Kraftakt Riesling – Nummer 9

Den Lesern unseres Bloggs wird es nicht verborgen geblieben sein, dass sich die Schlagzahl der Veröffentlichung auf diesem Blogg in der letzten Zeit erheblich reduziert hat. In den content-getriebenen Zeiten des Internet könnte man sogar schlicht sagen: der Blogg ist tot. Dieser Eindruck mag nun für die Aktualisierungshäufigkeit nicht mehr erfolgreich bestreitbar sein, aber doch bleibt eines festzuhalten: wir sind im Hintergrund weiter in Sachen Wein aktiv und trinken zusammen freudig den ein oder anderen wirklich wunderbaren Wein. Allein, und das ist schlicht unserer aktuellen Lebenswirklichkeit geschuldet, das Schreiben hierüber bedarf weiterer nicht uneeheblicher Zeit und Muße. Und wenn beides – Zeit und Muße –einfach nicht ausreichend vorhanden ist, sei es ob des Berufes oder ob anderer Randparameter, dann wird es dunkel, was die Veröffentlichungshäufigkeit angeht… umso mehr freuen wir uns, dass wir mit dem heutigen Bericht dokumentieren können, dass unsere Kraftakt-Reihe noch nicht tot ist.

Nachfolgend also die Eindrücke zu unserer jährlichen Kraftakt-Riesling-Reihe, diesmal die Kraktakt Riesling Ausgabe Nummer 9!

Den Auftakt macht heuer Phillip Kuhn mit seinem 2009 Kirschgarten Riesling. Mit drückender Nase schiebt der Wein aus dem Glas, süßliche Blüten gepaart mit Zitrusfrucht. Das wirkt ziemlich hochreif und einen kleinen Hauch zu malzig. Viskos setzt sich der Wein auch im Mund fort, zum Glück wird die reife gelbe Frucht von einer prägnanten Säure balanciert. Rauchige Aromen, die an eine dunkle mineralische Komponente andocken, sorgen für Interesse. Der ganze Verlauf ist wuchtig und wird, wenn man nicht genau diese Stilistik sucht, den Trinker eher schnell als langsam ermüden, nicht zuletzt, weil im Nachhall der Alkohol etwas wärmend vorsteht. Die Säure räumt den Rachen zum Glück im Finale wieder frei. Dieser kraftvolle Wein dankt Essensbegleitung. 90-92 Punkte aus der Runde, 90 Punkte auch von mir.

Der Master of Wine hatte mit Wein 2 einen nicht weniger forderndes Getränk auf die Agenda gesetzt, den „Hochzeitswein“ aus dem Hause Battenfeld-Spanier/Kühling-Gillot, der CO aus 2006 .

Aber wer hier regelmäßig mitliest, der weiß, dass fordernde Weine in unserer Runde ja durchaus Anklang finden. Ein etwas leiserer Auftakt in der Nase mit getrockneter Aprikose, Jod, auch riechen wir angedeutete „malzig-herbe Aromen“. Malzig-jodig ist auch der erste Eindruck im Mund. Ein dicht gepackter, ja schon mächtiger Antrunk, im Verlauf rauchig, malzig und immer wieder deutlich von der Botrytis geprägt, die einen kräutrig und herb-diffusen Charakter gibt. Dazu auch reifer Apfel und etwas Pflaume. Klingt aromatisch eher schräg – und doch passt die wuchtige Summe dieser Eindrücke gut zueinander, der Wein ruht tief in sich und bietet viel individuellen Charakter, wenn man sich die Mühe macht, dem Wein zuzuhören. Sehr langes, harmonisch druckvolles Finish, mit sehr gut eingebundenem Alkohol. (93-95 Punkte von der Runde, 92 Punkte von mir als Streichergebnis. Platz 2 am Ende der Probe.

