland recht gut für um die 20 Euro zu erhalten. Das Weingut, mit seiner langen Tradition, zählt zu den bedeutenden Gütern, die noch heute recht traditionelle Chianti-Weine bereiten. Der Anagallis, die Spitze des Gutes, ist eine Cuvée aus Sangiovese, Colorino und Merlot. 1990 dürfte der Anteil von Colorino noch recht hoch gewesen sein, heute liegt er (leider) nur noch bei ca. 5%. Colorino, eine autochtone Rebsorte der Toskana, bringt fleischige Frucht, aber auch viel Tannine in den Wein, was sie in ihrer Jugend recht ruppig und uncharmant wirken lies. Daher auch mein Wunsch einmal einen gereiften Jahrgang zu probieren. Ich wollte klassischen Chianti schmecken. Nun denn…

Duftet bäuerlich herb nach schwarzen Früchten, im Schwerpunkt Pflaumen, getrockneten Orangenscheiben, Laub, ein wenig Teer, Naphthalin und Trockenkräuter, hin und wieder weht auch ein zartes Veilchendüftchen durch das Glas, insgesamt schon weit gereift, aber für einen über 20 Jahre alten Chianti erfreulich vielschichtig. Am Gaumen ein Wein von mittlerem Körper, die Fruchtaromatik weit gereift, ich notiere etwas verwaschene dunkle Beerenfrüchten, Unterholz und erneut viel Laub, ein Herbstwein, nach dem Antrunk tritt die Säure markant auf und sie lugt gelegentlich bereits unschön spitz hervor, wäre vor ein paar Jahren vermutlich schöner gewesen, eine leichte Fruchtsüße versucht dagegen anzukämpfen, Aromen von Zigarrenkiste und Trockenkräuter bringen einen herben, rustikalen Einschlag hinein, man meint die traditionelle Zubereitung zu schmecken, insofern passt es ganz gut, die Tannine sind verschwunden, auch von den 12 Monaten im neuen 225 Liter Holzfass ist nichts zu schmecken, das Finish versöhnt mit einer gewissen Süße, gar etwas Lakritz und eingelegte Pflaumen. Er passte recht gut zu einem einfachen Pastagericht und war eine nette Erfahrung, aber nicht sonderlich eindrücklich. In der Regel sollte man den Wein binnen 5 – 10 Jahre nach der Abfüllung trinken, insbesondere vermutlich die neuen Jahrgänge.

Vom Fachhandel, aktuelle Jahrgänge ca. 20 Euro, 84 Punkte (gut), jetzt trinken

 

Tenuta di Ghizzano Veneroso, 2005

2005-TGVen70 Prozent Sangiovese, 30 Prozent Cabernet Sauvignon – mit dieser Mischung kam der Venerosso ins Glas.  In der vielschichtigen Nase sehr viel Sauerkirsche, unterlegt von Karamell, Vollmilchschokolade, Johannisbeere und einem Touch Zigarrenkiste. Kräuter und die Wärme der italienischen Sonne runden diesen Auftritt ab. Man sieht sich spontan in einen Garten in der Toskana versetzt, weiter Blick über die Hügel, die Sonne versinkt gemächlich…

Im Mund hat diese Cuvée einen mittleren Körper, wieder ein nuancenreiches Spiel aus Kirsche, Zigarrenkiste und Kakaospuren. Im Verlauf meldet sich der Sangiovese mit einer kräftigen Säure, die den Wein trockener wirken lässt, als er wahrscheinlich ist. Die Komponenten passen gut ineinander. Auch das Tannin ist feinporig, leider aber trocknen die Gerbstoffe am Gaumen etwas. Das nimmt dem Wein im Finale doch etwas den zuvor erworbenen Charme. Macht aber trotzdem als Begleiter eines rustikalen Fleischtopfes viel Vergnügen.

Offen und undekantert getrunken.

Im Fachhandel gekauft, 19 Euro, 87 Punkte (sehr gut), jetzt trinken.

