Reifeentwicklung trockener Rieslinge – Jahrgang 2001

von Thorsten Mücke und Rainer Kaltenecker

Nach den Flights aus dem verrückten Jahr 2003 kamen wir nun zu schön gereiften, wunderbar sauberen Rieslingen. Bei Verkostungen zeigt es sich immer wieder, der Jahrgang 2001 ist ein sehr guter Jahrgang für die Mittelstrecke. Das Jahr verlief recht warm, im September wurde es dann zwischenzeitlich richtig kühl. Das sorgte mit einem guten Timing für eine Abkühlung der Trauben, was diese in der entscheidenden Phase langsamer reifen lies. Danach folgte in einem geradezu heißen und trockenen Oktober eine Bilderbuchlese. Die Weine sind sauber, haben Extrakt und haben viel mehr Reifefähigkeit als damals prognostiziert. Jahr für Jahr bescheinigt man ihnen Weinen, dass sie nun allmählich abbauen müssten. Doch viele tun das immer noch nicht. Die besten des Jahres bewahren bis heute ihre schön gereifte Verfassung, und da sie noch nicht alle ausgetrunken sind, bieten sie zur Zeit die vielleicht beste Gelegenheit, blitzsauberen, gereiften Riesling zu verkosten.

Im Weingut Dr. Bürklin-Wolf hat man den Jahrgang im Nachhinein sogar noch deutlich aufgewertet. 2001 zählt hier als Referenz. Das Weingut betont, dass hier die bisher wahrscheinlich besten G. C.-Weine in diesem noch frühen Jahrhundert entstanden sind. Der erste Flight bot uns Gelegenheit, das zu prüfen, und zudem die Möglichkeit, die drei großen Forster Lagen direkt miteinander zu vergleichen.

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Zuerst kam das Dr. Bürklin-Wolf Forster Kirchenstück 2001 an die Reihe. Ein Bukett wie ein Spaziergang über das Kräuterfeld, dazu Noten von Altöl, reife Steinfrucht, eine komplexe Nase. Im Antrunk kommen noch rote Beeren hinzu und auch leicht herbe Noten von Grapefruitschale. Was den Wein aber ausmacht, ist eine gereifte, aber immer noch verspielte, wunderschöne Säure, die mit dem ordentlichen Körper und Extrakt auf faszinierende Art umzugehen weiß. Wenn auch leicht wärmend, ist das alles gewogen, ja fein und elegant, trotz der Konzentration. Und doch haben das einige in der Runde aus anderen Flaschen schon noch ausdrucksstärker, dichter und komplexer im Glas gehabt. Wir liegen relativ durchgängig bei 93 Punkten. KA fehlt es dafür aber zu sehr an Präzision, Jugendlichkeit und Komplexität. Er sieht den Wein auf hohem Niveau leicht gedämpft, die Mineralität nicht so salzig, die Säure nicht so straff und vermählt mit der Frucht. Andere Flaschen haben ihn schon mit 97 Punkten in den Riesling-Himmel geschickt, diese Flasche ist ihm eher 91 Punkte wert.

Der Dr. Bürklin-Wolf Forster Pechstein 2001 zeigt zuerst Spontinoten, wirkt nussig und deftig, kommt dann aber immer stärker mit einer rauchigen mineralisch-würzigen Steinigkeit, weißem Karamell und einer Prise Dill. Immer wieder erstaunlich, wenn die Typizität einer Lage so gut in der Flasche wiederzufinden ist. Im Antrunk geht es noch ein Treppchen höher – ein straffer Ansatz, jetzt mit Limonen, junger Ananas, den typischen grünen Pechstein-Nüssen, karamelligen Noten und einer dunklen Mineralität. Einige assoziieren den kräuterigen-mineralischen Duft mit Mottenpulver, andere finden auch laktische Töne, was die Bewertung etwas auseinandergehen lässt. Doch wir schwärmen mit 93 bis 94 Punkten.

Für ein gereiftes Bukett sorgt der Dr. Bürklin-Wolf Forster Jesuitengarten 2001. In der Nase schöne Biskuitnoten, etwas Marzipan, gelbe reife Früchte, auch Bratapfel. Im Antrunk dann eine cremige Textur, mineralisches Fundament, stoffiger, voller Körper. Der eine oder andere Mitverkoster erkennt mostige Noten und findet die Säure etwas spitz. Der Wein ist gereifter, aber auch nicht so fein wie seine Vorgänger, es fehlt ihm die tiefe innere Frische und auch Komplexität. KA ist sogar enttäuscht von dem Wein. Die exotisch-tropischen Fruchtaromen fehlen ihm nahezu vollständig oder zeigen sich verwaschen. Beim Jesuitengarten ist das besonders fatal, da die Lage ohnehin den üppigsten Weinstil hervorbringt, da darf der Schliff und eine jugendliche Frische nicht fehlen. Ausgezeichnet finden wir ihn trotzdem: 90 Punkte.

