Kraftakt Pinot Noir VII — Frankreich gegen den Rest der Welt

Feature

Beginne das Jahr nicht mit kleinen Weinen. So halten wir es seit sechs Jahren mit unserem Kraftakt Pinot Noir und schickten 16 gereifte Spätburgunder ins Rennen. Dabei hatten wir diesmal so viele Franzosen und auch so viel Qualität wie noch nie am Start. Und trotzdem gab es endlich mal einen deutschen Sieger – einen wunderbar gereiften, superseidigen, auf ganz hohem Niveau charmanten Spätburgunder aus Heidelberg, den wir allesamt ins Burgund gesteckt hatten. Weiterlesen →

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Weingut Seeger Blauer Spätburgunder trocken »R« Heidelberger Herrenberg, 2011

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Ganz im Norden des Südens liegt eines dieser kleinen Weinbaugebiete, das irgendwie nur Insider auf dem Schirm haben. Die Badische Bergstraße ist wunderschön am Westhang des Odenwalds gelegen, man kann in die Pfalz und nach Hessen hinübergrüßen. Das Bild bestimmen hier Genossenschaften und Nebenerwerbswinzer, große Namen kennt man hier nicht, bis auf einen: das Weingut Seeger, dessen sämtliche Rebflächen im Leimener und Heidelberger Herrenberg liegen. Als erster und alleiniger Winzer von der Bergstraße ist Thomas Seeger seit 2010 Mitglied im VDP und hat den Herrenberg damit in den Kreis der Ersten Lagen gehoben. Herausragende Weine macht er aber schon seit fast dreißig Jahren. Thomas Seeger setzt nicht auf Wachstum, sondern auf eine tiefe Verbundenheit und liebevolle Pflege seiner Lagen. So ist das Weingut in seiner immerhin dreihundertjährigen Geschichte auf nicht mehr als gerade mal zehn Hektar angewachsen. Die Sündenfälle der siebziger und achtziger Jahre ließ man hier aus. Schon seit vielen Generationen werden die Rebflächen – man nennt es ja noch gar nicht lange so – ökologisch bewirtschaftet und schonend ausgebaut.

Die Paradeweine sind die Spätburgunder vom Muschelkalk. Mit ihnen hat Thomas Seeger schon seit Jahren einen festen Platz in der ersten Reihe der deutschen Burgunder-Winzer. Probiert man den Wein, wird eines klar: Auch wenn der Winzer die Weine trockener, dichter und burgundischer gemacht hat, der Weinstil ist traditionell geblieben. Im Glas schwenkt unverkennbar hochwertiger deutscher Spätburgunder, in seiner ernsthaften, schönen Form, mit Extrakt, Kraft, Würze, Samt und Rauch. Die Weine sind, wie sie sind, mit Mineralität und Tiefe. Sie biedern sich nicht an, sie explodieren nicht gefällig im Mund, sie fordern, dass man sich mit ihnen auseinandersetzt. Dabei sollte man die Flasche einige Jahre liegen lassen. Das gilt zumindest für die hochwertigen Reserven. Der »R« und »RR«, die aus den Parzellen Spermen bzw. Oberklamm stammen und seit Kurzem jetzt auch beide das Prädikat Großes Gewächs tragen, reifen um die 20 Monate in neuen französischen Barriques. Ebenso der »RRR«, den es nur in ausgewählten Jahrgängen gibt und der dann schon jenseits von hundert Euro kostet.

Also, gut Ding will Weile haben. Um diese These zu bestätigen, ziehe ich den »R« aus der Parzelle Spermen jetzt schon auf. Wie sich die gereiften Spätburgunder von Thomas Seeger präsentieren, wird aber auch bald hier nachzulesen sein. Jetzt geht es erstmal diesem jungen Großen Gewächs an den Kragen, auch wenn das im Jahr 2011 so noch nicht auf dem Etikett stand.