Kam nun ein easy drinking Wein? Ach, vergesst es… Von Winnings Ungeheuer 500 aus 2011 überraschte die nicht eingeweihten Mittrinker, die wie immer blind probierten, zunächst mit nussig-holzigen Aromen. Ja, Holzausbau und Riesling – das ist in der Tat en vogue. Und hier in dieser Nase ist die Kombination wirklich gut gelungen. Nussig-rauchig ist das schon, aber es bleibt genug Frucht vorhanden… Leider setzte sich dies im Mund so (noch) nicht fort: anders als in der Nase ist der Wein im Antrunk noch jugendlich holzgeprägt und bleibt dadurch etwas holprig im weiteren Verlauf. Cassis und Limettenaromen dominieren, der Wein ist puristisch and karg, die knackige Säue gibt dem Wein einen straffen Charakter, ist manchem am Tisch aber zu streng (und auch nicht alle sind sich sicher, ob sich das einbinden wird). Jedenfalls fügen sich die im Verlauf immer deutlicher vorscheinenden Salzanklänge mühelos in sein Gesamtbild ein. Röstiges, auch langes Finale, das aber noch stark vom Holzeinsatz geprägt wird. Ein Wein für ein (meinerseits gern gesehenes) Wiedersehen ab 2020+. (90+ bis 93+ aus der Runde, 92+ Punkte von mir).

Leider hatte Pfeffingens Weilberg aus 2007 einen Korkfehler – was sehr schade ist, weil dieser Wein durchaus zu Großem fähig sein kann. Nutzt aber alles nichts, diese Flasche war schlicht kaputt.

Weils Gräfenberg 2007, der hier Sparingspartner des Weilberg hatte werden sollen, entschädigte uns mit einer wunderbar durchgezeichneten Nase voller Orangenblüte und Zitrusfrucht. Frisch und fröhlich ist diese Nase, mit zarten Frucht. Ein Trinkvergnügen ersten Ranges auch im Mund, wieder Zitrusfrucht, die leichte und dienende Fruchtsüße spielt wunderbar mit der Säure und sorgt in Windeseile dafür, dass der Gläserinhalt bei diesem klassischen Rheingauer verdunstet ist, ehe man noch über die helle Mineralik staunen konnte. Tief gehender Charakter…? Nun hier wird etwas dünner für den Wein – macht aber nichts, denn Trinkvergnügen sollte man auch hinreichend goutieren, zumal auf diesem Niveau! Wir taten es und vergaben einheitliche 93 Punkte (Platz 3 der Probe).

Wein Nummer 6 ließ uns schon mit einer Aromatik klar werden, dass wir Deutschland verlassen hatten. Denn der Kastelberg 2007 von Kreydenweiss kam (was im Elsass ja nicht ganz selten der Fall ist) mit einer leicht oxydativen Nase daher, dazu gelbe Pflaume und eine leichten Malz-Honig-Mischung. Begleitet von schwarzem Tee zeichnet der Wein im Verlauf eine schöne Bahn, ein wenig Gerbstoff sorgt auch dafür, dass der Wein seine Eigenständigkeit behält. 90-92 Punkte von der Runde.

Eigenständigkeit hatte auch Wein Nummer 7. Aber keine, die den Mittrinkern so richtig gefallen konnte. War die Nase des 2007er Pettenthals von Kühling-Gillot noch würzig, gelbfleischig und expressiv, ja sogar mit einer gewissen Kühle versehen, wurde es im Mund dann doch ein Zerrbild eines Rieslings. Dichter Körper, überlagen mächtig und derart ölig, so dass man einen Löffel, ach, eine Suppenkelle nehmen könnte… hochreife Aromatik, die ins Lackige geht, leider auch eine vom Alkohol getragene Aromatik. Dazu Jod, etwas Tabak und weitere Aromatik, die darauf schließen lassen, dass in diesem Wein Trauben mit Botrytisbefall verarbeitet wurden. „Von allem zu viel – und das auf Kosten des Spiels“ – diese Aussage aus der Runde trifft es, weshalb man diesem ob seiner Masse fsst schon taumelnden Boliden mit aus der Runde gegebenen 87 Punkten durchaus – wie ich finde – sachgerecht bewertet hat.

