Eine Reise ins Burgund

Nachdem ich dieses Jahr begonnen hatte mich bewusster durchs Burgund zu trinken, wurde es Zeit sich einen Eindruck vor Ort zu verschaffen und so ging es eines Samstags im Herbst 2012 früh morgens los und als unerwartet im Taunus auf der Autobahn fünf Zentimeter Schnee lagen, war es schon ein wenig beruhigend die warme Winterjacke im Koffer zu wissen. Kalt waren die Tage im Burgund , zu kalt für die Jahreszeit, oftmals nur einige Grade über Null, dafür strahlte die Sonne über die meisten Tage von einem wolkenlosen, blauen Himmel und die Luft war herrlich klar. Beste Voraussetzungen für Weinverkostungen und dank meiner Jacke auch zum Spazieren durch die Weinberge. Dieser Bericht beschränkt sich auf die Weinmomente, aber auch ohne Wein ist das Burgund unbedingt eine Reise wert.

Sonntag

Unsere erste Station war das Chablis. Sonntags nahmen wir an der Fete du Vin teil. Eine Art Volksfest mit Rock auf dem Dorfplatz am Vorabend und Aufmarsch der lokalen Blasskapelle am darauffolgenden Morgen. Mir wichtiger waren die zahlreichen Winzer, die in kleinen, offenen Zelten ihre aktuellen Kollektionen präsentierten. Sehr angenehm das allgemeine Prozedere; für fünf Euro gibt es ein Probierglas, der ausschließliche Zugang um gewünschten Rebensaft, denn nur in jenes schenkten die Winzer ein, gekauft werden konnte in der Regel nicht, was die Sache sehr entspannt machte.

Die Qualität reichte vom einfachen Dorfwinzer bis hin zu den bekannteren Betrieben wie William Fevre oder Rėgnard, letzter präsentierte aus meiner Sicht die stimmigsten Weine. Traditionell konsequent im Stahltank ausgebaut waren sie fruchtbetont, erstaunlich dicht ohne Schwere. Ein frisch wirkender 2002er zeigte die oftmals abgestrittene Reifefähigkeit von Chablis. Es waren ein paar sehr schöne Stunden und der angeschlossene Markt mit samt zahlreichen Ständen mit regionalen Köstlichkeiten brachte Abwechslung und sorgten für Grundlage um auch noch festen Schrittes zum 10. Winzer zu gehen.

Überrascht war ich von den verhältnismäßig vielen Chablis, die kein Holz gesehen hatten. Natürlich trafen wir auch die holzgeprägten Weine, insbesondere bei den 1er Crus, aber eben auch für Liebhaber fruchtbelassener Weine gab es ausreichend Auswahl zu den üblichen günstigen Preisen im Chablis. Folgende Wein bzw. Erzeuger sind mir aufgefallen:

Domaine Bardet & Fils – klare, fruchtbetonte Weine, die in ihrer Jugend getrunken werden wollen und die Premier Crus haben dann auch hinreichend Ausdruck und Nachhall.

Domaine Jean Claude Courtault – auch hier geht der Wein in den Stahltank – die Weine sind frisch, sauber, mit knackiger Säure, was besonders den Premier Crus aus 2010 gut zu Gesicht stand. Bei Preisen von 7 bis 14 Euro kann man nicht meckern.

Régnard- zählt zu Recht zu den Spitzenerzeugern aus dem Chablis. Auch hier wird konsequent im Stahltank ausgebaut. Die Weine besitzen durchweg Ausdruck und haben eine gute Länge. Ich würde sie alle eher jung trinken, dann sind sie besonders animierend. Aber auch der 2002 1er Pic zeigte sich noch erstaunlich frisch und fruchtig. Allen Weinen eigen war die verspielte und lebhafte Säure und eine feine steinbetonte Mineralik.



Am späten Abend ging es mit unserem Reisebus weiter nach Beaune zu unserem Ausgangspunkt für die kommenden vier Tage. Dieses geschichtsträchtige Zentrum des Burgunds ist sicherlich der ideale Ausgangspunkt für Ausflüge in die einzelnen Appellationen. Abends ging es ins Restaurant La Ciboulette, und während der drei köstlichen Gänge (die Schnecken sind ein Gedicht) kamen dann sogleich die ersten Burgunder auf den Tisch.
Es ging los mit Chardonnay, einem feinfruchtigen Saint-Romain Clos Sous le Chateau von der Domain Bohrmann, sauber vinifiziert, animierend zu trinken, klarer Frucht, sehr dezentem Holzeinsatz, mittlere Tiefe, gutes Finish 87/100. Der erste Rote von Sebastian Magnien’s Beaune 1er Cru Les Aigrots 2008 war ebenfalls klar in der Frucht, viel dunkle Früchte, mineralische Anklänge, straffe Säure, wurde mir zum Finish hin etwas dünn, knapp mittlerer Abgang 86/100. Von Paul Jacqueson gab es dann den Premier Cru Rully „Gresigny“ aus 2010. Ein seidiger, schmiegsamer Vertreter mit fülliger Frucht ohne Breite, schöner Säurestruktur, gutem Nachhall. Mehr konnte ich mir nicht notieren, zu schnell war die Flasche leer 88/100. Domaine Bertagna Vougeot, 1er Cru Clos de Lage Perriere 2007 war kräftiger, mit saftiger, klarer Frucht begleitet von Kalksteinen, Holz ist kaum zu vernehmen, wirkt noch sehr jung, eine Spaßmacher auf gutem Niveau, dem es vielleicht ein Tick an letzter Tiefe fehlt, trotzdem überaus schmackhaft, noch sehr jung, Zukunft 88/100. Ein Fehlgriff der Clos des Langres, 2002 Cote de Nuits Village von der Domaine D’Arduh. War bereits deutlich über dem Zenit, austrocknende Tannine, kaum noch Frucht im Mund, grobes Holz, ein liegengebliebener Village-Wein aus einem eigentlich schönem, aber nicht großen Jahr 80/100. Trotz mancher Proteste gönnten sich ein Tischnachbar und ich zum abschließenden Käse noch einen edelsüßen Gewürztraminer von Trimbach. Die Vendanges Tradives aus 2005 entsprach dann genau meinen Erwartungen, die erste Süße nach sieben Jahren schön abgebaut, floral mit dem unverkennbaren Bukett dieser Rebsorte, lebhafte Säure 86/100.


Montag

Am Morgen danach stand dann der erste Winzerbesuch an. Es ging nach Gevrey-Chambertin zu Rossignol-Trapet, zu einer recht neuen, ambitionierten Domaine in den Händen von einem jungen, ehrgeizigen Team. Die Weine sind allesamt fruchtbetont, ohne raue Tannine, Weine mit viel Trinkfreude, wirken aber zu keiner Zeit übermäßig modern, geschliffen oder langweilig. Die verkosteten 2009er und die 2011er waren alle schon sehr zugänglich, die Tannine reif und gut integriert, mit klarer, saftiger Frucht, aber mit hinreichender Finesse und Tiefe. Die Weine sehen nur wenig neues Holz, beim Grand Cru Chapelle-Chambertin sind es nur 50%, bei den Premier Crus deutlich weniger. Die Weingärten sind Demeter zertifiziert und im Keller arbeiten die Jungs auch eher traditionell, sprich entrappt wird nur teilweise, die Mazeration auf der Maische dauert bis zu 14 Tage und die Gärung übernehmen die eigenen wilden Hefen. Dies ergibt Weine, die mir bereits in ihrem jugendlichem Stadium erstaunlich viel Freude bereiteten, aber sicher ebenso Zukunft haben.

