Riesling Großes Gewächs 2011 – weitere Eindrücke

Mit einigen Wochen Abstand zur Veröffentlichung der Großen und Ersten Gewächse des Jahres 2011 am 1.9.2012 hatte ich im Zeitraum Ende September bis November 2012 bei VDP-Veranstaltungen und im privaten Umfeld Gelegenheit, einige Weine der Gattung Riesling EG/GG 2011 nachzuprobieren. Gemein war den Probiergelegenheiten, dass ausreichend Wein im Glas war und genug Zeit und Ruhe bestand, um sich diesen Weinen entsprechend zu widmen. Hier folgen nun die Verkostungsnotizen.

GG2011

Mosel Saar Ruwer

Vom Saarweingut Geltz-Zilliken kam das GG Rausch aus Saarburg ins Glas. Steinfrucht, Zitrus, roter Apfel – ein saftiger Obstkorb in der Nase, mit feiner Schieferwürze unterlegt. Im Mund zunächst ein fein-cremiger Auftakt, dann wird es markant süßlich, die Apfelfrucht wirkt dadurch glasiert und macht wenig Trinkvorfreude. Wirkt eher halbtrocken. Indiffernter Mittelteil, kaum beschwingt/verspielt. Baut am Gaumen mit mineralischem Biss aus und kann dadurch nochmals zugewinnen. 85-87 Punkte.

Ruwerweine stehen für traditionell für Würze – und insoweit erfüllt der Weingt Karthäuserhof mit dem 2011 GG Karthäuserhofberg alle „Vorurteile“. In der Nase Würznoten und herbe Kräuter, etwas grüner Apfel sorgt für die Fruchteindrücke. Im Mund deutlich kräuterbetont, packende Säure, die dem Wein aktuell noch etwas kantiges gibt. Auch im Mund Apfel und herbe Kräuter, das Finale wird salzig-steinig. Hier bleibt die Säure sehr pointiert stehen, was den Verlauf sehr unruhig macht – das braucht vielleicht nur Zeit… Langes, von Kräutern und Apfelschale geprägtes Finale. 88 Punkte, aktuell eher vorsichtig gepunktet. Im Zweifel also: Liegenlassen!

Die Brauneberger Juffer Sonnenuhr von Fritz Haag ist im Direktvergleich zum Ruwer-Vertreter deutlich zugänglicher in der Jugend. Schiefrig steinige Nase, etwas Weinbergspfirsich, eine brotig feiner Hefeton. Stoffig-würziger Antrunk, hat einen mächtigen Auftritt, gelber Pfirsich, markantes Süßsäurespiel, sehr vitale Säure. Betonte Schiefermineralität. Pikanz. Noch unentwickeltes mittellanges Finale, mit guter Prognose. 87-89 Punkte.

Pfalz

Das Freundstück von Bassermann-Jordan kam mit einer würzigen Apfelnase ist Glas, Komplexität angedeutend, klare Frucht und markant würzige Aromen, die an dunkle Brotkruste erinnern. Saftig-würziger Antrunk, hier ein schönes Wechselspiel von Mineralität, Würze und Frucht anbietend. Sauber im Verlauf, aber auch ohne nachhaltigen Ausdruck. Gute Anlagen erkennbar, hat Zeit. 88-89 Punkte.

Christmanns Idig präsentiert sich in 2011 mit einer tiefen, fast etwas kristalinen Nase nach rotem Kernobst und Beeren, durchaus nobel, wenngleich durchaus auf der kräftigen Seite. Mit mehr Luft Rauchanklänge. Stoffig im Mund, geschliffene rote Apfelfrucht. Dass 2011 eher ein reifes Jahr war, spürt man spätestens am Gaumen, der Alkoholeindruck ist recht rechkraftvoll und könnte nicht jedermanns Sache werden, gleiches gilt für die leichten Lacktöne. Aber schmalbrüstig ist diese Lage ja eh nie. Animierend ist die rotfruchtige Ader (Apfel und Johannisbeeren), die der Wein bis ins mittellange Finale durchzieht. Leichte Wärme/Breite zeigend. Feinsalzige, an staubig Mineraliät erinnende Steinigkeit. Liegenlassen. Dreimal verkostet, trotz erkennbarer Klasse jedoch nie über 89-90+ Punkte bewertet. Wer breitschulterige Weine bevorzugt, wird hier auf jeden Fall fündig werden (und den Wein vielleicht auch höher einschätzen).

