Best Bottle 2009

Weihnachten war schon einige Tage vorbei — und doch sollte die nächste Bescherung noch auf mich warten. Wie ein kleines Kind mit erwartungsfrohen Augen saß ich vor meinem Rechner, und nach und nach gingen die E-Mails der Teilnehmer unseres Silvester-Best-Bottle-Abends ein, Weine im Inhalt, auf dass es nur so kribbelte. Und das Beste: Ich durfte nach Herzenslust und ohne Rücksicht auf Verluste die Weine aussuchen und zusammenstellen. Best Bottle statt Böller — ja, so konnte der Abend etwas werden …

Doch, wo so viel Spaß draufsteht, ward davor dann doch noch ein wenig Arbeit gesetzt. Denn, welch Überfluss, Barolo von Giacosa, Bordeaux aus dem Hause Angelus, Sociando und d´Armailhac und auch der eine oder andere feine Süßwein mussten aussortiert zurück auf die virtuellen Kellerstufen — nicht, dass sie nicht gut genug gewesen wären, nein bewahre, nicht, dass es mich nicht in den Fingern gekitzelt hätte zu schreiben „jaaa, pack ein“,  aber als Prämisse hatte ich mir vorgegeben: die Weine sind am Essen auszurichten. Und da passten die ausgesuchten (Rot-)Weine einfach besser …

Der Einfachheit halber gebe ich die Weine in der Aufreihung weiß-rot-süß wieder, auch wenn dies nicht die Reihenfolge des Verkostens an diesem Abend war; alle Teilnehmer tranken blind (und wurden zwischenzeitlich leicht rasend vor Verzweiflung dabei), nur ich kannte (bis auf zwei Weine) das Lineup.

Wein 1 und 2 begleiteten ein Risotto mit Fisch, einfach nur ein Gedicht, in jederlei Hinsicht.


1. Georg Mosbacher Riesling Forster Freundstück GG, 2002

Dunkles Strohgelb, mit leicht kupfer-metallischen Reflexen. In der Nase eine hochtönige Frucht (erinnert ein wenig an eine Beerenauslese in trocken), sehr komplex und leichtfüßig zugleich, Limone, kandierter Pfirsich, Zitruszesten; im Antrunk eine tiefe Mineralik, reife gelbe Frucht, hochtöniger und öliger Stil, sicher nicht frei von Botrytis, jedoch ohne Schwere. Ein Touch Vanille. Der Wein hat Druck und endet lang mit feinem Gerbstoff. Ohne Reifetöne. Grinsen am Tisch: 93 Punkte (ausgezeichnet).


2. Georg Breuer Riesling Berg Rottland, 2002

Auch wenn er nominell bzw. bezeichnungsrechtlich keines ist: Rottland ist ein großes Gewächs par Excellence. Eine hochfeine, klar gezeichnete Nase, die bestimmt wird von tiefen Zitrus- und Orangentönen, Bergamotte. Erste Reifetöne. Im Antrunk hochelegant, wieder Orangen und Zitrusfrüchte, komplex und betörend. Sehr lang am Gaumen, eine ungemein balancierter Wein, der Frucht und Mineralik auf elegante Weise perfekt verbunden hat, jetzt im besten Reifestadium. Fast schon ein Schisma waren die vergebenen 92-94 Punkte (ausgezeichnet).


Der nächste Zweierflight diente ein wenig der Kontrastdemonstration, es sollte ja nicht langweilig werden. Non-Frucht auf der einen, verschwenderische Frucht auf der anderen Seite … aber „Mineralik“, das waren sie beide.


3. Emmerich Knoll Riesling Ried Kellerberg, 2003

In der Nase ein wenig Marille, im übrigen fast fruchtfrei, dennoch strukturiert. Rauch, eine strenge Mineralität, mit mehr Luft etwas mürber Apfel. Komplex. Man taucht durch die Schichten und mag nicht stoppen. Im Antrunk rauchig mineralisch, wieder kaum Fruchtnoten, dafür Kaffee, „braune Noten“, gar ein Hauch Kakao. Puristisch in seiner Art, und doch voller Struktur. Mineralisch-herber, langer Abgang. Der Wein wirkt jung und erschien ohne Reifetöne am Tisch. Man ahnt es schon: 93 Punkte (ausgezeichnet).


