Wunderbare Weinbomben – mit 15 Prozent gegen den Trend

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»Über 14 Prozent macht mir ein Wein keinen Spaß mehr« oder »Das Blöde am Wein ist der Alkohol« – solche Sprüche liegen im Trend, der zum Leichtwein neigt. Neulich trafen wir uns in vertrauter Blogrunde, um in stillem Protest dagegen anzutrinken. Zu unserer Heavy-Bottle-Party mitgebracht wurden vier Weine mit mindestens 15% vol. Alkohol. Verstärkte Sachen sollten außen vor bleiben – wir wollten Weine, die selbst soweit vergoren sind. Das Experiment gelang, wir hatten ein paar schöne Weinmomente, die im Gedächtnis geblieben sind. Weiterlesen →

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Zenato Azienda Vitivinicola Valpolicella Superiore, 2012

ZenatoValWenn man auf diesem Blog die Einträge nur flüchtig überfliegt, könnte man meinen, dass das „höher, schneller und immer weiter“, die Superlativen, die unsere Gesellschaft ja zunehmend prägen, auch auf hier und bei den verkosteten Weinen schon längst Einzug gehalten hat: Große Gewächse en masse, Champus galore, beim Bordeaux bitte auch lieber die erste als die zweite Reihe. Auf den ersten Blick…

Dieser Beitrag soll deshalb einmal ein bodenständiges Beispiel dafür sein, dass es auch ein bis vier Nummern kleiner gehen kann – deshalb heute ein Valpolicella. „Da war der Bardolino wohl schon aus?!“ mag der Wein-versnobte Leser nun spöttisch denken, der sich vielleicht auch nur zufällig in diese Verkostungsnotiz verirrt hat. Da wäre man geneigt zu entgegnen: „Woher kennst Du, lieber Weinsnob, denn bitte Bardolino?“ Aber, recht hätte er gehabt, Bardolino war in der Tat aus, danke der Nachfrage.

Dieser Valpolicella war es jedenfalls nicht, ein Glück: ein Wein aus 80% Corvina Veronese und je 10 % Rondinella sowie Sangiovese, er begleitete unser Essen bestens und trank sich mit großem Trinkspaß – und das ist es doch, was das Weintrinken einem in aller erster Linie bereiten soll. Eigentlich auch keine ernsthafte Überraschung, genießt das Familienweingut Zenato doch einen sehr guten Ruf. Nicht nur in der Region, auch eupaweit finden sich die Weine im Handel gut vertreten wieder. „L’anima del Lugana e il cuore della Valpolicella“ – so lautet der Wahlspruch des Weinguts. Womit geklärt wäre, wo die 75 ha Rebanlagen des Weinguts zu finden sind, nämlich in der Region rund um den Gardasee, im Nordwesten von Verona.

Satt und klarfruchtig drückt die Schwarzkirsche aus dem Glas entgegen, genauer gesagt eine Mischung aus Kirschkonfit und -gelee, bestens begleitet von einer harmonisch balancierten Holzaromatik, die sich in Vollmich- und Herrenschokolade sanft niederschlägt.

Fruchtiger Antrunk, klar gezeichnete Schwarzkirschfrucht, etwas reife Pflaume, harmonische Fruchtsüße, Nussaromen, die für die Weine aus Valpolicella so typisch sind. Nicht sonderlich tief, aber ungemein schmackhaft. Also, schenk nach! Die präsente Säure – stahlige 5,6 g/Liter – spielt mit der Frucht, das Holz stützt an der richtigen Stelle mit passender Intensität, animierend dank seiner feinen (nussigen) Herbe im Verlauf, auch das vernehmbare Tanin stört hier nicht. Das ist insgesamt nicht allzusehr intellektuell fordernd, aber schlicht und ergreifend geschmackvoll und gelungen. Im Finish fehlt vielleicht etwas Druck und Länge, aber auch ein kürzerer Nachhall kann Freude bereiten, wenn er denn sauber ist. Und dass dem hier so war, zeigt die Nachschau: Die Flasche ist binnen kurzer Zeit geleert – zum Essen, denn genau dazu ist dieser Wein gemacht worden. Italienische Lebensfreude, abgefüllt in Flaschen. Saluti!

Fast etwas schade für Dich, lieber Snob, dass es solch ein reputationsloser Wein bei Dir vielleicht nie ins Glas finden wird, vermutlich, weil Du Dich allein wegen der renommierten Etiketten lieber mit Amarone herumquälst. Aber, da Du es ja bis ans Ende dieser Nachricht durchgehalten hast, darf ich Dir sagen: Hab keine Sorge! Demnächst gibt es auf dieser Seite bestimmt auch wieder Highend-Getränke.

