Reifeentwicklung trockener Rieslinge – Jahrgang 2005

intro-2005

Nach den sehr schön gereiften Weinen aus den Jahrgängen 2001, 2004 folgte der Jahrhundert-Jahrgang 2005. Der hat den Ruf, damals viel zu früh gekrönt und mit Lob überschüttet worden zu sein. Der ewige Sommer verzückte die Winzer, und am Ende bekamen die Weine schließlich mehr schönes Wetter als sie vertrugen. Hohe Mostgewichte killen gute Säurewerte, so heißt es heute leider oft, wenn man die Flaschen aufzieht. Wir waren aber dann doch erstaunt, wie gut das war, was wir in unseren Gläsern vorfanden. Weiterlesen →

Franz Hirtzberger Riesling Spitzer Singerriedel, 1998

Hirtzberger Singerriedel, 1998 (100 von 1)Unmittelbar nach dem Aufziehen ein intensives, fruchtfreies Bukett von drückender Mineralität, viel Dill und Kümmel, kalte Holzkohle, Basalt- und Feuersteintöne, etwas Thunfischöl und im Hintergrund versengtes Bügeltuch und Brotkruste — einfach unglaublich und absolut nichts für Fruchtliebhaber. Es zeigen sich auch Botrytisnoten und nach einer Weile bilde ich mir Schalen von Steinfrüchten ein. Ganz großes Riesling-Kino. Am Gaumen ein durchaus kräftiger Körper, der aber jederzeit elegant und beschwingt wirkt, im Antrunk überrascht der Wein mit einer feinen Restsüße und gelbfleischigen Früchten, aber auch hier dominiert die unglaublich tiefe und packende Mineralität, wie ich sie nur ganz selten erlebe — in der Summe eine Mischung aus Jod, getrockenten Kräuter und diversen Steinarten. Die zahlreichen Aromen schälen sich im Verlauf immer wieder heraus, der Wein schmeckt mit jedem Schluck und jeder Sekunde unterschiedlich, ein Kaleidoskop an Aromen. Die Süße führt ein perfektes Duett mit der feinen Herbheit auf. Die Säure reif und eher mild, bringt aber den nötigen Schwung hinein. Und trotz aller Konzentration lässt sich der Wein mit größtem Vergnügen trinken. Ich bin einfach platt aufgrund einer derart dramatischen Komplexität, dazu bleibt der Wein noch schier endlos auf dem Gaumen liegen und fächert dort zart auf. Nicht eine Sekunde denke ich an den Alkohol, obwohl das Etikett 14 % zeigt. Erneut ein ganz großer Singerriedel, von dem man nur den Hut ziehen kann. Es geht kaum besser und wenn, dann nur anders. Steht noch voll im Saft, lange Zukunft. Auch aufgrund solcher Weine bin ich der Pracht des Rieslings erlegen.

97 Punkte (groß), jetzt bis 2023