Reifeentwicklung trockener Rieslinge – Jahrgang 2003

von Thorsten Mücke und Rainer Kaltenecker

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Nach dem ersten Teil der Probe, der einen gelungenen Ausflug in das letzte Jahrhundert bot, begannen wir ab dem dritten Flight damit, uns mit dem eigentlichen Thema zu beschäftigen. Auf den Prüfstand sollten große Riesling-Gewächse von 2001 bis 2007 stehen. Als erstes kam der unselige Jahrgang 2003 an die Reihe. Zuerst hochgefeiert, bald schon abgeschrieben, zeigt er heute, dass er einige wenige wunderbare Weine hervorgebracht hat, die einen ganz eigenen Stil haben. Bei diesen muss dann aber alles stimmen, vor allem auch die Lagerung. Glück spielt eine große Rolle, allein die Flaschenvarianzen scheinen größer zu sein als bei anderen Jahrgängen.

Von dem Georg Breuer Rüdesheimer Berg Schlossberg 2003 haben wir schon schier großartige Flaschen getrunken. Weine, die ihre Frische bewahrt hatten und eine komplexe Terroirfrucht boten. Die Flasche an diesem Abend gehörte leider nur mit Abstrichen dazu. Zuerst noch in der schönen Nase würzig, röstig, ein Hauch deftig, dunkle Mineralität, gelbe feine Frucht, Tabakigkeit, Trockenkräuter, eine konzentrierte Frucht, die in Komplexität übergeht. Im Antrunk kriegt der Wein aber nicht die Kurve, der Verlauf spannt sich nicht auf. Nach einem Eindruck von würzig unterlegten Trockenfrüchten und Mokka-Aromen wirkt der Wein süßlich und indifferent. Er baut nicht richtig Druck auf und zeigt damit am Gaumen leider die bekannten Schwächen des Jahrgangs. Das ist uns noch 90 Punkte wert.

Besser macht es der Dönnhoff Niederhauser Hermannshöhle 2003. In der Nase ist der Wein rauchig, deftig, ein Hauch von Steinfrucht, erdige Mineralität. Im Antrunk dann viel Kraft, weiße Schokolade, Nougat, weiße Früchte, aber auch die tief eingewobene Säure kommt richtig zum Ausdruck. Der Wein hat die Frucht fast verloren, lebt aber von einer deutlichen Mineralität, die er in einem nougatartigen Schmelz vermittelt. Das hier hat etwas Wärmendes, aber trotzdem Eleganz und Trinkigkeit. Dönnhoff hat sogar 2003 die Kraft gut mit der tiefen Mineralität der Hermannshöhle vereint und Spannung und Komplexität in den Wein gebracht. Hier haben wir also einen von diesen ganz besonderen 2003ern und würdigen ihn hinreichend mit 93 Punkten.

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Leider trifft dies überhaupt nicht auf den Emrich-Schönleber Monzinger Halenberg 2003 zu. Im Mund eine wenn auch konzentrierte, doch süßliche Apfelfrucht und dunkle Mineralität. Im Antrunk dann aber eindeutig zu süß, um Spiel aufkommen zu lassen. An Aromen erneut der süße Apfel, rosa Grapefruit, auch Marzipan, hinten wird der Wein karamellig und hat keine richtige Länge. Am Gaumen fehlt ihm dann die Säure, der Wein baut keine richtige Struktur auf. Das bestätigt auch Frank Schönleber selbst und berichtet, dass der Wein, der übrigens das erste Große Gewächs des Weinguts war, bei 9 Gramm Restzucker in der Gärung stoppte. Werner Schönleber füllte den Wein dann so ab, weil er ihn nicht zu mehr Trockenheit zwingen wollte. „Heute wissen wir, dass das eine unglückliche Entscheidung war“, sagt Frank Schönleber heute. Wie glücklich die Entscheidungen bei den Schönlebers sonst ausfallen, erfuhren wir übrigens noch später in der Probe. Dieser Wein erhielt von uns erst einmal recht homogen 87 Punkte. KA sieht das etwas anders, er hebt die typische würzige Halenberg-Nase hervor und weist auf die markante Mineralität hin. Die Süße findet aber auch er übermäßig, und er vermisst den fehlenden Säurezug. Für KA aber noch knapp ein ausgezeichneter Wein mit 90 Punkten.

