Reifeentwicklung trockener Rieslinge – Jahrgang 2006

intro-2006

Der Ablauf der Probe, aus der wir hier ständig berichten, war vorgegeben durch die Jahrgänge. Auf das fette Jahr 2005 folgte daher als letztes 2006 – ein Jahrgang mit einer quasi schon berüchtigen Unbeständigkeit. Zu einem warmen Sommer kam damals ein feuchtwarmer Herbst, was fast überall zu großen Fäulnisproblemen führte – zumindest in Deutschland. In der Wachau war das angeblich anders. Wie für 2006 üblich, lief es in der Probe aber genau verkehrt herum. Für das Crescendo sorgte ein ganz anderer Wein als geplant. Weiterlesen →

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Peter Jakob Kühn Riesling Spätlese Oestrich Lenchen, 2005

Kuehn-Spaetlese-5

Die großen trockenen Weine von Peter Jakob Kühn sind bekannt und polarisieren stark. Die restsüßen Weine aber haben einen Ruf, über den wenig gestritten wird. Der Ausdruck des Kühn-Stils mit Restsüße kann enorm sein. Man trinkt so etwas viel zu selten. Umso erfreulicher, dass noch diese Spätlese aus dem Jahr 2005 in meinem Keller schlummerte. Aus einem diffusen Gefühl heraus — immerhin stammt sie aus einem heißen, säurearmen Jahr, zudem ist sie mit einem Schrauber verschlossen — entschied ich mich, den Sonntagabend mit mir zu verbringen. Und war überrascht.

Im Glas ein schon etwas dunkleres sattes Zitronengelb. Die Nase ist sehr fein mineralisch. An Aromen weiße Steinfrucht, vor allem Nektarinen, dazu frisch geschnittene grüne Kräuter und eine, nicht wie sonst geradewegs aus dem Glas strömende, sondern hier nun ganz feine Tabakigkeit — fast als wenn der Wein versucht, sie zu verbergen. Im Antrunk spürt man sofort den Jahrgang. Viel Extrakt, viel Konzentration, viel Restzucker. Der Wein rinnt opulent und süß über die Zunge. Die Textur ist viskos, die Steinfrucht wirkt ungemein reif und aromatisch, dazu gesellt sich eine helle Honignote. Auch die Kräuter werden kräftiger, sie nehmen jetzt Thymian-Noten an. Vor allem aber schlägt die Tabakigkeit voll zu. Der Wein macht unmissverständlich klar, was seine Herkunft ist. Man vermeint die Kräuter zwischen den Kühnschen Rebzeilen zu schmecken, und den Kamillentee, den der Winzer seinen Pflanzen reicht. Der Wein ist eigensinnig, vor allem durch die Herbheit, mit der die opulente Süße gepuffert wird. Die Säure ist reif und weich, sie spielt hier keine Hauptrolle. Das Spiel setzt sich mehr aus der kräuterigen herben Note und der Süße zusammen. Interessant ist auch, wie sich der Wein im Mund aufbaut, nach der Süße setzt er sich Stück für Stück zusammen, ab der Mitte strömt eine mineralische Frische aus ihm heraus und am Ende verabschiedet er sich mit einem kühlen Hauch. Obendrein ist erfreulich, dass die für eine solche Spätlese satten 10 Prozent Alkohol sensorisch überhaupt nicht auffallen. Insgesamt ist dieser Wein mit seiner süß-kräuterigen Art, seinen Muskeln, der hohen Konzentration und der sanften, aber deutlichen Mineralität kein Eleganzwein. Er ist ein Erlebniswein, der unbedingt als Solist getrunken werden möchte. Und zwar bald, es kann gut sein, dass er nicht noch besser wird.

Vom Weingut, 18,50 EUR, 91 Punkte (ausgezeichnet), jetzt ruhig trinken