Zu Beginn gab es den letzten Jahrgangs des Chardonnays Bourgogne aus dem Jahr 2009. Dazu notiert ich mir eingelegte Birnenspalten, milde Säure, eine Spur nussige Aromen, das Holz sehr dezent, mittleres Finish 85/100.

Bourgogne Pinot Noir 2009 │ 84/100

Feinfruchtige Nase nach roten Beeren, klar mit Spiel, das Holz kaum wahrzunehmen. Schlanker Körper im Mund, die Frucht nun eher Richtung Kirsche, etwas gedeckt, gut integriertes Säurespiel, leicht trocknendes Tannin im weiteren Verlauf, der Wein jetzt recht schlank und bleibt nicht sonderlich lange am Gaumen, trotzdem animierend zu trinken.

Savigny-le-Beaune 2009 │ 89/100

Der Ortswein hat schon deutlich mehr Ausruck in der Nase, wieder fruchtbetont, jetzt Schwarzkirsche, junge Pflaumen, feine-röstige Aromen vom Fassbau, Bitterschokolade. Mittlerer Körper, saftiger, fruchtbetonter Auftakt, deutlich konzentrierter, hier fängt es an Spaß zu machen. Gut integrierte aber eher milde Säure, das Holz ist da, aber ohne jede Übertreibung, sehr stimmiger Verlauf mit kräftigem, leicht schokoladigem Finish.

Beaune Les Mirages 2009 │ 89/100

Gänzlich anders der Cru Les Mirage. Duftet nach Orangenschalen, Aprikosen und Blüten, erst dahinter zeigen sich rote Beerenfrüchte, vom Holz kaum eine Spur. Im Mund von mittlerem Körper, wieder deutlich auf der fruchtigen Seite, Orangenblüten, Himbeeren und weiße Blüten, die Tannine noch trocknend, auch hier zeigt sich das Holz nur dezent, im weiteren Verlauf kommt eine feine Mineralik auf, dadurch wirkt der Wein etwas schlanker, der Wein hält seine Aromatik bis zum mittellangen Finish überzeugend durch.

Gevrey-Chamberin 2009 │ 88+/100

Deutlich kräftiger der Gevrey mit mehr Holzwürze und dunklen Beeren, Backpflaume und Herrenschokolade. Im Mund von kräftiger Statur, viel dunklen Beeren, vor allem Brombeeren, rauchige Fassaromen, geröstete Nüsse, die Säure muss ein wenig kämpfen, wirkt noch jung und kantig, muss reifen, guter Verlauf, langes Finish.

Nun ging es mit den 2011er aus dem Faß weiter:

Beaune 1er Cru Les Teurons │ 89/100
Ein ungemein weicher, voller und würziger Vertreter. In der Nase expressive Blau- und Brombeeren und viel Schokolade, etwas Schwarkirschen im Hintergrund. Im Mund charmant, schon sehr offen, noch etwas vordergründiges Holz, über den gesamten Verlauf feine Süße, eher milde Säure.

Chevrey-Chambertin 1er Cru Petite Chapelle │ 91+/100
Der Petite wirkt verspielter und zeigt schon jetzt mehr Nuancen. Duftet eher nach rotbeerigen Früchten wie roter Johannisbeere, Himbeere und Herzkirsche, das Holz ist im Mund noch recht trocknend, auch die Tannine greifen in den Gaumen, der Wein wirkt so seriöser, mit gutem Säurefundament.

Chapelle-Chambertin Grand Cru │ 92+/100
Ein Wein von enormer Konzentration und Fruchtfülle. In der Nase dunkle Beeren, Orangenschale und jede Menge Schokolade und Holzwürze. Dahinter zeigen sich feine Anklänge verschiedener Blüten. Im Mund sehr dicht, saftig und nachhaltig. Ein ziemlicher Kraftbolzen, jedoch mit ausreichend Spiel und Tiefe. Es zeigen sich mineralische Noten und ein animierende Säurebogen. Enorme Länge. Noch sehr jung, muss lange reifen.


Anschließend ging es in ein recht einfaches Restaurant direkt gegenüber dem Clos de Vougeot. Da die Qualität der Speisen und erst recht des Tischweines (70/100) übersichtlich waren, nutzte ich die Zeit und spazierte durch den Clos de Vougeot, besuchte kurz das in Mitten des Weinberges liegende Chateau de Vougeot und nutzte die Gelegenheit auch einen kurzen Blick auf Weinberge von Les Musigny zu werfen, die im Wesentlichen von der Domaine Comte Georges de Vogüé bewirtschaftet werden.

Dieser renommierte Betrieb war auch unser nächster Termin und sicherlich das absolute Highlight der Reise. Nie werde ich einen 59er Musigny vergessen, den ich einmal im Glas hatte. Das war Pinot Noir in fast vollkommener Perfektion – so viel Power und Eleganz zugleich war mir damals gänzlich unbekannt. George de Vogüé zählt ganz sicher zu den absoluten Spitzenbetrieben des Burgunds, seine Weine besitzen Weltruf und so bin ich sehr dankbar für den Blick in deren Keller und einmal die Möglichkeit zu haben die jungen Weine aus dem Faß zu probieren und zwar bis hinauf zum Musigny Vieilles Vignes, was bei den aberwitzigen Preisen keine Selbstverständlichkeit ist. Dabei waren Jean-Luc Pépin, der vorzüglich Deutsch spricht und Francois Millet, der für den Keller zuständig ist, überaus charmante, höfliche und natürlich kundige Gastgeber. Ein einzigartiges Erlebnis; der Besuch wie auch die Weine. Alle verkosteten Weine waren Faßproben der 2011er.

Chambolle-Musigny Village │ 90+/100

Bereits der Ortswein ist von feiner Zeichnung, reintönigen Früchten nach Sauerkirschen, roten Johannisbeeren und ein Hauch Erdbeeren, im Mund von mittlerem Körper, mit seidiger Textur, bereits große Tiefe und Feinheit, deutlich Kalkstein, Biss, feste Säure, guter Nachhall.

Chambolle-Musigny „1er“ │ 92-93/100    
Dieser Wein kommt bereits aus der Grand Cru-Lage Musigny, wird aber aus den jüngeren Rebstöcken gewonnen und daher abgestuft und als Premier Cru vermarket. Der duftet herrlich nach Orangenblüten, roten Waldbeeren und Blaubeeren, dahinter ein Hauch Backpflaume, das Holz ist kaum zu vernehmen, erneut sehr reintönig und nuanciert. Im Mund von mittleren Körper mit herrlich klarem Früchtekern, steinbetonte Mineralik nach Kalkstaub, zarter Holzwürze und im hinteren Verlauf kommen erneut die Orangenblüten auf und geben dem Wein eine einzigartige Frische mit auf dem Weg zum langen Finish. Braucht mind. 10 Jahre Flaschenlagerung.

