Große Rotweine aus Österreich? (13.12.2008)

Dieser Frage ging die Bonner Weinrunde kurz vor Weihnachten nach und trat mit 17 Rotweinen eine Reise durch das Burgenland, das Carnuntum und der Thermenregion an. Vorweg: Die Probe machte uns viel Freude und versetzte uns in Feierlaune. Umso schöner, wurde doch am selben Tag unser kleiner Weinblog 1.000 Tage alt. So wollen wir hier auch kurz Bericht erstatten.

Der Schwerpunkt lag auf den einheimischen Rebsorten Zweigelt, St. Laurent und Blaufränkisch. Hinzu kam noch der Pinot Noir, der hier eine eigene Stilistik hat. Die ersten vier Etappen unserer Reise galten jeweils einer der genannten Rebsorten, nur im letzten Flight wurde gemischt, und wir durften uns an einigen großen Gewächse und Cuvées von vier bekannten Weingütern erfreuen. Die Weine wurden blind verkostet und nach jedem Flight aufgedeckt. Zum Ankommen gab es vorab mit dem Zierfandler eine weiße Spezialität aus der Thermenregion.


0. Johanneshof Reinisch Zierflandler Reserve, 2006
In der Nase eine harmonische Buttertoast-Note, Röststoffe, Lakritz, dazu reifes gelbes Obst, Äpfel, Birnen, Marillen, etwas Wachs. Im Mund eine deutliche, schön strukturierte Säure, hinten eine holzgetragene Süße. Dichtes Extrakt. Langer schöner Abgang. Eine gelungene Balance zwischen der Frische der Säure, der Süße der Holznoten und den opulenten Fruchtaromen. Aufgrund der Barriquenote in der Runde nicht jedermanns Geschmack, die anderen äußern großen Zuspruch. (84-89 Punkte, durchschn. 88 Punkte)


1. Weninger Pinot Noir Kalkofen, 2005
Ein Bukett von dunklen Vanilleschote, eingelegten Kirschen, auch Wacholder und Lorbeere, insgesamt dunkel und rauchig. Im Mund noch grüne, junge, adstringierende Tannine, sehr trockene Stilistik mit eingekochten roten Beeren und einer anklingenden Holzsüße. Eine dunkle Barriquenote, burgundische Stilistik. Bricht hinten ab auf einer nachflimmernden roten Beerennote. Ist noch ruppig und unentwickelt, hat aber Potenzial. (83-87 Punkte, durchschn. 84 Punkte)


2. Gesellmann Pinot Noir Siglos, 2005
Typische Spätburgunder-Nase, fruchtige, leicht kräuterwürzige Aromen von roten Beeren, auch Johannisbeere. Auch im Mund ist die Frucht stark ausgeprägt und wird von einer kühlen Stilistik mit ätherischen Ölen, vor allem Minze, abgepuffert. Dichtes Extrakt, deutliche Holznote, die Tannine sind aber schon weich und integriert. Mittlere Länge, hat aber Potenzial für mehr. Insgesamt sehr harmonisch und trinkig, was von der Runde entsprechend honoriert wird. (88-92 Punkte, durchschn. 89 Punkte)


3. Heinrich Pinot Noir Reserve, 2006
In der Nase Pflaumen, Herbstlaub und vor allem eine starke Note von jungem Holz („Rohholz“), die das Bukett stark dominiert. Im Mund vielschichtigere Aromen von dunklem Rauch, Kirschen, eine Pilznote, etwas Toast, weiter hinten Orangenschalen. Viel zu jung, das Holz steht noch neben dem Wein, in der Anlage aber schon eine karamellige Schmelzigkeit, die auf einiges Potenzial hinweist. (82-87 Punkte, durchschn. 85 Punkte)


4. Prieler Pinot Noir, 2006
In der Nase mit Kirsche, Pflaume, Johannisbeere viele dunkle Fruchtaromen, auch Wacholder und Pfeffer, alles ist aber noch nicht richtig integriert. Im Mund adstringierendes Tannin, Beeren, etwas Mandeln und Kakao und immer deutlicher schwarzer Pfeffer. Scheint insgesamt noch zu jung, das Tannin stumpft, die Säure ist spitz. Der Verlauf bricht zwischendurch ab, kommt dann aber über eine dichte, leicht salzige Extraktnote wieder für einen noch ruppigen, aber langen Abgang. Auch hier vermuten wir einiges Potenzial. (85-89 Punkte, durchschn. 86 Punkte)


5. Glatzer Gotinsprun, 2006
Im Glas deutliche Kirchenfenster. Kräuterige, auch vegetabile Nase mit roter Beete und holzvanilligen Noten. Auch etwas Alkohol in der Nase. Im Mund komplexer mit Pfeffer, roter Paprika, auch Brombeeren, Nelken und Schokolade, Weihnachtliche Aromen, der Alkohol wird besser gepuffert. Hält weniger Tannin und Säure als die Vorgänger parat, wirkt trinkreifer, aber bietet auch wieder eine gute Dichte. Der Abgang ist lang und würzig. Gemischte Urteile in der Runde, einige attestieren eine mangelnde Tiefe. (82-87 Punkte, durchschn. 85 Punkte)


