Große Riesling-Gewächse aus 2007

Der Jahrgang 2007 wird uns in Deutschland noch eine Weile beschäftigen – die einen prophezeien ganz große Weine, die anderen werten ihn schon wieder ab. Thorsten und Guido hatten für die Verkostung am 19. Juni im Rahmen der Bonner Weinrunde ihre Keller geöffnet und beglückten uns mit einer einmaligen Auswahl an ordentlich klassifizierten Großen und Ersten Gewächsen. Wie entwickeln sich die Weine? Wer ist noch im Tiefschlaf? Wer präsentiert sich jetzt schon richtig gut? Die Weine kamen blind auf den Tisch, sie wurden mind. sechs Stunden zuvor doppelt dekantiert und die Reihenfolge war, bis auf den Einstiegswein, zufällig.

Zum Annähern, Warmtrinken und Punkte einpegeln wurde blind der Dönnhoff Tonschiefer Jahrgang 2007 serviert. In der Nase die typische Mineralität von nassem Stein, dazu Zitrus- und gelbfleischige Früchte und ein Hauch florale Noten. Im Mund ist seine kühlende Mineralität prägend, sehr saftig im Antrunk, junge Pfirsiche, noch sehr frisch und jung wirkend, hat er gewisse Tiefe und einen fast langen Abgang mit einem Finale aus Kräutern und schönen mineralischen Noten. Toller Einstiegswein, für knapp unter 10 Euro ein wahres Schnäppchen. Danach ging es gleich die größeren Gewächse.

1. Reinhold Haart Riesling trocken Piesporter Goldtröpfchen Großes Gewächs (Mosel)

Deutliche Spontinoten, die langsam nachlassen. Insgesamt etwas verhalten, mit einer dunklen, erdigen Mineralik, wirkt bereits sehr reif und konzentriert. Ein ähnlicher Eindruck im Mund: reif, mit viel Karamell, einer deutlichen Zuckerspitze, etwas breit und trotzdem verschlossen, einige finden den Wein gar indifferent mit wenig Spiel, schwer mit wenig bzw. verschlossen wirkender Frucht, hinten zuviel Alkohol und zu wenig Säure. Eine andere Fraktion am Tisch widerspricht und erkennt deutlich Steinfrüchte, die typische Mineralik der Mittelmosel, Schlankheit und Eleganz mit einem schönen salzigen Finale. Der Wein wird kontrovers diskutiert, die meisten rümpfen aber die Nase. (86 bis 88 Punkte, im Durchschnitt 87 Punkte)

2. Weingut Dönnhoff Riesling trocken Niederhäuser Hermannshöhle Großes Gewächs (Nahe)

Sehr nachdrücklicher, reintöniger und komplexer Duft nach gelbfleischigen Früchten, feinem Lakritz, jungen Zitrusfrüchten, einer rauhen, dunklen Mineralik; dahinter noch verspielte Anklänge nach rotbeerigen Früchten und Äpfeln. Komplex, straff mit einer eigenen individuellen Note. Am Gaumen kann der Wein das Niveau bestätigen. Wilde Kräuter, Heu, eine rauhe sehr tiefe Mineralik und eine extreme Extraktdichte machen den Antrunk zu einem besonderen Vergnügen. Noch sehr jung, zeigt er aber bereits sein ganzes Potential an. Großes Spiel und Nachdruck. Die mineralischen Noten nehmen immer mehr zu und spielen ein filigranes Spiel mit der perfekt eingebundenen Säure. Ein Touch Restzucker verbindet sich ausgezeichnet mit dem salzigen Nachhall, in dem auch eine Winzigkeit Botrytis durchschimmert. Der Wein kann noch zulegen, ist aber schon jetzt großartig. (91 bis 94 Punkte, im Durchschnitt 93 Punkte)