Tenuta dell Ornellaia Le Serre Nouve, 2006

2006-OSNB

Die Verkostung dieses Weines kam augenscheinlich einige Jahre zu früh – wie der Wein sich mit einigen Stunden geöffnet, ja gefunden hat, war einmal mehr ein beeindruckendes Beispiel dafür, dass manchmal auch die Komponente „ausreichende Belüftung“ ein nicht zu unterschätzende Bedeutung haben kann – so jedenfalls bei diesem Zweitwein aus prominentem Hause…

Die klarfruchtige Johannisbeer- und Brombeernase weckt spontane Vorfreude auf diesen Wein. Kühle vermittelnd,  mit leichter Ätherik versehen, dabei doch gleich andeutend, dass dies trotz der straff wirkenden Frucht kein Leichtgewicht von Wein ist. Mit erster Belüftung kräftige, dunkle Holzaromen, die an Zedernholz erinnern. Diese werden mit der Zeit schokofülliger, zugänglicher. Hinter den Holznoten schimmern wieder dann sogar erneut Fruchtaromen durch, eher rotfruchtig und in sich stimmig komponiert.

Saftiger Antrunk, jugendlich, vollmundig gepackt, ernste Kühle verströmend, druckvoll und mit – am Ende des Abends – jugendlichem, aber Hoffnung gebendem Verlauf. Während das Tannin sich nämlich zunächst nur bitter und bäuerlich harsch zeigte, der Wein bricht in dieser Phase am Gaumen fast weg, entwickelt er mit Luft zunehmend Charme, wird schokofülliger und verbindet mit der dicht gestaffelten Beerenaromatik eine ansprechenden Auftritt. Der Bogen wird gespannt – Frucht, Holz und Säure passen immer besser zusammen. Dass dieser Wein noch ein paar Jahre Zeit haben darf, spürt man gleichwohl noch im Finale, das Tannin trocknet dann doch arg und auch die Aromendichte fällt hier etwas ab.  Könnte aber mittelfristig „ausgezeichnet“ werden.

Wenn man den Wein auf ein paar Vokabeln reduzieren möchte, dann diese: dunkelfruchtig, dicht, distinguiert – wenn man Geduld mit ihm hat. Sofern aktuell genossen, sollte dieser Wein bereits am Vortag gekantiert werden.

Im Fachhandel, 34 EUR, 88+ Punkte (sehr gut), 2015 bis 2018

3 x Fine Wine zum Skat

Herrenrunde. Jeder bringt einen Wein mit. Heute alles außer Deuschland. Los ging es mit einem genialen Kreydenweiss, endlich mal wieder eine Flasche, die mir in Erinnerung rief, weshalb ich dieses Weingut schätze.

Der 2007er Wiebelsberger Riesling „La Dame“ zeigte eine gereifte, fein-fruchtige Rieslingnase mit Anklängen an Pflaume, Blüten und angetrockneten gelbschaligen Äpfel, zarte Oxinote vom Faßausbau, diese spielt aber derart perfekt mit der Frucht, dass es eine wahre Freude ist. Prägnant ist die rauchige Mineralik, mit Briochenoten und Malz. Trotzdem sehr klar und bereits in der Nase animierend. Das setzt sich im Mund unvermittelt fort. Ein schlanker naherzu grazieler Antrunk mit viel Frucht nach leicht angetrockeneten Steinfrüchten, erneut Pflaumen und Apfelschalen, erdbetont-rauchige Mineralik und eine feine, reife Säure mit Spiel. Das Besondere an dem Wein ist seine Feinheit, über den gesamten Verlauf tänzelt er und trinkt sich daher  einfach so weg. Da schmeckt auch noch das dritte Glas. Leicht salzige Mineralik im langen, feinfruchten Finish 92/100. Anschließend erwartete uns eigentlich ein 2004er-Chateaneuf-duPape von Mont-Redon, aber der hatte üblen Kork und wanderte daher in den Ausguß.

