Kampf um die Riesling-Krone – der Kraftakt 2015

Kraftakt VIII (21 von 21)Auch in diesem Jahr fand er statt, der Kraftakt Riesling, unser Riesling-Gipfel in der mittlerweile achten Ausgabe. Zu dieser jährlichen Probe bringt jeder Teilnehmer zwei trockene gereifte Rieslinge aus Deutschland, dem Elsass oder aus Österreich mit einem Potenzial von mindestens 90 Punkten mit. Alle Teilnehmer meldeten dem diesjährigen Probenleiter Thorsten ambitionierte Vorschläge, und dieser hatte die schöne Aufgaben, die besten Weine herauszupicken und ein Konzept für die Probe zu erstellen. Das Ergebnis war ein einmaliges Line-up, keiner der Rieslinge im Hauptprogramm wurde schon einmal bei den sieben Kraftakten zuvor präsentiert, und noch nie punkteten wir derart hoch. Die Wachau hat sich leider durch zwei Korkschmecker eigenständig aus dem Rennen genommen, der verbliebene F. X. Pichler und die Vinothekfüllung vom Nikolaihof waren jedoch beide ganz hervorragend. Und zum dritten Mal geht die Rieslingkrone ins Elsass, das mit einem großen Fürstenberg von Paul Blanck aus dem Jahr 1995 voll überzeugte. Nur knapp dahinter stand der Rheingau, der mit einer wunderbaren 2002er-Hölle von Künster vertreten war.

Mit Ausnahme der eigenen mitgebrachten Rieslinge war das Line-up nur dem Probenleiter bekannt. Alle Rieslinge wurden blind verkostet und bewertet. Nach jedem Zweier-Flight wurde aufgedeckt. Die Beschreibung und Wertung haben wir nach dem Aufdecken selbstredend nicht mehr verändert.

Zur Einstimmung und als Begrüßungsschluck gab es den Pierre Gimonet Gastronome Brut, 2006. Ein ausgezeichneter Champagner, der sich nach den Jahren der Flaschenreife nun herrlich abgehangen präsentierte. Erste Reifenoten brachten Spiel in die saftige, reife Frucht. Die Säure ist eher charmant, und so ist es ein echter Leckerchampagner, der mir als Solist am besten gefällt. Gute Länge mit feinen Hefenoten. 2006 zeigt sich ein weiteres Mal als ein ansprechender Jahrgang, eher schnell reifend, und daher trinken sich die Jahrgangschampagner bereits so harmonisch. (90 Punkte)

Dann begann der Wettstreit um die diesjährige Kraftakt-Krone:

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Weingut F. X. Pichler Dürnstein Loibner Berg Wachau, 2001

Nach schon sieben Ausgaben des Kraftaktes gibt es einige schöne Traditionen. Dazu zählt es, den Vorjahressieger als Wein »0« anzustellen. Und so ging es auch dieses Mal gleich auf höchstem Niveau los, denn der F. X.Pichler präsentierte sich erneut ausgezeichnet. Komplexes Bukett nach getrockneten Aprikosen, Mirabellen, Rauch, Karamell, Akazienhonig, insgesamt eine harmonisch gereifte Nase, die seine Herkunft deutlich anzeigt. Am Gaumen mit einer merklichen Opulenz, sehr saftiger Antrunk, hochreife Steinfrüchte, eingelegte Zitronen, cremige Textur, saftige, reife gut integrierte Säure, schöner Nachhall, trotz seiner Kraft bleibt der Alkohol noch gut eingebunden, im Nachhall ansprechend herbe Noten. (92-94 Punkte)

Weingut Knipser Laumersheim Steinbuckel Pfalz, 2007

Intensive Raucharomatik, Kohle, Zitrus, leicht verschlossen, karger Typ, trotzdem sehr frisch und klar. Am Gaumen von mittlerer Dichte, saftiger Antrunk, erinnert an Dosenmandarine, etwas Ananas, sehr beweglich, animierend zu trinken, harmonischer Verlauf, Frucht und Säure ziehen animierend über unsere Gaumen, etwas Grapefruit bringt zusätzliche Frische hinein, reintönig, im Hintergrund mineralische Anklänge, sehr langer verspielter Nachhall. Eine gänzlich andere, viel straffere Stilistik als der Pichler, aber nicht minder schön. (92-93 Punkte)