Mit klassischer Aromatik kommt der Jesuitengarten aus dem Hause Reichsrat von Buhl in Glas. In der recht differenzierten Nase tropische Frucht, Maracuja und Cassisblatt, ein ganz feiner Hauch Banane. Etwas Zündholz. Im Mund gänzlich unzugänglich, Cassisblatt, herbe Aromatik, deutlich straffer und schlanker, als es die Nase erwarten liess. Entwickelt erst mit einiger Verweildauer im Glas tropische Aromen, unterlegt mit feiner Säure. Schmelzig-vegitabiles Finale von mittlerer Länge, in der die Frucht nur angedeutet ist und die Mineralik prägt. 89++ Punkte. Nicht uninterressant…

BWP Der Pechstein von Bürklin-Wolf überzeugt in 2011, so wie lange nicht mehr. Tief und komplex, seine verwobene rotfruchtige Apfelnase, unheimlich fein ziseliert und animierend,  mehrdimensional changiert der Wein zwischen rotem Apfel und feinster erdiger Mineralik. Auch im Mund uneingeschränkt überzeugend: fein, elegant und doch mit fester Struktur zieht der Wein steinig-basaltig gelassen seine durchgezeichnete Bahn, fast schwerelose Apfelfrucht, ach nein, es ist dann doch eher rote Johannisbeere. Und schon wieder umgekehrt. Hochfein und wunderbar komponiert. Spielt mit feinsten Salznoten, aber wer meint „oh wie niedlich“, der irrt. Denn hinter dieser Seidenschalfassade blitzt die Mineralik messerscharf dunkel hervor – der Wein ist ein sehr schöner Ausdruck dieser Lage. Perfekt eingebundene Säure. Langes, auffächerndes Finale. Zweimal mit voller Hingabe probiert. 95-96 Punkte.

Ob Riesling nun ins neue Holz soll oder nicht – mit dieser Fragestellung kann man bekanntlich Glaubenskriege begründen. Ob dem Kirchenstück des Weinguts von Winning der Holzkontakt gut getan hat, diese Frage lässt sich wohl leichter beantworten –  ich meine in diesem Falle: ja, durchaus. In der Nase leicht schwefelig, Cassis und Krokantanklänge, wirklich nur ein feiner Holzeinschlag, dazu leicht vegetabile Noten. Auch im Mund eine nur leicht holzgetönte, ansonsten saftig rotbeerige Frucht, vorallem roten Apfel zeigend, intensiv in seiner Art, auch betont mineralisch. Mit mehr Verweildauer und zunehmender Wärme wird es hier immer steiniger, die pikante Säure sorgt für etwas Schärfe, ein anspruchsvoller Tropfen, Holzaromen und seine betonte Mineralität gehen eine ungewohnte, aber spannende Liason ein, derzeit noch jugendlich wild. Das Finale holzwürzig, mit balanciertem Spiel von Frucht und Säure, deutlich mittellanger bis knapp langer Nachhall. 91-92+ Punkte. Weglegen.

Ein auch schon jung zu trinkender Vertreter ist dagegen der Kastanienbusch von Rebholz. Tiefe andeutende Apfel- und Orangen-Nase, ein Hauch schwarzer Beeren. Ernsthaft, tief, animierend. Beim ersten Schluck fällt die gelungene Balance zwischen Säure und Mineralik auf, um sofort der Orangenfrucht die Bühne zu überlassen. Die Frucht macht selbige nicht mehr frei und hält die Aromen bis in den langen Nachhall durch. Kein begründeter Zweifel, dass der Wein angenehm reifen wird – aber er ist bereits jung verführerisch zugänglich,  90-91 Punkte.

Rheinhessen

Wittmanns Morstein hatte in den letzten Jahren stets Anspruch auf die Podestplätze bei der Wahl um den Riesling des Jahres – und auch in 2011 weiss er zu gefallen. Tief und kühl-rauchig seine Nase, feine Steinfruchtaromatik, Kräuter, dunkle Beeren. Im Mund geschliffen und kraftvoll zugleich, angenehm trocken, animierendes Spiel zwischen Frucht, Säure und Mineralität. Salzige Anklänge. Extraktdicht. Rasante Säure, sorgt für Pikanz. Steinig-kalkige Eindrücke. Und eine betörende Länge, ein Wein, der mir dreimal gut war für 93-95 Punkte. Darf aber gerne fünf bis acht Jahre liegen.

