Wunderbare Winterweine – ein kleiner Ausflug ins Piemont

Wenn der dunkle Winter schon lang ist und noch kein Ende absehbar, wird es Zeit, sich etwas Trost zu verschaffen. Wenn Ihr Euch fragt, welche Flaschen Ihr in solchen Zeiten aufziehen sollt: Weine aus dem Piemont eignen sich ideal dafür. Die schöne duftige Frucht ist betörend, der Körper sorgt für Wärme und Struktur, dazu kommt die Frische dieser wunderbaren Säureader, die Nebbiolo und Barbaresco so unvergleichbar macht. Da wir all das dringend nötig hatten, machten wir das Piemont zum Thema unseres tiefwinterlichen Beifangabends. Und auch wenn uns relativ klar war, welche Rebsorten uns erwarteten, verkosteten wir die Weine blind. Einfach nur, um uns nicht vom Genuss abzulenken.

Bruno Rocca Cadet Langhe Chardonnay, 2009

Weißwein aus dem Piemont, das muss Chardonnay sein. Und das ist es auch: In der Nase eine opulente Frucht, etwas Birne, etwas Melone, eine gute Spur Holz, holzige Kräuter, leicht buttrig, Mandelmus, im Mund trocken, schöne konzentrierte Frucht, nussig, opulent, mundfüllend, wieder Birne, Kräuter, Butter, Akazienhonig, das Holz trägt den Wein gut, nachhaltig am Gaumen, wirklich trockener Stil, auch keine Holzsüße, hinten etwas bitter, insgesamt kräftig, schön balanciert, im Glas bleibt die Birne stehen. Ein schöner, kräftiger Wein, der eine anständige Speise dazu fordert. (88 Punkte)

Prunotto Barolo 1985

In der Nase bereits unverkennbar gereift, eine ganz saubere rote Beerenfrucht, vor allem Himbeere; die süße, duftige Frucht wird von Dieselrauch umgeben; dazu Mandelaroma; die Frucht steht ganz sauber im Glas, salzig-tanniniger Geruch, tertiäre welke Noten. Im Antrunk ist der Wein feinsehnig, die Säure ist gereift, aber frisch und resch, jetzt kommen die typischen roten florale Noten, auch Kaffee und Waldboden; die Frucht wirkt leider schon etwas ausgezehrt, der Abgang ist eher kurz. Ein interessanter, unverkennbar klassischer, schön auf der Frucht gereifter Barolo, leider ein paar Jahre über seinem Höhepunkt. Schade, denn der Wein steht für den klassischen Stil von Prunotto noch aus Zeiten vor der Übernahme 1989 durch Antinori. (87 Punkte)

Manzone Barolo Gramolere, 2004

Now to something completely different: Reife Pflaumen, Kirschen; eine konzentrierte, moderne Nase mit Mandelnoten, Kräutern, süßen floralen Noten; im Mund greift zuerst die Säure zu, der Wein hat Druck, das Extrakt haftet nachhaltig am Gaumen. Die Tannine sind noch trocknend, hinten tritt die Röstigkeit vom Holz hervor, die Frucht wirkt insgesamt sehr reif, der Wein bleibt auf der Pflaumenseite, das Holz ist noch präsent und etwas süß. Hier geht noch einiges, der Wein dürfte sich gut entwickeln. Die duftige Frucht wird von der starken Säure förmlich durch den gesamten Verlauf gezogen. Mit Wärme und Luft wird er dann allmählich Barolo-typischer, florale Noten, mehr Frische, rotfruchtige Aromen, Holz und Frucht kommen besser zusammen, der Wein wirkt nicht mehr gedeckt, er baut sogar Länge auf. Der Wein verpackt die 14 Prozent Alkohol ohne Probleme. Ohne Zweifel ein moderner, durch das Holz noch ungestüm junger Barolo, der sich noch sehr gut entwickeln dürfte. (90-91 Punkte)

Sandrone Nebbiolo d’Alba Valmaggiore, 2009

Und wieder ein Kontrapunkt. Es wird fruchtig, und zwar so richtig. In der Nase rote Früchte, Kirschen, Veilchenpastillen, rote Johannisbeeren, roter Tee, sehr klarfruchtiges Bukett, Nebbiolo ohne Holz wie er im Buche steht; im Mund Sauerkirsche, säuerliche rote Früchte, die Säure ist feinsaftig, die Frucht ist duftig fein, kühler Stil, das alles ist sehr trinkanimierend; sogar im Abgang Frucht um Frucht, tänzelnd und duftig, auch eine Marzipan-Note; der Wein hat noch nicht viel Reife, ist aber wunderbar zu trinken, die jugendliche zarte Frucht, die leicht grippigen Tannine, der Wein hat Konturen, Zeichnung, Profil und zeigt, wie betörend die Nebbiolo-Frucht sein kann. Beim Aufdecken Kopfnicken. Sandrone baut seine einfacheren Weine wie diesen Nebbiolo nicht im Holz aus, sondern lässt sie ganz sauber auf der Frucht stehen. Eine tolle Qualität! (92 Punkte)

Prunotto Bric Turot Barbaresco, 2004

Sehr dunkel im Glas, blickdicht; In der Nase Amarena-Kirsche, eingelegte schwarze Kirschen, dazu eine deutliche Nougatnote; die Frucht ist satt und konzentriert; schokoladiges Bukett, eine schokoschmelzige, saftige Schwarzkirschfrucht, dazu edelsüßes Paprikagewürz, Mandeln, röstiger, tabakiger, duftiger Kaffee, dazu ein leicht welker floraler Duft, jetzt auch Teer, viel Raffinesse in der Nase; im Mund geschieht leider noch nicht so viel, die schwarze Frucht ist zwar saftig, wirkt aber von Rauch und Holz eng umhüllt. Spätestens jetzt wird der Verlauf holprig, die Frische geblockt. Dieser Wein ist zu jung, er wirkt noch richtig kernig, hat aber großes Potenzial. Sehr viel Konzentration, sehr röstiges Holz. Ein vielsagender Vergleich zum klassischen Barolo von Prunotto weiter oben. (91+ Punkte)

Bricco de Uccellone Braida Barbera di Rocchetta Tanaro, 1988

Nun wird es wieder richtig italienisch. Ausdrucksstarke rote Frucht, erkennbares Holz in der Nase, Schokolade, Schwarzkirsche, Sauerkirsche, Teer, Lorbeer, Bratensauce, Sojasauce, Knollensellerie, gewürzige, florale Noten, Teer, erste wunderschöne Reifetöne; im Mund eine wunderbar saftige, sehr konzentrierte Frucht, dazu eine – ich schwanke hin und her – Extrakt- oder Holzsüße, der Wein macht mehr und mehr auf, toller kühler Säurezug, kühler Stil, auch balsamische Noten; der Wein hat eine strahlende Frucht, die hochkonzentriert ist und am Gaumen förmlich explodiert. Das sorgt für so viel Charme, dass man auf Eleganz auch mal ein bisschen verzichten kann. Der Winterwein par excellence – wir haben ihn gefunden. Und gehen mit warmem Herzen und vernebelten Sinnen durch die kalte Nacht nach Hause. (92-93 Punkte)

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