Chambolle-Musigny 1er Les Amoureuses │ 93+/100
Gänzlich anders der Premier Cru. Der Duft ist kräftiger, würziger mit fleischigen, leicht gedeckten Früchten, erinnert mich an Backpflaumen, Brombeeren und Veilchen. Im Mund gänzlich unentwickelt, die Tannine recht unfreundlich und die Holzwürze tritt stärker in den Vordergrund. Dahinter zeigt sich aber die ganze Klasse des Weines. Ungemein feine Pinot Noir-Aromatik, eher dunkle mit fleischigen Aromen, enorme Konzentration, ohne jede Schwere, erneut florale Anklänge, deutliche Mineralik, hinten explodiert der Wein förmlich und das Finish will kaum enden. Kann man irgendwann in der Mitte des nächsten Jahrzehnts aufmachen.

Bonnes-Mares Grand Cru  │ 93+/100
Viel dunkler die Farbe des Bonnes-Mares. Die Nase schon wunderbar offen und zeigefreudig. Ein ganzer Korb von Herzkirschen strömt aus dem Glas, viel getrocknete Kräuter, frisch gepflügte Minze und Schokolade und Tabaknoten vom Holz. Im Mund von vollem Körper und einer grandiosen Eleganz, kleidet unmittelbar die gesamte Mundhöhle aus, jetzt deutlich auf der dunklen Beerenfrucht, eingelegt Kirschen, viel Herrenschokolade, Tabak und Lakritznoten, im weiteren Verlauf treten immer mehr Blaubeeren auf und verleihen dem Wein Frische, die Säure sehr fest, fast zügellos, ohne Spitze, das Holz noch nicht ganz eingebunden, leicht trocknend, viel Würze im langen Finish. Hat nicht die Eleganz der Musigny-Weine, sondern setzt mehr auf Konzentration und Kraft. Nur kaufen, wenn man sich 15+ Jahre gedulden kann.

Musigny Vieilles Vignes Grand Cru │ 96+/100
Eine grandiose Nase von höchster Komplexität und Feinheit. Der Wein vermeidet jede Aufdringlichkeit und so zeigt er bereits heute einen Straus von Aromen. Notiert habe ich Veilchen,  Rosenblätter, Minze, reifen Herzkirschen und jede Menge Cassis. Daneben diverse Gewürze, von Holz ist nichts zu riechen, dass ist reinste Pinot Noir-Frucht. Im Mund ist der Wein bereits jetzt ungemein harmonisch und entspannt. Ohne jede Anstrengung verbindet er Konzentration und Eleganz, auch am Gaumen von höchster Komplexität, alles ist von Kalkstein durchsetzt, das Holz mit feiner Süße und Würze, die Säure enorm fest, fast knackig, großer Nachhall. Trotz allem Ausdruck und Kraft tänzelt er wie viele Schmetterlinge auf meinem Gaumen.Großes Kino.

Anschließend ging es noch zum unvermeidbaren Touristenstopp: La Tache, Romanée-Conti und der bekannten Domaine. Und so stand der ganze Reisetrupp vor einem völlig unscheinbaren Stück Vineyard und schoss ein Haufen Fotos. Hier meins vom La Tache:

Schnell zurück in den Bus.

Abends landete der harte Kern noch in einer kleinen Weinbar inmitten von Beaune. Die Tischchen klein, man saß dicht gedrängt, aber der Service war nett und die Weine schmackhaft. Hunger hatten wir kaum und so kam schnell der erste Weine auf den Tisch. Es war der 2009er Vosne-Romannée 1er Cru Clos de la Fontaine von der Domaine Anne-Francoise Gros. Ein schön ausgewogener würziger Duft nach roten Johannisbeeren, floralen Anklängen und mild-rauchigen Nuancen vom Barrique. Saftiger Antrunk, sehr animierend, erneut viel rote Johannisbeere, etwas Cassis, aber auch Herzkirschen, das Holz auch hier präsent mit milden Kaffeenoten, feines seidiges Mundgefühl, nicht sonderlich tief oder fest, aber sehr charmant und trinkfreudig. Die Flasche hielt nicht lange 88/100. Anschließend wählten wir einen 99er Chambertin Clos de Béze von der Domaine Joseph Faiveley bestellt, der war so flach und ausdruckslos, dies sah zum Glück auch der Chef so und folgerichtig wurde dieser ohne Murren in einen 2002er des gleichen Weines umgetauscht. Der war dann ohne Fehl und Tadel. Intensive Pinot-Nase eher auf der dunkelbeerigen Frucht mit edler Holzwürze und getrockneten Kräutern. Im Mund von kräftigem Körper, intensiv saftiger Antrunk, die dunkle Frucht füllt sofort den gesamten Mundraum aus, die intensive Fruchtfülle habe ich nun schön öfters bei den 2002ern erlebt, dass macht spontan an und ist sehr trinkanimierend, mit der Zeit zeigen sich auch Blütenblätter und eine erdbetonte Mineralik, der Wein ist jetzt schon gereift, wird sich noch ein paar Jahre halten, aber mehr kommt da wohl kaum noch, das Holz bestens eingebunden, die Tannine reife und schmelzig, guter, kraftvoller Nachhall 91-92/100.


Dienstag

Unsere nächste Station am darauffolgenden Morgen war Pommard. Das 500 Seelen-Dörfchen besteht eigentlich nur aus einem Marktplatz und einigen Häuschen darum. Auf dem Platz wurde auf einer mobilen Destillation-Station Tresterbrand hergestellt und so gingen wir durch einen fiesen scharf-süßlichen Duft zur Domaine Thierry Violot-Guillemard.

Ein kleines, familiäres Weingut samt vier kleinen angeschlossenen, ansprechenden Ferienwohnungen, die nach Aussage des Chefs besonders bei uns Deutschen beliebt sind, vermutlich auch, weil seine Frau über gute Sprachkenntnisse verfügt. Von der Terrasse der Wohnungen aus blickt man auf auf die kleineste 1er Cru Lage, dem Clos de Derriére St. Jean, etwa so groß wie ein Handballfeld – einfach schnuckelig. Ein Faß gibt´s davon jedes Jahr  – quasi der Familienwein.

Monsieur Thierry Violot präsentierte uns dann neben einigen Gutsweinen eine Vertikale von 2011 bis 2007 aus seinem wohl wichtigsten Weingarten, dem Premiere Cru Le Platiéres. Er besitzt dort 0,7 ha und die Reben sind überwiegend vor dem zweiten Weltkrieg gepflanzt. Die Weine zeigten sich überwiegend erstaunlich charmant, elegant und samtig und entsprachen so wenig der oft vorkommenden Pommard-Stilistik. Die Weine kommen gelegentlich, gemessen an der Feinheit anderer Burgunder, ein wenig ungehobelt, holzwürzig und grob daher. Daher war es bisher nicht mein bevorzugtes Gebiet, aber für die Weine von Monsieur Violot galt das nicht und so konnte ich mich schnell für sie erwärmen. Alle Weingärten werden naturnah bewirtschaftet und spontan vergoren. Es ging los mit seinem Village-Wein.

