Wunderbare Weinbomben – mit 15 Prozent gegen den Trend

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»Über 14 Prozent macht mir ein Wein keinen Spaß mehr« oder »Das Blöde am Wein ist der Alkohol« – solche Sprüche liegen im Trend, der zum Leichtwein neigt. Ich gebe zu, ich sage auch von mir selbst, dass ich nichts vertrage. Ich versuche durch konsequentes Spucken immer noch fahrtüchtig zu bleiben, auch wenn ich danach nach Hause laufe. Und wenn der Alkohol mal wirkt, spannt mich das an und ich bekomme ein schlechtes Gewissen wegen möglicher Kopfschmerzen am nächsten Tag. Warum schreibe ich das hier eigentlich? Weil ich es schade finde, dass man Weinen über 14 Prozent immer weniger eine Chance geben möchte. Dabei, und das können sicher viele von Euch bestätigen, stecken die allerbesten dieser Weine den Alkohol gut weg und bieten dann nicht selten aufregende Weinmomente.

Neulich trafen wir uns in vertrauter Blogrunde, um gegen den Trend zum Leichtwein anzutrinken. Mitgebracht wurden Weine mit mindestens 15% vol. Alkohol. Verstärkte Sachen sollten außen vor bleiben. Wir wollten Weine, die es beim Vergären selbst so weit geschafft haben. Probiert wurde blind, dann wurde geraten und dann recht schnell aufgedeckt.

Johannes Leitz Riesling trocken „Alte Reben“ Goldkapsel Rüdesheimer Berg Rottland, 2006

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Zu Beginn also ein Weißwein. Alle denken, okay, gleich rinnt flüssiges Marzipan von der südliche Rhone über den Gaumen. Und dann schwenkt da aber ganz offensichtlich Riesling im Glas. Alle sind einigermaßen baff und sitzen am Tisch wie Fragezeichen. Im Glas ein sehr dunkles Gelb, bernsteinfarben. Eine ausdrucksstarke Rieslingnase, Trockenkräuter, mürber Apfel, Honig, eine starke schieferige Mineralität, das Bukett ist durchzogen von ätherischen Ölen, Wachsnoten, Jod, doch bleibt die Nase beschwingt und spannungsvoll. Im Mund dann ein wahres Crescendo, mürber Apfel, angetrocknete Orangenschalen, Nelken, herbe Noten, Orangenmarmelade. Dazu wieder ätherische Kräuteröle, erste petrolige Reifenoten, der Wein ist leicht trocknend, toller Schmelz, die hohe Viskosität verrät den hohen Alkoholgrad, und doch wirkt der Wein mehr konzentriert als schwer, eine tiefe, hoch intakte Säureader versorgt den Wein mit Frische, auch ist er trocken genug. Das Ganze schmeckt wie eine enorme trockene Auslese, und das ist es wohl auch. Retronasal macht sich der Alkohol dann doch etwas bemerkbar. Ein extremer und ungemein interessanter Wein. Ein Freakwein, der aber doch beweglich ist. Elsass? Nein, Rheingau. Dieser Wein hatte damals ganz gut abgeräumt im Gault Millau. Aber dass er sich so gut gehalten hat? Chapeau!

Vom Weingut, 91 Punkte (ausgezeichnet), sollte jetzt getrunken werden

Domaine Santa Duc Gigondas Cuvée Tradition, 2004

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Beim nächsten Wein wurde es einfacher. Dem Syrah kommen wir recht schnell auf die Spur, der Grenache auch. Wir stecken den Wein schnell an die südliche Rhone, was aber zu einfach ist, für einen Chateauneuf-du-Pape ist er aber doch irgendwie noch zu frisch. Im Glas samtrot mit braunen Reflexen. In der schon angereiften Nase in brauner Butter geschwenkte Kräuter, vor allem Thymian, Brombeeren, eine angeröstete, angereifte, aber nicht herbe Holznote, leicht deftige Sauvage-Noten, rotes Fleisch, dazu weißer Pfeffer. Im Mund konsequent trocken, neben den beerigen Aromen Eibennadeln, Teer, Röstaromatik vom Holz, Wacholderbeeren, noch deutlicher der weiße Pfeffer und Piment, was eben sofort an Syrah denken lässt. Die Nase ist wunderbar, im Antrunk hat der Wein dann doch Wärme und einen alkoholischen Zug, bleibt aber trotzdem elegant. Gigondas, beim Aufdecken fragen wir uns, warum wir darauf nicht gekommen sind. Sehr schön, und mit immer mehr Luft immer noch schöner.