6. Markowitsch Rosenberg, 2006
In der Nase Gerbstoffe, Ledernoten, dazu Pfeffer, Trockenkräuter (Thymian), konzentrierte schwarze Beeren. Im Mund trocknend, wieder salzig wirkende Gerbstoffe, eine etwas spitze, einige sagen frische, aber offenbar junge Säure. Sehr viel feinkörniges Tannin. Wirkt sehr gut ausbalanciert und strukturiert und bietet das Potenzial für einige Eleganz. Bisher der rundeste, eleganteste Wein, der in der Runde durchweg sehr gut angenommen wird. (86-91 Punkte, durchschn. 88 Punkte)


7. Umathum Zweigelt Ried Hallebühl, 2004
Sehr dunkel im Glas, rote Kirchenfenster, schon in der Nase tief und pulsierend mit Aromen von schwarzen Beeren und Schokolade. Die ausgeprägte Schokolade setzt sich im Mund fort, dazu dunkle, konzentrierte Kirschnoten. Hinzu kommt eine kühle Brise mit ätherischen, frischen Noten und sogar mineralischen Nuancen. Insgesamt ein sehr konzentrierter, sich stetig wandelnder, komplexer Aromakern, der bis in den langen Abgang nachhallt. Die Runde ist überwiegend begeistert. (86-92 Punkte, durchschn. 90 Punkte)


8. Grassl St. Laurent Reserve, 2003
Die duftige Nase ist von Kirschen und dunklem Holz geprägt (einer sagt Kirschkerne), auch etwas Alkohol, dazu getrocknete Orangen, Grand Manier, Veilchenpastillen. Im Mund eingekochte, dunkle, würzige Früchte, Milchschokolade und wieder etwas vegetabile Anklänge. Warme Stilistik, viel Extrakt, im Antrunk aromatisch, im Abgang mittellang. (85-90 Punkte, durchschn. 87 Punkte)


9. Heinrich St. Laurent, 2006
Die Nase bietet vor allem Gewürze mit Kardamom, Kümmel, Laub, auch Gurke, an einer schlanken Pflaumen-Beeren-Frucht. Im Mund eine Wolke an feinem, aromatischem Tannin. Kühle, leicht salzige Räuchernoten, ohne speckige Aromen. Darunter nun etwas stärker die Pflaumen-Note. Kühle, dunkle Stilistik. Mineralische Anklänge. Wieder umgemein dicht, mittlere Länge. Bekommt in seiner aromatischen Art durchweg Zuspruch in der Runde. (87-91 Punkte, durchschn. 88 Punkte)


10. Johanneshof Reinisch St.Laurent Grande Reserve Holzspur, 2004
In der Nase eine etwas strenge Gerbstoffnote, auch Alkohol, an Aromen Kirschen, Cassis, Ingwer, Nelken, Pfeffer. Im Mund viel Tannin bei einer markanten Säure, spürbarer Alkohol, das Fruchtextrakt kommt nicht so gut zur Geltung, wirkt sogar etwas dünn, ist aber wahrscheinlich einfach nur verschlossen. Aromen von Schokolade, dunklen Beeren, etwas Balsamico. Auch im Abgang viel Tannin. Ein Wein, mit dem die Runde an diesem Abend überwiegend nicht gut klar kommt und Potenzial höchstens vermuten kann. (84-88 Punkte, durchschn. 86 Punkte)


11. Muhr van der Niepoort Blaufränkisch Spitzerberg, 2006
In der Nase leider verschlossen, nur Nuancen von Kirschen, Himbeeren, Süßholz, Lakritz. Auch im Mund aromatisch sehr schlank, fällt auseinander in Säure und Alkohol. Auch die Länge fehlt. Die Runde ist ratlos. Ein Wein, der gerade tief zu schlafen scheint. (80-82 Punkte, durchschn. 81 Punkte)


12. Paul Kerschbaum Cuveé Impresario, 2006
Ein eher schlankes Bukett mit Pflaume, Vanille, Zimt und Haselnuss, delikat, aber nicht intensiv. Im Mund dann vor allem dunkle, rauchige Beeren. Im verlauf wird die Säure dominant und lässt die anfängliche Frucht abbrechen. Die schon feinen Tannine und das dichte Extrakt geben im Mund eine schöne Fülle. Insgesamt eher geradlinig, wenig an Tiefe und Komplexität. Die Runde ist etwas enttäuscht von der Einfachheit. (82-88 Punkte, durchschn. 84 Punkte)


