Peter Jakob Kühn, Riesling-Vertikale „Oestrich Doosberg“ & „Mittelheim St. Nikolaus“, 2003-2007

Im Rahmen der Bonner Weinrunde – Ausgabe März 2012 – standen elf Rieslinge von Peter Jakob Kühn zur Probe. Erste Halbzeit. Und sodann noch sieben Spätburgunder vom Weingut Ziereisen. Zweite Halbzeit. Beide Probenvorschläge waren – für sich genommen – in der Weinrunde nicht mehrheitsfähig. Aber bei sowas ist der Rheinländer ja erfinderisch: einfach die jeweils besten Weine in eine Probe gepackt, und schon sind alle glücklich und zufrieden…

Nachfolgend die Eindrücke zu den Weinen von Peter Jakob Kühn, die allesamt 24 Stunden doppelt dekantiert wurden:

Wer die Rieslinge von Peter Jakob Kühn näher kennt, wer sie zudem zu schätzen weiß, dem dürfte bewusst sein, dass diese Probe einer der anspruchsvolleren werden sollte. Einfach zu verkosten sind diese Weine  nicht – extrem kräutrig, extrem mineralisch, extrem „Anti-Riesling“… letzteres jedenfalls aus dem Blickwinkel der fruchtgewohnten Moseltrinker. Und somit Weine, die sicherlich nicht Jedermann gefallen, die aber ein Jeder einmal probiert haben sollte, um eine Vorstellung davon zu erhalten, wie anders Riesling schmecken kann…

Zur Probe standen je eine Vertikale 2007 bis 2003 vom „Mittelheim St. Nikolaus“ und „Oestrich Doosberg“, dies jeweils in der Kategorie „Drei Trauben“, also der Spitze der Lagenweine im Hause Kühn – als Zugabe gab es eine „Amphore“ aus dem Jahr 2005.

1. Mittelheimer St. Nikolaus 2007 (3 Trauben)

Ein fast fruchtfreier Auftritt in der recht dichten, aber leisen Nase, Zündstein, dunkle Brotkruste,  flintiges Mineral, sehr kräutrig. Allenfalls scheu eine Ahnung von gelber Frucht, diese ist aber sehr zurückgenommen. Merklich herber, verhalten gelbfruchtiger Antrunk. Die Säure ist leicht schärftend und prallt gegen den extraktdichten Körper; dieser wird umspült von steinigem Mineral. Dieses wird fortgetragen in einen unentwickelten mittellangen Nachhall, auch hier wieder deutlich herb-steinige Anklänge. Kein Charmeur, dieser Wein. Aber doch ernstzunehmen. (87 Punkte)

2. Oestricher Doosberg 2007 (3 Trauben)

Noch verschlossener in der Aromatik dann das Jahrgangspendant aus dem Doosberg: In der fein differenzierten Nase kalter Rauch, Kräuter, welkes Herbstlaub, etwas Rosenseife, Qumquats und etwas Zitrus. Im Mund gänzlich verschlossen: allenfalls eine Ahnung davon, was der Wein mit weiterer Reife zeigen könnte, präsentiert er sich mit einem stoffigen Antrunk, Tabak und einem stumpfenden Gerbstoff. Konterkarriert von einer kräftigen Säure und stumpf bitteren Kräutern, der den feinen Zitrusnoten kaum Raum lässt. Bricht am Gaumen unentwickelt ab. Mindestens drei Jahre im Keller vergessen. Derzeit sehr verschlossen. (83/84+ Punkte)

3. Mittelheimer St. Nikolaus 2006 (3 Trauben)

In der Nase Butterkeks, merkliche Honigspuren, verhaltene Apfelnoten. Herbe Kräuter. Insgesamt wird diese Nase deutlich von den Botritysnoten getragen. Und dies setzt sich auch im Mund fort: dichter Antrunk ohne jede Süße. stattdessen herbe, zunehmend ins malzige gehende Botrytis. Dabei durchaus strukturiert und saftig, die Säure gut einbindend. Herbe Grapefruitnoten. Malz und Grapefruit auch im mittellangen Nachhall. Hat Trinkreife. (86/87 Punkte)

