Riesling Große Gewächse 2008 – Eine Bestandsaufnahme nach vier Jahren Flaschenreife

Um die Reifeentwicklung trockener Spitzenrieslinge zu verstehen, muss man sie in ihrer Entwicklung regelmäßig und dauerhaft begleiten. Für die deutschen Vertreter trifft dies aus zweierlei Gründen im besonderen Maße zu.

Zum einen haben wir es mit einer relativ neuen Entwicklung zu tun. Erst ab dem Jahrgang 2001 versuchen sich wieder eine Vielzahl an Winzer daran einen besonders hochwertigen trockenen Riesling zu erzeugen. Natürlich gab es auch davor Erzeuger mit trockenen Spitzenrieslingen, aber es waren rare Ausnahmen. Darüber hinaus erfolgte diese Entwicklung während eines deutlichen Klimawandels. Die Bedingungen haben sich in den vergangenen 15 Jahren beinahe in ihr Gegenteil verkehrt. Beschwor man anfangs der 90er-Jahre noch den Wettergott, er möge einen Herbst bescheren, der die letzte Süße bzw. Reife in die Traube treiben möge, so gehen heute die Gebete in die entgegengesetzte Richtung; in manchen Weingärten ist es mittlerweile gar zu warm geworden. So zielen Bepflanzungen und Bewirtschaftung des Weingartens darauf ab mit den erhöhten Temperaturen besser umzugehen und die Rieslingtraube vor Hitzestress zu bewahren, oder ein zu schnelles Anreichern von Zucker zu vermeiden. Das letzte wirklich (zu) kühle Jahr für den Riesling liegt mittlerweile weit über eine Dekade zurück, es war 1996. Und selbst aus diesem Jahr gibt es heute noch ansprechend frische, überaus vital wirkende Weine. Sie bezeugen die Vorliebe des Rieslings für kühlere Witterung, vorausgesetzt er reift vollständig aus.

Aus den beiden genannten Gründen können wir alle heute nur auf wenig Erfahrung über das Reifeverhalten von trockenen Rieslinge zurückgreifen. Und so ist es keine sonderliche Überraschung, dass das erste Jahrzehnt sehr unterschiedlich ausfiel. Konnte man, auch aufgrund der Erwärmung, zumindestens bis zum Jahrgang 2007 einen Trend zu immer konzentrierteren und süßeren Großen Gewächsen erkennen, wobei es natürlich auch hier immer Ausnahmen gab, setzte ab dem Jahrgang 2008 ein Umdenken ein und manche Betriebe, darunter auch Spitzenbetriebe (z.B. Weingut Keller in Rheinhessen), schwenkten um auf einen Weintyp, der wieder stärker zur ursprünglichen Typizität  des Rieslings zurückführen sollte. Dadurch ist 2008, für den ambitionierten Riesling-Freund, ein besonders interessantes Jahr, auch weil es als verhältnismäßig kühles Jahr in die Weingeschichte eingehen wird. Im Herbst sanken die Temperaturen sogar derart ab, dass mancherorts die Reifeentwicklung der Beeren für einige Wochen gänzlich zum Erliegen kam. Mutige Winzer liessen ihre Trauben länger als üblich hängen und ernteten schlussendlich physiologisch ausgereifte, zumeist gesunde Beeren. Regional war die Qualität sehr wechselhaft und viele schrieben den Jahrgang auch schnell ab. Dabei fanden sich bereits auf den Jungweinproben im Herbst 2009 schöne Vertreter, die dank einer besonders klaren, feinen Rieslingfrucht mit viel Frische und Ausdruckskraft und lebendiger Säure überzeugten. Auch wurde der Wandel weg von überkonzentrierten Großen Gewächsen bei den ersten Erzeugern deutlich. Viele Verkoster hatten sich, insbesondere nach den fetten Jahren 2005 bis 2007, derart an den üppigen Ausbaustil gewohnt, so dass die zurückgenommene Dichte oder Süße fälschlicherweise gelegentlich als Mangel interpretiert wurde.