Weingut Rebholz Birkweiler Kastanienbusch Pfalz, 2007

Kümmel, getrocknete Kräuter, Aprikosen, Bockshornklee, Melisse, ätherische Noten, das alles lässt einen opulenteren Rieslingstil erwarten. Das kühle Ätherische verstärkt sich mit der Luftzufuhr aber immer weiter, wodurch der Rebholz ein immer agileres Aromenspiel zeigt. Am Gaumen cremige Textur, betont trocken, er meidet jedoch die befürchtete Breite, eine reife, durchaus beschwingte Säure, sehr harmonisch und elegant, fein salzige Mineralität, unglaublich langer Nachhall. Jetzt ausgezeichnet zu trinken, einige erkennen gar einen großen Riesling in dem Wein. (92-96 Punkte)

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Weingut Künstler Hochheim Hölle Auslese trocken Goldkapsel Rheingau, 2002

Hochreife, gelbe Steinfrucht, die Konzentration des Weins drängt aus dem Glas, kreidige Mineralität, erinnert in seiner Art an Champagner, Brioche-Aromen, getrocknete Kräuter bringen Würze ins Bukett. Am Gaumen ist der Wein harmonisch gereift, festes mineralisches Fundament, herrlich vermählt mit der Frucht, sehr animierend zu trinken. Im Verlauf immer wieder salzige Momente, viele loben die sehr elegante Säurestruktur. Die Mineralität kommt weniger über das Extrakt als der Vorgänger, der Wein ist von seiner Aromatik weiter gereift jedoch ohne jede Firne oder Altersmüdigkeit, dunkle Mineralität im Nachhall, sehr langer Abgang. Auch diese Flasche zeigt das ganze Reifepotenzial dieser Lage auf und wie sehr mit dem Alter sich die übermäßige Kraft in Tiefe verwandeln kann. Großer Riesling! (94-96 Punkte)

Weingut Leitz Rüdesheimer Berg Rottland Rheingau, 2003

Schießpulver, Holunder, Zündhölzer, speckig-rauchige Mineralität. Am Gaumen von kräftiger Statur, dicht und cremig, deutliche Kakaonoten, die hinten heraus immer weiter zunehmen, verspielte Säure, nicht so im Extrakt gepuffert. Dann kommt dieser Kakaoeindruck, der den Wein etwas bremst, dadurch wirkt er ein wenig gedeckt, fast stumpf, und das Spiel gerät in den Hintergrund. Trotzdem bleibt er ein hochklassiger Riesling mit Tiefgang. Die Runde bemängelt auf hohem Niveau die fortgeschrittene Reife, Strohblumen und der herbe Einschlag durch den Kakao nehmen ihm an Spiel, mit der Zeit im Glas gerät der Wein etwas süß. Noch ausgezeichnet, sollte nun aber auch getrunken werden. (90-91 Punkte)

Markus Molitor Wehlener Sonnenuhr Auslese** trocken Mosel, 2004

Zitruscreme, steinige Mineralität, leicht dumpfer Botrytiston, florale Noten, Dahlien, karamellisierter Zucker, gelber mürber Apfel, markante, nahezu spitze Säure. Im Mund Zitrus, Apfelschalen, wirkt abgehangen, er hat leider den Aspekt von Botrytis, der etwas unsauber wirkt, Kartoffelschalen, dadurch stumpf und nicht so animierend wie die Vorgänger. Uns gefallen seine Kargheit, der trockene Stil, die schöne Länge, leider stört jedoch die Diffusität. Das klingt jetzt alles schlechter als der Wein ist, denn er ist insgesamt noch sehr gut zu trinken, Aber ihr wisst schon, das Bessere ist der Feind des Guten… (86-88 Punkte)

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Weingut Prager Weissenkirchen Achleiten Wachau, 2004

Der erste Korkschmecker an dem Abend. Ein Jammer und keine Beschreibung oder Bewertung, die dem Wein eh nicht angemessen wäre.

