Reifeentwicklung trockener Rieslinge – Jahrgang 2006

von Thorsten Mücke und Rainer Kaltenecker

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Der Ablauf der Probe, aus der wir hier ständig berichten, war quasi vorgegeben durch die Jahrgänge. Nochmal zur Erinnerung, serviert wurden insgesamt 42 Weine. Während wir dabei zuerst die gereifteren und schlankeren Jahrgänge durchprobiert hatten, standen am Ende die sonnigsten, kräftigsten, alkoholstärksten Weine. Auf das fette Jahr 2005 folgte daher als letztes 2006 – ein Jahrgang mit einer quasi schon berüchtigen Unbeständigkeit. Zu einem warmen Sommer kam damals ein feuchtwarmer Herbst, was fast überall zu großen Fäulnisproblemen führte – zumindest in Deutschland. In der Wachau war das anders. Hier gab es enorme Mostgewichte, wenig Fäulnis, aber mehr saubere Botrytis als in anderen Jahren. Gut, da es der letzte Jahrgang in der Verkostung war, waren wir vorbereitet. Und wurden dann doch vornehmlich positiv überrascht.

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Den Anfang machte aber erst einmal ein in jeder Hinsicht untypischer Wein, der gleich zu Beginn eine klare Gegenposition zu seinen Mitstreitern setzte. Der Peter Jakob Kühn Schlehdorn 2006 bietet in der Nase mineralischen Fahrradschlauch, grüne und weiße Früchte, ausgeprägte Tabakigkeit, Schießpulver, einen ganzen Kräutergarten, feine Mineralität, weißer Pfirsich und weiße Johannisbeer-Aromen. Im Antrunk ist er straff und trocken. Im Vergleich zu den vielen konzentrierten Großen Gewächsen kommt er fast schlank daher, sensorisch viel weniger Alkohol, insgesamt sehr sehnig und leichtfüßig. Das erinnert an einen Vin-Naturel-Stil, der die Gemüter natürlich spaltet. Die einen verspotten ihn als Kräutertee, die anderen lässt er fragend zurück, einige wenige eher stille Genießer aber sind verzückt über diesen großen, hoch eigenständigen Riesling mit perfekter Balance und feinem Zug am Gaumen. Trotzdem, was dem Wein einfach noch etwas fehlt, ist ein ganz runder Verlauf. Er ist am Beginn seiner Entwicklung und ein Beispiel, was selbst im vermutlich bisher schlechtestem Jahr dieses Jahrhunderts möglich war. Das Weintasting-Team vergibt, wenn auch unter Protest, 93 bis 96 Punkte.

Der Georg Breuer Rüdesheimer Berg Schlossberg 2006 ist in der Nase etwas verhalten, zarte reife Zitrustöne, würzige Steine, sehr elegant. Im Mund überrascht er dann mit einer ordentlichen Säure. Aromen von Zitrus, Orangen, Kräutern, vor allem Kamille. Satter Schmelz, hoher Zug, straffe Struktur, aber auch viel Kraft und etwas Süße. Eine rundum sehr schöne Struktur, grüne Blätter, aber die leichte Süße steht ihm nicht. Der Wein ist jedoch so dicht, mineralisch und zupackend, dass er noch nach mehr Reife verlangt, und das will etwas heißen für 2006. Eine schöne Überraschung mit überaus ordentlichen 93 Punkten!

Der Keller Westhofener Kirchspiel 2006 hat guten Ausdruck in der Nase. Eine Mischung aus Deftigkeit, Würzigkeit, duftig-grünen Waldkräutern, Ananas. Im Antrunk kommt dann ein volles, weiches, würziges Extrakt mit Noten von Steinfrucht und gekräutertem Brathähnchen. Ein Wein mit richtig Fett auf den Rippen, dazu auch etwas Süße, Trockenfrüchte, hinten salzig. Und was sich alles so schwer anhört, wird mit mineralischem Druck und schöner Säure gut gepuffert. Ein Wein mit Würzigkeit, Feinheit, ansatzweise Eleganz, und Potenzial für viel mehr Reife. Wenn sich das noch alles zusammenfügt und die Süße noch etwas abbaut, kann das hier recht groß werden. Wir bewerten ihn mit 92 Punkte.