Der 2011 »R« ist rubinrot, hat dunkelblaue Reflexe, tiefe Farbe, jung schwenkt der Wein im Glas. In der Nase dunkler Rauch vom Barrique, ein tiefer Zug schwarzer Beeren, viel Bleistift, dazu eine holzsüße Note von Milchschokolade. Was gefällt ist die tiefe, saubere Beerenfrucht, die ganz ordentlich von Graphit- und Holztönen umwölkt wird. Eine leicht herzhafte Note, ordentlich Röstigkeit, ein Hauch von Weihnachtswürze verrät ihn als deutschen Spätburgunder. Im Mund strömt die junge, bisweilen noch herbe Rauchigkeit aus dem Wein, die Unruhe der Gerbstoffe. Dahinter gelangt man an das trockene schwarze, auch etwas rote Beerenkonfit. Herbe Aromen beherrschen den Wein weiterhin, Walnuss, Kräuter, Graphit, Gerbstoffe, auch ansatzweise Leder. Dem stehen eine saftige Säure, dichtes Extrakt und ein wahrlich sehr schöner Schmelz gegenüber. Der Wein wirkt konzentriert, bleibt aber im ganzen Verlauf konsequent trocken, auch hält er gut die Spur. Der Aromakern ist noch fest, kompakt jugendlich mit Potenzial für Reife. Auch im schon ansatzweise langen Abgang ist der Wein herb, kräuterwürzig und mineralisch, erneut Noten von kaltem Rauch. Ein maskuliner Stil, keine Süße, nuancierte Primärfrucht. Dieser Wein meint es ernst. Wenn er sich in vielleicht fünf, sechs Jahren entspannen wird, sich die Rauchigkeit legt, die Herbheit des Tannins etwas zurückgeht und die Gerbstoffe abschleifen, wird das mit Sicherheit ziemlich schön. Denn betörend und komplex wirkt die Frucht jetzt schon. Wenn ihr die ganze Bühne gehören wird, wird hier Ausgezeichnetes in der Flasche schlummern.

Vom Weingut, etwas über 30 Euro, 89+ Punkte (sehr gut), frühestens 2018 aufziehen

Wunderbare Weinbomben – mit 15 Prozent gegen den Trend

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»Über 14 Prozent macht mir ein Wein keinen Spaß mehr« oder »Das Blöde am Wein ist der Alkohol« – solche Sprüche liegen im Trend, der zum Leichtwein neigt. Neulich trafen wir uns in vertrauter Blogrunde, um in stillem Protest dagegen anzutrinken. Zu unserer Heavy-Bottle-Party mitgebracht wurden vier Weine mit mindestens 15% vol. Alkohol. Verstärkte Sachen sollten außen vor bleiben – wir wollten Weine, die selbst soweit vergoren sind. Das Experiment gelang, wir hatten ein paar schöne Weinmomente, die im Gedächtnis geblieben sind. Weiterlesen →

Zweimal roter Burgunder aus zwei Ländern

Zwei Pinots am Abend (1 von 1)Kürzlich suchte ich als Begleiter zum Essen zwei Burgunder heraus, die ich in Ruhe über den gesamten Abend verkosten konnte.

Domaine Drouhin-Laroze Pinot Noir Gevrey-Chambertin 1er Cru Lavaut Saint-Jacques, 2005

Kühler, recht dichter Duft nach jugendlichen roten Johannisbeeren, umkleidet von einem mineralischem Gewand aus Kalkstaub, sehr dezenter Holzeinsatz, nur ein Hauch Marzipan und dunkle Herrenschokolade lassen einen geringen Einsatz von Neuholz erkennen, vegetabile Noten und Kräuter im Hintergrund. Am Gaumen von betont mittlerer Dichte, die Kraft des Jahrganges und seine langsame Entwicklung werden wiederholt offensichtlich, denn der Wein ruht noch in einer Höhle. Er zeigt im Antrunk eine schöne reintönige rote Beerenfrucht, die Tannine reif, aber noch deutlich zupackend, rauhen den Gaumen noch leicht auf, festes steinwürziges mineralisches Fundament, noch sehr kompakt, ein Korb voller getrockneter Kräuter, die dem Wein ab der Mitte einen herben Einschlag mitgeben, mittlerer Nachhall. Dieser Lavaut zeigt sehr gute Anlagen, besticht mit seiner Reintönigkeit und Feinheit, dazu erscheint mir sein Holzeinsatz ideal, von der Hitze des Jahrganges ist nichts zu spüren. Er sollte in fünf Jahren ein ausgezeichnetes Genußerlebnis sein – also noch unbedingt liegen lassen.