Trotz der schönen Weine und der hohen Punkte lässt uns der Flight leicht enttäuscht zurück. Alle drei Weine haben wir schon auf höchstem, schier großem Niveau erleben dürfen. Doch diese (nachgekauften) Flaschen zeigten offenbar Folgen einer nicht ganz optimalen Lagerung.

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Gleicher Jahrgang, andere Länder, neue Hoffnung – als nächstes kamen nun die Weine der deutschen Nachbarn an die Reihe. Diesmal nicht mit Top-Gewächsen, sondern mit Kandidaten aus der zweiten Reihe – wenn man das bei diesen Weinen denn überhaupt so sagen darf. Als erstes der Elsässer – auch hier zählt 2001 zu den herausragenden Jahrgängen. Botrytis spielte eine Rolle, hat jedoch in den besseren Weinen nur die Struktur und nicht den Stil der Weine beeinflusst.

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Der Domaine Trimbach Cuvée Frédéric Emile 2001 zeigt sich im Bukett zuerst diskret, mit Geduld und Luft ringt man ihm aber eine tiefe Nase ab, ein Spiel der Nuancen von Zitrusschalen und Kalk. Im Antrunk offenbart er sich dann straff, mit einer jungen, sehnigen Säure, quasi fruchtfrei, Zitrusschalen, die Aromatik kommt stärker aus der Mineralität, weiße Karamelligkeit. Der Stil ist bei hohem Extrakt geradlinig, förmlich puristisch und nicht zu druckvoll. Auf seine straighte Art sorgt er für eine hohe Trinkfreude. Das wirkt noch ungeheuer jung, aber elegant und eben völlig auf den Punkt gewirkt. Hochinteressant, denn diesen Wein hatten wir auch schon deutlich schlechter im Glas. Also auch hier zeigt sich, wie sich die Geschichte einer Flasche bemerkbar machen kann. Das hier sind klare 93 Punkte.

Nun ein Kurswechsel. In der Nase wird es wieder rauchig, würzig, mineralisch. Der Franz Hirtzberger Wösendorf Hochrain Smaragd 2001 erfüllt zuerst seinen Ruf als deftig anmutender Wein ziemlich gut. Hinzu kommen aber auch Mokkanoten, Karamell und vor allem kohlige Noten. Im Antrunk wirkt der Wein obendrein hitzig, zugute halten muss man ihm die salzig-mineralischen Nuancen, die es aber nicht schaffen, für Frische zu sorgen oder das Aroma zu korrigieren. Das ist enttäuschend, denn 2001 war in Österreich ein ebenso schöner Jahrgang wie in Deutschland, Botrytis gab es kaum. Der Wein ist trotzdem schon einiger Zeit über seinen Zenit. Mehr als 86 Punkte sind leider nicht mehr zu vergeben.

Nach diesem kleinen Ausfall folgte schließlich der Aufstieg auf den Olymp. Der F. X. Pichler Loibner Berg Smaragd 2001 zählte zu den Weinen des Abends. Schon in der Nase eine Offenbarung. Ein Paket von Rauch, Deftigkeit, Röstigkeit, dazu ein Bukett gelber und rotwangiger Früchte und eine ganze Ladung an Kräutern, auch Reifetöne und Mokka. Ein etwas wildes, expressives, aber völlig für sich einnehmendes Bukett. Im Antrunk hält das so an, hier schlägt die Opulenz voll zu, trotzdem bleibt der Wein geschmeidig, er wächst quasi aus seiner Rauchigkeit empor und hat eine fantastische Länge – großer Stoff. Andere in der Runde können uns da nicht ganz so folgen und kommen um seine Wucht nicht herum. Der Flight endet also mit dem Schisma-Wein des Abends. Die Weintasting-Fraktion steht aber geschlossen auf der begeisterten Seite, und wir sind uns einig, dass wir einen großen Wein im Glas haben: 94 bis 96 Punkte.

Und hier findet Ihr alle Teile aus der Artikelreihe:

→ Teil 1: Letztes Jahrhundert
→ Teil 2: Jahrgang 2003
→ Teil 3: Jahrgang 2001
→ Teil 4: Jahrgang 2004
→ Teil 5: Jahrgang 2002
→ Teil 6: Jahrgang 2005
→ Teil 7: Jahrgang 2006

Weitere Berichte von dieser Probe und auch manch ganz andere Bewertung einiger Weine findet Ihr bei Achim Becker (→ Weinterminator.de), Felix Bodmann (→ Schnutentunker.de) und Matthias Neske (→ Chezmatze.de). Für die Fotos danken wir → Weinkaiser.de.

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