„Honivogl-Hirsch-Highlights“ – 11 mal Grüner Veltliner

Bis zu diesem, mir als denkwürdig in Erinnerung bleibenden Abend hatte ich die gutmütige Überzeugung, die Referenz für mineralische Weißweine könne eigentlich nur aus Riesling produziert werden. Nicht zwingend und ausschließlich von heimischen Böden, aber was die Rebsorte betrifft, da hatte ich schon wenig Bedenken – an Grünen Veltliner hätte ich jedenfalls nicht in erster Konsequenz gedacht. Inzwischen aber habe ich beschlossen, diese Haltung doch noch einmal nachhaltig zu überdenken. Denn was an diesem Abend in Sachen geballter, salz-durchzogener Mineralität durch unsere Gläser floss, war überzeugend und teilweise auch beeindruckend. Die aufgebotenen zehn Smaragde aus wohlbekannten Häusern, die uns unsere Gastgeber durchgehend blind zum Probieren gaben, sollten deshalb nicht nur mir genügend Anlass für einen kleinen Sinneswandel bieten…

Zum Eintrinken gab es ein junges Federspiel, das die ihm zugedachte Rolle als Essensbegleiter zur köstlichen Lachs-Vorspeise bestens ausfüllte.

Wein 0: Jamek GV Stein am Rain Federspiel, 2008

Zitrusgeprägte Nase, auch frisch geschnittenes Gras, etwas gelber Apfel. Kompakter Körper, frische, noch jugendliche Säure, dazu leicht salzige Zitrustöne, wieder frisch geschnittenes Gras; verhalten auch etwas schwarzer Pfeffer am Gaumen, knapp mittellanges, würziges Finale. Leckere 81 Punkte.

Flight Nr. 1 sollte den Anwesenden eine Varianz an möglichen Stilen präsentieren – wir waren also gespannt:

1. Weingut Hirsch GV „Kammerner Lamm“, 2005

Ungestüme, hochmineralische Nase, würzige Kräuter, jodig-salziger Geruch, die Nase wirkt tief und dunkel, ohne Primärfrucht. Verhalten saftige Frucht im Antrunk, Birne, Salz, ein sehr puristischer Stil, man ist um jede versöhnende Fruchtnuance dankbar. Am Gaumen ein leichtes Pfefferl, hier erstmals Alkoholstärke, der Wein ist aber balanciert gereift. 88 Punkte.

2. Weingut Prager GV „Achleiten“ Smaragd, 2006

Von ganz anderem Stil ist dieser hochreife Wein. Vollreife, gelbe Frucht, etwas Honig, ein Hauch Minze. Kreidiges, feinstaubiges Mineral. Etwas Koriander. Macht im Glas noch einmal weiter auf. Im Antrunk ein kraftvoller Wein, viel cremige Textur, die Frucht bleibt aber ein wenig indifferent, ja verschlossen. Durchaus alkoholbetont. Auch am Gaumen noch verschlossen, hier bleibt nur ein feiner, mineralischer Schmelz und eine Prise Pfeffer stehen. Die Runde wünscht sich den Wein in zwei bis drei Jahren erneut ins Glas, wobei ein kleines Fragezeichen hinter die Präsenz des Alkohols zu setzen ist. Deshalb 87 +(?) Punkte.

3. Weingut Ott GV „Rosenberg“, 2007

Auch aus dem Hause Ott gab es die hauseigene Spitze, den Rosenberg, zu trinken. Eine filigrane Nase erwartet uns im Glas, geprägt von feinen Feuersteinnoten, gelber Frucht, Anklänge an Brioche, nur ein Hauch weißer Pfeffer. Leise ist sein Auftritt, aber nicht minder elegant. Salz im ersten Antrunk, dahinter dann ein feiner Fruchtkern, mineralisch unaufdringlich durchgezeichnet. Die Säurestruktur ist verhalten, die Säure wirkt fast weich; perfekt eingebundener Alkohol. Ein in allen Belangen fein gezeichneter Wein, dem von den GV-Kennern am Tisch gutes Reifepotential zugebilligt wurde. Aber, warum eigentlich lange warten? 90-91 Punkte.

Der zweite Dreierflight wurde unter der Rubrik „Verkostungsarbeit und Potentialerkennung“ angekündigt – und zumindest bei Wein 4 wussten wir, wieso der Flight unter diesem Motto lief – mit uns kann man’s ja machen. Na, aber gerne.