Aus dem Fachhandel, heute ca. 70 Euro, 88+ Punkte (sehr gut), ab 2020+

Weingut Benderhof Spätburgunder Selection Kallstadter Steinacker „S“, 2007

In der wuchtigen, süßlichen Nase ein hochreifes Beerenaroma, dazu überreife Pflaumen, viel Schokolade, Weihnachtswürze, allem voran Wachholder. Röst- und Grillaromen zeugen von einem ambitionierten Holzeinsatz, der Alkohol reizt die Schleimhäute, unmittelbar als deutscher Spätburgunder zu erkennen, was nicht als Kritik zu werten ist. Am Gaumen wirkt der Wein wuchtig, ja fett, mit heftigem Holzeinsatz, bereits im Antrunk mischen sich in den satten Auftakt mit hochreifen dunklen Beeren- und Kernfrüchten deutliche Grillaromen, Wachholder, Nelke, erste Reifearomen, Schokolade und Marzipan. Dieser Pinot schiebt sich mit all seiner Kraft und Fülle über den Gaumen, die Tannine sind samtig. Der Wein ist jetzt auf seinem Höhepunkt und vollständig geöffnet, im Kern zeigen sich erste Reifearomen nach Waldboden und Laub, doch die Süße der Frucht führt sein verführerisches Spiel heute noch bis zum Ende auf, leider wärmt spätestens ab der Mitte der Alkohol deutlich und zeigt sich im Nachhall gar leicht schärfend, der Nachhall hat Länge. Der Wein wirkt aufgrund seiner ganzen Üppigkeit überambitioniert, ein früherer Lesezeitpunkt, etwas weniger Neuholz, oder eine andere Fassröstung hätte dem Wein vielleicht mehr Frische und Eleganz verleiht, gerade in einem so heißem Jahr wie 2007. Da hatte ich schon bessere Pinots von Benderhof im Glas.

Als Geschenk erhalten, ca. 14 Euro, 84 Punkte (gut), jetzt bis 2020

 

Kraftakt Pinot Noir VI — Spätburgunder aus Frankreich, Deutschland, Österreich und von weiter her


Wie jedes Jahr versammelten wir uns zu Beginn des Jahres in vertrauter und verschworener Runde — diesmal zur immerhin schon sechsten Ausgabe unseres Kraftakts Pinot Noir. Wie immer galt es, trinkreife, große Weine einzustellen, die um den Pinot Noir Cup streiten sollten. Im Zaum gehalten wurde das Line-up von einem unserer wahren Burgund-Kenner in der Runde, Heiko. Es lag jedoch nicht an ihm, dass auch diesmal erneut das Burgund die auf dem Papier erfolgreichste Equipe stellte. Und doch sollte es anders kommen. Die Krone holte sich diesmal ein Wein, von dem wir es überhaupt nicht vermutet hätten. Weiterlesen →

Entdeckungen in der Pfalz — Fünf Obsessionen von Sven Klundt

svenklundt-obsession-groupEs ist ausgerechnet in der eher unaufgeregten Welt des Rieslings, wo sich in letzter Zeit viel tut. Neue Weingüter und junge Winzer schaffen es, weit in die Qualitätsspitze vorzustoßen und dort Furore zu machen. Und das nicht durch besonderes Marketing, eigenwilliges Branding oder großartige Kampagnen, sondern einfach nur mit ihrem guten Wein. Eine dieser Winzer ist Sven Klundt, Anfang zwanzig, Geisenheim-Absolvent u. a. mit Station auf der Domäne Wachau. Als ich vor einiger Zeit eine Flasche seines Rieslings »Obsession« in großen Schlucken mit austrinken durfte, war der Wunsch geboren, mich mit Sven Klundts Weinen mal etwas ausführlicher zu beschäftigen. Um die Obsession-Linie soll es auch heute gehen — die Basislinie, die für sich aber schon stark auffällig ist. Dabei hatte ich — dem Winzer sei Dank — zum Vergleich jeweils zwei Jahrgänge vom Riesling und vom Weißen Burgunder. Einen Spätburgunder gab’s noch obendrauf. Weiterlesen …

August Kesseler Spätburgunder Spätlese trocken Assmannshauser Höllenberg, 2005

Kesseler Höllenberg 2005

Man sagt das ja häufig aus übermäßiger Schwärmerei, aber der Assmannshauser Höllenberg ist als Weinlage tatsächlich einzigartig. Geologisch gehört er eigentlich zum Mittelrhein, mit seinem Phyllit-Schiefer ist er Riesling-Gebiet pur, die Exposition sorgt aber für ideale Bedingungen für den Rotwein-Anbau. Und nicht nur geologisch, auch von der Stilistik her, die diese Lage beim Spätburgunder hervorzubringen vermag, sollte dieser Weinberg eigentlich als eigene Appellation gelten. Aber so einfach geht das ja nicht.

