Ein Weinabend in Oberhausen

Weinabend Oberhausen Titelbild (100 von 1)Meine Weinfreunde Wera und Norbert luden kurz vor Weihnachten zu einer Überraschungsprobe nach Oberhausen ein. Da musste ich natürlich hin, denn die Aussicht darauf, in einer angenehm kleinen wie sympathischen Runde spannende, ausgezeichnete Weine zu verkosten, war einfach zu verlockend. Und genau so kam es; viel Genuss bei Speis und Trank und auch Zeit für Gespräche abseits vom Wein. Aber bei Weintasting.de geht es natürlich ausschließlich um Letzteres.

Bodegas Martinez Gutierrez Carinena Gran Reserva, 1934
Dieser im Portstil vinifizierte Carinena war auch nach 80 Jahren noch intakt und duftete nach Sherrynoten und Walnuss. Am Gaumen eine fein cremige Textur, aber nicht übermäßig konzentriert, erneut eine feine Sherrynote und Nüsse, ansprechendes Süße-Säure-Spiel, lässt sich durchaus animierend trinken, mittlere Länge. (85 Punkte)

Weine in Oberhausen (101 von 10)Weingut Flick Riesling Spätlese trocken Wickerer Stein Alte Reben Rheingau, 2013
Hochmineralische Nase, dahinter Stachelbeere, reife gelbe Früchte, etwas Kakao, ansprechend. Am Gaumen von mittlerer Dichte, erneut reife gelbe Früchte im Antrunk, dann taucht aber schnell eine fokussierte Mineralität auf und hält den Wein eher schlank; lebendige und jugendliche Säure, die dem Verlauf Biss und Zug verleiht; der Wein ist noch nicht gänzlich geöffnet, trotzdem schon jetzt sehr gut zu trinken, ansprechender Nachhall. Ein toller Wein für 7 Euro. (88+ Punkte)

Jacob Jung Riesling trocken Erbacher Hohenrain Alte Reben Rheingau, 2013
Reintönige und vielschichtige Rieslingnase, leichte Kräuterwürze, elegante Zitrusaromen, feinsinnig. Am Gaumen nicht sonderlich konzentriert, herrlich saftige und glockenklare Kernfrüchte im Antrunk, straffe Säure, große Beweglichkeit, hochanimierend zu trinken, die Säure und die Süße halten sich perfekt die Wage, die Aromen des Kernobst tänzeln über den gesamten Verlauf auf meinem Gaumen. Der Wein besticht aufgrund seiner Klarheit, deutliche mineralische Substanz mit diversen Kräuteranklängen, sehr langer nuancierter Nachhall, in dem nun eher Steinfrüchte nachklingen. Manch Großes Gewächs wäre froh um dieses Niveau. Erneut ein ausgezeichneter Wein von dem Weingut. Hier kann man die Güte der Erbacher Lagen neu entdecken. (90+ Punkte)

Weine in Oberhausen (102 von 10)Oliver Leflaive Puligny-Montrachet 1er Cru Champ Gain Burgund, 2008
Noch sehr jugendlich ist dieser Premier Cru von Oliver Leflaive. Auch nach sechs Jahren Flaschenreife ist er sehr von dem guten, neuen Holz geprägt. Es zeigt sich auch eine schöne Zitrusaromatik, Grapefruit, Birne und erste Kräuteraromen. Ich mag das, aber Offenheit gegenüber holzgeprägten Weißweinen muss man schon mitbringen. Am Gaumen von mittlerer Dichte, zeigt we alle Anlagen, auf seinem Höhepunkt ein ausgezeichneter weißer Burgunder zu sein: jugendliche Zitrusfrüchte, tropische Anklänge, Kalkstein, viel Pikanz von der feingliedrigen Säure, heute noch etwas süßliches Holz, Kokos, Vanille, sehr animierend zu trinken, da nie zu fett, guter Biss, ansprechender Nachhall. Der Wein befindet sich auch in meinem Keller, und wie erwartet entwickeln sich die 2008er sehr langsam. Meine nächste Flasche mache ich erst in fünf Jahren auf. (89+ Punkte)