4. Heymann-Löwenstein Riesling Uhlen „R“ Rothlay 1. Lage, 2004

Dieser Wein hatte entweder keine Lust auf einen glanzvollen Auftritt, vielleicht war es aber auch nicht seine Bühne. Denn im Feld der bisherigen Weine, die sensorisch trocken (im direkten Vergleich zum Knoll gar ultratrocken) darherkamen, bemängelten die Mittrinker schon nach dem ersten Schluck seine hervorstehende Fruchtsüße. Und selbst für mich, der ja wusste, was da durch das Glas schwappte, war das nach dem Knoll gewöhnungsbedürftig. Sehr rauchige Nase, nasser Fels, Traubenzucker, Mandarine, eine tiefe Nase, die einen leicht staubigen Eindruck hinterlässt. Im Antrunk mit viel Frucht, Pfirsich, Mandarine, sehr kraftvoll-mineralischer Stil. Und dann schlägt der Zucker zu und nimmt dem Wein die Präzision. Gänzlich. Langer, von reifen Pfirsichen und Schiefer geprägter Abgang. Schwierig im Kontext, aber großer Wein sollte immer „groß“ sein. Und die 97 Punkte, die der Wein in anderen Verkostungen vor kurzem noch abgeräumt hat, sehen wir heute Abend leider nicht. Insofern verhaltener Applaus, 90-92 Punkte (ausgezeichnet, nevertheless).


Der GG-Battle des Abends stand indes noch aus. Idig vs. Halenberg, Pfalz gegen Nahe. And it rocked, yeah!


5. Weingut Christmann Riesling Königsbacher Idig GG, 2005

Es britzelt in der Nase, als ich sie ins große Glas versenke. Das ist Mineralität pur. Und dazu eine botrytisgeprägte Frucht, die der gänzlich sauberen Art, die mich an gedörrte Aprikosen erinnert. Bei aller Kraft, dieser Idig entwickelt eine komplexe Leichtigkeit, die einfach nur fasziniert. Im Antrunk mit feiner Süße, wieder Dörrfrüchte, Trockenkräuter, dabei druckvoll und dicht, kraftvoll, mit dunkler Mineralität, die den Wein durchzeichnet. Sehr, sehr lang, nur ein Hauch konturgebener Gerbstoff formt den schmelzigen Abgang. Das grenzt nicht nur an einen großen Wein, man könnte auch verleitet sein zu sagen … 93-95 Punkte (ausgezeichnet/groß).


6. Emrich-Schönleber Riesling Monzinger Halenberg GG, 2004

Brachial anmutende  Zitrusnoten, ätherisch kühl und mineralisch. Ein wahres Kontrastprogramm zum Idig, denn dieser Wein ist frei von Botrytis. Uncharmant und kompromisslos auch im Mund, wieder geschmacklich mit gelben Zitrusfrüchten, die Säure ist rassig, ja fast schon stahlig. Langer, zitruszestiger und von Mineralik getragener Abgang. Ausgezeichnet ist auch dieser Wein, er kommt aber nicht an den einmalig performenden Idig heran. Ohne Reifetöne kommt er daher und bei uns auf 91-92 Punkte (ausgezeichnet).


Und so lasst mich von den Rotweinen des Abends berichten, Weine, die Schweinelendchen an Feldsalat (Wein 7) und ein winterliches Rehfilet mit Spätzle und Rotkohl (Weine 8 und 9) begleitet haben.


7. Chateau Certan de May Pomerol, 2001

In der Nase eine leicht pilzige Kirschfrucht, ledrige Töne, ein Touch Vollmilchschokolade, kühler Stil, rote Johannisbeere, baut im Glas noch einmal aus. Im Mund mit schlankem, fruchtbetonten Antrunk. Zunächst rotfruchtig saftig, dann drängen die pilzigen Aromen immer mehr durch, ledrige Noten kommen hinzu. Mildes, recht geschliffenes Tannin. Entwickelt mittleren Druck und Tiefe, baut am Gaumen dann auf Eleganz, wieder feineres Tannin, es trocknet nur ganz leicht. Mittellanger Abgang. Sehr harmonischer Auftritt, der uns 88 Punkte (sehr gut) wert war.