Aus dem Fachhandel, 7,50 Euro, 87 Punkte (sehr gut), jetzt bis 2016

Azienda Foradori Teroldego Vigneti delle Dolomiti IGT „Granato“, 1991

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Elisabetta Foradori ist nicht irgendwer im Trentino. Sie ist die Grand Dame am Südrand der Dolomiten. Seit Jahrzehnten kämpft sie unbeirrt für die heimischen Rebsorten — allem voran für den Teroldego — und gegen den langsamen Untergang der Weinbaukultur in den Dolomiten. Elisabetta Foradori bewirtschaftet ihre Weinberge seit 2004 konsequent auf biodynamische Weise. 2011 brachte sie außerdem ihre ersten beiden Lagenweine aus der Amphore auf den Markt. Ihren großen Namen hat die Azienda aber nicht als Bioweingut, sondern einfach aufgrund ihrer herausragenden Weine, die im Trentino für viele die unbestrittene Spitze bilden. Das Flaggschiff von Frau Foradori fand bei dieser Verkostung in unser Glas, und was sollte es anderes sein als ein Teroldego.

Der Wein kam blind auf den Tisch. Zuerst eine Nase voller Beeren, schwarze, rote, intensiv und duftig, dazu eine rauchige Note vom Holz, mehr Holzkohle als karamellige Röstigkeit, dazu etwas teerig und leichte medizinale Reifetöne. Im Antrunk zuerst eine überaus niveauvolle, wiederum beerige Fruchtaromatik, schlank, aber fokussiert und intensiv. Dann ein schöner Übergang zu rauchigen, aber nicht röstigen Sekundärnoten, durchaus charmante, süße Holzwürze, jetzt auch etwas Schokolade, etwas Kaffee, die Duftigkeit bleibt bestehen, Rosenstiele, dazu etwas Waldlaub, auch roter Tee fällt mir ein. Die Tannine sind wunderbar weich, ebenso die durchaus vorhandene Säure. So soll es sein, wir haben hier einen Italiener! Eine im besten Sinne gereifte Struktur, dabei trinkig, die fruchtige Duftigkeit und nur Nuancen an Reifetönen. Das alles hört sich komplex und vielschichtig an. Mir fällt aber vielmehr als Beschreibung balanciert ein, was auch auf Körper und Alkohol zutrifft. Alles auf den Punkt. Die Aromen folgen einander in einem schönen Verlauf, sie überlagern sich nicht, sondern fügen sich passend zusammen und sind sehr präsent. Das vermittelt eine präzise, klare Stilistik, man will sagen Reinheit auf ganz hohem Niveau. Dieser Wein möchte nicht freakig sein oder fortgeschritten, er soll vor allem gut schmecken, sanft, geschmeidig und intensiv und einladend sein. Das gelingt ihm und das begeistert mich. Dieser Wein hat Charakter und Herkunft und sorgt für große Trinkfreude. Beim Aufdecken kamen wir aus dem Staunen nicht heraus. Jahrgang 1991! Für den Granato sicher ein hohes Alter. Überhaupt ist der 1991er erst der sechste Jahrgang des Granato, den Elisabetta Foradori kurz nach ihrer Übernahme des Weinguts zum ersten Mal im Jahr 1986 in Barriques ausbaute. Erstaunlich, wie er sich heute noch behauptet — was wiederum ein weiterer Nachweis für das hohe Potenzial ist, das dieser Wein in sich trägt.

In einer Auktion erstanden, circa 50 Euro, 91 Punkte (ausgezeichnet), jetzt trinken

Masi Campofiorin Rosso del Veronese, 2005

Zwischen den Jahren findet sich die beste Zeit, um mal etwas pathetisch zu sein. Unseren Beitrag dafür leisteten wir am Tag nach Weihnachten. Vor uns lagen über drei Stunden „Der Pate“, die Wohnung duftete nach selbstgebackener Pizza, es fehlte nur noch der passende Wein. Ein Sizilianer hätte zwar zum Film gepasst, nicht aber zur Pizza. Wir entschieden uns daher lieber für einen fruchtigen Rosso aus Veneto vom nicht ganz unbekannten Weingut Masi.

Im Glas ein dunkles Rubinrot mit schwarzen Reflexen. In der Nase vor allem schwarze Kirschen und Beeren, dazu würzige florale Noten von Gewürznelken und Veilchen. Die schöne, animierende Fruchtigkeit lässt sich schon am Duft erahnen. Der Antrunk bestätigt das auf beeindruckende Weise — über die Zunge rollt eine sehr saftige Säure und bringt eine dunkelkirschige Fruchtigkeit mit sich, die sich schön ausbreitet und mit der Säure erfrischend wirkt. Hinzu kommen Begleitaromen von Orangen und Nelken sowie eine leichte zartbittere Holznote.