Weine in Oberhausen (103 von 10)Weingut August Kesseler Spätburgunder Assmannshäuser Höllenberg Rheingau, 1988
Animalische Anklänge mit nassem Hundefell, dunkler Tabak, hochreife dunkle Beerenfrüchte. Am Gaumen mittlere Dichte, hochreife Pflaumen, schon etwas fragil, die Säure steht abseits und sticht hervor, vielschichtige getrocknete Kräuter. Sehr schön sind die Aromen vom Fassausbau, bestens mit der Frucht verbunden, sehr hochwertiges Holz, leider zehrt die Frucht im weiteren Verlauf immer weiter aus und so verliert der Wein seine Balance. Er war vor zehn Jahren bestimmt ein ausgezeichneter Spätburgunder, der Nachhall ist noch immer passabel. (85 Punkte)

Weine in Oberhausen (104 von 10)Domaine Morin Gevrey-Chambertin Burgund, 1961
Vollständig geöffnete pure Burgundernase mit einer blitzsauberen, gereiften Beerenfrucht, Pfefferminze, Süßholz und feinen Röstanklängen, ganz großartig. Am Gaumen dicht, saftig-fruchtiger Auftakt mit roten Waldbeeren und der üblichen Gevrey-Würze, Tapenade, Grillaromen; pikante Säure, herrlicher Trinkfluss, sehr harmonisch und satt liegt dieser Pinot auf meinem Gaumen, ohne jede Müdigkeit. Hinten raus wird er immer vielschichtiger, die Pinotfrucht spielt mit diversen getrockneten Kräutern, Thymian, Pfefferminze, Röstaromen vom Fassausbau, sehr sauber, unglaublich langer Nachhall. (96 Punkte)

Weine in Oberhausen (105 von 10)Cantina Cinque Castelli Gattinara Piemont, 1961
Herrlich kitschiges, geschmackfreies Etikett, aber 1961 war diese Gestaltung vermutlich der letzte Schrei im nördlichen Piemont. Egal, dieser Gattinara stinkt zu Beginn ein wenig nach Naphtalin, was mit der Zeit aber nahezu vollständig verfliegt. Immer mehr treten Schwarzkirschen, etwas Zwetschgen und getrocknete Kräuter auf, die Frucht ist noch intakt. Am Gaumen ist er erstaunlich konzentriert, sauberer und saftiger Antrunk nach roten Johannisbeeren, etwas Kirschen, Mandeln, florale Anklänge, feine, bestens integrierte Säure, der Wein trinkt sich überaus animierend. Harmonischer Verlauf von mittlerer Intensität und Komplexität, mittlere Länge. Ein überraschend geschmacksschöner Wein und mal wieder eine echte Überraschung. Danke an den Gastgeber für diese Rarität. (89 Punkte)

Weine in Oberhausen (106 von 10)Azienda Cigliuti Nebiollo Briccoserra Langhe Rosso Piemont, 1999
Unser Gastgeber hatte sich auf unserer kürzlichen Piemont-Reise in die Weine von Cigliuti verliebt und so kam wenig überraschend, jedoch ganz zu meiner Freude, ein Wein dieses Erzeugers auf den Tisch, der zumindest mich erneut überzeugen konnte. Herrlich, harmonischer und feinsinniger Duft nach nobler Herrenschokolade, eine glockenklare Kirschfrucht, Abrieb von Orangen und Zitronen, eine Spur Kokos vom Fass. Im Mund nicht sehr kräftig, mit saftigen, satten Auftakt, viel Kirsch- und Beerenfrucht, das Holz ist nur in Ansätzen zu vernehmen, hält sich insgesamt aber nobel zurück. So begleiten mich über den gesamten Verlauf eine saubere Frucht, erste Reifearomen, Laub, sauberer Waldboden, dafür muss man wahrlich kein Altwein-Fan sein, im Gegenteil, der Wein wirkt jetzt perfekt gereift, samtige Schokoladennoten, feine Würze und ein ansprechender Nachhall. Ein ausgezeichneter Wein und für einen „einfachen“ Langhe sehr beachtlich. (92 Punkte)