Ersatz ein 97er-Tignanello von Anitnori, der den Franzosen sofort vergessen lies. Ein wunderbarer feiner, klar-fruchtiger Wein und mein bester Tignanello bisher, besonders weil mir sein Reifezustand perfekt erschienen. So zeigten sich seine Tannine noch ausreichend rüstig, aber so weit abgeschmolzen, dass es in keiner Phase die Trinkfreude beinträchtigte, aber als Italiener recht deutlich zu erkennen, zumindest im Mund. Verzwickt war die Nase, die auf den ersten Anschein nach einem Bordeaux vom linken Ufer duftete. Der Anteil Cabernet Sauvignon brachte eine dunkle Beerenfrucht nach reifen Brombeeren hervor und das Holz verströmte Aromen von Lakritz und süßen Pfeifentabak. Sehr weich, rund und fast schmeichelnd die Nase. Da wäre ich wohl auch im Bordeaux gelandet. Im Mund von höchstens mittlerem Körper. Der Antrunk mit klarer Frucht und bestens eingebundenen, jedoch noch leicht kantig-bäuerlichen Tanninen. Dem Tignanello geben sie heute Kontur, Charakter und Frische. Die Säure lebhaft und gereift, spielt gekonnt mit den herrlich eindringlichen Herzkirschen und Schokoanlängen. Im Hintergrund dunkle Beerenfrüchte und florale Noten. Das Holz zeigt daneben auch noch feine Lakritznoten und Zeder, hält sich aber ansonsten kenntnisreich im Hintergrund. Langes verspieltes Finish mit viel Frucht und edlem Holz. Ein tiefer, verspielter und annimierender Wein der Klasse und Noblesse versprüht. Rechtfertigt den hohen Preis und zeigt das ausgezeichnete Jahr an 94/100.

Nicht viel schlechter und um so mehr erstaunlicher der Wein aus dem Torro, Spanien. Der 15%ige vol. Quinta de la Quietud La Mula aus 2004 erinnerte mich spontan an hochwertige Priorat-Weine, einfach weil er von einem so intensiven, kühlen und klaren Fruchtgsaft geprägt war; reife Brombeer- und Schwarzkirsch-Aromen strömten aus dem Glas, verwoben mit dunkler Schokolade, Vanille und herber Zigarrenkiste. Packender, fruchtintensiver Antrunk von Kraft und Ungestümtheit, aber auch mit Kühle und Tiefe. Die Tannine greifen kraftvoll, aber fein in den Gaumen, der Wein ist erst so eben in seinem Trinkfenster angekommen. Vom Alkohol keine Spur. Der Wein bleibt trotz aller Kraft in der Spur und bewahrt sich Kühle und Klarheit. Lebahfte Säure und eine kalkige Mineralik verleiht dem Wein Tiefe. Klar der Wein ist kraftvoll, aber in keiner Phase hitzig, ausladend oder unangenehm laut und unbalanciert. Wir sind alle begeistert und ich notiere mir gedanklich 92+/100.

Die Weine waren also kaum vergeleichbar mit meinen Skatkarten an dem Abend. Denen würde ich eher 65/100 geben. Grob fehlerhaft, ohne jede Balance, Tiefe und Spielfreude.

Podere Orma Orma Toscana IGT rosso, 2006

Wenn man in vorurteilsbeladenen Stereotypen denkt, könnte man die Weinbeschreibung zu diesem Wein ziemlich kurz fassen: ein weiterer Bordeaux-Blend internationaler Machart, überladen fruchtig, austauschbar – und tschüss, nächster Wein… Könnte man – sollte man in diesem Falle aber nicht. Denn dieser Wein belohnt ein wenig mehr Aufmerksamkeit und – das nehme ich hier schon vorweg – er sollte sich zu einem absoluten Genussvernügen im Verlauf des Abends entwickeln.

Eine Cuvée aus je 40 Prozent Cabernet Franc und Merlot sowie 20 Prozent Cabernet Sauvignon – diese Mischung sorgt für eine vielfältige Nase, zunächst fällt eine leicht ätherische, kraftvoll und durchstrukturierte dunkle Frucht auf. Es erinnert an Cassis und schwarze Kirsche. Ergänzt durch Kräuternoten und eine markante Tabak- und Zedernholznote. Mit mehr Luft auch Rosenpaprika, Speck und Bittermandel. Nichts da also mit Kuschelkurs, der Wein wartet mit maskulinem Charme  auf.