Man darf nicht unterschätzen welche Umstellungen, hin zu einem geänderten Weinstil, im Weingut notwendig sind und den damit verbundenen, vielfältigen Risiken. In der Bewirtschaftung der Weingärten, als auch beim Ausbau im Keller, gilt es neue Wege zu wagen und andere Entscheidungen zu treffen. Man macht sich quasi neu auf den Weg, es beginnt eine Phase des Lernens. Wie reagieren meine Weingärten auf die z.B. neue Laubarbeit, auf die Umstellung zum biodynamischen Weinbau, zu andere Maischestandzeiten und so weiter. Da können dann schon mal einige Jahrgänge schwieriger und in ihrer Ausrichtung unklarer ausfallen. Umso erfreulicher ist es, dass sich auch Spitzenwinzer dieser Aufgabe stellen und diesen neuen, aus meiner Sicht, richtigen Weg beschreiten.

Aber nicht nur die Winzer stehen vor diesen Herausforderungen, auch wir, die über Wein, wenn auch nur als Amateure, schreiben, müssen lernen und Erfahrungen sammeln, um zukünftig zu einer sachgerechten Beurteilung des trockenen Rieslings und seines aktuellen Reifezustandes zu gelangen. Dies wird nur gelingen, wenn wir regelmäßig die Spitzenweine in ihren unterschiedlichen Reifestadien verkosten und sie so über ihr gesamtes Leben begleiten. Weil die Jahrgänge naturgemäß unterschiedlich ausfallen, werden wir noch ein bis zwei Jahrzehnte benötigen, bis wir eine fundierte Grundlage besitzen, um bereits im Jungweinstadium seriös eine Prognose über Entwicklungsfähigkeit und Güte des dann aktuellen Jahrganges vornehmen zu können. Wir bei NEPV wollen uns hierzu auf den Weg machen und beginnen bei einer subjektiven Auswahl an 2008er-Großen Gewächsen. Zukünftige werden wir solche Proben regelmäßig veranstalten und davon berichten.

Die Weine kamen blind auf den Tisch, wobei ich persönlich das Line-Up kannte, jedoch nicht die Reihenfolge. Die Verkostung fand an zwei Abende in ruhiger und konzentrierter Atmosphäre statt, die Bewertungen reflektieren den Mittelwert, größere Abweichungen spiegeln sich in einer Punktespannweite wieder. Alle Weine wurden direkt nach Erscheinen gekauft und lagern seit dem bei günstigen klimatischen Bedingungen. Sie wurden vorab mindestens zwei Stunden karaffiert.

Rheingau

2008 Weingut Künstler Hochheimer Hölle │2015 – 2023 │ 93 +
Spontinase nach Gummi, getrockneten Kräutern, klare, reife Stein- und Kernfrüchte, Pampelmuse, ausgewogen, eine schöne Blume. Am Gaumen von mittlerem bis kräftigen Körper, große Saftigkeit, reife Steinfrüchte, angetrocknete Äpfel, leicht bittere Würze, frische Zitrusanklänge, insbesondere im hinteren Bereich, festes mineralisches Fundament,  animierendes Säurespiel, wirkt noch jung und kompakt, gute Länge. Potential.

2008 Weingut Georg Breuer Rauenthaler Nonnenberg │ 2016 – 2023 │88 – 90 +
Duftet nach Orange, weißem Pfeffer, leichte Spontinote, feinsinnig und balanciert. Am Gaumen von höchstens mittleren Körper, Zitrusfrucht, viel Orangen, jungem Weinbergspfirsich, sehr feste, steinbetonte Mineralik, die Säure peitscht auf den Gaumen, im hinteren Verlauf nimmt die Frucht ab, herbe Kräuter, asiatischer Einschlag, erinnert an Ingwer, sehr schlank und unentwickelt wirkend, der Nachhall bricht etwas ab. Entwicklung blind unklar, nach dem Aufdecken (wir hatten es vermutet), attestieren wir aufgrund unserer Erfahrung mit der Lage viel Reifepotential; jedoch muss man die Säure mögen.