Auf Regen folgt Sonnenschein – sagt die alte Volksweißheit. Ob der Master of Wine diese Weißheit bei der Zusammenstellung der Weine im Auge hatte, ist nicht überliefert. Mit Wein Nr. 8 präsentierte er uns jedenfalls einen wunderbaren Wein, der nicht ohne Grund den Tagessieg abräumte: Eine ungemein vielschichtige, ernsthaft und verspielt wirkende Nase geprägt von Kräutern, Cola und Äpfeln, eingebettet in hellen Kalksteinstaub. Tief und ernst – und dabei so verspielt leichtfüßig. Ein fokussiert geführter Antrunk voller innerer Spannung, der Wein vibriert unter der Säure und der Mineralik, die von der Frucht (Zitrus und etwas Cassis) und ihrer feinen Cremigkeit umfasst wird. Langes und ausdifferenziertes Aromenfeuerwerk im Finale, einerseits saftig frisch, andererseits salzig-straff, voll auffächernd. Animierend und fordernd zu gleich. Für die Runde (94-95 Punkte) als auch für mich (95 Punkte) stand fest: ein großer Wein, dieser 2007er Kirchspiel von Wittmann! Wer sich nur für den Tagessieger interessiert, der mag nun aufhören mit dem Weiterlesen; wer hierfür zudem noch in den Keller gehen kann, hat alles richtig gemacht!

Wittmanns Kirchspiel-Pendant aus 2004, heute unser Wein 9, überraschte uns beim Aufdecken. Wenn man diesen Wein und den Vorgänger in Karaffen auf den Tisch gesetzt und die leeren Flaschen daneben gestellt hätte, hätten wir diesem Wein ganz eindeutig die Flasche des 2007er Jahrgangs zugeordnet. Lang leben die Stereotypen und das Blindverkosten! Der Master of Wine schloss eine Verwechslung aber aus, von daher…

Dichte Nase, diesmal mit Steinfrucht und Mandarine, etwas Sesam und Rauchspuren, ja, auch etwas Marzipan; und somit hatte diese Nase so gar keine Ähnlichkeit zum 2007er Kirchspiel. Kraftvoll im Mund, etwas dichter, etwas mehr Alkohol , wieder Steinfrucht und Mandarine. Lang und druckvoll im tabakigen Finish. Durchgezeichnet und in sich ruhend, wenngleich nicht ganz so zwingend wie sein Vorgänger aus 2007. 92-94 Punkte aus der Runde, ich gesellte mich zu den höher Punktenden.

Eine spannende Nase hat der 2001er Loibenberg aus dem Hause Alzinger: sie wird geprägt von kräuterwürziger Schwarzbrotröste, kaum mehr Frucht ist zu vernehmen. Hier haben die Reifetöne nach 15 Jahre Reife inzwischen stimmig übernommen. Kühler Stil. Auch im Antrunk zeigt sich der Wein im Herbst seines Lebens. Steinige Mineralität, Reifetöne, gedämpfte Fruchteindrücke. Der Wein hat die Gelassenheit des Alters erreicht, ist hinreichend agil und somit zugleich ein schönes Beispiel für einen weit gereiften trockenen Wein. Etwas Jod und Karamell im unaufgeregten Nachhall. Die Runde vergibt 90-92 – auch ich finde den Wein noch ausgezeichnet. Er darf ausgetrunken werden.

Das hätte man mit dem Nachfolger auch schon längst tun sollen, jedenfalls mit dieser Flasche. Unschön medizinale Nase, gezehrt von der Reife, ein Hauch Kräuter und gelbe Frucht. Hier tut sich nicht mehr viel. Im Antrunk diffus süß und dick, Trockenkräuter, Petrol und eine vom Alkohol stammende Bitterkeit. Die schärfende Säure, die hier dagegen steht, nimmt den Wein gänzlich aus der Balance. FX Pichlers 1994er Riesling M kann uns nicht überzeugen, was sich in – wie ich meine – fairen und einheitlichen 84 Punkten niederschlägt.

Überraschend jugendlich zeigt sich der 2004er Steinbuckel von Knipser, der uns als Wein 12 beschäftigt. Und das macht er ausgezeichnet mit einer hellen Mineralik ganz eigener Art, die diesem Wein – jahrgangsübergreifend – fast immer eigen ist, dazu feine Aromatik nach Nüssen und Orangenblüte. Die Mineralik setzt sich auch im Mund fort, dazu ein frisches Säurespiel – das sorgt bei diesem Wein für eine ganz eigene jugendliche Pikanz. Zarte und dabei glockenklare Orangen- und Mandarinenaromen, die dem Wein eine elegante Note verleihen. Angedeutet nur Marzipan. Ohne vernehmbare Reifetöne, was beim Aufdecken doch ein wenig überrascht. Der Wein schmeckt gut und gerne mindestens ein halbes Jahrzehnt jünger als er als ist. Nicht jedem aber ist der Wein tief genug, was sich in 90 bis 92+ Punkten widerspiegelt.