Volnay Village 2010 │ 82/100
Zurückhaltende Nase nach Orangenschale, Kirschen und dunklen Beeren. Balancierter Auftakt, saftig-fruchtig, leider hält der Wein dies nicht durch, er wird immer schlanker, im knapp mittellangen Nachhall zeigen sich grüne Noten.

1er Cru Le Platiéres 2011 │ 91+/100
Herrlich reintöniger Blaubeerduft in der Nase. Im Mund weich, fast seidige Textur, erneut viel Blaubeeren, etwas Pflaumen, kaum Holz, sehr auf der Fruchtseite, mineralische Anklänge, hat Spiel, sehr elegant und animierend, völlig ausreichende Konzentration, sehr konstanter, vielleicht etwas ruhiger Verlauf, langer Nachhall, sehr stimmig.

1er Cru Le Platiéres 2010 │ 91/100      
Erneut viel Blaubeeren in der Nase, das Holz zeigt sich deutlicher, herbe Kräuter, metallische Anklänge. Im Mund wirken die Tannine gereifter, aber auch griffiger, die Blaubeeren von schokoladigen Noten ummantelt, das Holz kommt ein wenig burschikos daher, trotzdem bleibt es ein eleganter Pinot Noir, denn auch hier besitzt eine seidige Textur, im Gegensatz zum 2011 kräftiger, guter Nachhall.

1er Cru Le Platiéres 2009  │ 88/100
Das Bukett wirkt etwas überreif, viel Brombeeren, Herrenschokolade, Holzwürze, etwas Speck. Im Mund deutlich kräftiger als die beiden Vorgänger, enorm saftiger Antrunk, viel dunkle Waldbeeren, Pflaumen, reife Erdbeeren, das macht einigen in der Gruppe viel Freude, letztendlich fehlt es ihm aber an der Eleganz und der Verspieltheit der Vorgänger. Im Nachhall zeigen sich edle Holznoten und viel Kräuter. Durchaus interessant.

1er Cru Le Platiéres 2008  │ 90-91/100 
Jahrgangstypisch frisch kam der 2008er daher. Auffallend florale Nase nach Veilchen, Blütenblätter, Blaubeeren und rote Johannisbeere, sehr verpielt und lebendig. Am Gaumen angenehm schlank und frisch, sehr gute Balance aus Säure und Frucht, die Aromatik der Nase wiederholt sich, mittlere Tiefe, das Holz noch nicht ganz integriert, trinkt sich jetzt bereits sehr animierend, guter Nachhall.


1er Cru Le Platiéres 2007 │ 87/100                
Der schwächste Wein des Flight, einfach weil es ihm an Frische und Ausdruck fehlte. Deutlich überreife dunkle Früchte in der Nase und röstige Noten vom Faßausbau. Am Gaumen macht er auch einen überreifen Eindruck, erste Reifenoten, viel dunkle Waldbeeren, Bitterschokolade, leicht herbe Faßnoten, recht langer Nachhall.


Ein schmackhaftes Mittagsmenü gab es anschließend bei Oliver Leflaive in Puligny-Montrachet, bei dem uns ein engagierter Sommelier die Weißweine der Domaine vorstellte. Danach war so mancher Weinfreund davon geheilt, dass es im Burgund nur holzverseuchte Weißweine gäbe.


Als Einstieg kam der Bourgogne Blanc Les Sétilles 2010 ins Glas und entsprechend frisch und jung war die Nase, viel weiße Johannisbeeren, Zitrus und junge Birnen, ohne große Tiefe, aber saftig im Mund, schöne vitale Säure, guter Verlauf, einfacher Trinkspaß und damit eine angenehmer Einstieg 83/100.

Danach wurde es „ernst“ und für mich sehr interessant, kamen doch drei Ortweine gleichzeitig in unsere Gläser und somit Gelegenheit die Unterschiede zu entdecken.

Chassagne-Montrachet 2009  │ 86-87/100
Fruchtbetonte Nase nach kandierten Zitronen, Limettenblätter, eingelegten Birnenspalten, zarte Holzanklänge im Hintergrund. Im Mund von mittlerem Körper, frisch-fruchtig, erneut kandierte Zitronen, gutes Säuregerüst, am Gaumen tritt das Holz merklicher hervor, ohne zu stören, gewissen Tiefe, mineralische Anklänge, guter Verlauf, mittlere Nachhall.

Meursault 2009 │ 86/100
Duftet nach weißen Johannisbeere, Melone, Würze vom Holz, wirkt fein, fast elegant. Der Auftakt am Gaumen saftig und fruchtig, knapp mittlerer Körper, ein Hauch erdbetonter Mineralik, recht kräftige Säure, verleiht dem Wein eine besondere Frische, das Holz tritt recht forsch hervor, im knapp mittellangen Nachhall geröstete Haselnüsse.

Puligny-Montrachet 2009 │ 88-90+/100 
Der feinste und stimmigste dieser Trilogie. Zarter Duft nach weißen Blüten, kandierten Zitronen, Melone, reifen Birnen, das Holz hält sich edel zurück. Im Mund von mittlerem Körper, wirkt verspielt und balanciert, florale Anklänge, sehr vitale, bestens integrierte Säure, wirkt ungemein animierend, das Holz noch nicht ganz eingebunden, hat Ausdruck und Nachhall, auch im Finish nuanciert, mit guter Tiefe und Länge. Erstaunliche Qualität für einen Ortwein und ein Kauftipp von mir.

Anschließend ging es mit erneut drei Weinen gleichzeigt weiter und wieder fanden sich die bekannten Ortschaften in derselben Reihenfolge im Glas, eine Freude für alle Neugierigen. Leider nicht aus demselben Jahrgang wie die Ortsweine, sondern wir gingen ein Jahr zurück. Vermutlich war dies der notwendigen Reifeentwicklung der 1er Crus geschuldet, aber bei so unterschiedlichen Jahren wie 08 und 09 waren kaum Vergleiche von Ortwein zum 1er Cru erlaubt. Trotzdem natürlich überaus lehrreich diese Weine gleichzeitig vor meiner Weinnase zu haben.

Chassagne-Montrachet 1er Cru Abbaye de Morgeot 2008 │ 89-90+/100
In der Nase wirkt der Wein noch recht unentwickelt, gar ein Hauch Schwefel im Hintergrund, ohne wirklich zu stören, viel gelbfleischige Früchte, weiße Blüten, geröstete Nüsse, im Mund überraschend saftig mit reichhaltiger Frucht, robuster Säure, cremiger Textur, Holzwürze nach gerösteten Haselnüssen und Karamell, gute Nachhall, hat Ausdruck.