Mit Kraft, Würze und Cremigkeit zeigt der Keller Dahlsheimer Hubacker 2003 auch in dem extremen Jahrgang seinen typischen Charakter. Dazu gehört auch, dass er bei all seiner Power alles im Griff behält und auch unter schwierigen Bedingungen unbeirrt Größe aufweist. In der Nase Handcreme, weiße Früchte, weißer Honig, Kaffee, steinige Würze, üppig, schwelgerisch, opulent. Im Mund geht das weiter mit einer spürbaren Süße, Glycerin legt sich förmlich auf die Zunge. Aber hier rauscht auch jede Menge weiche Säure über den Gaumen. Geschmacklich sind Kaffee und Frucht auf komplexe Art verwoben, dazu herbe Noten, durchaus auch etwas Gerbstoffe, die die Süße etwas puffern. Ein wuchtiger Nachhall, aber auch ein geschmackvoller, langer Abgang. Das ist das frühe Rheinhessen, wie es im Buche steht. Der Wein ist auf eine eigenartige Weise mächtig, anstrengend und doch raffiniert, komplex und komplett. Man darf sich ihm nicht erwehren, erst dann kann man ihn in aller Tiefe erfassen und erfahren. Heute macht Klaus Peter Keller das völlig anders, daher ist auch dieser Hubacker ein durchaus aufregendes Stück Weingeschichte. Wir vergeben recht einhellig 92 Punkte.

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Wenn schon in Deutschland viele Weine so stark auseinandergingen, was war dann erst in Österreich los? Zumindest in der Wachau war es ganz ähnlich. Nach einem kalten Winter wurde es früh warm und die Blütezeit setzte schon Ende Mai ein. Dann war es nur noch heiß und trocken bis es im September und Oktober immer wieder regnete, was die Lese in die Länge zog. Die Trauben mussten bis Ende Oktober abgeerntet sein, denn dann gab es schon ersten Frost. Ein verrücktes Jahr mit wenig Säure und viel sauberer Botrytis. Die Mostgewichte waren ähnlich hoch wie in Deutschland, nur war dies in Österreich nicht eine solche Ausnahme. Heiße, trockene Monate gibt es hier öfter als in den deutschen Gebieten. Die Rieslinge an diesem Abend konnten das aber nicht nachweisen, im Gegenteil, gereift waren die Weine viel schlechter als die deutschen Vertreter.

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Der Emmerich-Knoll Dürnsteiner Schütt Smaragd 2003 zeigt in der Nase eher indifferente Noten, wenig mehr als Würze, Kaffee und Nüsse. Im Mund weißer Nougat und gelbe Früchte. Der Wein ist überaus mundfüllend, mineralisch-rauchig, cremig, gylcerinig, er balanciert zwischen Komplexität, aber auch Mastigkeit. Der Wein spaltet die Runde. Für die einen kriegt er die Kurve, für die anderen katapultiert er sich mit seinem schweren Körper daraus heraus. Das ist die berüchtigte Wachauer Kraft in Reinform. Ein barocker, altmodisch dicklicher Wein, der zu seiner Botrytis steht. Wir sind uns alle einig, dass dieser Jahrgang eher verzichtbar ist im Sortiment von Emmerich-Knoll und liegen bei 88 bis 89 Punkten.

Interessant wäre es gewesen, zu sehen, wie der F. X. Pichler Loibner Berg Smaragd 2003 seine Rauchigkeit in diesem besonderen Jahrgang zum Ausdruck gebracht hätte. Leider konnten wir es nicht erfahren, denn die Flasche schien einen Schlag zu haben. In der Nase ein geblocktes Bukett. Zuerst denken wir an Kork, der Geruch verfliegt jedoch mit der Zeit. Trotzdem entwickelt sich hier wenig mehr als ein Muffton. Auch im Mund ist bis auf gesüßten Tee, Muskat, ölige Textur und viel Kraft nicht viel zu spüren. Wir lassen eine Bewertung aus.

Und hier findet Ihr alle Teile aus der Artikelreihe:

→ Teil 1: Letztes Jahrhundert
→ Teil 2: Jahrgang 2003
→ Teil 3: Jahrgang 2001
→ Teil 4: Jahrgang 2004
→ Teil 5: Jahrgang 2002
→ Teil 6: Jahrgang 2005
→ Teil 7: Jahrgang 2006

Weitere Berichte von dieser Probe und auch manch ganz andere Bewertung einiger Weine findet Ihr bei Achim Becker (→ Weinterminator.de), Felix Bodmann (→ Schnutentunker.de) und Matthias Neske (→ Chezmatze.de). Für die Fotos danken wir → Weinkaiser.de.

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