Gegen den Folgewein hätten gleichwohl nur wenige den Steinbuckel eintauschen wollen.

Der 2001er Idig von Christmann kam mit einer leicht kamilligen und wuchtigen, wenngleich klaren Gelbfrucht-Nase ins Glas und zeigt insgesamt ein vielfältiges Aromenbild. Weniger überzeugend dann die Eindrücke im Mund: süßlich weicher Antrunk, gelbfruchtig wuchtig und hochreif mit etwas zu sehr deutlichen Alkoholpräsenz. Dem Idig fehlt hier die Spannung, denn die Säure erscheint nur mild, wo es doch einer kräftigeren Säure gebraucht hätte, um gegen den Körper zu arbeiten. Wieder Kamillearomen im dunkel-mineralischen Finish. Ein sehr guter Wein: ja klar, aber ein ausgezeichneter Wein ist der Idig diesmal nicht – einmütige 89 Punkte aus der Runde.

Ein weiteres Dickschiff läutete das Ende unserer Probe ein. Dichte gelbe Frucht und Trockenkräuter in der Nase, dazu jede Menge Schiefer, etwas Botrytis? Der Wein riecht so, wie ein leicht restsüßer Wein von der Untermosel gerne einmal riecht. Auch im Mund kann dieser Uhlen R 2004 von Heymann-Löwenstein leider heute nicht überzeugen, denn sein Antrunk ist süßlich und etwas schwerfällig, die Aromen reichen von Schiefermineralik (verhalten) zu Trockenkräutern und Äpfeln (deutlich) bis hin zu Seetang. Vielschichtig ist das dennoch nicht, auch hat der Wein wenig innere Spannung. Moderat präsente Säure, was bei einer eher halbtrockenen Sensorik nicht wirklich hilft. So beenden wir die Probe übereinstimmend mit 87-88 Punkten.

Wie auch schon in den vorangehenden Proben hatten wir einmal mehr Spass mit unserer weißen Lieblingsrebe – im Spätherbst 2017 wird diese Runde ihr 10. Zusammenkommen feiern. Der Termin ist geplant, die Weine bereits abgerufen.

Irgendetwas tief in mir sagt: das wird wieder spannend – und Ihr werdet hier davon lesen. Habt einfach etwas Geduld mit uns!

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Weingut Pfeffingen Riesling Spätlese trocken Ungstein Weilberg Großes Gewächs, 2004

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Der 2004er-Weilberg von Pfeffingen ist ein weiteres Beispiel welch ansprechenden trockenen Rieslinge der Jahrgang hervorbrachte. Dieses Große Gewächs ist jetzt auf seinme Höhepunkt und sein besonders Merkmal ist Harmonie, Spannung und geschmackliche Vielfalt. Doch der Reihe nach.

In der Nase ein Mischung getrockneten Aprikosen, gerösteten Haselnüssen, grünen Äpfeln, deutlich Mineralität, etwas Basalt und erhitzter Steinboden, die Reife zeigt sich ohne Zögern, aber ohne jede Patina und mit viel Frische und Gelassenheit – in der Summe ein überzeugendes Bukett für einen 12 Jahre alten Riesling.

Im Mund fällt der Wein keine Nuance ab. Im Gegenteil, dank seine jugendlich wirkenden Säurestuktur, trinkt sich der Wein, trotz seiner 13,5 % vol., durchaus leichtfüssig und verleitet uns ständig nachzuschenken. Die Frucht erinnert an einer Mischung an Rosinen, grünen Äpfeln und eingelegte Orangen, dazu erneut ein passender Touch aus gerösteten Nüssen und einer schmeckbar steinigen Würze. Seine Kraft will der Wein nicht verleugnen, aber die Säure ist agil, aber feinporig, und der mineralische Kick im Nachhall lässt diesen Riesling jünger wirken als er ist. Genau jetzt ist der Wein auf seinem Höhepunkt und bringt Spannung und Entspannung in die perfekte Balance. Ein hoher Genuß eines großen Pfälzer Riesling, von dem ich nur meinen Hut ziehen kann. Er hat uns den gesamten Abend auf das Beste begleitet. Schade, es war meine letzte Flasche.