Meursault 1er Cru Poruzots 2008 │ 91+/100  
Genau mein Fall. Ein Bukett von kandierten Zitronen, Mandelblüten, Hasselnüssen, frisch geschnittenen Birnenspalten, sehr klar und sauber, das Holz hält sich sehr zurück. Im Mund sehr saftig und fruchtbetont, mir gefällt ist die straffe Säure und erdbetonte Mineralik nach Brotkruste und Basalttönen, auch am Gaumen kaum Holzwürze, trotz aller Jugend ist der Wein schon jetzt ungemein trinkanimierend, langer Nachhall. Für knapp 50 Euro auch kein Schnäppchen mehr, aber ein ausgezeichneter Meursault, der schon jetzt große Trinkfreude bereitet.

Puligny-Montrachet 1er Cru Champ Gain 2008 │ 91-92/100    
Noch ein Hauch besser als der Meursault, einfach weil er noch mineralischer war. Die Nase sehr floral, erinnert am ehesten an Magnolien, weißer Pfirsich, Melone und kandierte Zitrus, daneben viel Kalkstein. Im Mund unheimlich viel Biss, steinige Mineralität nach Kalkstaub, sehr fein mit fester Säurestruktur, das Holz hält sich gänzlich im Hintergrund, langer, mineralischer Nachhall. Gutes Potential, noch 2-3 Jahre weglegen.

Zum Schluss noch ein Grand Cru:

Corton-Charlemagne Grand Cru 2008 │ 93/100    
Ungemein zarte, nuancierte Nase nach frischen Zitrusfrüchten, gar etwas rotwangiger Apfel, weiße Blütenblätter, das Holz sehr edel, aber noch etwas abseits, bleibt aber dezent im Hintergrund. Auch im Mund von mittlerem Körper, wirkt über den gesamten Verlauf sehr elegant, fast verschüchtert, dadurch sehr nuanciert und gewährt einen Einblick in seine Tiefe. Betörender Kalkstein, tänzelndes Säurespiel, sehr ausgewogen, das Holz spielt eine noblen Part, frische Zitrusfrüchte, langer Nachhall. Genau was ich von einem Grand Cru erwarte- nicht mehr Fettheit, sondern mehr Eleganz und Spiel. Ob 80 Euro angemessen sind vermag ich nicht zu sagen, aber Spaß macht das schon.

Insgesamt ein schönes und aufschlussreiches Erlebnis. Diese Domaine bietet die seltene Gelegenheit recht unkompliziert eine große Bandbreite von Chardonnay zu erleben, als Solist oder als Speisenbegleiter und ist somit für jeden Neuling im Burgund eine ideale Anlaufstelle.

Mit vollem Magen ging es zurück nach Pommard, wo wir nach einem Spaziergang durch die Weinberge, um 17 Uhr einen Termin bei der Domaine de Courcel hatten. Um 16:58 Uhr kam auch der Kellermeister an und stellt verärgert fest, was wir schon hier wollten, denn der Termin wäre ja erst in zwei Minuten. Der gesamte Besuch verlief ähnlich entspannt und geprägt von großer Freude über unsere Anwesenheit. So bestand die erste Aufgabe von dem guten Herrn nicht auf die Wein zu schließen, denn diese waren im Gegensatz durchaus freundlich zu meinem Gaumen. Alle Weine zeigten deutlich die Stilistik des Hauses. Nahezu fleischige Fruchtfülle, glockenklar gezeichnet, herrlich animierende Säure und jede Menge Backpflaumen im Glas. Alle verkosteten Weine waren Fassproben vom 2011er.

Bourgogne Rouge 2011 │ 88/100        
Bereits der Gutwein zeigte klar die Typizität des Weingutes an. Die führenden Aromen waren, wie auch in allen folgenden Weinen die Backpflaume und die Mon Cheri. Wer das nicht mag, kann zur nächsten Domaine klicken. Ich mag es ungemein. Am Gaumen ungemein weich und expressiv, viel rote Früchte, eben die in Schokolade eingelegte Kirsche, frische Säure, gute Länge, enorme Trinkigkeit, einfach lecker.

Pommard 1er Cru Les Fremiers 2011  │ 91/100    
Tiefe, blickfeste Farbe. Expressiver, dichter Duft nach Herzkirsche, dunkler Schokolade und eingemachter Backpflaume, ein Hauch Holzwürze. Am Gaumen ungemein seidig und trinkanimierend, bei aller Power große Finesse, keinerlei Breite, steinige Mineralität, wirkt über den gesamten Verlauf harmonisch, langer Nachhall. Ein großartiger Wein.

Pommard 1er Cru Grand Clos des Eponets 2011 │ 90-92+/100    
Der nächste Wein war insgesamt kräftiger. Dunkle Früchte, überwiegend Brombeeren in der Nase, dunkle Holzwürze, sehr klar. Am Gaumen sehr saftig, dunkle Beerenfrucht, die Säure tänzelt munter umher, wirkt erneut ungemein klar, trotz aller Kraft ein Wein wie ein Strich, das Holz etwas markanter und noch trockenend, noch sehr jung und unentwickelt.

Pommard 1er Cru Les Rugiens 2011 │ 91-93+/100          
Wunderbar klare und frische Nase nach Backpflaumen, Herzkirschen und Cassis, sehr ausdrucksstarke steinige Mineralik, edle Würze vom Holz. Am Gaumen ungemein dicht, mit fleischiger Frucht, viel Kirschen, Pflaumen, herrliche Tabakaromen, rauchig, leicht speckige Holzwürze, eine Säurestruktur mit Biss und erneut die packende Mineralik, noch gänzlich unentwickelt, könnte ein großer Burgunder werden.

Da stellte sich natürlich gleich der Kaufreflex ein, aber auf die Frage danach, wurde uns knapp geantwortet, dass man eigentlich kaufen könnte, aber heute nicht. Eine knappe Stunde später standen wir wieder auf der Straße. Auch so kann Burgund sein. Aber die Weine waren es wert und vermutlich hatte der gute Mann einfach einen sch… Tag in seinem Wingert.