Der Wittmann Westhofener Morstein 2006 bietet eine tiefe, gelb- und kernfruchtige, etwas deftige, aber ausdrucksstarke Nase. Im Mund ist der Wein dann füllig, tropische Früchte, etwas süßlich. Mit mehr Luft gewinnt er im weiteren Verlauf an Straffheit. Der Wein wirkt zugleich gereift und unentwickelt. Vielleicht wird sich hier mit der Zeit noch einiges tun, zur Zeit zeigt er wenig Brillanz. Wir sind aber optimistisch und verteilen trotzdem großzügig 91 Punkte und hängen einen Potenzial-Hinweis daran.

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Mit den letzten zwei Weinen hatten wir viel vor. Sie bilden eigentlich das vielleicht Beste ab, was in der Wachau möglich ist. Und sie sind trotzdem unterschiedlicher wie sie es mehr nicht sein könnten. Doch das Finish wurde uns ordentlich verhagelt. Das war kurz ärgerlich, ließ uns aber entspannt bleiben, denn wir hatten schon jede Menge Highlights hinter uns. Am Ende blieb dann eben doch: Never trust 2006! In der Flasche macht der Jahrgang eben doch, was er will.

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Der erste Wachauer war der Nikolaihof Im Weingebirge Baumpresse 2006. Ein zarte, klarfruchtige Nase, die Tiefe andeutet. Im Antrunk dann eine klare und feste Orangenfrucht, gute Saftigkeit, ein Hauch Kräuter, aber aromatisch bietet der Wein nicht ganz so viel. Auch etwas weißer Nougat und eine starke Säure. Ein Wein mit reifem Auftritt und Widersprüchen. Und nach dem Aufdecken auch Enttäuschung, diesen Wein hatten wir noch vor etwas mehr als einem Jahr sensationell gut im Glas. In dieser sehr gereiften Form sind das nur noch 88 Punkte.

Der zweiundvierzigste und damit letzte Wein an dem Abend war schließlich der eigentlich monumentale F. X. Pichler Unendlich 2006. Und auch hier hatten wir leider keine gute Flasche erwischt. Eine sehr kräuterige Nase, grüne und weiße Früchte, konzentrierte florale Töne, den einen erinnert das an Traminer, den anderen mehr an Seife. Im Antrunk dann eine von Süße und zugleich Alkohol getragene Kräftigkeit, die kaum gepuffert wird. Das Aroma hat etwas von Steinfruchtschalen und exotischen Früchten, Bitternoten, tabakigen Nuancen, auch Gurke, Kräuter, Wacholder, das erinnert durchaus an Gin, wozu auch der schnapsige Alkohol passt. Der Wein lässt uns ratlos zurück. Es ist, als ob alles darin enthalten, aber völlig durcheinander ist. Ein Wein auf der Suche nach sich selbst. Wir hoffen, dass er sich noch finden wird, – 84 bis 87 Punkte.

So schloss sich der Vorhang nach einem irritierenden Finale. Trotzdem hinterließ die Probe Ihr Publikum äußerst zufrieden bis glücklich. Am Ende bleibt noch einmal großen Dank zu sagen an Rainer Kaltenecker für unzählige Weine, eine perfekte Organisation und einen unvergesslichen Abend und an Hans Onstein für seine große Expertise und die schönen gereiften Weine, die er aus seinem Keller zauberte für diese Probe!

Und hier findet Ihr alle Teile aus der Artikelreihe:

→ Teil 1: Letztes Jahrhundert
→ Teil 2: Jahrgang 2003
→ Teil 3: Jahrgang 2001
→ Teil 4: Jahrgang 2004
→ Teil 5: Jahrgang 2002
→ Teil 6: Jahrgang 2005
→ Teil 7: Jahrgang 2006

Weitere Berichte von dieser Probe und auch manch ganz andere Bewertung einiger Weine findet Ihr bei Achim Becker (→ Weinterminator.de), Felix Bodmann (→ Schnutentunker.de) und Matthias Neske (→ Chezmatze.de). Für die Fotos danken wir Weinkaiser.de.

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