Riesling Große Gewächse 2011 nach fast vier Jahren Flaschenreife – Wachau, Nahe und Pfalz

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Hier kommt der zweite Teil unserer Riesling-Verkostung des Jahrgangs 2011. Neben 18 deutschen Großen Gewächsen kamen zuerst drei Smaragde aus der Wachau an die Reihe. Es folgten die großen Drei von der Nahe, die uns noch mehr begeistern konnten als erwartet. Die Pfalz aber überraschte uns stark. Zum einen zeigten die Weine, wie gut sie eben doch mit einem wärmeren Jahrgang umgehen können. Zum anderen wurde offenbar, wie sich der dortige Trend zum Holz auf die Weine auswirkt. Einer von ihnen konnte der gesamten Probe die Krone aufsetzen. Weiterlesen →

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Weingut Prager Grüner Veltliner Weissenkirchen Achleiten Smaragd, 2006

IMG_05302006 gilt als großer Jahrgang in der Wachau. Als deutsche Riesling-Freund rümpfe ich da eher die Nase, geprägt von dem schwierigen, ja schwachen Jahrgang für Weißweine in Deutschland. Aber auch bei der Wachau blieb bis heute meine Skepsis hinsichtlich 2006. Ich hatte schon einiges Glas, aber das allermeiste war mir zu fett, fast mastig, zeigte zu wenig Frische und Finesse, gerade bei den Smaragden, die eh zu einem üppigen Weinstil neigen und insbesondere der Grüner Veltliner profitiert für meinen Geschmack von Jahrgängen mit höheren Säurewerten.

Beim letzten Wühlen in meinem Weinkeller entdeckte ich diesen Grünen Veltliner von Prager und er erweckte in mir sofort eine Neugier wie er sich wohl nach neun Jahren Flaschenreife präsentieren würde. Eine Flasche mit sentimentalen Hintergrund, denn ich erstand sie 2008 aus einem Weinkeller eines kleines Restaurants in der Wachau. Noch gut kann ich mich an die lauschige Nacht auf der Terrasse des Restaurant erinnern, als wir beim Bezahlen der Rechnung erfuhren, dass wir so in etwa die letzten Gäste waren, denn das Restaurant schliesst bald seine Pforten. Irgendwie kamen wir auf den verbliebenden Bestand des Weinkellers und noch heute profitiere ich von gereiften Rieslingen und eben Grünen Veltlinern aus jenem Keller.

Der Achleiten präsentiert ein typisches Bukett nach reifen gelben Früchten, weißer Pfeffer, ein Hauch Weißkohl und feiner Honignote, für das Alter erstaunlich fruchtig und frisch, insgesamt eher verhalten und noch jugendlich wirkend. Am Gaumen von dichtem Körper, im Antrunk ein Korb voll reifer, gelber Früchte, sehr saftig, cremige Textur, zum Glück steht eine überraschend agile Säurestruktur dagegen, die dem Wein Frische und Agilität verleiht, weißer Rauch und die typische Pfeffernote ist deutlich zu schmecken, durchaus druckvoller und vollmundiger Verlauf, auch im Mund keine Anzeichen von Reifenoten oder Altermüdigkeit, im Gegenteil, er zeigt eine schöne Präzision und noch jugendliche Spannung, immer wieder blitzen Honig- und Karamellnoten durch, sehr langer und druckvoller Nachhall, dem Wein merkt man seine Kraft und auch seinen Alkohol an, aber er kriegt noch gut die Kruve und darf als insgesamt harmonisch bezeichnet werden. Ich habe ihn als Solist verkostet, aber er dürfte auch ein hervorragender Essensbegleiter auch zu kräftigeren Speisen sein. Jetzt ausgezeichnet zu genießen, sollte sich aber noch länger auf dem Niveau halten.

Aus dem Keller eines Restaurants, 24 Euro, 90 Punkte (ausgezeichnet), jetzt bis 2021

 

Reifeentwicklung trockener Rieslinge – Jahrgang 2006

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Der Ablauf der Probe, aus der wir hier ständig berichten, war vorgegeben durch die Jahrgänge. Auf das fette Jahr 2005 folgte daher als letztes 2006 – ein Jahrgang mit einer quasi schon berüchtigen Unbeständigkeit. Zu einem warmen Sommer kam damals ein feuchtwarmer Herbst, was fast überall zu großen Fäulnisproblemen führte – zumindest in Deutschland. In der Wachau war das angeblich anders. Wie für 2006 üblich, lief es in der Probe aber genau verkehrt herum. Für das Crescendo sorgte ein ganz anderer Wein als geplant. Weiterlesen →