Weingut Schäfer-Fröhlich Bockenau Felseneck Nahe, 2005

Schieferige Noten, steinige Mineralität, erhitzter Kieselstein, viel Zitrus, Limettenblätter, wirkt puristisch, rauchige Noten, Brotkruste, Grapefruit. Am Gaumen schlank, ohne karg zu wirken, erneut ein ganzer Korb voller Grapefruit und Limetten, schöner kühler, schlanker Rieslingstil, erneut rauchige Aromen, dazu treten tabakige Noten auf, die sich herrlich mit den Limetten vermählt, die Säure zeigt Zug und herrliches Spiel, sehr langer nuancierter Nachhall, der Wein hat noch viel Zukunft. Erneut ein ausgezeichneter, erst leicht angereifter Schäfer-Fröhlich aus seiner vermutlich besten Lage. (93-94 Punkte)

Weingut Wittmann Westhofen Kirchspiel Rheinhessen, 2004

Kreide, Graphit, weißer Rauch, Mirabelle, Aprikose, opulenter Stilistik, ohne wärmend oder hitzig zu wirken, Brotkruste. Am Gaumen trotz seiner Kraft erstaunlich balanciert, seine Mineralität steht hervor, einige sprechen von einem vibrierenden Wein, rauchig, salzig, jodig. Das alles hält die hochreife Frucht in Schach, überlagert sie aber nicht, die Säure ist kräftig und arbeitet gegen das Extrakt, dadurch wirkt der Wein sehr trinkanimierend, trotz all seiner Kraft. Die Runde ist begeistert. Ein Riesling für Fortgeschrittene, der noch einige Jahre auf diesem ganz hohen Niveau vor sich hat. (93-96 Punkte)

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Weingut Emrich-Schönleber Monzinger Halenberg Nahe, 2004

Eine feine, ja fast zarte Nase von großer Klarheit, dazu Kalkstein, Zitrus, sehr präzise, ein Hauch Kräuter und Grapefruit. Am Gaumen vom mittlerer Dichte, von Anbeginn sehr fokussiert, die Säure ist fordernd, aber herrlich fein und reif. Der Wein ist noch so ungemein frisch, ja tänzerisch, ungemein elegant, zart cremiges Mundgefühl, lange Diskussion über das vorzügliche Süße-Säure-Spiel, gute Länge. Das alles ist höchstes Niveau, trotzdem wünschen wir uns etwas mehr Tiefgang. Der Wein hat aber noch viel Zukunft. Leider war die Flasche nicht ganz optimal, denn normalerweise liegt der Wein recht regelmäßig bei 95-96 Punkte und zeigt die heute doch etwas fehlende Tiefe. (90-93+ Punkte)

Weingut Wittmann Westhofen Morstein Rheinhessen, 2007

Pochierte Birnen, rote Äpfel, etwas Pfeffer, ein Hauch Vanille lässt einen Ausbau mit neuem Holz vermuten. Der Wein baut binnen Minuten immer besser aus. Im Mund mit saftigen Auftakt, rassige Säure, gepuffert von hinreichendem Extrakt, herbe Kochbirne, stahlige Anklänge, sehr stringenter, straffer Verlauf. Die Säure ist pikant, ja fordernd, einigen steht sie zu hoch, sie zeigt auf jeden Fall eine noch eine jugendliche Unruhe. Die Komponenten spielen noch nicht gänzlich zusammen, der vibriert förmlich, was durchaus  seinen Reiz hat, sehr gute Länge. Wir empfehlen, den Wein noch ein bis zwei Jahre weiter reifen zu lassen, er zeigt jede Menge Potenzial für eine weitere Verbesserung. (91-93+ Punkte)

Domaine Bott-Geyl Mandelberg Elsass, 2005

Apfelkuchen, sprich gereifte, geschrumpelte Äpfel, dazu feine Brioche-Anklänge, das Bukett wirkt frisch und sauber. Am Gaumen schöne wässrige Textur, Quitte, ein leiser Wein, die Gerbstoffe rauen den Gaumen auf, im Antrunk etwas weniger strahlend und opulent als die Nase, schwarzer Tee, Kräuter, Ammoniak, Lakritznoten, betont trockene Stilistik, herrlich eigenständig. Im langen Nachhall zeigen sich animalische Noten. Bis auf eine Ausnahme ist die gesammelte Runde sehr angetan. (91-93 Punkte)

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Schloss Johannisberg Silberlack, Rheingau 2006

Saftige Steinfrucht, tropische Noten, Papaya, Maracuja, rauchige Mineralität, Lösungsmittel, ätherische Noten, Mischung aus Alkohol, extremer Mineralität, packender Säure, von allem ein Schäufelchen zu viel, Lacknoten. Heute Abend mit Abstand der barockste Wein, ein extremer Riesling, der erstaunlicherweise aber nicht auseinanderfällt. Trotzdem, das muss man schon mögen, wir sind uns unschlüssig, aber tendenziell ist es uns zuviel. Für die meisten trotzdem klar ein ausgezeichneter Riesling. Der Wein trägt das ganze Potenzial der Lage, ist aber von dem Jahrgang deutlich gezeichnet. (89-92 Punkte)