4. Weingut Rudi Pichler, GV „Wösendorfer Kollmütz“ Smaragd, 2008

Helles Goldgelb. Die Nase wirkt noch ungemein jugendlich, fast noch unruhig; schwarzer Pfeffer, saftige Birne, im Hintergrund roter Apfel. Auch Staudensellerie und rauchige Noten vernehme ich. Eine insgesamt anstrengende, aber interessante Mischung, die man sich erarbeiten muss. Im Mund mit stahliger und sehr rescher Säure, Pfeffer, braune Mineralik, athletischer Körper, gradlinig und eine Spur rücksichtslos, ein sturer Charakterkopf halt. Seine Salzigkeit, die Mineralik und seine knochentrockene Ausbauart machen es in diesem Stadium nicht gerade einfach, den Wein mit Vergnügen zu verkosten – und doch ist die Runde sich einig, dass hier gutes Potential vorhanden ist, denn auch trotz seiner „brutalen“ Säure, die schon geeignet ist, Riefen in der Magenwand zu ziehen, wirkt der Wein nicht unharmonisch. Geduld ist angezeigt, wir glauben, das findet sich. 89 + Punkte.

Erleichterte Blicke bei Wein 5, denn die Magenwände bekamen eine Entlastungspause:

5. Weingut Franz Hirtzberger GV „Honivogl“ Smaragd, 2008

Ölig golden liegt der Wein im Glas. Botrytis in der Nase, tropische Steinfrüchte, Bienenwachs, eine prickelnde Mineralität. Die Eindrücke sind komplex miteinander verwoben. Feinsüße gelbe Früchte im Mund, üppiger Körper, wieder Salzigkeit und eine kräftige dunkle Mineralik, Aprikose, ein feines Pfefferl, das mit leichter Schärfe einhergeht. Fächert seine Frucht am Gaumen sehr reich und vielfältig auf. Der Wein bleibt auch hier von üppiger und schwerer Statur, ist dabei aber sehr spannungsgeladen. Und sehr lang. 92-93 Punkte, mit weiterem Potential.

Wir erfuhren erst nach der Verkostung, dass wir mit Wein 6 eine kleine Rarität im Glas hatten, denn von diesem Wein gab/gibt es nur wenige hundert Flaschen… „traurig“ ist dies umso mehr, als es unser Wein des Abends werden sollte. „Traurig“ jedoch nur in Anführungszeichen, denn hier bestand nun wirklich kein Grund für irgendein Wehklagen:

6. Weingut Prager GV „Achleiten Stockkultur“ Smaragd, 2008

Betörend schmeichelnde Nase, hochreife tropische Frucht nach Maracuja und Mirabelle, auch florale Töne, die mich an Rose erinnert. Voller Komplexität. Im Mund transparent und verspielt, Zitrus und Birne, wieder Rosenanklänge. Dabei eine ganz feine, aber frische Säure. Der Wein wirkt trotz seiner „inneren Leichtigkeit“ sehr präzise. Eine feine Süße stemmt sich erfolgreich gegen sein salziges Mineral. In perfekter Balance zwischen Frucht und Eleganz. Was soll ich sagen – einfach eine echte Schönheit. 94 Punkte.

Nun sollte uns ein köstlicher Hauptgang erfreuen, die Reste der ersten beiden Flights waren hierzu wunderbare Begleiter.

7. Weingut E. Knoll GV „Ried Schütt“, 2002

Im Glas ein metallisches Goldgelb. Die Nase eröffnet mit Jod, einem leichten Heftpflasterton, auch ein Hauch Schwefel. Frucht? Nein, die suchen wir hier vergeblich. Stattdessen Noten von Trockenblumen und Bitterschokolade. Sehr ansprechend verwoben. Auch im Mund bleibt sich der Wein treu, kaum Frucht, nur eine angedeutete, schon leicht welke Apfelfrucht, etwas Firn. Der Wein lebt stark von seiner ausgeprägten Mineralität, die Säure ist kräftig. Am Gaumen Mandeln und Bitterschokolade. Uns fehlt es jedoch an Tiefe für echte Begeisterung. Der Wein sollte stattdessen alsbald ausgetrunken werden. Heute noch: 87 Punkte.

8. Weingut E. Knoll „Ried Loibenberg“, 2004

Eine tiefe und rauchige Mineralik erwartet uns, Pfeffer britzelt in der Nase. Dahinter finden wir grüne Kräuter, Wachs und eine leicht mostige Apfelfrucht. Auch im Mund sind die Fruchtnoten sehr minimal, wie Wein 7 baut auch dieser Wein voll auf seine Mineralik. Der Wein hat eine leichte Fruchtsüße, wirkt aber konzentrierter und vitaler als sein Vorgänger. Auch hier wieder eine ausgeprägte Salzigkeit, die sich bis in den deutlich mittellangen Abgang hineinzieht und eine interessante Verbindung mit der kräftigen Mineralik eingeht. 90 Punkte.