2008 Weingut Georg Breuer Rüdesheimer Berg Schlossberg │ 2013 – 2028 │94 – 95 +
Herrlich ausdrucksstarke Nase, die sofort aristokratische Noblesse verströmt, purer Schieferduft, junge Pfirsiche, Abrieb von Grapefruit und kandierten Zitronen, etwas Cassis, sehr tief und reintönig. Am Gaumen von mittleren Körper, glockenklar wie ein Gebirgsbach, messerscharfe Zeichnung nach Schiefermineralik, dunkler Kräuterwürze, jungen Steinfrüchten, festes und ungemein agiles Säurespiel, enormer Zug am Gaumen, ohne jede Breite und Süße, höchster Ausdruck, sehr langer Nachhall. Ein wahres großes Gewächs vdeutlich vom Terroir geprägt.

2008 Weingut Peter Jakob Kühn Mittelheimer St. Nikolaus │ 2016 – 2023 │ 91 +
Gedeckte Nase nach reifen Zitronen, verhaltener Kräuterwürze und einem Hauch Mineralik, auch eine Spur Sponti. Im Mund von mittlerem bis kräftigen Körper, Apfelbutzen, hohe Extraktdichte, ggf. ein Touch Botrytis, wirkt auch im Mund gedeckt, dunkle, erdbetonte Mineralik, feines und bestens integriertes Säurespiel, dunkelwürzige Kräuter, noch sehr unentwickelt, befindet sich gerade im Tiefschlaf, mittlere Nachhall, zeigt viel Potential. Liegen lassen.

2008 Weingut Querbach Oestricher Doosberg │ 2013 – 2023 │ 92
Heftige Spontinote nach Gummi, Petrol, Feuerstein, daneben viel Küchenkräuter, Kardamom und sonstige asiatische Kräuter, so gut wie keine Frucht, wirkt interessant, jedoch verschlossen. Am Gaumen von kräftigem Körper, hohe Extraktdichte, sauber ohne jede Botrytis, nun auch recht reife Steinfrüchte, würzig-erdbetonte Mineralik, hoch animierendes Säurespiel, entwickelt im hinteren Verlauf eine schöne Cremigkeit, konsequent trockener Ausbau, sehr animierend und frisch zu trinken, schöne Länge. Schon heute herrlich zu trinken, wird sich lange halten.

2008 Weingut Robert Weil Kiedricher Gräfenberg │ 2016 – 2025 │ 93 +
Röstige Nase nach getoastetem Brot, buttrige Anklänge, Botrytis, kaum Frucht, trotzdem stimmig und anregend. Am Gaumen von dichtem Körper, kandierte Zitrusaromen, Löffelbiskuit, Zitruscreme, glacierte Kernfrüchte, rote Johannisbeeren, festes, volatiles Säurespiel,  zeigt Biss und Ausdruck, noch sehr verschlossen, wenngleich er im Mund schon jetzt eine schöne Frucht zeigt, vorhandenes mineralisches Fundament, verweilt sehr lange und herrlich animierend am Gaumen. Ein toller Wein.

Mosel

2008 Weingut Markus Molitor Zeltlinger Sonnenuhr │ 2014 – 2020 │ 88 + (?)
Recht ausdruckslose Spontinase mit indifferenter, süßlicher Frucht, grasige und mineralische Anklänge, sonst nicht viel, offenbar im Tiefschlaf. Am Gaumen von mittlerem bis kräftigen Körper, eingemachte Steinfrüchte, Cassisblätter, dunkle würzige Mineralik, Phenole, holprige Süße, sehr dicht, die Säure abseits, aber mit Kraft und Spiel, gute Anlagen sind durchaus zu erkennen, der Abgang hat Länge, aber es mangelt ihm auch hier an Harmonie. Ganz schwer zu bewerten, Potential unklar.