Wer einen unkomplizierten Begleiter für die einfacheren, aber immer noch schönsten italienischen Köstlichkeiten wie Pasta oder Pizza sucht, findet hier einen tollen, richtig schön trinkigen Begleiter.

Vom Fachhändler, 9,90 Euro, 85 Punkte (gut), 2010-2012

Tinazzi Ca de Rochhi Lugana DOC, 2008

2008-TCdRLItalienische Weißweine gehören nun nicht gerade zu den Weinen, die ich bevorzugt oder in großer Regelmäßigkeit trinke. Nun saßen wir aber jüngst bei unserem Haus- und Hof-Italiener, und da ein Seeteufel vinophil begleitet werden sollte, fiel der Blick in die ausschlie0lich mit italienischen Weinen besetzten Weinkarte. Nachdem der von mir zunächst gewählte Verdicchio dei Castelli di Jesi zwischenzeitlich ausverkauft war, empfahl uns der Service als Alternative diesen Wein. Auf meine Nachfrage nach der Traubensorte nannte mir der bemühte Mann „Lugana“, was weitere Skepsis in mein Gesicht treten ließ. Aber gut, man lernt hinzu. Und nach ein wenig weiterer Überzeugungsarbeit ließ ich mich von einem beschwörerisch gemurmelten „isse gutte“ überzeugen. Na dann.

Helles Goldgelb. Die zunächst etwas verhaltene Nase entwickelte mit etwas mehr Wärme einen angenehmen präsenten Duft von Zitrus und Apfel, später dann auch ganz leicht würzig-florale Noten. Im Antrunk feinfruchtig mit Zitrus und Apfel, nicht besonders tief, aber mit angenehmer Harmonie. Feine Säurestrukur. Der Alkohol von immerhin 13% ist gänzlich eingebunden. Am Gaumen hallt der Wein überraschend lang nach („knapp lang“), er endet blitzsauber mit leicht limonig-würziger Apfelfrucht.

Eine spätere Recherche ergab dann, dass Lugana ein Weinbaugebiet in der Nähe des Gardasees ist — die Trauben wachsen in dessen nahe gelegenen Hügelland. Der Wein aus dem Hause Tinazzi ist ein Verschnitt von 90% Trebbiano di Lugana und 10% Tocai. Als eher jung zu trinkender Begleiter zu Fisch und Meeresfrüchten bleibt das Fazit: „Isse gutte.“ Wirklich.

Im Restaurant getrunken, 21 Euro, 82 Punkte (gut), bis Anfang 2010

Tommasi Soave Classico DOC „Le Volpare“, 2007

tommasi_3Manchmal ist man froh, etwas im Keller zu haben, was man sonst eigentlich nie trinkt. So heute diese Flasche Soave, die am besten zu passen schien zu dem in unserem Hause eher seltenen Abendessen mit Scampis im Teigmantel, spanischen Fischkroketten und Thunfisch-Empanadilla. Ich stellte mich auf etwas kühles, trockenes und fruchtiges ein und bekam doch mehr. Im Glas ein helles Gelb mit hellgrünen Reflexen. In der Nase malolaktische Töne, eine schlanke Apfelfrucht, dazu gemüsige und nussige Noten, etwas Walnuss und Basilikum. Im Mund ein schöner Biss mit einer ausgiebigen, aber weichen Säure. Bei den Aromen kommen die frischen Küchenkräuter stärker und sorgen für eine ätherische Frische, dazu jetzt auch etwas grüne Banane. Der Wein hat schon einen ordentlichen Körper, man vermutet mehr als die 12% Alkohol. Der Abgang ist eher kurz und etwas trocknend, macht aber dafür umso mehr Lust auf den nächsten frischen mineralischen, saftigen Schluck. Insgesamt ein gut gemachter, moderner Soave mit schönen ausgewogenen Aromen, toller Frische und vollem Körper. Schön, dass Tommasi hier 100% Garganega aus der Einzellage einsetzt, die dem Wein seinen Namen gibt. Das gibt dem „Le Volpare“ eine besonders saubere, frische, mineralische und sogar elegante Stilistik, die wirklich Spaß macht und ihn von den vielen mit Chardonnay verschnittenen Fruchtcocktails abhebt.

Als Geschenk verkostet, um die 8 Euro, 85 Punkte (gut), jetzt bis 2011