Assmannshauser Spätburgunder bieten im besten Falle eine besondere Eleganz — kühler Stil, eher wenig Alkohol, hell wirkend, jedoch von einer deutlichen mineralischen Schieferigkeit durchzogen und ausgestattet mit einer überaus feinen Säure. Ein Spätburgunder, der nicht nur in Worten gut zu seinen engen Riesling-Nachbarn passt. August Kesseler liefert hier mit ganz großem Abstand die hochwertigsten Weine. Das Ergebnis ist leider, das die Weine alles andere als einfach zu beschaffen sind — nicht mal am Weingut ist nach Auskunft des Winzers die Schatzkammer besonders gut bestückt — und haben so leider einen gewissen Seltenheitswert. Diesen zeigen auch die Preise an, die August Kesseler mittlerweile für den Wein aufruft. Das Fazit: Einen Spätburgunder vom Höllenberg bekommt man viel zu selten ins Glas. Das lässt sich schon mal festhalten.

Doch von all diesen Informationen blieben wir bei der Verkostung zunächst unberührt, denn der Wein wurde blind präsentiert. Und blind sollten wir uns zunächst auch fühlen, denn in der Nase geht es mächtig rund: schwarze reife Beeren, Cassis, ätherische Kräuter, ein ordentlicher kühler Hauch von Eukalyptus, eine dunkle herbsüße röstige Note, dazu eine auffällige Würze. Man kann hier durchaus zuerst an einen hochwertigen, schlank ausgefallenen Südamerikaner denken, nicht aber an einen Spätburgunder. Im Antrunk schwarze frische Beeren und wieder diese ausgeprägte Würzigkeit. Dann Bitterschokolade samt schmelziger Textur. Trotzdem bleibt der Wein angenehm trocken, und auch Frische hat er durch die weiche, sehr feine aber vitale Säure, die für Spiel und Dynamik sorgt. Trotz Würze und Extrakt ist der Antrunk mit seiner Säure und der Mineralität animierend. Etwas anstrengend wirkt der Wein aber trotzdem, einfach durch seine Konzentration und den etwas fett wirkenden, fülligen, extraktreichen Unterbau. So gegensätzlich, wie sich das hier liest, so schmeckt er auch, dieser Wein.

Mit dem Wissen um die Lage wird vieles klarer, denn man weiß, auf was man zu achten hat. Die schieferige Würzigkeit ist typisch für den Wein, diese ungemein feine Säure auch. Unerwartet aber ist die starke, füllige, den Rest mitunter überdeckende Konzentration und — man muss es sagen — die somit auch nicht so ausgeprägte Eleganz. Erst ganz viel Luft fördert zutage, was den Wein ausmacht, und auch dann man muss sie noch förmlich herauskauen. Doch dringt man durch das dickliche Extrakt hindurch, stellt er sich ein, dieser trockenkräuterige, kühl anmutende, schieferwürzige Eindruck.

Es scheint, als ob auch der stets etwas kühlere Assmannshauser Höllenberg in warmen Jahren wie 2005 etwas auskocht, doch seinen Charakter bewahrt der Wein. Die Säure wirkt bereits weich und gereift. Reifetöne hat der Wein aber sonst noch keine. Er dürfte sich noch schön entwickeln, die Anlagen hat er allemal, wenn nicht der Alkohol noch stärker durchkommen wird. Trotzdem, in der Bewertung sehe ich ein Plus, es ist nur unklar, für wie viele Punkte es stehen wird.

An einem schönen Weinabend mitverkostet, Preis unbekannt, 90+ Punkte (ausgezeichnet), ab 2016 wahrscheinlich noch besser als jetzt