Der Wein hat einen vollen Körper, ein dicht struktuerierter dunkelfruchtiger Fruchtkern wird umhüllt von Zedernholz und Schokokrokantnoten; die dunkle Kirsch-Cassis-Frucht betört und vernebelt einem die Sinne, mit perfekter Balance von Frucht und Säure nimmt der Wein einen für sich ein, hohe Konzentration, ohne jede überzogene Süße. In der Spur gehalten durch ätherische Kräuter und Zigarrenkiste. Feinporiges Tannin, wenngleich noch markant.

Der Wein hat einen wirklich stimmigen Verlauf, sehr geschmeidig und füllig, kraftvoll, aber durchaus noch elegant. Der Wein ist wie ein Maßanzug, er sitzt  von vorne wie von hinten. Heiraten möchte man vielleicht nicht darin, aber für eine schicken Auftritt taugt das allemal. Dass der Wein mit 14 % Alkohol ins Glas kommt, spürt man erst nach dem dritten Glas. Bis dahin vermittelt er viel Trinkfreude, bevor er mit langem, tabakig-dunkelfruchtigem Nachhall ausfächert.

Nein, wirklich nicht ein Wein der ins Stereotypenraster passt – denn dafür ist zudem auch eines: deutlich zu lecker.

Eine Stunde karaffiert, offen verkostet.

Im Fachhandel gekauft, 32,80 Euro, 92 Punkte (ausgezeichnet), jetzt bis 2015.

Torre alle Tolfe Chianti Colli Senesi Riserva, 2007

Dieser Chianti hat sich ein wenig zum „Hauswein“ dieses Winters entwickelt – einen „Hauswein“ klassischer Prägung braucht es grundsätzlich eigentlich nicht, denn viel zu vielfältig und spannend ist doch die Weinwelt, als sich wiederholt einem Wein zu widmen… Und doch, nicht weniger als fünf Flaschen dieses Weines sind seit der Weihnachtszeit an verschiedenen Abenden durch unsere Kehlen gelaufen… Dieser Wein war immer wieder ein gelungener Speisenbegleiter, der auch nach dem Essen noch weiter Spass machte. Weniger ein Spotlightstar, sondern ein Förderer guter Gespräche, dem man zwar immer einmal wieder Aufmerksamkeit schenken kann, der dies aber nicht zwingend einfordert…

Dunkles purpurrot. Eine betonte Kräuternase mit Schwarzkirsche im Glas, ummalt von leicht röstiger, dunkler Herrenschokolade. Mit mehr Luft etwas Cassis, Oliventapenade, ja sogar ein Anklang an feuchtes Moos. Eine feine Spur Orangenzeste, die schön integriert gegen die schokoladigen Holzanklänge steht…

Kräuterbetont auch im Mund, schwarzkischig, vollmundiger Auftakt, kompakt und dicht gepackt bleibend, leicht trocknendes, aber überhaupt nicht grobes Tannin, dass mit weiterer Luft nahezu gänzlich eingebunden wird. Die schlanke Fruchtsüße wird konterkarriert von einer kirschkernigen Herbe, die den Wein als rustikales Leitmotiv durchzieht – was den Wein aber ungemein trinkanimierend hält und ihm ein ungeschminktes Etwas gibt. Ordentliche Tiefe. Unmerklicher Alkohol. Seine Säure bestens einbindend. Mittellanger Nachhall, in dem die Elemente Schwarzkirsche, grüne Kräuter und die Herrenschokonoten strukturiert nachhallen. Der Wein profitiert übrigens davon, wenn man ihm ein bis zwei Stunden Luft gönnt. Also, die Anschlussflasche frühzeitig öffnen…

Trinkt sich jetzt bereits bestens und dürfte bis Ende 2013 mühelos in dieser Verfassung bleiben.

Im Fachhandel, 12,90 EUR, 88 Punkte (sehr gut), jetzt bis 2014