3. Georg Mosbacher Riesling trocken Forster Freundstück Großes Gewächs (Pfalz)

Komplexe Nase mit viel reifem Steinobst und tropischen Früchten, insbesondere Mango und Melone, eine kräuterwürzige kühle Mineralität und ein leichter Lackton. Der Antrunk ist sehr saftig und fruchtbetont, dahinter elegante Kaffee- und Jodnoten. Zeichnet sich durch eine besonders gelungene und leicht cremige Verbindung von Frucht und Mineralik aus. Langes, salziges Finish mit feinen herben Noten. (89 bis 94 Punkte, im Durchschnitt 92 Punkte)

4. Dr. Wehrheim Riesling trocken Kastanienbusch Koppel Großes Gewächs (Pfalz)

Intensiver kräuterwürziger Duft, etwas Waldmeister und Cassis, auch Honig und Holunderblüten sind auszumachen. Sehr nachdrücklich und elegant zu gleich. Tolles Erlebnis. Im Mund gehen die Meinungen etwas auseinander. Der Wein wirkt noch unentwickelt, derart scheint er unter Spannung zu stehen. Wirkt unmittelbar sehr dicht, hohe Extraktdichte, mit einem Touch Restzucker und Botrytis ausgestattet. Wird geprägt von seiner kühlen Mineralität und neben den üblichen Rieslingnoten auch spürbar Cassis, Grapefruit und Limettenschale. Weiter hinten reklamieren einige einen Alkoholtouch und eine unharmonische Ruppigkeit. Salziges Finish, knapp lang. Sehr gut, aber noch zu jung. (84 bis 93 Punkte, im Durchschnitt 87 Punkte)

5. Weingut Schäfer-Fröhlich Riesling trocken Bockenauer Felseneck Großes Gewächs (Nahe)

Mineralischer Duft nach Kräutern und Tafelkreide, etwas rotbackige Äpfel sind auszumachen, aber insgesamt sehr verhalten, fast indifferent. Im Mund erstaunlich saftig, hohe Extraktdichte, feinporiges Säurespiel, wieder Apfelaromen, etwas Zitrus, es fehlt ihm aber an Komplexität und Spiel. Weder sonderlich tief noch spannend. Hat eine gewisse Eleganz, mittellanges Finish mit mineralischen Noten. Die Runde ist überwiegend enttäuscht. (84 bis 90 Punkte, im Durchschnitt 87 Punkte)

6. Weingut A. Christmann Riesling trocken Köngsbacher Idig Großes Gewächs (Pfalz)

Feine Spontinase mit einem sehr tiefen und komplexen mineralischen Duft nach Malz, Rauch und trockenem Tee. Dahinter wilde Kräuter und flüssig gewordene Kieselsteine. Kaum Fruchtaromen. Sehr interessant und tiefgründig. Im Mund noch verschlossen, zeigt er aber schon jetzt seine Tiefe und Komplexität an. Sehr trocken, überaus elegante Säurestruktur, wieder kaum Frucht (für einige zu wenig). Feine dunkle Beerenaromen und Apfelkerne. Ansonsten lebt der Wein auch im Mund fast ausschließlich von seinem intensiven und spannungsgelandenen Säurespiel. Unheimlich langer und sehr dichter Abgang, in dem einige am Tisch ein Alkoholproblem zu erkennen glauben. (90 bis 95 Punkte, im Durchschnitt 93 Punkte)

7. Weingut Emrich-Schönleber Riesling trocken Monzinger Halenberg Großes Gewächs (Nahe)

Mineralische Nase mit Biskuit, Vanille und feinen Malztönen. Dahinter komplexe Fruchtaromen von Stachelbeeren, weiße Johannsibeeren und Steinobst. Im Mund sehr dicht und noch sehr verschlossen, wirkt daher fast eindimensional, etwas Zitrusfrucht und Grapefruit mit wahrnehmbarer Zuckerspitze, die Säure noch wenig integriert. Weiter hinten deutlich Bitternote, bricht etwas ab, dazu ein Touch Alkohol; eine leicht cremige Textur versöhnt ein wenig. Die übliche wildkräuterige Mineralität des Halenbergs zeigt sich noch nicht. Der Wein ist im Tiefschlaf und sollte noch mindestens drei Jahre in der Höhle bleiben. (85 bis 89 Punkte, im Durchschnitt 87 Punkte)