Für Abends hatten sich sechs Weinnasen auf Empfehlung unseres Reiseleiters einen Tisch im Restaurant Ma Cuisine (Cave-Sainte-Heléne, Beaune, fon 03 80 22 30 22) gebucht, einem kleinen, urgemütlichen Speiselokal in einer Seitenstraße. Zu vernünftigen Preisen wurden wir hier mit einem kleinen, aber ausreichenden 3-Gänge-Menü bestens verwöhnt. Natürlich tranken wir uns weiter durch das Burgund. Ein Spaßmacher war der 2009er Gevrey-Chambertin von Armand Rousseau. Der roch so wie er schmeckte, weich, betörend, legte sich wie ein warmer Mantel um meinen Gaumen, herrlicher Pinot-Frucht, die Tannine schon sehr reif und rund, ein Wein ohne Ecken und Kanten, mit klarer Herkunft, schöne, leicht röstiger Nachhall mit feiner Süßholznote. Lecker 88/100. Der nächste Weine kam unterschiedlich an. Der 2008er Nuits-Saint-George 1er Cru Clos de la Maréchale von Jacques-Fréderic Mugnier hatte es nach der Wuchtbrumme von Rousseau etwas schwer, einfach weil er konsequent auf der eleganten Seite spielte. Die Nase bot viel Sauerkirschen, rote Waldbeeren und einen erfrischenden Kalkduft. Im Mund von höchstens mittlerem Körper, erneut viel rote Beerenfrüchte, im Wesentlichen Himbeeren und Kirschen, erneut ausdruckstarke Mineralik vom Kalkstein, robuste Säure, die Tannine noch etwas trockenden, das Holz hielt sich dezent im Hintergrund, guter Biss, mittlerer Nachhall. Gefällt mir sehr gut, da macht auch noch das dritte Glas große Freude 90/100. Zum Hauptgang sollte es etwas kräftiger werden und so ging es in Pommard. Der 1er Cru Clos des Epeneuax von Comte Armand aus 2006 hatte dann auch deutlich mehr Kraft, aber auch entsprechende Kanten, viel dunkle Holzwürze, Brombeeren, Pflaumen und eingemachten Erdbeeren, erdige Mineralik, getrocknete Kräuter, trocknet hinten etwas aus, gute Länge 90/100.


Mittwoch

Tags darauf fuhren wir nach Süden in die Côte de Chalonnaise. Die Landschaft wurde etwas hügeliger und zur frühen Stunde lag noch verschlafen der Nebel in den Niederungen und lies so die Landschaft verträumt aussehen. Kalt war es. Wir besuchten das Chateau de Messey, ein altehrwürdiger Besitz aus dem 16. Jahrhundert auf dem heute auf 17 ha Chardonnay und Pinot Noir ausgebaut wird, dazu wird auch noch ein Crémant hergestellt.

Nach einem erfrischenden Rundgang durch das Gut und deren Gärten ging in den alten, bestens gepflegten Gewölbekeller, in dem wir mit dem guteigenen Crémant de Bourgogne Brut begrüßt wurden. Der hatte eine schöne, klare Frucht, mit verspielter Säure, sehr animierend, roch und schmeckte nach roten Früchten, hatte eine ordentlich Länge und lies sich unkompliziert genießen 85/100. Für nur 11 Euro ein echter Kauftipp. Danach folgten jeweils Flight vom Weiß- und Rotwein. Mit den Weißen ging es los:

Mâcon Cruzille Clos des Avoueries 2011 │ 83?/100
Verhaltene, eher ausdruckslose Nase, ein Hauch Birnenspalten, eine Ahnung vom Holz, weiße Blüten. Am Gaumen von knapp mittlerem Körper, kommt sehr frisch und leicht fruchtig daher, ohne große Tiefe, wird im weiteren Verlauf immer schlanker, eine leichte Frucht nach Birnen und Zitronat, kaum Holzwürze, eher kurzer Nachhall. Vielleicht noch gänzlich unentwickelt.

Mâcon Cruzille Clos des Avoueries 2010 │ 88/100
Deutlich Ausdruck hatte der 2010er. Er hatte nahezu eine duftige Nase nach klaren Früchten, vor allem Honigmelone und eingemachten Birnen, leicht nussigen Anklängen und floralen Noten im Hintergrund. Im Mund von mittlerem Körper, eindeutig auf der fruchtigen Seite, lebhaft, animierendes Säurespiel über den gesamten Verlauf, viel Trinkspaß, hält das Niveau über den gesamten Verlauf, erfrischender, mittellanger Nachhall. Tolles Preis-/Leistungsverhältnis.

Mâcon Cruzille Clos des Avoueries 2009 │ 85/100      
Das warme Jahr sorgt für eine fast mollige Nase mit viel Kräuterwürze, Akazienhonig und eingemachten Birnenspalten. Es fehlt die Frische des 2010ers, was sich auch am Gaumen fortsetzt. Kräftiger Körper, wirkt schwerfällig, mit eingekochten Früchten, Birnen, Melone, buttrige Anklänge, die Säure vorhanden, hat es aber schwer, als Solist schnell ermüdend, dürfte allerdings ein sehr guter Speisenbegleiter sein, guter, überraschend langer Nachhall mit viel Frucht.

Mâcon Cruzille Clos des Avoueries 2010 │ 86/100         
Der kleine Bruder vom 2009er, etwas schlanker, etwas stahliger, mit weniger Ausdruck und einem Hauch gemüsigen Noten. Ansonsten wieder sehr frisch und klar, etwas mehr Zitrus und eine steinige Mineralität. Schöner, wenngleich nicht sonderlich komplexer Trinkspaß.

Wenn man bedenkt, dass die Weine 10 Euro kosten, ist die Qualität ausgezeichnet und auf alle Fälle eine Empfehlung wert, besonders für Liebhaber wenig holzbetonter Weine.

Die Roten sind mit 12.50 Euro ähnlich günstig, konnten mich aber nicht sonderlich beeindrucken. Sie sind doch recht dünn und schwächlich. Zwar zeigten die vier verkosteten Jahrgänge keinerlei Fehler, es fehlte ihnen allesamt aber an Ausdruck und Konzentration. Manche waren trocknend, regelrecht dünn und säuerlich. Meine Empfehlung; man halte sich an die Weißen.

Warm und urgemütlich wurde es dann im Speise- bzw. Wohnzimmer des Gutes, in dem wir gut bürgerlich bekocht wurden. Dazu gab es dann die Weine  des Hauses. Die herzliche Gastfreundschaft der gesamten Mannschaft war überaus einnehmend und hätten mich fast dazu veranlast den Weinen noch 1-2 Punkte mehr zu geben. Wir haben uns alle sehr, sehr wohl gefühlt.

Anschließend stand noch ein Besuch bei Trenel et Fils im Mâconnais im Beaujolais an. Eigentlich der einzige Programmpunkt den wir uns hätten sparen können. Die verkosteten Weine konnten mir keine besondere Bewertung bzw. Beschreibung entlocken. Und so war ich froh Abends wieder in Beaune das nächste Restaurant aufzusuchen.

Dieses Mal ging es aufs gerade Wohl los und wir sollten Glück haben. In Mitten der Innenstadt wären wir beinahe an der Weinbar vorbeigelaufen, das uns in seinem Kellergewölbe aufs allerfeinste mit einem grandios gewürztem Thunfischtatar und duftigen Trüffel auf Risotto verwöhnte. Die beiden Weine zählten ganz sich auch zur Oberklasse dieser Woche. Als Einstieg der einfache Ortwein von der Domaine Arlaud, nur hielt dieser 2009er Chambolle-Musigny mit manchen Premier Crus gut mit. Mir gefiel besonders seine Finesse in den sich ständig wandelnden Fruchtaromen in der Nase, da war auch Mineralität und Frische. Auch im Mund wirkte der Wein frisch mit ordentlichem Druck, feiner Fruchtsüße, jetzt mehr auf der Blaubeerseite, sicherlich nicht sonderlich komplex, aber fein komponiert, mit guter Ausdruck, weiche Tannine, kaum Holz, leider etwas kurzer Nachhall 89+/100.