Reifeentwicklung trockener Rieslinge – Jahrgang 2005

intro-2005

Nach den sehr schön gereiften Weinen aus den Jahrgängen 2001, 2004 folgte der Jahrhundert-Jahrgang 2005. Der hat den Ruf, damals viel zu früh gekrönt und mit Lob überschüttet worden zu sein. Der ewige Sommer verzückte die Winzer, und am Ende bekamen die Weine schließlich mehr schönes Wetter als sie vertrugen. Hohe Mostgewichte killen gute Säurewerte, so heißt es heute leider oft, wenn man die Flaschen aufzieht. Wir waren aber dann doch erstaunt, wie gut das war, was wir in unseren Gläsern vorfanden. Weiterlesen →

Reifeentwicklung trockener Rieslinge – Jahrgang 2003

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Im Rahmen unserer Probe mit großen trockenen Rieslingen kam als erster der unselige Jahrgang 2003 an die Reihe. Zuerst hochgefeiert, bald schon abgeschrieben, zeigt er heute, dass er einige wenige wunderbare Weine hervorgebracht hat, die einen ganz eigenen Stil haben. Bei diesen muss dann aber alles stimmen, vor allem auch die Lagerung. Glück spielt eine große Rolle, allein die Flaschenvarianzen scheinen größer zu sein als bei anderen Jahrgängen. Diese Fragilität konnten wir erneut bezeugen. Aber auch nicht ganz geglückt gereifte Weine hatten eine Geschichte zu erzählen. Weiterlesen →

Reifeentwicklung trockener Rieslinge – Präludium

Ein Schwerpunkt unseres kleinen Weinblogs ist die Reifeentwicklung des trockenen Rieslings. Am 1. August versammelten wir uns daher in Bonn in einer Runde von zwölf Rieslingfreaks, um diesem Thema in einer großen Verkostung nachzugehen. Wir verkosteten insgesamt 36 trockene Rieslinge der Jahrgänge 2001 bis 2006 aus Deutschland, Österreich und dem Elsass, um mehr über den aktuellen Entwicklungsstand der Weine zu erfahren. Dabei wurden von jedem Jahrgang – in jeweils zwei Flights – sechs Weine präsentiert. Zu Anfang verkosteten wir aber erst einmal sechs Weine von vor der Jahrhundertwende, die anzeigen sollten, wo die Reise für wirklich gereifte Rieslinge hingehen kann. Weiterlesen →

Franz Hirtzberger Riesling Spitzer Singerriedel, 1998

Hirtzberger Singerriedel, 1998 (100 von 1)Unmittelbar nach dem Aufziehen ein intensives, fruchtfreies Bukett von drückender Mineralität, viel Dill und Kümmel, kalte Holzkohle, Basalt- und Feuersteintöne, etwas Thunfischöl und im Hintergrund versengtes Bügeltuch und Brotkruste — einfach unglaublich und absolut nichts für Fruchtliebhaber. Es zeigen sich auch Botrytisnoten und nach einer Weile bilde ich mir Schalen von Steinfrüchten ein. Ganz großes Riesling-Kino. Am Gaumen ein durchaus kräftiger Körper, der aber jederzeit elegant und beschwingt wirkt, im Antrunk überrascht der Wein mit einer feinen Restsüße und gelbfleischigen Früchten, aber auch hier dominiert die unglaublich tiefe und packende Mineralität, wie ich sie nur ganz selten erlebe — in der Summe eine Mischung aus Jod, getrockenten Kräuter und diversen Steinarten. Die zahlreichen Aromen schälen sich im Verlauf immer wieder heraus, der Wein schmeckt mit jedem Schluck und jeder Sekunde unterschiedlich, ein Kaleidoskop an Aromen. Die Süße führt ein perfektes Duett mit der feinen Herbheit auf. Die Säure reif und eher mild, bringt aber den nötigen Schwung hinein. Und trotz aller Konzentration lässt sich der Wein mit größtem Vergnügen trinken. Ich bin einfach platt aufgrund einer derart dramatischen Komplexität, dazu bleibt der Wein noch schier endlos auf dem Gaumen liegen und fächert dort zart auf. Nicht eine Sekunde denke ich an den Alkohol, obwohl das Etikett 14 % zeigt. Erneut ein ganz großer Singerriedel, von dem man nur den Hut ziehen kann. Es geht kaum besser und wenn, dann nur anders. Steht noch voll im Saft, lange Zukunft. Auch aufgrund solcher Weine bin ich der Pracht des Rieslings erlegen.

97 Punkte (groß), jetzt bis 2023