Vom Weinfreund, damals rund 20 Euro, 92 Punkte (ausgezeichnet), jetzt bis 2018

Adeneuer Spätburgunder Ahrweiler Rosenthal Großes Gewächs, 2007

GM1_5245Wenn ich die Wahl habe, Rotweine des Weinguts Adeneuer zu probieren, greife ich zunehmend nach der Lage „Ahrweiler Rosenthal“. Dies schlägt sich statistisch auch bei den Einkäufen nieder. Zwar mag die Lage Rosenthal weniger Prestige-trächtig sein als das Pendant aus der Gärkammer in Walporzheim, hier sind die Weine aber zumeist – aufgrund des Mikroklimas in der Gärkammer – sensorisch etwas weniger kraftvoll als in der Walporzheimer Kleinstlage, was dem Rosenthal insbesondere in warmen Jahren durchaus zu Gute kommt. Auch der Holzeinsatz erscheint im Rosenthal ein wenig moderater auszufallen, jedenfalls im aromatischen Endergebnis. Welche Lage man nun letztlich höher schätzt – es bleibt eine Entscheidung der persönlichen Präferenz. Exzellent können Beide sein. Rank und schlank sind jedenfalls auch die Großen Gewächse aus dem Rosenthal nicht – was stimmig ist, denn das Weingut Adeneuer ist insgesamt nicht für einen schlanken Rotwein-Stil bekannt – gleiches gilt aber viele Betriebe des Ahr-Tals und soll daher nicht als Makel verstanden werden.

Der Wein kommt mit dunklem Purpurrot und leicht orangen Reflexen ins Glas. Unmittelbar verbreitet sich ein klarer Duft nach eleganter Walderdbeere und eine Spur roter Johannisbeeren im Glas aus. Die Frucht wird umzeichnet von zunehmend vernehmbarer Holzwürze, Spuren von Vollmilchschokolade schmeicheln hingegen in der Nase. Piment und Orangenschale runden den kraftvollen, einen Hauch wärmenden Eindruck ab (auch nicht weiter störend).

Holzwürziger Antrunk mit mittlerer Dichte nach Schokolade, Piment und Rosenpaprika, grüne Kräuter gesellen sich mit Verweildauer im Glas hinzu. Der süßliche Fruchtkern, hier wieder viel Walderdbeere und dunkle Beeren, steht dem Wein gut zu Gesicht. Im harmonischen Verlauf wird dieser Spätburgunder zunehmend mineralischer, wirkt trotz seiner Kraft nicht unbalanciert; seine pointierte Säure arbeitet schön gegen den Fruchtkörper und zieht den Spannungsbogen lang, beide Elemente gehen eine gelungene Verbindung ein. Deutlich mittellanger bis langer Nachhall, in dem die schokoladigen Töne mit Luft immer sahniger und schmeichelnder werden.

Sein noch feinporiges Tannin deutet darauf hin, dass der Wein aktuell noch nicht hastig ausgetrunken werden muss, im Gegenteil, der Weine könnte sich noch mehr zusammenfinden und noch etwas an Gesamtharmonie hinzugewinnen. Trinkspaß bereitet er aber auch schon heute.

Aus dem Fachhandel, 32 Euro, 90 Punkte (ausgezeichnet), jetzt bis 2019

Im Rausch der Florhefe: Sherry-Probe auf dem Vinocamp

Sherry war das Thema einer großartigen sozialen Weinprobe auf dem wundervollen Vinocamp 2015. Das Thema ist verkannt, unterschätzt, aber hochinteressant. Denn hier gibt es sagenhafte Weinqualität, von der sogar viele Weintrinker einfach nichts wissen. So gibt es kaum Gelegenheiten, Sherry auf hohem Niveau zu verkosten. Und davon gab es reichlich, vom einfachen salzigen, geschmackigen Manzanilla über die komplexen Projekt-Weine der Equipo Navazos bis hin zu gleich mehreren tief beeindruckenden En-Rama-Kollektionen von Gonzales Byass und einem unvergesslichen Palo Cortado Anada 1982. Weiterlesen →