Aus dem Fachhandel, 89 Punkte (sehr gut), jetzt gut zu trinken

Brewer-Clifton Pinot Noir Mount Carmel, 2005

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So, jetzt wird es schwierig. Das liegt vielleicht daran, dass man so etwas viel zu selten trinkt. Keiner traut sich, einen Tipp abzugeben. Dann sagt einer leise und vorsichtig Kalifornien, weil ihm der Wein für Oregon zu hitzig sei. Ein Treffer ins Schwarze. Im Glas ein strahlend klares Rubinrot, ohne jeglichen Schwebpartikel. Die Nase liefert kaum mehr als eine hoch konzentrierte Frucht. Rote Früchte, eine verdammt leckere und auf ihre Art vielschichtige Erdbeerkonfitüre, auch Himbeeren, Hagebutten, abgerundet mit dunklen Kräutern. Im Mund dann eine sehr ausdrucksstarke rote Beerenfrucht, ganz viel Erdbeeren, auch Himbeeren, Granatapfel. Ein ganz besonderes, langes Fruchtaroma, das durch die Extraktsüße schön ergänzt wird. Leicht laktische Töne, Erdbeerjoghurt und am Ende etwas Zigarrenkiste. Dazu eine frische, körnige Säure, zusammen wirkt das so intensiv wie ganz hochwertige Brause – wenn es denn sowas geben würde. Dieser Eindruck bleibt bis in den mittleren Abgang bestehen, ansonsten passiert nicht mehr viel. Was auf eine gewisse Weise auch sehr gut so ist, denn von Holz zeigt der Wein keine Spur. Und tatsächlich, er hat auch keines gesehen. Er strahlt voll in seiner komplexen Frucht. Insgesamt ein hoch konzentrierter, von der Sonne übermäßig geküsster, kalifornischer Pinot Noir. Und ein schönes Beispiel für die amerikanische Interpretation von Rotwein. Einige Hitze kann er nicht verbergen, was aber mit 15,6 Prozent Alkohol auch anders kaum möglich sein dürfte. Trotz allem ein überaus charmantes und vor allem geschmackiges Monster. Mit mehr Reife kommen die Komponenten vielleicht noch besser zusammen. Memo am Ende: Erdbeerkonfitüre kann so lecker sein! Aber die gute! Am Tisch liegen drei bei um die 88 Punkte. Nur einer liegt viel höher, und das bin ich. Und ich schreibe hier das Protokoll.

Aus dem Fachhandel, 92 Punkte (ausgezeichnet), jetzt trinken oder 2020 auf vielschichtigere Reifetöne hoffen

Dal Forno Romano Valpolicella Superiore V.Q.P.R.D., 2002

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Den vierten und letzten Wein des Abends stecken wir recht schnell nach Italien, und einer sagt tatsächlich Amarone. Die anderen ziehen den Hut und schnuppern sich durch einen wahrlich dicken, faszinierenden Saft. Im Glas samtenes Rot mit dunkelbraunen Reflexen, der Wein ist trüb. In der Nase geht es marmeladig, würzig und mineralisch weiter. Johannisbeergelee mit Rosenpaprika, Blaubeerquark, Graphit, vor allem aber der bleibende Eindruck eines frisch polierten Tischs mit viel Bleistiftstaub. Offenbar angetrocknete Beeren – und das macht Romano dal Forno bei seinem Valpolicella Superiore tatsächlich genauso wie bei seinem Amarone – mit einer ganz tiefen Würze gerösteter Kräuter und dunklem Rauch. Ein überaus maskulines, herbes, auch durchaus schwarzfruchtiges Bukett. Im Mund dann Kohle, schwarze Früchte, Extraktsüße und auch ordentlich Aprikosennoten mit Vanille- und leichten Currynoten. Das Tannin ist körnig, aber geschmacklich angenehm reif, sensorisch wird der Alkohol von ganz vielen ätherischen Aromen gepuffert. Verrückte Länge und sehr geschmackig. Die Extraktsüße ist enorm. Das hier wäre längst ein Amarone, wenn der Winzer nicht besonders streng wäre mit seinen Qualitäten. So ist es ein ganz besonderes Erlebnis mit Valpolicella, das man möglichst mit einer Creme Brulée oder noch besser Schokospeise kombinieren sollte. Vor allem sollte man den Wein aber noch liegen lassen, denn die Rauchigkeit wird sich ganz sicher noch viel besser integrieren.

Aus einer Auktion, 93 Punkte (ausgezeichnet), ab 2020 oder gerne noch viel später

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