8. Weingut Künstler Riesling trocken Hochheimer Hölle Erstes Gewächs (Rheingau)

Tiefe und fesselnde Nase mit nassen Kieselsteinen und Tafelkreide. Noch sehr jugendlich und ungestüm, aber mit einem eindrücklichen Früchtespiel aus Mango, junger Ananas und kandierten Zitrusfrüchten. Im Mund saftig, reintönig und frisch. Erneut junge Ananas und Zitrusfrüchte, die Säure kräftig und feinperlig. Die Mineralität durchzieht den Wein durch den gesamten Verlauf hindurch. Verspielter, eleganter Stil, der schon jetzt sehr balanciert wirkt. Knapp langer Abgang mit grasigen Anklängen. (88 bis 92 Punkte, im Durchschnitt 90 Punkte)

9. Weingut Ökonomierat Rebholz Riesling trocken Birkweiler Kastanienbusch Großes Gewächs (Pfalz)

Eigenwillige Nase mit schwarzen Beerenfrüchten, Mirabellen, Pfirsichen und Kräutern. Kühle, strenge Stilistik mit einer rauchigen Mineralität. Im Mund fällt sofort ein Touch Botrytis auf. Sehr kompakt, hohe Extraktdichte, der Wein schiebt mächtig gegen den Gaumen, erneut die rauchige Mineralität, Zitrusfrüchte, Äpfel und die schwaren Beerenaromen; kühle ätherische Noten, trotz seiner Kraft elegant, aber noch sehr verschlossen. Heute noch unharmonisch, die Säure ist kräftig und noch nicht eingebunden, aber gute Länge. (89 bis 92 Punkte, im Durchschnitt 91 Punkte)

10. Weingut Pfeffingen Fuhrmann-Eymael Riesling trocken Herrenberg Mardelskopf Großes Gewächs (Pfalz)

Verhaltene Nase mit dunkler Mineralität, frisch geschnittenen Gräsern, sehr jung, strenge Stilistik, wirkt balanaciert. Im Mund ein eleganter, sehr trockener, schlanker Wein, der konsequent seine Stilistik verfolgt. Junge kräftige Säure, kaum Frucht, etwas Steinobst und Zitrusfrüchte, gefällt aber aufgrund seiner straffen Struktur, der Nachhall mittellang mit sehr salziger Mineralität. (89 bis 92 Punkte, im Durchschnitt 91 Punkte)

11. Weingut Schloss Johannisberg Riesling trocken Silberlack Erstes Gewächs (Rheingau)

Verhaltene, fruchtige Nase mit Maracuja, Zitronen, Steinobst; kreidige Mineralität, kühle klassische Stilistik. Im Mund sehr würzig, mit den typischen Rieslingaromen, dazu eine milde, sehr gepufferte Säure. Ein Wein der leisen Töne, einigen am Tisch fehlt es an Tiefgang; eindimensional, gar langweilig, tönt eine Fraktion. Hinten hat der Wein ein leichtes Alkoholproblem, mittlerer Abgang ohne besondere Finesse. Ein guter Wein, dem es aber ein wenig an eigener Identität und an Komplexität fehlt. Eventuell ebenfalls im Tiefschlaf, nur die weiche, reife Säure lässt daran zweifeln. (87 bis 91 Punkte, im Durchschnitt 88 Punkte)

12. Weingut Wagner-Stempel Riesling trocken Siefersheimer Heerkretz Großes Gewächs (Rheinhessen)

Überaus nachdrückliche Nase mit Karamell, etwas Traubenzucker, gelbe reife Äpfel, ein ganzer Korb voller Pfirsiche und Aprikosen, Dosenmandarine und eine verspielte, schmelzige Mineralik mit Wachs und Toastnoten. Ein wenig Botrytis im Mund, der Antrunk ist weich, sehr saftig und unheimlich dicht und tief. Reintönige tropische Noten, Rosinen, eingelegte Pfirsiche; eine feste, schon leicht reife Säure, die perfekt eingebunden ist und den langen Abgang in gekonnter Spannung hält. EIn komplexer, sehr verspielter Wein, der in der gesamten Runde viel Zuspruch erhält. (91 bis 93 Punkte, im Durchschnitt 92 Punkte)