2008 Weingut Heymann-Löwenstein Uhlen B  │ jetzt bis 2018 │ 86 +
Duftet nach Butterkeks mit ranzigen Anklängen, Dosenmanderine, sehr kräftige, fast aufdringliche Blume. Am Gaumen von kräftigem Körper, erneut Butterkekse, Abrieb von Orangen, der Alkohol zeigt über den gesamten Verlauf, wirkt müde, gute Säurestruktur, mittlere Tiefe, kaum animierende zu trinken, gute Länge. Nach dem Aufdecken haben wir aufgrund Erfahrung Hoffnung auf Besserung in ferner Zukunft.

2008 Weingut Heymann-Löwenstein Uhlen L │ 2015 bis 2020 │ 89 – 90 +
Recht verschlossene, indifferente Nase nach hoch gereiften Steinfrüchten, Botrytis, Zuckerguß und erdiger Mineralik. Mittlerer bis kräftiger Körper am Gaumen, aber insgesamt noch in guter Balance, reife Steinfrüchte, vor allem Marille und Aprikose, deutliche Restsüße, bitterer Abrieb von der Orange, erneut Boytris, gute Tiefe, lang.

2008 Weingut Heymann-Löwenstein Uhlen R │  2015 bis 2020 │ 91 +
Offene, ausdruckstarke Nase nach Brioche, hochreifen Stein- und Kernfrüchten, tropische Anklänge, schöner Würze. Am Gaumen von mittlerem Körper, sehr saftig mit etwas ausladenden Hüften, der Alkohol drängt, fügt sich aber gerade noch so ein, animierende Frucht nach Aprikosen, rotwangigen Äpfeln, etwas Maracuja, macht zu Beginn viel Freude, ermüdet aber recht schnell im Glas, Mineralik nach getostetem Weißbrot, ein Spur zu viel Restsüße, mittlere Länge, die vitale Säure bringt Frische in den Wein, gute Länge.

Rheinhessen

2008 Weingut Wittmann Westhofener Aulerde │2014 – 2020 │ 88 +
Opulentes Bukett von hochreifen Früchten, erdbetonter Mineralik, etwas Botrytis. Im Mund von mittlerem Körper, saftiger Antrunk nach reifen Steinfrüchten, spürbare Restsüße, geht etwas in die Breite, recht straffes Säuregerüst, wird hinten raus straffer, hinterlässt einen erstaunlich frischen Gesamteindruck, mittlere Tiefe, passable Länge. Fülliger, satter Rieslingspaß für Fruchtliebhaber.

2008 Weingut Wittmann Westhofener Kirchspiel │ 2016 – 2030 │ 91 – 92 +
Verschlossenes Bukett, ein wenig Orangenschalen, Würze nach Kardamom. Im Mund von mittlerem Körper, im Antrunk klare, frisch aufgeschnittene Steinfrucht, animierende Würze, insgesamt harmonisch und entspannt, nahezu souverän, dunkle Mineralik, wird im Verlauf recht kraftvoll, verbleibt aber in seiner Balance, zum ersten Mal zeigt sich die erwartete kraftvolle, resche 2008er-Säure, gute Länge. Schon jetzt schön zu trinken. Potential.

2008 Wagner-Stempel Siefersheimer Heerkretz │ 2016 – 2025 │ 91 +
Ein Bukett von roten Äpfeln und junge Aprikosen, zeigte Tiefe und Klasse an, vielschichtige Mineralik. Im Mund saftig, erneut reife Früchte nach Äpfel und Aprikose, die Früchte glaciert, die Mineralik erdbetont, wirkt balanciert, agiles Säurespiel, sehr gut integriert wirkend, insgesamt ausgewogen, langes Finish, in dem sich die Frucht zurückzieht und eine cremige Mineralik für einen charmanten Ausklang sorgt. Potential.