9. Weingut E. Knoll „Vinothekfüllung“, 2004

Dunkles Goldgelb mit rötlich-braunen, metallischen Reflexen. Eine Melange von tänzelnd feiner Steinfrucht, Kräutern, Rauch, weißem Pfeffer und steinig mineralischen Nuancen, auch wachsige Botrytistöne, die dem Wein aber keine Schwere vermittelt. Im Antrunk mundfüllendes, trotzdem mit Eleganz versehenes Extrakt. Reiche Noten von Aprikose, brauner Mineralik, wärmend, aber ohne jedes Alkoholproblem. Einen Strukturwein haben wir da im Glas, der nicht zur Breite tendiert und viel Spannung bietet. Nachhaltig bleibt der Wein auch im sehr langen Abgang, hier endet der Wein souverän und mit feinem Schmelz. Und wieder mit einer Menge Stein. 93 Punkte.

10. Weingut F.X. Pichler „M“ Smaragd, 2003

Die nominelle Spitze des Abends kam aus der Magnum auf den Tisch. Da wir blind tranken, kannten wir weder seine Herkunft noch sein Alter. Umso erstaunter waren wir dann, als Pichlers „M“ aus dem Jahrgang 2003 aufgedeckt wurde. Denn der Wein präsentierte sich derart hefig, dass man ihn auch mühelos in den Jungweinflight hätte einstellen können; dass hierfür allein das größere Flaschenformat Schuld haben sollte, mochte uns als Erklärung auch nicht recht überzeugen. Der Wein war auch einige Stunden karaffiert… dennoch eröffnete die Nase mit reifen Honigmelonen, Kräutern und einer überpräsenten Hefenote. Auch im Mund wieder hefig,  Jod, dunkles Mineral, ein Alkoholbitterl, wieder dominant Hefe. Fruchtnuancen konnte ich hier kaum ausmachen. Am Gaumen etwas Espresso, andere braune Noten, ein Touch medizinal. Und wieder Hefe. Im Nachhall wie ein Hefeweizenbier, nur deutlich länger…In dieser Verfassung von uns nicht bewertet, da wir glauben, dass dies von Winzerseite so nicht gewollt war.

[Update: Nach weiteren 24 Stunden Belüftungszeit gab sich der Hefeton, wie mir der Gastgeber mitteilte; der Wein wurde zunehmend jodig und blieb: merklich alkoholstark. Also war es wohl doch die mangelnde Belüftungszeit, die hier nicht stimmte… seinen Alkohol konnte der Wein trotz aller Dichte aber nicht gänzlich einbinden. In dieser besseren Verfassung immer noch < 90 Punkte.]

Die verständlicherweise betrübten Gesichter unser Gastgeber mussten besänftigt werden. Hierzu beitragen konnten sicherlich die Marillen-Kuchenvariationen sowie das nachfolgende Parfait, die es als Nachtisch gab.

Den vinophilen Abschluss bildete traditionell auch an diesem Abend ein restsüßer Wein (der aber weniger zum Kuchen passte, sondern eher ein besserer Begleiter zu würzigem Käse gewesen wäre):

11. Weingut E. Knoll Loibner Grüner Veltliner Beerenauslese, 1998

Helles Bernstein. In der Nase Rosine, ein feiner Jodton, Rose, Anklänge an türkischen Kaffee. Üppiger, süßer Antrunk, der Wein hat dank des hohen Alkohols von immer noch 13% einen schwerfälligen Stil. Jodige Mineralität und rosinige Fülle im Mund, jedoch nicht sonderlich tief. Der Nachhall ist mittellang, auch hier zeigt der Wein eine leichte alkoholische Schärfe. 86 Punkte.

Habt nochmals Dank für diesen schönen Abend, ihr Köche, Gastgeber und Kellerplünderer…! Und als ich dann auf dem Heimweg war, dachte ich so still und heimlich vor mich hin: „Stockkultur? Nicht nur für schwer pubertierende Jugendliche ein echtes Erlebnis…“ (Guido)

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Ein Kommentar zu “„Honivogl-Hirsch-Highlights“ – 11 mal Grüner Veltliner

  1. Sehr feiner Blogpost. Ich bin glühender Veltlinerfan und habe mitunter das Problem deren Mineralität gegenüber Rieslingen glaubhaft zu machen.
    Sehr interessant in dieser Hinsicht sind auch die Weine von Franz Proidl aus Senftenberg im Kremstal -> http://www.proidl.com.

    Hatte gestern die Alten Reben von der Lage Pellingen, ein Musterbeispiel von Frucht, Würze und Mineralität.

    ~ Thomas

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