Wir waren in allerbesten Stimmung so gönnten wir uns zum Abschluss noch einen besonderen Wein, der auch in seinem jungen Stadium voll zu überzeugen wusste. Der 2009er Clos des Lambray von der gleichnamigen Domaine war bereits erstaunlich offen und ein tiefgründer Charmeur mit ernormen Spiel und großen Ausdruck. Die Klasse zeigt sich in seinem Vermögen alle die vorhandene Konzentration in eine lebhaftes Aromenspiel zu packen. Und so roch der Wein vielschichtig nach Blütenblättern, Lavendel, daneben viel Kräuter und Lebkuchenwürze, das Holz deutlich präsent mit speckigen Noten, Rauch, etwas Lakritz. Auch im Mund unheimlich dicht, sehr saftig, dunkle intensive Pinot Noir-Frucht, trotzdem wird der Wein nie aufdringlich oder gar kitschig, er besitzt die besondere Finesse, die wir uns von einem Grand Cru erwarten. Die Tannine kugeln schon jetzt sehr weich über den Gaumen, bis zum Finish ein seidiges Mundgefühl, nur das Holz wird sich in ein paar Jahren noch besser integriert haben. Ein Kindermord ohne Bedauern, aber eigentlich erst ab dem nächsten Jahrzehnt vermutlich auf dem Höhepunkt, aber schon jetzt locker 92+/100. Ein ausgezeichneter Grand Cru, der sein Geld wert ist.

Donnerstag

Und weil wir für einige Tage unser Quartier in Beaune aufgeschlagen hatten, lag ein Besuch beim größten Erzeuger der Region natürlich nahe. Und so war ein Besuch bei Bouchard Pére&Fils unvermeidlich. Es ging los mit einem ausführlichen Besuch der Weinkeller. Endlose Gänge mit noch mehr Flaschen reihten sich aneinander. Lt. unserer charmanten Führerin beherbergt Bouchard mit die größte Sammlung älterer Burgunder-Weine. Ich hatte keinen Zweifel beim Anblick dieser unglaublichen Anzahl von Gewölben voller Flaschen. Daher hätte jeder von uns gerne einmal zugegriffen. Zum Verkosten gab es natürlich Jungwein und wir starteten beim einfachen Roten, dem 2008er Beaune.

Beaune 2008   81/100
Kräftiger, einfältiger Duft nach roten Beeren, am Gaumen recht kräftig, der Alkohol wärmt, wieder viel rote, leicht dropsige Beeren und Erdbeeren, etwas Kräuter, die Säure rauscht uncharmant auf, leicht trockend im mittellangen Abgang. Keine Fehler, aber auch sonst wenig. Freundliche 81.

Beaune du Chateau Premier Cru 2008 │ 83/100
Ein wenig besser die Assamblage aus 17 unterschiedlichen Premier Crus. Wirkt in der Nase ein Tick weicher und nuancierter, klare rote Waldbeeren, dazu etwas eingekochte Erdbeeren, am Gaumen leicht süßliche rote Früchte, keinen sonderlichen Ausdruck, wenig Tiefe, die Säure einigermaßen eingebunden, leicht trocknend, mittlerer Nachhall. Fehlerlos, aber einfach langweilig.

Volnay 1er Cru Caillerts 2007 │ 85/100     
So langsam wird es besser. Die Nase jetzt mit mehr Ausdruck, Brombeeren, Erdbeeren, deutliche Holzwürze, wirkt harmonisch. Am Gaumen sehr weich und rund, viel dunkle Früchte, wirkt charmant, gut eingebundene Säure, Räucherspeck und Karamell vom Holz, milde Säure, gewisse Tiefe, mittlerer Nachhall. Schmeckt, aber für 40 Euro viel zu teuer.

Vigne de L´Enfant Jésus 2008 │ 88/100
Duftig, charmantes Bukett nach Blaubeeren, Backpflaumen und eingemachten Kirschen, Milchschokolade vom Holz. Am Gaumen viel rote und schwarze Beeren, erneut viel Schokolade vom Holz, seidige Textur, feine, gut integrierte Säure, gute Tiefe, stimmiger Verlauf, trinkt sich animierend, knapp langer Nachhall mit schöner Würze. Aber fast 60 Euro.

Danach kamen die Weißen:

Beaune du Chateau 2010 │ 86+/100  
Holzbetonte Nase mit viel Vanille, die Frucht findet sich darin gut ein und bietet Honigmelonen, kandierte Zitrusfrüchte und frisch aufgeschnittene Birnen. Am Gaumen fällt sofort das feine Säurespiel auf, leider nicht sonderlich tiefe Frucht, wirkt noch etwas gedeckt, trotzdem animierend zu trinken, wenn man nicht zu allergisch auf das ganze Holz reagiert, aber der Wein ist ja auch noch jung. Guter Einstieg und eine Empfehlung für Freunde des holzbetonten Chardonnays.

Meursault 1er Cru Le Porusot 2009 │ 89+/100
Auch der Meursault hat eine Menge neues Holz gesehen, viel Vanille und nussige Aromen, aber auch eine Menge von ausdrucksstarken Früchten nach Quitten, Kochbirnen und gelbwangigen Äpfeln, mineralische Anklänge. Am Gaumen viel Struktur, festes, animierendes Säurefundament, endlich mal eine ordentlich Tiefe, deutliche Holzwürze, wirkt edel, über den gesamten Verlauf eine deutliche Mineralik, langer Nachhall, noch sehr jung. Gelungen, aber mit 40 Euro kein Schnäppchen. Für mich der beste Wein des Verkostung.

Corton-Charlemagne Grand Cru 2009  │ 88+/100    
Eine Enttäuschung der Grand Cru. Die Nase fast gedeckt, zumindest sehr verhalten. Kandierte Zitrusfrüchte, mineralische Ahnung, das wars. Am Gaumen üppig, überkonzentriert, schmeckt nach überreifen Feigen und Aprikosen, viel Holzwürze nach Haselnüssen und Karamell, kalkige Mineralität, auch Feuerstein, etwas schleppend, es fehlt an Frische, die Säure kommt da nicht mit, gute Länge zum Schluss. Vielleicht muss Corton-Charlemagne in seiner Jugend so schmecken, aber heute gibt es für 89 Euro nicht mehr als 88 Punkte.

Freitag

Zum Abschluss unserer Reise ging es noch für einen kurzen Abstecher in die Champagne. Dort besuchten wir zwei Betriebe, die unterschiedlicher kaum seine konnten. Auf der einen Seite Taittinger, der Global Player, der Schaumweine für die Sansibars, Formel Eins-Gewinner und sonstige Globalen Nomaden erzeugt und Laherte-Fréres, einem renommierten Familienbetrieb in Chavot, der auf seinen 10 ha um die 100.000 Flaschen im Jahr produziert, also jene Menge, die Taittinger locker in einen seiner unzähligen Stollen unterbringt.

