Kraftakt Riesling – Große Gewächse aus drei Ländern (11.07.2008)

Man sagt, alles habe in einer dunklen Tiefgarage angefangen, während Kartons mit besten Elsässer Kreszenzen die Kofferräume tauschten. Doch egal, wie es begann — am Ende stand ein unvergesslicher Abend mit dem Riesling-Battle des Jahres. Im Aufgebot: Deutschland gegen Österreich gegen Frankreich (natürlich mit einer rein Elsässischen Auswahl). Nachdem wir im Vorfeld die Gegner gründlich analysiert, unsere Mannschaften aufgestellt, die Fronten geklärt und uns natürlich im besten sportlichen Sinne eifrig hochgeschaukelt hatten, traten wir hochkonzentriert an: Serviert wurde zuerst eine ungeordnete Liste der Weine, die dann in einer zufälligen Reihenfolge blind verkostet wurden.


0. Pierre Frick Riesling Rot Muré (sans soufre), 2002
Der Starter in den Abend, um die Geschmackssinne zu justieren: Eine ordentliche, fast barocke Struktur, Weiche Säure, aromatische Restsüße, gelbe Steinfrüchte, auch gelbe Pflaumen. Deutlich geringer als befürchtet sind die oxidativen Noten in Folge des Verzichts auf Schwefel. Sehr geschmackvoll, etwas rustikal, etwas brandig, doch mit ordentlicher Länge. Nachtrag: Liegt im Vergleich zur geschwefelten Variante sogar ein gutes Stück vorn. Die Struktur ist runder, die Aromen sind feiner. (85 Punkte)


1. Müller-Cartoir Riesling Haardter Bürgergarten Großes Gewächs „Breumel in den Mauern“, 2005
Feine jodsalzige Nase, Maracujacreme, Apfel, Wiesenkräuter. Eine filigrane Säure, tabakig, etwas buttertoastig, leichte Reifenoten. Trocken, aber ungemein extraktsüß. Lang, lang, lang. Ein pulsierender, sich stetig wandelnder Aromakern. Sehr elegant, feingliedrig, tief und komplex. Groß! (95 Punkte)


2. Martin Müllen Riesling Spätlese trocken Kröver Paradies, 2005
Eindeutige Spontinase, weiße Steinfrucht ohne Ende, heller Pfeifentabak, weißer Pfeffer, Muskatnuss, aromatische Schiefer-Mineralität. Eine ganz feingliedrige Säure. Extrem lang am Gaumen, ein langer mineralischer Nachhall. Ordentlicher Körper, wobei der Alkohol gut gepuffert wird. Ein idealtypischer Moselklassiker. (93 Punkte)


3. Barmes-Buecher Riesling Hengst Grand Cru d’Alsace, 2003
Dunkles Zitronengelb, malzig-würzig, viele gelbe Früchte, Trockenblumen, eine kräuterige Mineralität. Leicht oxidativ und etwas Restsüße, dadurch umso mehr Geschmack, aber auch weniger Tiefe und Komplexität. Opulent, druckvoll, lecker. Auch wieder ein ganz langer Abgang. (90 Punkte)


4. Schloss Gobelsburg Riesling Zöbinger Heiligenstein, 2006
Strahlendes Gold im Glas, in der Nase reife Zitrone und Grapefruit, aber auch Zitronenrolle, Biskuit. Im Mund wieder die volle Zitrone. Die Säure ist noch recht jung und etwas spitz. Eine trockene, etwas kreidige Mineralität. Starkes Fruchtextrakt. Nicht komplex genug (oder vielleicht zu jung), um groß zu sein. Aber immer noch ausgezeichnet! (90 Punkte)


5. Christmann Riesling Königsbacher Idig Großes Gewächs, 2004
In Nase und Mund eine dunkle Blutorange, ewig lang auf einer breiten, fast kantigen Mineralität stehend. Die Säure steht ein wenig neben den Aromen und der Mineralität, die Struktur fügt sich nicht zusammen, der Verlauf bricht hinten leider ab. Dabei aber sehr kraftvoll. Scheint noch zu jung, verspricht großes Potenzial. (89++ Punkte)


6. Kreydenweiss Riesling Kastelberg Grand Cru d’Alsace, 2004
Leicht oxidative Noten in der Nase, eine jodiges Apfelnote, salzig, kräuterig, ein ganz dichtes Fruckextrakt bei wenig Primärfrucht, dafür flüssig gewordene Mineralität, kristallener Honig, sehr trocken, sehr kühl. Eine packende Säure. Langer Abgang. Sehr zurückhaltend, enorm tief. Ausgezeichnet, hat aber noch mehr Potenzial. (92+ Punkte)


7. Emrich-Schönleber Riesling Monzinger Halenberg Großes Gewächs, 2006
Die deutlichste Spontinase bisher, weißer Pfirsich, frisch geschnittene Kräuter, eine enorm druckvolle Mineralität mit einer packenden, noch recht jungen, dominierenden Säure. Scheint zur Zeit verschlossen, doch man kann die Kraft förmlich spüren. Eindeutig zu jung! (90++ Punkte)


8. Hiedler Riesling „Maximum“, 2002
Eine cremige Ananas-Nase, tiefgelbe reife Früchte, dazu eine ungeheuere, druckvolle,. nachhaltige Mineralität am Gaumen und auf der Zunge. Packend kraftvoll, sehr offensiv, verschießt gleich zu Anfang viel Pulver, flaut dann leicht ab. Viel Frucht, Mineralität, Körper, aber noch etwas ungeordnet. (94+ Punkte)


9. Knoll Riesling „Edition Vinothek“, 2006
Eine leichte Spontinase, dahinter eine unbeschreiblich tiefe Frucht von weißem Weinbergspfirsich, eine völlig transparente, strahlend reine Rieslingfrucht. Dabei trocken, kühl und elegant. Eine Brise, die über Zunge und Gaumen weht, mit einem leicht tabakigen Aroma. Endlos elegant! (95 Punkte)


10. Marcel Deiss Grand Vin de Altenberg de Bergheim, 2001
Wuchtige Nase nach Früchten, Blüten und Röstnoten. Am Gaumen perfekte Balance von Säure und Süße, kreidige Textur, Aromen von reifen Zitrusfrüchten, kandierten Orangen, typische Honignoten von Botrytis, der Abgang endlos lang, buttrig, mit Vanille-Noten, ein sehr reichhaltiger, saftiger Wein von einmaliger Aromatik, aber nicht ganz tief und zwingend. (91 Punkte)


Die Verkostungsnotizen sprechen für sich: Die kämpferische Leistung war mitreißend, spielerisch wurde höchstes Niveau geboten. Es war begeisternd, was sich da in den Gläsern befand. Der Stimmungs-Seismograph konnte diverse freudig-hysterische Ausschläge verzeichnen. So war es am Ende schwierig, den Verlierer auszumachen. Über den Gewinner waren wir uns aber fast alle einig: Österreich siegte nach Punkten und machte die Schmach von der Fußball-EM wieder gut. Ebenso erstaunte uns, dass unsere Trefferquoten an dem Abend erstaunlich hoch waren. Zwei unserer Verkoster ordneten sogar alle Weine richtig zu. Ein hervorragender Abend, für den unser voller Dank Thomas gilt, der uns vorzüglich bekochte und mit seinem Menü mal wieder locker das Niveau der Weine hielt.

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