13. Weingut Wittmann Riesling trocken Westhofener Morstein Großes Gewächs (Rheinhessen)

Nicht ganz tiefe Nase mit Biskuit, Maracujacreme, etwas Rosinen, sehr reif und entwickelt wirkend. Auch hier wieder ein Touch Botrytis im Mund, Bananen und Marzipan kommen einigen in den Sinn, aromatisch etwas breit wirkend, die Zitrusaromen sorgen für etwas Spannung. Insgesamt aber ein harmonisches Süße-Säure-Spiel, wobei die Säure manchen ein wenig zu heftig ist, knapp langer Abgang. Ein kräftiger, etwas breiter Wein, der nicht ganz auf der Höhe scheint. Liegen lassen. (88 bis 92 Punkte, im Durchschnitt 90 Punkte)

14. Robert Weil Riesling trocken Kiedricher Gräfenberg Erstes Gewächs (Rheingau)

Tiefe mineralische Nase mit Malz, sehr elegant und vielschichtig, ein bunter Strauß mit Kräutern und eleganten Fruchtaromen, Mandarinen und reife Äpfeln; äußerst fein komponiert mit einer grandiose Nase. Im Mund ebenso großartig. Schon jetzt eine fast perfekte Balance, ein fesselndes Spiel von tropischen Früchten und einer komplexen Mineralik. Sehr dichter, kompakter Wein, ohne aber seine Muskeln zu zeigen. Die Säure ist kräftig und hat ein salziges Finish im sehr langen Abgang. Ein großartiger Wein. (92 bis 94 Punkte, im Durchschnitt 93 Punkte)

15. Weingut Keller Riesling trocken Dalsheimer Hubacker Großes Gewächs (Rheinhessen)

Heftig, mineralische Nase mit Kaffee, Malz und feuchten Kieselsteinen, reife Mandarinencreme. Auch im Antrunk kaum Frucht, um so mehr mineralische Noten, viel Feuerstein und Toastbrot. Im weiteren Verlauf zeigen sich dann aber doch Mandarinen, Steinobst und grüne Äpfel. Gute Harmonie, hohe Extraktdichte, eine gewisse Dichte und Komplexität, vielleicht noch etwas verschlossen. Der Abgang macht Spaß, ist aber etwas kurz. (91 bis 94 Punkte, im Durchschnitt 92 Punkte)

16. Weingut Kühling-Gillot Riesling trocken Niersteiner Pettenthal Großes Gewächs, Rheinhessen

Eine sehr kräutrige, mineralische Nase, Gummi und Gelbwurz werden genannt, auch Feuerstein, Trockenblumen und Heu. Die Frucht hält sich im Hintergrund, nur ein wenig reifes Steinobst steigt in die Nase. Im Mund ist der Wein unheimlich dicht und kraftvoll. Der Wein schäumt fast über vor Kraft und Extraktdichte, auch im Mund ist er sehr mineralisch. Gute Säurestruktur. Langer, kraftvoller Abgang mit einem cremigen und weichen Finish. Manchen ist es schlicht zu viel, ein Muskelprotz, dem es an Eleganz und Struktur fehlt. Der Rest der Runde lobt die unheimliche Präsenz aller Komponenten. (91 bis 95 Punkte, im Durchschnitt 94 Punkte)

(Rainer)

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2 Kommentare zu “Große Riesling-Gewächse aus 2007

  1. Super Blogbeitrag! Was das GG von Kühling-Gillot aus dem Pettenthal angeht, kann ich nur zustimmen. Ich habe vor kurzem mit HO eine Magnum davon geleert – rein wissenschaftlich versteht sich 🙂 – das ist einer der besten, wenn nicht sogar der beste Wein aus dem Jahrgang.

  2. Pingback: Riesling Große Gewächse 2007 – Eine Bestandsaufnahme über Zustand und Entwicklungspotential nach sieben Jahre Flaschenreife | Weintasting.de

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