VDP Weinbörse 2015: Mosel und Rheinhessen

Alle Jahre wieder ertönt der offizielle Startschuss für einen neuen Jahrgang auf der Weinbörse in Mainz – zumindest für die Winzer aus dem Verband deutscher Prädikatsweingüter. Wir waren gespannt, denn 2014 eilte ein äußerst gemischter Ruf voraus. Auf unserem Programm standen die für den Riesling wichtigsten Anbaugebiete, und wir wollen hier davon berichten. Den Anfang machen wir mit den Weinen aus Rheinhessen und Mosel-Saar-Ruwer. Weitere Artikel zu den anderen Gebieten werden folgen. Weiterlesen →

Partida Creus „Garrut“, 2012

Garrut

Achtung, vins naturel! Ich möchte diesen Trend hier gar nicht hochschreiben. Ich begleite ihn mit Aufgeschlossenheit, Sympathie und Neugier und freue mich, dass es Winzer gibt, die ihn prägen. Wieder einmal deutlich wurde mir das auf dem Weinsalon Natürel Mitte März in Köln, der alljährlich von dem Kölner Naturwein-Händler La Vincaillerie veranstaltet wird. Dieses Event auf einem, ganz passenden, nicht gerade uncoolen verfallenen Gewerbehof in Köln-Ehrenfeld bot die ideale Gelegenheit, um in diese wirklich alternative Weinszene einzutauchen und sich darauf einzulassen. Für meinen Gaumen war es wieder mal eine Art Versuchslabor, die Weine schmecken tatsächlich anders, auch hatte ich noch nie so viele ungeschwefelte Weine auf einmal verkostet. Einige Weine lagen jenseits meines Horizonts, andere hingegen waren für mich eine Entdeckung. So vor allem traditionell maischevergorene Weiße aus Venetien (Franco Terpin) und Slowenien (Klinec), aber auch ein Cabernet Franc von der Loire (»Érèbe« von der Domaine des maisons brûlées). Wieder einmal sehr anregend waren die Weine von Pierre Frick, wenn sie auch, im Vergleich zu anderen Winzern auf dem Event, fast wie geschliffen – und damit zugegeben wohltuend – wirkten.

Salon Natürel

Der Stil dieser ganz konsequenten vins naturel ist sehr eigen. Mal ganz unabhängig davon, was die Winzer erreichen wollen, mein rein sensorischer Eindruck ist immer wieder, dass es hier kompromisslos um die Frucht geht. Ablenkende sekundäre Aromen finden sich kaum, es sei denn die Weine sind länger maischevergoren. Erstaunlich sind in den gelungensten Fällen die Duftigkeit, der Facettenreichtum, die Tiefe und manchmal auch die Mineralität in der Frucht. Parfümiert oder lätschig war kaum einer der verkosteten Weine, das Bukett ist interessant und wandlungsfähig, dreht sich aber immer allein um die Frucht. Das vermittelt auch geschmacklich eine besonders geartete Reinheit, die mir ziemlich gut gefällt. Ebenso beachtlich ist die Frische, die viele Weine haben. Die Säure ist häufig deutlicher und schonungsloser als man es sonst kennt. Über sie kommt aber Power in die Weine, sowohl bei den roten, was ja immer noch ungewöhnlich ist, als auch bei den weißen, und das bei oft eher nicht so üppigem Körper. Viele Weine musste ich mir erschließen. Zuerst wurde man, begleitet von duftigen Fruchtaromen, im Sog der Säure quasi in die Weine hineingezogen, bis hinunter auf die Säureader oder auf die traubig schmeckende Gerbstoffigkeit, irgendwie auf das Skelett des Weins. Von dort schmeckte man sich dann wieder bis in die äußeren Schichten hervor.

Auch diesen Monastrell aus Katalonien – Garrut ist ein katalonischer Name für die Rebsorte – habe ich zum ersten Mal auf dem Event verkostet. Die blitzsaubere Frucht und die Frische, wie man sie auf keinen Fall von dieser Rebsorte kennt, beeindruckten mich derart, dass ich nicht umher kam, davon eine zweite und dritte Flasche an dem Tag noch durch halb Köln in die Fußballkneipe und dann mit der S-Bahn bis nach Bonn zu schleppen.

