Zwei Vertikalen aus dem Kiedricher Gräfenberg mit Wilhelm Weil

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Zu Anfang des soeben ausgeklungenen Jahres erreichte uns eine Einladung. Nach einigen Verkostungen auf diesem Blog von Weinen aus dem Kiedricher Gräfenberg schlug uns Wilhelm Weil vor, doch einmal die Rieslinge aus der Lage in einer Vertikalen so richtig kennen und verstehen zu lernen. Er erwischte uns damit genau auf dem richtigen Fuß, denn die Weil’schen Gewächse finden viel zu selten ihren Weg in unsere Line-ups.

Freudig und gespannt fuhren wir also ins Rheingau – an einem Tag im Februar, wie er grauer nicht sein kann, bei klirrender Kälte und tief hängenden Wolken. Auch unter diesen schweren Bedingungen wurden wir von dem Charme des Chateaus verzaubert. Das Weingut hat Modellcharakter – in jeder Hinsicht. Dem alten, wunderschönen Gutshaus steht eine beeindruckende, geschmackvoll gestaltete, moderne Vinothek gegenüber, die über dem neuen Weinkeller gebaut ist. Und damit nicht genug – der Blick von der Terrasse führt auch noch schnurstracks auf den magischen Kiedricher Berghang, der fast im Alleinbesitz des Weinguts ist – mit den Lagen Gräfenberg, Turmberg und Klosterberg. Die Kulisse ist großartig, man fühlt sich wie in einer eigenen perfekten Welt.

Die Führung durch das wunderschöne Weingut und durch den Weinkeller zeigt dann, wie sehr die Perfektion auch in den kleinsten Details sitzt. Dirk Würtz schrieb einmal in einem Blog-Artikel: »Ich bin ein um das andere Mal überrascht, in welcher Perfektion hier alles abläuft. Das gesamte Weingut sieht aus wie aus dem Ei gepellt. Selbst dort, wo gearbeitet wird. Ich habe mich ertappt, dass mich ein nicht korrekt aufgerollter Schlauch und zwei oder drei Fässer, die nicht gerade standen, doch tatsächlich gefreut haben.« Schöner und treffender kann man das kaum ausdrücken, auch wenn dabei zu kurz kommt, wie persönlich es hier zugeht und wie wohl man sich hier fühlt.

All das passt hervorragend ins Bild, wenn man mit Wilhelm Weil ins Gespräch kommt. Tiefgehendes Wissen und große Akribie paaren sich mit einem ganz hohen Respekt vor dem Wein, »den man niemals völlig beherrschen wollen darf«. Herr Weil ist bekannt als begnadeter Unternehmer und herausragender Repräsentant. Im Gespräch aber spürt man seine Leidenschaft und seine Inspiriertheit für sein Schaffen. Dabei wirkt es ungemein sympathisch, mit wie viel Understatement, Ehrlichkeit bis hin zur Selbstkritik (natürlich auf höchstem Niveau) Wilhelm Weil seine Arbeit beschreibt und wie er immer wieder ins Schwärmen gerät (auf nicht minderem Niveau). Wir verbrachten spannende, wunderbare, viel zu schnell verfliegende Stunden auf dem Weingut, für die wir Wilhelm Weil herzlich danken möchten.

Die entscheidende Rolle spielten dabei natürlich die Weine, um die es hier ja eigentlich gehen soll. Und auch hier hielt Wilhelm Weil Wort. Die Vertikale brachte uns wirklich ein tiefergehendes Verständnis für den Gräfenberg. Die herausragende Eigenschaft der Weine ist nicht eine bestimmte hervorstehende wiedererkennbare Note, sondern ganz ganz einfach ihre Perfektion, ihre Raffinesse, ihre »Sophistication«. Das Lesegut ist stets blitzsauber (auch die Botrytis), die Vegetationsperiode durch die hohe Lage und die einfallenden Winde aus den direkt angrenzenden Taunuswäldern lang, der Phyllitschiefer sorgt für den tiefen dunklen mineralischen Kern, der Lehmanteil für Power. Die Weine sind fest und haben Kraft, aber nicht zu viel Körper, was sie auf höchst erfreuliche Weise von vielen andere Großen Gewächsen unterscheidet. Immer wieder schreibe ich in meine Notizen »reintönige feste Rieslingfrucht, Kraft und Eleganz, Geschliffenheit und Tiefe, Spiel und Präzision, viel von allem in völliger Balance«. Um all das ausspielen und in die richtige Ordnung bringen zu können, brauchen die Weine aber Reife. Hier reihen sie sich in die Linie anderer großer trockener Rheingauer Rieslinge ein. Bei den Notizen ist darauf zu achten, dass der Besuch schon fast ein Jahr zurückliegt und sich die Weine schon weiter entwickelt haben. Fast alle dürften heute noch besser dastehen.