2008 Wagner-Stempel Höllberg, 2008 │ 2014 – 2020 │ 88
Verhaltenes, recht verschlossenes Nasenbild nach steinbetonter Mineralik, Assoziationen an Kreidestaub, am Gaumen von mittlerem Körper, zu Beginn Steinfrüchte, danach kommt eine herbe Kräutigkeit auf, mitsamt einer, leicht zu dominierenden, Süße, dem Wein fehlt es an ausreichend Spannung um seinen Konturen die nötige Schärfe zu geben, die Süße auf der einen und die Würze und Mineralik auf der anderen Seite finden nicht recht zusammen, mittlere Länge. Potential unklar, eher ein, zwei Jahre liegen lassen.

2008 Weingut Keller Westhofener Hubacker │ 2016 – 2022 │ 87 – 88 +
Melone, weißer Pfeffer, reife Aprikose in der Nase, wirkt insgesamt kraftvoll. Im Mund recht süß, von mittlerem Körper, weißen Johannisbeeren, leicht verwaschene Steinfrüchte, über den gesamten Verlauf unentschlossen und ein wenig langweilig, entwickelt hinten raus noch einen gewissen Zug, solide Säurestruktur, mittlere Länge. Gefällt uns nicht sonderlich gut, vermutlich gerade in Verschlussphase.

2008 Weingut Keller Westhofener Morstein │ 2018 – 2025 │ 88 – 89 +
Reife Steinfrüchte, tropische Anklänge, kalkige Mineralik, leicht süßlicher Kakao, auch im Mund Kakaospuren, tropische Frucht, exotische Würze, deutlicher Restzucker, Säure setzt sich erst im hinten Gaumen durch, unterschiedliche Eindrücke, gute Länge, verschlossen, aber mit hoffnungsvollen Ausdruck. Liegen lassen.

2008 Weingut Keller Westhofener Abts´Erde │ 2018 – 2030 │ 90 – 92 +
Unangenehme, wenngleich nur zarte vegetabile Nase nach eingekochtem Kohl, schwarzen Tee, Bergamotte, auch am Gaumen zunächst etwas werkwürdig, die Frucht wirkt verschoben, gewinnt mit der Zeit immer mehr Ausdruck und Harmonie, enorm straff, pikante, gleichzeitig tänzelnde, wenngleich rücksichtslose Säure, enormer Zug am Gaumen, relativ trocken, gute Länge, noch sehr unentwickelt, zeigt Tiefe und Klasse an, langes Finish. Am Tisch recht unterschiedliche Eindrücke.

Nahe

2008 Schlossgut Diel Dorsheimer Burgberg │ 2018 – 2030 │ 90 – 91 +
Feine Nase mit schöner Tiefe, rotbeerigen Früchten, jugendliche Stein- und Kernfrüchte, zeigt Noblesse und viel Spielt. Am Gaumen ungemein jugendlich und unentwickelt wirkend, von mittlerer Statur, viel Würze und nachdrückliche Mineralik prägen den Wein, sehr stimmig, klare, feine Frucht, pikantes Säurespiel, mineralisches Fundament, guter knapp langer Nachhall, noch sehr jugendlich. Toller Riesling der seriösen Art. Noch liegen lassen.

2008 Dönhoff Herrmannshöhle │ 2014 – 2020 │ 88 +
Rotwangiger Apfel etwas glaciert, Anklänge von Würze und Mineralik, könnte aber insgesamt ein etwas tieferes Bukett zeigen, am Gaumen saftig, viel Frucht, erinnert an reifen Apfel, etwas ruppig, die Säurestruktur wirkt fein und gut integriert, zeigt einen festen Kern, aber die Komponenten spielen nicht ausreichend miteinander, mittlere Länge. Liegen lassen und hoffen.

2008 Emrich-Schönleber Monzinger Halenberg │ 2018 – 2025 │ 87 +
Verhaltene, jedoch balancierte Nase, frische Steinfrüchte, etwas Käserinde, vermutlich noch Gäraromen, am Gaumen mittelkräftig, technisch einwandfrei, frisch, in der Fruchtaromatik derzeit keine klare Ausprägung, ansonsten gute Säurestruktur, wirkt klar, hat gute Saftigkeit, etwas steinige Mineralität, es fehlt ihm jedoch der Ausdruck, wirkt nicht auf GG-Niveau, heute schwer zu bewerten, liegen lassen und hoffen. Nach dem Aufdecken enttäuschte Gesichter. Es ist aber nicht ungewöhnlich, dass der Halenberg in seiner Reifeentwicklung durch einige Täler geht, um anschließend wieder höchste Höhen zu erklimmen.

