Reifeentwicklung trockener Rieslinge – Jahrgang 2006

intro-2006

Der Ablauf der Probe, aus der wir hier ständig berichten, war vorgegeben durch die Jahrgänge. Auf das fette Jahr 2005 folgte daher als letztes 2006 – ein Jahrgang mit einer quasi schon berüchtigen Unbeständigkeit. Zu einem warmen Sommer kam damals ein feuchtwarmer Herbst, was fast überall zu großen Fäulnisproblemen führte – zumindest in Deutschland. In der Wachau war das angeblich anders. Wie für 2006 üblich, lief es in der Probe aber genau verkehrt herum. Für das Crescendo sorgte ein ganz anderer Wein als geplant. Weiterlesen →

Werbeanzeigen

Weingut Keller Riesling Westhofen Morstein Großes Gewächs, 2009

Keller Morstein, 2009 (100 von 1)Die Lage Morstein in Westhofen bringt nach meinem Dafürhalten einen kräftigen, zuweilen üppigen Weinstil hervor. Besonders aus warmen Jahrgängen läuft der Wein dann dickflüssig über den Gaumen, beeindruckt mit seiner Kraft, seiner Saftigkeit und seiner dunkelwürzigen Mineralität. Eher ein Riesling für kältere Jahrezeiten, an dem man sich wärmen kann oder der auch gerne zu deftigen Speisen genossen werden darf. Ich gestehe, dass dies oftmals nicht meine bevorzugte Typizität des trockenen Rieslings ist, und so befinden sich noch ganze zwei Flaschen dieser Lage in meinem Keller. Dies gilt jedoch nur für die Jahrgänge bis 2007. Ab 2008, so scheint es mir, hat insbesondere Klaus Peter Keller seinen Stil grundlegend geändert, denn nun schmeckt der Morstein zwar immer noch kraftvoll, aber ohne Schwülstigkeit, ohne Süße, mit feingezeichneter, wenig aufdringlicher Frucht und einer tiefen, vielschichten Mineraität. War 2008 noch nicht ganz eindeutig in seiner Ausrichtung, überzeugte mich 2009 bereits auf der Erstpräsentation, denn nun spielten alle Komponeten perfekt zu einander. Der Morstein bleibt natürlich auch weiterhin der kräftigste Riesling bei Keller, aber nun kommen Straffheit, Finesse und Beweglichkeit hinzu. Auf unsere 2009er-Rieslingprobe vergangenen Jahres haben wir den Wein nicht probiert, was ich hiermit nachholen möchte.

Komplexes Bukett, zunächst springt mich die übliche dunkelwürzige Mineralität an mit bodennahen Aromen, dazu etwas Petrolium, darin verwoben Anzeichen einer aufkommenden Frucht, die mich an rosa Grapefruit erinnert, dazu Zitrus und Orangenzesten, im Hintergrund komplexe Kräuteraromen mit steinbetonten Noten, Tafelkreide und blanker Fels, insgesamt glockenklar und hochklassig. Am Gaumen dicht gepackt und doch agil, der Antrunk von einer derartigen Salzigkeit geprägt, dass mir das Wasser im Munde zusammenläuft, eine steinige Mineralität fräst sich in den Gaumen, klar wie ein Gebirgsbach, darin fließen Essenzen aus Kiwi, Orangen, Zitronen ohne jede Süße. Die Säure wirkt sensorisch für 2009 erstaunlich lebhaft, ja im besten Sinne fordernd, sie betont den straffen Zug am Gaumen. Neben der üblichen würzigen Mineralität kommen Eindrücke von erhitztem Fels und Kreide hinzu, bei aller Dichte und Kraft vibriert der Wein auf dem Gaumen und bewegt sich unablässig, die pure Kraft in feste Bahnen gelengt. Heute dominiert noch die Mineralität, die Salzigkeit ist ihr ständiger Begleiter, schöne Länge mit salzigem, mineralischem Kick zum Abschluss, wirkt wie gerade abgefüllt und braucht vermutlich noch vier weitere Jahre Flaschenreife, um seinen Fruchtkern vollständig zu öffnen. Dieser Morstein erreicht ohne weiteres das Niveau der großen Weißweine aus dem Burgund oder der Loire.

Vom Weingut, 44 Euro, 95-96+ (groß), 2018 – 2030