Wenig zugänglich präsentierte sich aktuell der Frauenberg aus dem Hause Battenfeld-Spanier. Die Nase geprägt von Zitrone und einer Spur dunkler Beeren. Mineralische Anklänge preisgebend, dazu ein interessanter Salmiakton. Zitrusfruchtig auch im Mund, straff gezeichnet, eher kühl und noch unnahbar seine Mineralik – eine ganz leichte Zuckerspitze sorgt für angenehmen Trinkfluss, die Säure hat den Wein schön skellettiert. Ein in sich schlüssiger Auftritt, etwas Grapefruit im deutlich mittellangen Finale. 90+ Punkte.

Jugendlich auch der nächste Rheinhesse, nämlich Nierstein Pettenthal von Kühling-Gillot. Eine rauchige, sehr würzige Nase, teilweise noch geprägt von Spontinoten, die erkennbaren gelben Früchte kommen derzeit nur scheu dahinter durch. Leicht ölige Textur im Antrunk, aromatisch mit hochreifer gelber Frucht, mundfüllend. Auch in diesem Jahr eine Referenz für konzentrierten Riesling, betont mineralisch, leider auch etwas alkoholisch wärmend, insbesondere im Finale. Auch im Mund wieder Zündholzanklänge, leicht schärfendes Mundgefühl im mittellangen bis knapp langen Finale. Moderater Trinkfluss – aber ein haptisches Kauerlebnis. Für Freunde breitschulterigen Rieslings sicher ein Genuss.  90-92 Punkte.

Aus der Reihe der Versteigerungsweine stach Wittmanns La Borne mit einer feinen Zitrus- und Mandarinenzestennase heraus. Dramatisch seine Mineralität, würzig dunkel geht es tief hinab ins Glas. Hochmineralisch auch die dunklen Mundeindrücke, der Wein hat viel Zug, verbindet auf gekonnte Art Noblesse und seine urwüchsige Kraft. Aromatisch an mürbe Äpfel, Zitrusnoten und dunkle Beeren erinnernd. Herber Biss bleibt stehen, der Hauch von Gerbstoffen ist seiner Jugendlichkeit geschuldet und wird sich einbinden. Ohne Mühe 92-94+Punkte.

Nahe

Wenn es einen Sparingspartner für den La Borne braucht, dann bitteschön diesen hier: A de L von Emrich-Schönleber. Diese Luxusvariante des Monzinger Rieslings betört mit einem feingezeichneten, tiefen Duft nach Wiesenkräutern und Kernobst – die Frucht glockenklar. Im Mund rauchig-kalkig-beissender Stein, noch recht abweisend die Apfel- und Apfelkernaromatik. Gelungener Verlauf, zunehmend saftig und geschliffen, perfekt unterlegtes Säuregerüst. Langes Finale, tief mineralisch geprägt. Noch unzugänglich, aber hier könnte Großes heranwachsen – nur Zeit sollte man seinen Magnums geben… Heute 93++ Punkte.

Etwas eleganter – jedenfalls im direkten Kontext seiner in anderen Jahren schon tränentreibend brutalen Mineralität – präsentiert sich der Halenberg von Emrich Schönleber in 2011. Zarte Spontiaromen, danach kühle Zitrusfrucht, viel grüner Apfel und grüne Kräuter, sehr klar und geschliffen in seiner Ansprache. Dieser Eindruck setzt sich auch im Mund fort, die Aromatik aus der Nase spiegelt sich, allerdings kommt hier die dunkle Mineralität prägend zum Vorschein. Um dann doch ein wenig von der schmeichelnden Zitrusfrucht aufgefangen zu werden. Straff und puristisch bleibt der Wein dennoch, und- wie angedeutet – diese Ausgabe ist dadurch etwas eleganter als in anderen Jahren. Druckvolles Finale. Sehr lang und mit sehr guter Prognose versehen. 92-94 Punkte.

Rothenberg GG aus dem Hause Tesch präsentierte sich mit einem leichten Sponti-Stinker in der Nase, viel gelber Zitrusfrucht und einem Hauch dunkler Beeren – offen und zugängliche Nase. Im Mund mit mittlerem Körper, anders als die Nase ist die Aromatik im Mund noch sehr verhalten, etwas Erdbeere und Cassis und insbesondere seine herbe Würze sorgen für einen eher rustikalen Charme. Mineralisch geprägt, in seiner Jugend aber etwas anstrengend. 87-88 Punkte, die sich mit weiterer Reife vielleicht noch steigern könnten.