2008 Emrich-Schönleber Frühlingsplätzchen  │ 2013 – 2020 │ 89 – 92 +
Aromen von der Spontanvergärung, die sich wie ein langer Schatten über die Frucht legen, Zitrus, Handcreme, Anzeichen von Tiefe und Noblesse, am Gaumen herrlich saftig, sehr animierend zu trinken, ein feiner Hauch Restzucker, hochfeine, pikante Säure, die schon fast gänzlich mit der Frucht verwoben ist, hat Zug und Tiefe, langes Finish von feinem Ausdruck. Unterschiedliche Eindrücke am Tisch, manchen fehlte es an Komplexität, andere lobten das Spiel und die Trinkfreude. Allemal schon heute ein Versuch wert.

Pfalz

2008 Ökonomierrat Rebholz Birkweiler Kastanienbusch │ 2016 – 2025 │ 88 – 90 +
Verhaltene Blume nach steinbetonter Mineralik, Richtung Kreide/Kalk, tropische Anklänge, Zitrus,  getrocknete Apfelringe, mit der Zeit kommen immer mehr mehr rotbeerige Früchte auf. Im Mund recht verhalten, verschlossen, jugendliche Früchte, noch kaum entwickelt, pikant, schöne eingebundene Säurestruktur, zeigt Zug am Gaumen, insgesamt aber ein unentwickelter, vielleicht gar limitierter Wein, hat aber eine schöne Länge, wirkt frisch und trinkanimierend. Wird sich noch entwickeln, ob er aber zu höherem bestimmt ist bleibt abzuwarten.

2008 Rebholz im Ganshorn Sonnenschein │ 2017 – 2028 │ 90 +
Kräuterwürzige Nase, Noten von Naturhefen, Johannisbeere, Rauch, geschnittenes Gras, Eisbonbon, noch sehr jugendlich im Mund, mittlerer bis kräftiger Körper, kaum Frucht, dafür mehr Pfeffer, Würze, weißer Rauch, die Gerbstoffe packen derb zu, jetzt wenig Trinkfreude, trotz seines Winterschlafes zeigt er Klasse, ruppiges Finish. Noch mindestens drei Jahre liegen lassen.

2008 Bassermann-Jordan Deidesheimer Hohenmorgen │ 2018 – 2030 │ 93 – 94 +
Weißer Rauch, Gummi, Jod, mürber Apfel, Malz, tostige Noten, ein raffiniert, komponiertes Bukett für Riesling-Freaks. Mittelkräftig im Mund geprägt von markanten Apfelaromen, abgestandene Cola, sehr dicht und straff, angezähmter Zug am Gaumen, der Wein explodiert aromatisch im Mund, ohne Schwere, ohne Süße, ohne übermäßige Extrakt, sehr animierendes, forderndes Säurespiel, verbleibt sehr lange am Gaumen. Hat sich grandios entwickelt und zeigt gerade das herausragende Potential dieser großen Lage, könnte ein großer Riesling werden.

2008 Koehler-Rupprecht Kallstädter Saumagen Spätlese R │ 2019 – 2035 │ 92 +
Distinguiertes Bukett nach trockenem Tabak, vielfältiger Kräuterwürze, kaum Frucht, eine Ahnung von Cassis und Holunder, zeigt schon jetzt große Tiefe und Eigenständigkeit an, am Gaumen mittlerer Körper, reintönig, saubere dunkle Beerenfrucht, ein Hauch Kernobst, festes Säurefundament, herrlich eingebunden, salzige Mineralität, sehr eigenständig, fein-oxidativer Ausbau, große Tiefe und Nachhaltigkeit, heute noch kaum geöffnet, langes Finish, könnte ein großer Riesling werden. Lange Zukunft.