13. Krutzler Blaufränkisch Reserve, 2006
Die schöne Nase ist schwelgerisch mit Aromen von Pflaumen, Sauerkirschen, Marzipan, Kakao und Zimt. Auch im Mund ist der Aromakern geöffnet mit tanningestützten, aber überhaupt nicht marmeladigen Kirschnoten. Die Aromatik ist sehr sauber, transparent und bietet einige Tiefe, auch mineralische Nuancen. Die Säure wirkt animierend. Trotzdem noch zu jung. Viel Säure, viel Tannin, viel Säure. Potenzial! Findet in der Runde durchweg guten Anklang. (86-91 Punkte, durchschn. 88 Punkte)


14. Umathum Pinot Noir Unter den Terrassen zu Jois, 2006
In der duftigen Nase Gewürznelken, florale Noten, auch Süßholz, Vanillesüße, scheint viel Holz gesehen zu haben. Im Mund eine packende, viel zu junge, stark dominierende Säure. Die Fruchtaromen kommen nicht richtig durch. Dafür aber schon frische, ätherische Noten, Minze. Sehr trocken ausgebaut. Die bisher druckvollste Mineralität an diesem Abend. In der Runde für einige zu schlank, für andere ansprechend elegant. (85-91 Punkte, durchschn. 87 Punkte)


15. Johanneshof Reinisch Pinot Noir Grande Reserve Holzspur, 2001
Schon in der Nase deutliche, sehr ansprechende Reifetöne, Beerenkompott, eingekochte Erdbeeren, Kräuter, Komplexität. Im Mund viel feinkörniges, fast pulveriges, auf den Punkt gereiftes Tannin, etwas stumpfend, dazu eine weiche, shon etwas sehr reife Säure. Eine von Tertiäaromen geprägte Frucht und eine aromatische Ledernote, auch Karamell, Marzipan. Sehr trocken, komplex, muskulös, langer Abgang. In der Runde aufgrund seiner Reifetöne und der sehr reifen Säure kontrovers besprochen und bewertet. (81-90 Punkte, durchschn. 87 Punkte)


16. Prieler Blaufränkisch Goldberg, 2005
Ein Bukett von Traubenzucker, Kirschen, Haselnüssen, auch vegetabile Noten der harmonischen Art, rote Beete, Gurke. Im Mund kirschig, dazu Tabak, Schokolade. Eine dicht gewirkte Struktur. Massive, aber schon ansatzweise feinkörnige Tannine, dazu eine saftige Säure. Kein Muskelprotz, eher gut ausbalanciert und elegant. Sehr langer Abgang. Findet in der Runde großen Zuspruch mit seiner großen Tiefe und seiner harmonischen Art. (86-92 Punkte, durchschn. 90 Punkte)


17. Gesellmann G, 2004
Schon im Glas stark konzentriert mit dunkelroten Kirchenfenstern. Ein verströmendes, intensives Bukett. Dunkler Nougat, Schwarzkirschen, dunkle frische Kräuter, die Aromen gehen übergangslos ineinander über und haben auch im Mund ein ungeheures Spiel. Orangenmarmelade, Beerenkonfitüre, aber ohne jede Süße, reines Extrakt. Der Nougat bleibt die ganze Zeit bei der Frucht. Weiter hinten dann Orangenschalen, Zitruszesten und eine salzige Mineralität. Ein voller Körper, ohne alkoholisch zu sein. Säure und Tannin sind weich und aromatisch, aber noch keine Anzeichen von Reife. Jetzt schon hervorragend, aber auch großes Potenzial. Ein großer Wein, ein toller Verkostungsmoment. Ausnahmslos große Begeisterung in der Runde. Was für ein Abschluss! (91-95 Punkte, durchschn. 94 Punkte)


Österreich zählt mit seinen spektakulären Weißen aus der Wachau, dem Kremstal und den anderen Tälern nahe der Donau zur Weltspitze und hat sich den Ruf als Spitzenanbaugebiet für Weißweine wahrlich verdient. Die Qualität der Rotweine ist über die Grenzen hinweg noch nicht so bekannt. So war auch in der Runde an dem Abend so mancher verwundert, welche Dichte ein Zweigelt und welche Tiefe ein Blaufränkisch haben kann. Die das schon vorher wussten, freuten sich eh schon lange auf den Abend.

Nicht zuletzt die aufwändigen Recherchen und Vorverkostungen bei den Weingütern in der Vorbereitung dieser Probe durch Probenleiter Rainer — der zudem vieles zu den Winzern berichten konnte — sorgten für einen äußerst beglückenden Abend. Die Weine konnten beeindrucken. Besonders eindrucksvoll war bei einigen Gewächsen, wie Tiefe und Komplexität durchaus mit einer guten Trinkigkeit vereinbar sind. Einige Weine waren noch zu jung, kaum einer war aber schwierig oder nur für fortgeschrittene Gaumen geeignet.

Die Probe konnte bestätigen: Kreative Winzer und unterschiedlichste Terroirs sorgen für viele Weinstile und oft gelingt es, das Potenzial der einheimischen Rebsorten zu bergen. Ein Schnäppchen hingegen sind die Weine nicht, im Vergleich zur gebotenen Klasse liegen die Preise aber noch unter vergleichbaren Qualitäten aus Burgund, Piemont oder Bordeaux.

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