Anspruchsvoll und animierend zugleich präsentiert sich in 2011 die Herrmanshöhle von Dönnhoff. Eine zartgliedrige, aber Tiefe vermittelnde Zitrus-Pfirsichnase, Cassisblatt mit einer weiteren Schicht erdiger Nuancen. Im Mund verspielt, eine leicht salzige Textur sorgt für Ernsthaftigkeit. Mittlere Dichte.  Intensive Steinigkeit, zum Gaumen immer mehr zunehmend, fächert sich dann am Gaumen mit verspielten Pfirsicharomen breit auf, um lang und leicht salzig auf der Mineralität auszuklingen. Die Säure? Pikant. Mehrfach probiert, konstant bei 93+ Punkten.

Nur eine Ahnung dessen, was der Wein zu leisten im Stand sein könnte, präsentierte das Felseneck von Schäfer-Fröhlich bei den beiden bisherigen Begegnungen mit ihm. Richtig zu packen bekam ich ihn jeweils nicht. Wie man es vom Weingut kennt, wird man in den nächsten drei Jahren auch nur erahnen, mit welchen Aromen die Nase aufwarten wird. Bis dahin bestimmt die schwefelige Zündholzaromatik der Spontanvergährung die Nase. Und doch, was sich dahinter befindet, deutet tiefe Raffinesse an. Auch im Mund von ungemeiner Struktur, große Tiefe, Kern- und Steinobstankläge, aktuell eher verwaschen als sauber herausfilterbar, aber keinen Zweifel an seiner großen Klasse lassend. Packendes Säurespiel, der Wein deutet auch diesbezüglich großes an. Mineralik? Hat er, eine ganze Schubkarre davon voll. Sehr guter Verlauf zum Gaumen hin, gänzlich balanciert. Ob der Wein den ausgezeichneten Eindruck rechtfertigen kann, bleibt aber abzuwarten – bis sich der Zündholzschleier, der auch im Mund noch leichte aromatische Akzente setzt, gelüftet hat. Der Wein könnte aber raffiniert werden… Daher vorsichtig optimistische 92-95 Punkte.

Rheingau

Der Kiedricher Gräfenberg von Weil weiss in diesem Jahr wieder zu gefallen. Süßer roter Apfel in der Nase, deutet eine feine Komplexität an, die Aromen changieren zwischen apfeliger Kernfrucht, Orange, Cassis und feinem Krokantspuren. Auch im Mund baut der Wein auf roten Apfel, kraftvoller Typ, aber in der Balance. Satter und imposanter Auftritt. Im Abgang noch jugendlich, hier deutet sich aber an, dass der Wein die Frucht-Mineralik-Mix bis ins lange Finale mitnimmt. Die markante Säure bereitet ihm den Weg. Gute Balance. Zweimal verkostet, dabei immer im Bereich 91-93 Punkte.

Schloss Johannisbergs Silberlack zeigt sich in 2011 klassisch. Verspielte Pfirsich-Apfelnase, Steinfrüchte, markant aus dem Glase strömend. Verhalten  brotig, eher kühl und aristokratisch. Würzig steiniger Antrunk, recht kraftvoller Stil, Apfelschale, etwas weiße Johannisbeeren, viel Steinfrucht. Zeigt etwas weniger Fruchtpräsenz im Mund als in der Nase, aber es fehlt an nichts. Klassische Riesling-Aromen, mit zartem Biss mineralisch unterlegt. Zweimal verkostet, 90-92 Punkte.

Zum Abschluss noch drei weitere Empfehlungen, die mir positiv aufgefallen sind, aufgrund der nicht so optimalen Verkostungsbedingungen aber ohne gesonderte Notizen hier nur benannt werden sollen- als da wären Georg Mosbacher, Ungeheuer (92 Punkte), von Winning Pechstein (93+ Punkte, hier ist der Holzeinsatz noch einen Ticken besser und raffinierter ausgefallen als beim Kirchenstück) sowie Pfeffingen Weilberg (92 Punkte –  puristisch trocken, ein Genuss!)

Guido Mueller

P.S:

Wer sie noch nicht gelesen hat: Notizen von Rainer Kaltenecker, datierend Ende August 2012, finden sich hier…

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