2008 Georg Mosbacher Forster Pechstein │ 2013 – 2023 │ 93-94 +
Klare, schön gereifte Steinfrucht, Anklänge nach frisch geschnittenem Tabak, tiefe, grazile Würzigkeit, auch im Mund herrlich klar mit einem Korb frisch aufgeschnittener Zitrus, Stein- und Kernfrüchte, alles spielt miteinander, scharf gezeichnet, ohne jede Schwere trotz seines fast vollen Körpers, feine Restsüße, langer, imposant komponierter Abgang. Heute wunderbar zu trinken, wird sich aber halten und wohlmöglich noch ein Tick zulegen.

2008 Bürklin-Wolf Forster Pechstein 2011 │ 2018 + │ 87 +
Dominiert von Gär- und Jungwein-Aromen wie Stachelbeere,  Eisbonbon, so wie in der nase auch im Mund: verschlossen, uninspiriert, zeigt kaum etwas an, süß, kräftig, kantig, kaum Spiel, hat Dichte und ein gutes Säuregerüst, ruppiges Finale. Der Wein hat sich in seine Höhle zurückgezogen und wird vermutlich erst in fünf Jahren zeigen was in ihm steckt, so zumindest unsere Hoffnung, heute unbefriedigend.

Fazit: Viele 2008er befinden sich derzeit in ihrer zweiten Verschlussphase. Insbesondere die nominell stärkeren Weine präsentierten sich derzeit (2013) eher entäuschend, mit Ausnahme des grandiosen Berg Schlossberg. Heute würden wir eher die GGs aus der zweiten Reihe aufmachen, da sich diese bereits geöffnet haben und ein ansprechendes Genusserlebnis versprechen. Einigen Weinen merkt man an, dass der Winzer sich in der Umstellung auf einen neuen, schlankeren Weinstil befindet. Die Weine wirken dann etwas unklar in ihrer Ausrichtung. Die vermutete sehr pikante, resche Säure haben wir nur bei ganz wenigen Vertretern wahrgenommen, es scheint als habe sie sich bereits sehr gut integriert.

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3 Kommentare zu “Riesling Große Gewächse 2008 – Eine Bestandsaufnahme nach vier Jahren Flaschenreife

  1. Pingback: Riesling Große Gewächse 2008 – Eine Bestandsanalyse über Reife und Entwicklungspotential | Nur ein paar Verkostungen ...

  2. Rainer,

    vielen Dank für die akribische Mitschrift – viele Eindrücke decken sich auch mit meinen Notizen. Überraschend war in der Tat die Früh-Performance der Weine aus dem Rheingau. Kaum Ausfälle, kaum Schwächen, keine Süß-Säure-Spitzen. Alles in Balance. Und der singende Schlossberg als – mit Abstand – schönster Wein der Abende… ein Genuss und Nachkaufempfehlung (im Handel noch erhältlich).

    Ob diese „Vorherrschaft“ aber auf Dauer Bestand hat, darf wohl bezweifelt werden. Denn einige Weine haben wir aus einem festen Schlaf gerissen – da kommt noch einiges nach mit weiterer Reife, insbesondere von der Nase und Rheinhessen – diese Weine werden sicher Boden gut machen. Der Halenberg hat z.B. eine weitere Woche in der Flasche gebraucht, bis er seine „Käsearomatik“ verlohren hat. Ein klarer Zeichen, dass diesem Wein eine längere Lagerung (2016+) gut zu Gesicht stehen wird. Gänzlich unzugänglich blieb der Wein von Molitor. Der wollte nicht, auch nicht mit längerem Zureden und Herzmassage.

    In Summe werden die Weine von zwei bis drei Jahren weiterer Reife profitieren und sich weiter harmonisieren, ehe man sie (an-)trinken sollte. Eile ist bei diesem Jahrgang nicht geboten – aber es lohnt – hier wartet noch viel Spass für die Trinker!

    Guido

  3. Pingback: Weingut Künstler Riesling Stielweg Alte Reben, 2008 | Weintasting.de

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