Weine in Oberhausen (107 von 10)Chateau Lagrange Saint-Julien Bordeaux, 1983
Ein wenig überraschend fand sich als nächster Wein ein Bordeaux in meinem Glas wieder. Die Nase wird bestimmt von einer überbordenden Holzwürze, die Frucht kämpft sich nur mühsam durch die Röstaromen. Insgesamt ein bäuerlicher Eindruck, mäßig ansprechend. Am Gaumen mittlere Dichte, die Cabernet-Frucht gibt sich zu erkennen, trotzdem ist er für mich nicht als Bordeaux zu erkennen, auch hier einfach zu viel Holz, ab der Mitte schiebt sich die Frucht etwas nach vorne, der Wein erlangt eine größere Harmonie. Insgesamt gut gereift, noch vollkommen intakt, könnte aber etwas mehr Ausdruck und Spiel haben, gute Länge. (87 Punkte)

Weine in Oberhausen (108 von 10)Bartolo Mascarello Barolo Canubbi San Lorenzo Rocche di Torriglione Piemont, 1990
Ausdrucksstarkes Bukett mit Pumpernickel, Kokos, Kakao und einer hochreifen, dunklen Beerenfrucht, florale Noten im Hintergrund. Am Gaumen ein feiner Wein, glockenklare Frucht mit Sauerkirschen und Waldbeeren, bestens integriert, wenngleich markante Säurestruktur. Feine tertiäre Aromen durchziehen die Frucht, bewegliche Konsistenz, animierender Trinkfluss, die feinporige Tanninstruktur verleiht Struktur, dazu Kokos- und Kakaonoten vom Fassausbau, ordentliche Tiefe. Die ausgezeichnete Bewertung verdient sich dieser Barolo jedoch aufgrund seiner klaren Fruchtigkeit, die sich über den gesamten Verlauf nie verliert, und mit seiner feinen Art. Guter Nachhall. Der 1989er daneben war leider oxidiert und entlockte so mir keine Beschreibung. (93 Punkte)

Weine in Oberhausen (109 von 10)Rotllan Torra Amadis Priorat, 1999
Herrlicher Duft nach Bleistift, Graphit, Zedernholz, schwarzem Pfeffer, dunkler Beerenfrucht, dazu ein Korb voller Schwarzkirschen, Zitrusabrieb. Am Gaumen von mittlerer Dichte, klarer Fruchtauftakt, durchzogen von einer sauberen Teernote, dann greift eine packende Mineralität in den Gaumen, wie ich sie nur von Weinen aus dem Priorat kenne, dadurch sehr typisch für dieses Anbaugebiet. Über den gesamten Verlauf sehr harmonisch, mit sauberer und satter, aber nie überreif oder breit wirkender Beerenfrucht, die Säure bringt Frische und eine Zitrusaromatik hinzu. Der Wein ist animierend zu trinken, mittlere Tiefe und Komplexität, ansprechender Nachhall, allemal ein ausgezeichneter Wein, der jetzt seine volle Reife erlangt hat. (91-92 Punkte)

Hans Kristian Jorgensen Cortes De Cima Reserva Portugal, 1998
Gedecktes Bukett, etwas Milchschokolade, Kirschkonfit, etwas Erdbeere und Himbeere, Kräuterwürze. Am Gaumen von mittlerer Dichte, noch jugendliche Anmutung, das Tannin greift kräftig in den Gaumen, die Frucht ist sauber, erneut Assoziationen von Kirschen und Erdbeeren, verspielte und feine Säure, leider fächert der Wein hinten heraus nicht sonderlich auf und ist eher kurz im Nachhall, daher heute noch keine ausgezeichnete Wertung. (88 Punkte)

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