Erste Gewächse

Zuerst standen fünf Erste Gewächse auf dem Programm. Den Anfang machte der grandiose Jahrgang 2004, der nun auf den Punkt gereift wirkt. Dann ging es an die jüngeren Gewächse, die sich ebenfalls auf einem hervorragenden Weg befinden. Leider nicht dabei war der monumentale 2007. Aber den kannten wir ja auch schon, er begeisterte uns schon in dieser Notiz von 2011 und landete auch beim Kraftakt Riesling VII auf den vorderen Plätzen.

2004 Riesling trocken Kiedricher Gräfenberg Erstes Gewächs
In der Nase feinste firne Reifenoten, mineralisch geprägt, Mokka, Nougat, Zitrus und gelbe Früchte. Am Gaumen von mittlerem Körper, rassige Säure, die bestens mit der Frucht harmoniert, reife Zitronen, leiche Salzigkeit, eine Creme voller Zesten und Saft, elegant, gute Länge, noch viel Zukunft, aber heute schon schön zu trinken, ein wahrer Grand Cru. (93-94)

2008 Riesling trocken Kiedricher Gräfenberg Erstes Gewächs
Gelbe Früchte, Mandarinen, Zitrusabrieb, Nougat, leicht sahnige, auch nussige Note, steinige Mineralität in der Nase. Am Gaumen klare Frucht, eine pikante, krispe, ja fordernde Säure, die sich aber bestens mit der Frucht integriert zeigt, Salzigkeit, Schmelzigkeit, feste gelbe Früchte, Gruyere-Note, große Struktur, noch ein Baby, viel Zug am Gaumen, große Länge, schon jetzt schön zu trinken, viel Potenzial, Langstreckenläufer, wird mit zunehmender Reife noch deutlich dazu gewinnen. (92+)

2010 Riesling trocken Kiedricher Gräfenberg Erstes Gewächs
In der Nase eine glockenklare Steinfrucht, wirkt schmelzig, etwas weiße Schokolade. Im Antrunk dann ein typischer 2010 – kräftig, noch viel Babyspeck, nachhaltige Steinfrucht, saubere Botrytis, Lacknoten im Hintergrund, sehr saftiger Auftakt, noch unwirsch, heftiges Säurespiel, sehr straff wirkend, hinten etwas salzig, mineralisch tief, gute Länge und Komplexität, aber noch sehr wild. (91+)

2011 Riesling trocken Kiedricher Gräfenberg Erstes Gewächs
In der hochreifen Nase exotische Früchte, Ananas, Mandarine, auch frische Kräuter, Waldmeister, im Mund üppig, feinsaftig und druckvoll, Apfelschale, Birnen, rote Beeren, herbe Mineralität, im Verlauf zeigt die Säure ein feines Spiel, wirkt aber bereits etwas weich, sehr sauberer Fruchtansatz, gute Struktur, wirkt zur Zeit etwas unruhig und hitzig, heute – wie viele 2011 – bereits in der ersten Verschlussphase, daher schwer zu beurteilen. (89-91+)

2012 Riesling trocken Kiedricher Gräfenberg Erstes Gewächs
In der Nase zurückhaltend, wirkt verschlossen, im Antrunk leicht herber Ansatz, sehr saubere Stein- und Zitrusfrucht, sehr trocken, subtiles Säurespiel, deutlich vitaler als 2011, großes, tief schlummerndes mineralisches Fundament, am Gaumen sehr kompakt, viel Kraft und Fruchtextrakt, unwirsch, für viele Jahre weglegen, zeigt trotzdem deutlich mehr Potenzial als 2011. (90-92+)

Spätlesen

Weiter ging es mit dem eigentlichen Referenz-Prädikat des Weingutes, der restsüßen Spätlese. Hier zeigte sich, wie der Gräfenberg seine Eigenschaften noch besser ausspielen kann:

2001 Riesling Spätlese Kiedricher Gräfenberg
Eine subtil jodige Nase, Petrol, Brotkruste, Holzkohle, gelbfleischige Früchte, tropische Essenzen. Am Gaumen Trinkfreude pur, ungemein fluide, glockenklare Frucht, Steinfrüchte, Grapefruit, noble Reifenoten, ständiger Wandel, steinige Mineralität, Säure ist noch etwas krisp, die Frucht hat Reife, ungemein animierend, ein großer Wein. (94-95)

2002 Riesling Spätlese Kiedricher Gräfenberg
Schon in der Nase eine glockenklare Frucht, supersauber und intensiv, im Antrunk deutlich fülliger als der 2001er, mehr Frucht, mehr Druck, mehr Süße, mehr Extrakt, mit seinem Babyspeck noch jugendlicher wirkend, seidiges Mundgefühl, nachhaltige Säure, schon jetzt ein sehr langer Abgang. Das wird ganz sicher ein großer Wein. (93-94+)

2005 Riesling Spätlese Kiedricher Gräfenberg
In der Nase intensive tropische Früchte, viel Extraktdichte mit Ananas und Passionsfrucht, eine Spur fruchtigen Honigs, im Antrunk eine reife, jedoch starke Säurestruktur, wunderschön cremige Textur, auch hier wieder viel Babyspeck, heute etwas anstrengend, muss noch weiter reifen. Die weichere Säure zollt dem Jahrgang Tribut, eher mittlere Mineralität und Komplexität. Die betörende Cremigkeit auf der blitzsauberen Frucht macht ihn aus. (90+)

2006 Riesling Spätlese Kiedricher Gräfenberg
In der Nase Honig und jetzt auch Kräuter, klare Anzeichen von Botrytis, auch etwas Wachs, ansonsten scheint der Aromakern zur Zeit verschlossen. Im Antrunk aber dann eine Explosion. Kripse, fast kristalline Säure, saftig-intensive, ganz saubere Frucht, ein großartiges Süßes-Säure-Spiel, nahezu ölige Textur. Ein eher lauter, durch und durch beschwingter Wein mit guter Struktur. Klarer, sehr reif anmutender Fruchtansatz, guter Verlauf, die Botrytis stört nicht weiter. (90+)

2009 Riesling Spätlese Kiedricher Gräfenberg
In der Nase dunkle Beeren und exotische Früchte, Passionsfrucht, zur Zeit jung, unruhig und durch enormes Extrakt etwas schweißig anmutend. Im Antrunk dann sehr süß, sehr dicht und konzentriert, dabei wieder sehr klare ausdrucksstarke Fruchtaromen, durch die Extraktschicht schimmert ein massiver Säurekern, das alles erinnert mehr an eine Auslese als an eine Spätlese, trotz seiner Kraft am Gaumen gewogen, wenngleich noch lange nicht aufgereift, in zehn Jahren ist dies ein wahrhaftig großer Wein. (93-94+)

Auslesen

Den Abschluss machten dann zwei Auslesen aus zwei überaus heißen Jahren – wie schon beim Ersten Gewächs bahnt sich auch hier mit dem Jahrgang 2007 wahrlich Großes an:

2003 Riesling Auslese Kiedricher Gräfenberg
Schöne, trotz Botrytis saubere Frucht, Tabak, Kräuter, Mineralität, am Gaumen dann auch Karamell, die Frucht sitzt nicht ganz präzise, die Struktur ist eher etwas schlanker und lässt den Wein tänzeln, für den Jahrgang eine überaus lebendige Säure, gefällt nicht schlecht, wenngleich die Frucht nicht wie erwartet auffächert, gute Länge, vielleicht schon zwei Jahre über seinem Höhepunkt. (90)

2007 Riesling Auslese Kiedricher Gräfenberg
In der Nase tropische Früchte, wieder Passionsfrucht, zur Zeit unruhig und etwas verschlossen, im Antrunk dann eine supersaubere Frucht, der Zucker tritt noch sehr stark hervor, sehr süß anmutend, die Säure sitzt jedoch auf dem Punkt und ist schön krisp, eine tolle Struktur, viel Zukunft, in zehn Jahren könnte dies ein monumentaler Riesling sein. (92-94+)

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