Dichtes dunkles Rubinrot, dunkelroter Kern, violette Reflexe. In der Nase zuerst rohes Fleisch, roter Tee, Kräuter, etwas Schweiß bzw. eine Sauvage-Note, dahinter entfaltet sich dann eine wunderschöne würzige, florale Duftigkeit, dazu Oliven und Milchschokolade. Im Mund ein dichtes Extrakt, der Wein rollt dick und konzentriert über die Zunge. Er hat eine schöne trockene rote, auch blaue, ganz saubere Frucht, hier ist nichts eingekocht oder überreif. Die Frucht wird flankiert von mineralischen Noten, Eisen, Fleisch, Blut, und man stößt schnell auf die frische, deutliche Säure. Hier ist nichts trocknend, das Tannin hält einfach nur alles in Bahnen und sorgt für eine leichte Mokkanote, die der sehnigen, ernst wirkenden Frucht sehr gut steht. Hat man sich erstmal durch das Extrakt geschmeckt, nimmt man die schöne Wässerigkeit des Weins wahr. Der Abgang ist mittellang und bleibt auf der rotfruchtigen, herben, auch salzigen Eisen-Note stehen. Der Wein hat mit Sicherheit kein neues Holz gesehen, die Tannine sind traubig. Auch hat er nur wenig Schwefel abbekommen, Naturwein eben. Die Struktur von der langen Maischevergärung steht ihm gut.

Ganz erstaunlich, wie viel Tiefe und Spiel in diesem Wein steckt und welche Spannung in ihm liegt. Die 14% Alkohol steckt er weg, obwohl er durchgegoren und völlig trocken ist. Das schafft allein die Frucht. Beeindruckend ist die kompromisslose Fleischigkeit und Blutigkeit dieses Weins. Der Wein ist sehr sehnig, er hat eher wenig Körper, und das trotz des Alkohols. Manch einem böte das vielleicht zu wenig Charme, zu wenig zum Reinlegen, die Sprödigkeit ist auch nicht gerade elegant zu nennen, mir aber gefällt dieser extreme Stil ziemlich gut.

Von der Weinmesse, 18 Euro, 88 Punkte (sehr gut), jetzt oder in ein, zwei Jahren trinken

Poderi Colla Nebbiolo d’Alba, 2010

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Ein guter, einfacher, nicht im Holz ausgebauter Nebbiolo ist auf seine Art unverkennbar, helle rote Beerenfrucht, duftig-florale Noten, dazu ein deutlicher Säurezug. Findet man hier einen schönen Trinkwein, sollte man sich ihn merken. Einer dieser Kandidaten ist für mich der Poderi Colla, ein stets ganz sauberer, klassisch ausgebauter, im Ansatz eleganter Wein aus dem großen Holzfass, der obendrein auch noch für kleinere Trinkanlässe gut erschwinglich ist.

In der diskret feinduftigen Nase rote Beeren, Hagebutten, eine leichte Teernote, florale, leicht welke Noten, ein feiner Reifeton wie von Brotkruste, dazu altes Holz und ein Hauch von Lack, das Bukett hat einen eigenartigen, welken, leicht morbiden Charme. Im Mund dann eine dynamische Säure, eine junge, feste Frucht und ein schöner Tanninbiss, alles noch lebendig, knackig, etwas kernig, doch auf den Punkt gewirkt und überhaupt nicht kantig. Der Wein ist in einem schönen Trinkfenster. Säure und Tannin schmecken traubig, der Wein ist sauber und in seiner Reinsortigkeit ausdrucksstark. Hinter der roten Beerigkeit tickt ein wenig Mandel oder gar Marzipan mit hoch. Die Altholznote schwingt auch im Mund mit, ebenso jetzt kalter Rauch. Die Textur ist leicht wässrig, was den Wein noch trinkanimierender macht. Der Abgang hat einige Länge. Ein blitzsauberer Nebbiolo mit Spiel und sogar etwas Tiefe. Ein erschwinglicher Brot-und-Butter-Wein auf einem schönen Niveau. Dazu gab es übrigens eine schöne Bolognese und wir verstanden uns alle richtig gut an dem Abend.

Aus dem Fachhandel, 13,80 Euro, 87 Punkte (sehr gut), jetzt gut zu trinken