Durch diese Stollen wurden wir bei Taittinger kundig geführt. Diese von den Römern aus dem Kalkstein geschlagenen unterirdischen Kathedralen sind wirklich ungemein beeindruckend. Aus bis zu 22 Meter Tiefe mussten damals die römischen Sklaven den Kalkstein aus dem Boden holen. Heute lagern hier viele Millionen Flaschen und ohne Führung wäre man hoffnungslos verloren. Aber bei 289 Hektar eigener Rebfläche  und einer zugekauften Menge Trauben von einer vergleichbaren Fläche, kommt eben ein stattliche Anzahl von Flaschen zusammen, die jedes Jahr gefüllt, gerüttelt und aufbewahrt werden wollen. Es sind aberwitzige 5,5 Millionen im Jahr. Eine derartige Flut kann natürlich nur für einen globalen Markt produziert werden und so wird auch stolz verkündet, dass der Basis-Champagner, der Brut Réserve immer gleich schmeckt – eine nicht zu verachtende Leistung und nur möglich aufgrund der unzähligen unterschiedlichen Terroirs und den vielen Jahrgängen, die im Keller lagern. Die Führung durch die Keller ist ein echte Erlebnis kann nur jedem Empfohlen werden, man darf nur kein Winzerfeeling erwarten. Die Verkostungshalle ähnelt er einem Showroom und bietet ausreichend Platz für die unzähligen Gruppen, die jeden Tag durch den Betrieb geschleust werden.

Zum Abschluss gab es dann noch die beiden Basis-Champagner zu verkosten und die schmeckten dann wir erwartet. Sehr gut, klar, sauber, mit feiner Perlage, ohne jede sonderlichen Ausdruck. Der Brut Réserve wirkt ein wenig dünn, war aber klar und fruchtbetont, der zu allen möglichen Anlässen passt, niemanden weh tut, nur mit echtem Champagner nicht viel zu tun hat 85/100. Für 37 Euro gibt es weit besseres. Der Rosé Brut Prestige bietet dann spürbar mehr Dichte und die Kraft des Pinot Noirs. Er hat ein schönen Biss, bietet eine feines Spiel von roten Früchten, wirkt sehr animierend, feinen Gerbstoff im weiteren Verlauf und einen langen Nachhall 87/100. Ein wirklich sehr guter Champanger, aber halt 44 Euro. Eher keinen Kaufreiz.

Samstag

Am nächsten Tag ging nach Chavot zu Laherte Fréres. Die Weingärten werden allesamt nach biodynamischen Grundsätzen bewirtschaftet und eine Spezialität bilden die reinsortig ausgebauten Pinot Meunier, den es auch als Rosé gibt. Die Basis bildet der Brut Tradition, der mich ein wenig enttäuscht hat. Der war zwar sauber gemacht, sehr auf der fruchtigen Seite mit gelben Früchten und ein Hauch Mirabelle, wurde aber hinten doch arg dünn. Einfach Qualität, als Aperativ-Champagner aber zu gebrauchen 83/100.

Blanc de Blancs Tradion  │ 85/100
Das bot der reinsortige Chardonnay schon mehr. Die fünfjährige Flaschenreifung zeigte schöne Reifenoten, die Frucht sehr frisch, erinnerte an Grapefruit und frische aufgeschnittene Birnen, florale Anklänge, im Mund noch fast spritzig, fruchtig, sehr jugendlich mit gewissen mineralischer Tiefe, knapp mittellanger Nachhall

Blanc de Blancs 1er Cru La Pierre de la Justice  │ 87/100
Der Premier Cru bietet mehr Körper, sehr blumiges Bukett, duften nach Rosenblätter, Erdbeeren und zeigt eine feine Würze. Am Gaumen dichter, mit mehr Körper, schöne Reife, nussige Noten, guter Nachhall.

Blanc de Blancs Brut Nature │ 88-90/100      
Ohne Dosage, gewachsen auf purem Kalkstein und ausgebaut im Barrique. Sobald man den Champagner im Mund hat, kann man alles nachvollziehen. Hier ist Schluss mit lustig, knochentrocken, eindeutig auf der mineralischen Seite, aber trotzdem herrlich eindringlich mit feinem Duft nach weißen Blüttenblättern, Zitrus und etwas Birne. Am Gaumen viel Biss, festes Säuregerüst, null Zucker, der Kalkstein greift in dem Gaumen, die Säure ist für manchen zu heftig. Das rechte Getränk für Austern oder andere feine Fischgerichte. Mir macht das richtig Spaß, einfach weil er so rücksichtslos konsequent daher kommt, langer mineralisch-salziger Nachhall. Auf alle Fälle jung trinken, denn der anschließend fünf Jahre ältere Wein, war auch noch schön zu trinken, aber die aufkommenden oxidativen Reifenoten nach Pflaumen, passten für mich nicht so recht ins Bild 85/100.

Les vignes d´Autrefois Extra Brut │ 88/100 
100% Pinot Meunier, ausgebaut im Barrique, Dosage bei 2gr/l. Fruchtige Nase nach gelben Steinfrüchten und mineralischen Anklängen. Am Gaumen herrlich saftig, erneut Steinfrüchte, nun auch Grapefruit und Zitrus, wirkt sehr frisch, straff, sehr schöner Nachhall.

Rose Tradition │ 86/100
Auch hier dominiert der Pinot Meunier, ergänzt um 10% Chardonnay und der Rest Pinot Noir. Leicht holzige Nase, Erdbeere und Reifenoten. Am Gaumen fein-fruchtig, die 7gr./l Dosage sorgt für ein Zuckerschwänzchen, mittlere Struktur, klassischer Rose-Champagner. Lecker, aber nicht sonderlich ausdrucksstark, dass sehen allerdings viele am Tisch, insbesondere unsere Damen ganz anders.

Rose de Saignée Extra Brut Le Beaudiers │ 90/100  
Und jetzt ein reinsortiger Pinot Meunier Rose-Champagner, der mich mit seiner vielschichtigen und herrlich klaren Nase sofort in seinen Bann zog. Ein ganzer Korb von roten Beerenfrüchten stieg empor, aber auch Stein- und Kernobst. Am Gaumen im Auftakt Stachelbeere, dann kommen wieder die Früchte der Nase auf, sehr balanciert, feine Mineralik, die Perlage wirkt hier am gelungensten, feines Säurespiel, sehr nachhaltig, große Struktur würzig, langer Nachhall. Lecker. 4gr./l Dosage, keine Malo.

Mit einer Wanderung durch Reims schlossen wir dann unseren kleinen Ausflug in die Champagne ab. Diese geschichtsreiche Stadt ist natürlich alleine eine Reise und einen Bericht wert, aber in Sachen Wein habe ich damit alles erzählt.

Autor: Rainer Kaltenecker
Fotografien: Max Hendelmeier, Rainer Kaltenecker

Herzlichen Dank an Max Hendlmeier für die freundliche Genehmigung zur Nutzung der Fotografien.

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