Weingut Nikolaihof Im Weingebirge Wachau, 1997

Mandarinencreme, Botrytis, kalter Rauch, Zitrusabrieb, Orangen. Am Gaumen dich gepackt, wunderbar gereift, sehr reife Säure, malzige Noten, für manche ist das zu viel, eine saubere Botrytis tritt deutlich hervor, Kräutertee, sehr gereift, gute Länge, ein Korb voller Blüten, sehr gewogen, bemerkenswert langer Nachhall. Man mag das oder man respektiert es zumindest. Das hier ist der Nikolaihof-Stil, wie ihn einige von uns lieben. (91-95+ Punkte)

Domaine Paul Blank Furstenberg Vieilles Vignes Grand Cru, 1995

Schlanke Stilistik, kandierte Zitronen, kalter Rauch, steinige Mineralität, Biskuit, Marzipan, kühlende, ätherische Mineralität, Fenchel, ein Spur Holz. Am Gaumen ein Traum von Konzentration, Harmonie und Spiel, Mirabelle, Pfirsich, Heu, Trockenblumen, Wachs, alles tänzelt zusammen auf höchstem Niveau. Die Säure führt ein prickelndes Spiel auf, die Aromen wechseln sich ständig ab, jeder Schluck zeigt den Wein von einer anderen Seite, ungemein komplex mit sehr langem und nuanciertem Nachhall. Ein absolut grandioser Riesling und der Sieger des diesjährigen Kraftaktes. (94-97 Punkte)

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Weingut Bürklin-Wolf Ruppertsberg Gaisböhl 1998

Honig, Malz, Jod, eine deutliche, aber saubere Botrytisnote, am Gaumen getrocknete Aprikose, Malz, die Säure steht am Gaumen etwas abseits, apfelige Noten, weißer Nougat-Touch, der erste Wein, der eindeutig über seinem Höhepunkt ist, noch gut passend zum Essen, deutlich gereift, Mokkanoten, gerne passt gut zu Leberpastete. Im Antrunk getrocknete Aprikose, malzige Noten, salzige Aromen von der Säure, passabler Nachhall. Schade, der Wein ist eindeutig auf dem absteigenden Ast, die Probleme des Jahrganges treten nun immer deutlicher zu Tage. (89-90 Punkte)

Weingut Franz Hirtzberger Singerriedel Wachau, 1999

Das große Finale endet leider in einer Katastrophe aus Kork. Aber wir bleiben trotzdem dankbar, denn mit den Weinen bisher hatten wir großes Glück.

Natürlich gab es auch dieses Jahr ein üppiges Beiprogramm, das nicht unerwähnt bleiben soll. Zur Vorspeise wurde ein noch sehr jugendlicher, aber vielschichtiger 2011 Odernheimer Kloster Disibodenberg vom Weingut von Racknitz gereicht. Ein eigenwilliger, komplexer Riesling mit einer würzig-kräuterigen Ausrichtung und einer tiefen Mineralität. Eine Wein, der die Fortschritte von Matthias Adams auf dem Weingut überzeugend belegt. Wie tragisch, dass er seine Arbeit dort nicht fortsetzen kann. Zum Fisch kam mit dem 2009 Puligny-Montrachet von der Domaine Oliver Leflaive ein recht opulenter und noch vom Neuholz geprägter Stoff ins Glas. Der Wein ließ sich zum Essen bereits gut genießen, als Solist würde ich ihn aber noch einige Jahre aufheben. Zum Abschluss kamen zum Käse noch die 2004 Auslese aus dem Graacher Himmelreich von J.J. Prüm ins Glas, immer noch viel zu jung, dadurch schiebt sich die Süße noch etwas hervor, aber das tut der bekannten Eleganz dieser hervorragenden Auslese keinen Abbruch. Auch der und eine 2005 Muskateller Auslese von Rebholz aus dem Münzberg konnte mich voll überzeugen, aber ich habe auch eine Schwäche für diese Aromatik, besonders in Kombination mit gereiften Kuh- und Ziegenkäse. Zum Abschluss kam quasi zur Entspannung noch der 1989 Léoville-las-Cases auf den Tisch, der den Kraftakt mit locker 94+ Punkten angemessen beschloss.

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