4. Oestricher Doosberg 2006 (3 Trauben)

Wenn auch aus gleichem Jahr, so haben es die Trauben im Doosberg augenscheinlich besser verstanden, dem Pilz zu trotzen. Oder war der Winzer hier nur etwas schneller? Wiesenkräuter, weisser Pfirsich und etwas rosa Grapefruit in der verhaltenen Nase. Begleitet von einer faszinierenden ätherischen Note, die sich auch im Mund fortsetzt. Hinzukommen etwas Anis, Zitrone und eine kühl wirkende Mineralität. Der Wein steht voll auf Abwehr, die provozierend fordert. Salzige Textur, herb, ätherisch – alles Eindrücke, die nicht unbedingt Trinkfreude aufkommen lassen. Und doch: wie die Elemente hier in voller Balance zusammenspielen, das weiß zu gefallen. Easy drinking ist dies aber nicht. (89/90 Punkte)

5. Mittelheimer St. Nikolaus 2005 (3 Trauben)

Fast schon einen Zuckerschock erleiden wir nach den ersten vier Puristen beim 5. Wein. „Kühn feinherb“ heisst es in der Runde – und dies ist nachvollziehbar, da dieser Wein mit – nota bene –  gut 4,2 Gramm Restzucker aufwartet und zudem jahrgangstypisch mit viel Kraft und Körper einhergeht… ein Bolide von Wein. In der Nase eine cremige Aprikose, Lakritz und ein Steinbruch „dunkler“ Mineralität. Auch im Mund kompromisslos „dunkle“ Mineralität, Anis und andere Weihnachtsgewürze, süßlich, der Wein brummt und blubbert vor Kraft und innerer Spannung wie ein Bigblock-Motor. Lakritz und leichte Salzanklänge, immer wieder Kräuterwiese, auch ein deutlicher Hauch Botrytis, die hier aber bestens eingebunden ist. Langer, herbkräutriger und honigsüßlicher Nachhall. (89/90 Punkte)

6. Oestricher Doosberg 2005 (3 Trauben)

Die (wieder) filigranere Nase zeigt der Doosberg. Kräuter, weiße Blüten, helles Brot, feine Zitrustöne. Deutlich leiser in der Ansprache. Im Mund ein schönes süßlich-saftiges Fruchtspiel, Malz, Honig, Tabak, rosa Grapefruit. Schon füllig, aber feiner als der Nikolaus, trotz seiner 108 Grad Oechsle. Recht weiche Säure, hier hätte dem Wein mehr Rasse gut getan. Aber das gab der Jahrgang vielleicht nicht her. Deutlich mittellanger Nachhall mit Kräutern und herbem Stein. Gute Trinkreife. (88 Punkte)

7. Mittelheimer St. Nikolaus 2004 (3 Trauben)

In der Nase Malz, oxidativ, mostiger Apfel – Komponenten, die vom Spätherbst eines Weines künden. Leider auch schon die erste unschöne Firne, die die gelungenen Kamillenoten schon bedeckte. Dicht gepackter Auftakt, leider auch hier schon mostapfelige Noten, die kräftige Säure ist nicht integriert und steht neben dem Körper. Apfelherber, ja schon an Apfelkerne erinnernde Aromatik im knappen Finale. Wer diesen Wein im Keller hat, möge nachprobieren – in diesem Zustand dringend austrinken (wer mag) – nur noch: (83 Punkte)

8. Oestricher Doosberg 2004 (3 Trauben)

Vitaler als das Pendant zeigt sich der Doosberg. Kamille, Honigschmelz, Apfel, nur eine Spur Malz. Sehr kühl und mit mineralischen Anklängen versehen ist diese expressive Nase. Kompromislose Kräutrigkeit im Mund, Blockmalz, eine Melange aus Apfel und Aprikose. Mit präsenter Säure, die aber noch eingebunden wird, endet dieser Wein deutlich mittellang auf Kräuternoten. Merkliches Mineral von Antrunk bis ins Finale. Jetzt trinken. (88 Punkte).

9. Mittelheimer St. Nikolaus 2003 (2 Trauben)

Eine leicht schärfende, aber komplexe Nase nach Kaffee, ein Hauch Lack, warmer Stil, Aprikose. Im Mund krokant, süßlich üppig einerseits, dabei aber ohne jede Schwere. Sehr schönes Frucht-Säurespiel, mit tiefer tertiärer „brauner“ Aromatik, die an Kaffee und vollreife Aprikose erinnert, kräutrig, sehr ernsthaft und strukturiert. Präsente, vitale Säure, bestens verwoben. Langer, ausgefächerter Nachhall, in dem sich die vorgenannten Aromen nochmals finden. (93/94 Punkte).

10. Oestricher Doosberg 2003 (3 Trauben)

Eine warme Nase, etwas Marzipan. Vollreife Aprikosen. Den Alkohol nicht gänzlich maskierend. Feinherber Antrunk, abgestandene Cola, Kräuter, Kräuter und nochmehr Kräuter. Begleitet von herber, dunkler Mineralik, und dies nicht zu knapp. Einen Deut feinsinniger als der St. Nikolaus, die Aromatik des Doosberg erinnert an Mocca und Pfirsichnoten, die sich fein verwoben haben und im Finale gelungen ausfächern. Deutlich mittellanger Nachhall, leider meldet sich auch hier nochmals der Alkohol eine Spur zu laut. Dennoch: (91 Punkte)

11. Riesling Amphore 2005

Eine unaufgeregte, überraschend fruchtbetonte  Nase nach gelber Pflaume und Himbeere, flankiert von grünen Kräutern und Herbstlaub. Im Mund eine Aromatik, die an unreife Pflaumen, entfernter nach Pfirsich und deutlich an Wiesenkräuter erinnert. 100% durchgegoren, aber dennoch mit merklichem Fruchtextrakt und einer ganz leicht oxydativen Note. Etwas uncharmant steht die Säure vor, es bleibt zudem ein haptischer Eindruck von Gerbstoffen. Mittellanger Nachhall. Zum Abschluss also ein sehr eigenständiger Wein. Keiner, der einen in ungeahnte Sphären führt, der aber aufgrund seiner ultratraditionellen Machart ein spannendes Weinerlebnis bietet. Wenn man Referenzmaßstäbe zu anderen Weinen anlegen möchte (die Vergleichsmöglichkeiten taugen aber nur bedingt), dann verbleiben hier 87 Punkte, die die Werthaltigkeit des Eindrucks, diesen Wein getrunken zu haben, aber nicht genügend widerspiegeln. (87 Punkte)

Was bleibt als Zwischenfazit?

Wir fanden Weine vor, die sich zu erarbeiten lohnen. „Doosberg“ scheint im Direktvergleich zum Nikolaus die feinsinnigere Lage zu sein, beide Weine profitieren von großen Gläsern, zu kalt sollte der Wein zudem nicht sein. Die Besonderheiten in den Jahrgänge spiegeln sich recht deutlich in den Weinen wieder, wobei Herr Kühn sehr gut mit den Extremen zu recht zu kommen scheint. Merklich gereift waren nur die 2004er. Bei den übrigen Jahrgängen 2007 bis 2003 herrscht keine Eile – ausreichende Belüftung danken die Weine merklich.

Dass Herr Kühn gerne Kräutertee in seine Rebzeilen giesst, ist eine gern erzählte Geschichte – und dazu auch keine erfundene. Ob die Kräutrigkeit der Weine aber allein dieser besonderen Behandlung geschuldet ist, das ist eine These, die wir an dieser Stelle nicht abschliessend vertiefen können… Aber wir werden der Sache gerne anhand weiterer praktischer Studien gerne nachgehen. Denn die Weine sind auf jeden Fall eines: extrem spannend.

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2 Kommentare zu “Peter Jakob Kühn, Riesling-Vertikale „Oestrich Doosberg“ & „Mittelheim St. Nikolaus“, 2003-2007

  1. Oh, den 2004er St. Nikolaus habe ich auch noch im Keller. Weil das ein extrem kühler Naturstein-Gewölbekeller ist, hoffe ich mal, dass die Alterungsnoten noch nicht soo schlimm da sind. Ansonsten sehr spannende Probe. Ich weiß nicht, ob Ihr auch den Eindruck habt, und ich formuliere das auch ganz vorsichtig, aber ich hatte bei den beiden neueren Kühn-Jahrgängen (2009 und 2010) das Gefühl, dass die Phase extremer geschmacklicher Individualität eventuell zu Ende ist. Kann mich aber natürlich auch täuschen, denn die Weine waren ja noch extrem jung…

  2. Hallo Matze,

    da hilft nur eines – ran an den Kronkorken… Doosberg 04 habe ich zuletzt vor gut sechs Monaten geöffnet, die damalige Flasche hatte ich nicht so fortgeschritten wahrgenommen…

    Ich habe bislang nur kurz einige 2009er probieren können – die waren überraschend zugänglich und weniger „stilbildend“. Aber mal sehen, wie die Weine sich entwickeln.

    Es wäre jedenfalls – für mein Geschmacksbild – eher schade, wenn die Individualität dieser Weine sich künftig mehr zu gunsten des „mainstream“ entwickeln würden… wobei: ich kann mir das eigentlich nicht vorstellen.
    Nicht bei Kühn.

    Time will tell…

    VG
    Guido

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