8. Weingut Adeneuer Spätburgunder Walporzheimer Gärkammer GG, 2004

Dunkles Rubinrot, leichte, ins Braun gehende Reflexe. Die Nase eröffnet mit einem feinen Barriqueton, sehr balanciert ist schon der erste Eindruck, dahinter Kräuter, wilde Erdbeere, sehr tief und nachhaltig. Dazu Noten von Kirsch und Menthol, die Fruchtkomponenten bestehen neben den feinen Röstnoten. Auch im Antrunk macht sich das Holz bemerkbar, aber bei aller Präsenz der Holznoten, es ist wunderbar eingebunden. Wieder rotfruchtige Noten und würzige Kräuter, eine schlanke, hochelegante Pinotfrucht entfaltet sich, der Wein ist alkoholkräftig, behält aber das Maß. Langer, kakaoiger und rotfruchtiger Nachhall. Eine Schönheit. Keine Diskussion: 93-94 Punkte (ausgezeichnet).


9. Weingut Gesellmann Cuvée „G“, 2004

Die Nase erscheint noch jung, aber wir erkennen schnell: hier wächst ein Weinriese heran. Tiefe und trotz seiner Jugend schon komplexe Nase nach Holunder und vollreifen Kirschen, Minze, dazu Bitterschokolade. Keine Spur alkoholisch. Im Mund macht der Wein erst richtig auf, Sauerkirsche, Johannisbeere, alles dicht mit einander verwoben, frische Säure, feine Kräutertöne. Auch im Mund spürt man seine konzentrierte Kraft, aber auch hier gilt: der Wein schießt heran, überholt links, mit gesetztem Blinker und Lichthupe, aber man räumt gerne die Bahn. Säure und die feine Tanninstruktur bilden ein harmonisches Ganzes. Ich mag mir kaum ausdenken, wie dieser Wein in fünf/sieben Jahren daherkommt. Seine großzügige Behandlung im Holzfass (48 Monate) puffert der Wein mühelos ab, das hat Seltenheitswert. In fünf bis sieben Jahren vielleicht auch etwas mehr, heute jedenfalls für 94 Punkte (ausgezeichnet) gut.


Hier hätten wir den Abend beenden können — und niemand wäre enttäuscht nach Hause gewankt gegangen. Aber wenn man einmal so richtig nett in Probierlaune gerät, naja, dann darf´s halt gerne noch was Süßes zum und nach dem Tiramisu geben:


10. Emrich-Schönleber Riesling Monzinger Halenberg Auslese, 2002

Frisch geöffnet noch unzugänglich dank deutlicher Sponti-Noten, zeigt sich der Halenberg nach einigen Stunden in der Karaffe abgrundtief, mit einer spannungsgeladenen Nase, wildem Pfirsich, etwas Zitrus; alles sehr komplex und verspielt. Im Antrunk schlanke Süße, sehr pronouncierte Säure, Pfirsichhaut, kraftvolle Mineralität, ich notierte „schier ekelhafte Balance zwischen Fruchtsüße, Mineralität und Struktur“. Lang. 94 Punkte (ausgezeichnet)


11. J.J. Prüm Riesling Wehlerner Sonnenuhr Auslese, 1999

So unzugänglich die Weine aus diesem Hause in ihrer Jugend sind, so elegant kommen sie doch im Alter daher: Eine hochreife, glockenklare Nase nach Pfirsichen und feinen grünen Kräutern, dazu klare Zitrustöne. Im Mund eine crispe Pfirsichfrucht, viel Spannung, noch schlankere Süße als beim Halenberg, beschwingt und schwerelos. Am Gaumen verspielt, süßlich-schlanker, mit feinem Gerbstoff ergänzter Abgang. Zwar nur von mittlerer Länge, aber von der eleganten Schiene. 92 Punkte (ausgezeichnet)


12. Weingut Breuer Riesling Nonnenberg Beerenauslese, 1998

In der Nase hochtönig, deutliche Honignote, Rosine, trotz der Botrytis ziemlich leichtfüßig. Die Nase ist tief, mit schwarzem Tee, Bergamotte, auch Zitrustöne finden sich mit mehr Luft hinzu. Im Mund überraschend vitale, fast eine kleine Spur kratzige Säure, Dörraprikose, eine sehr elegante, keinesweg überfrachtete Süße. Sehr balanciert, mit kleinen Abzügen für die Säure. Was mich dann doch „nur“ für die 93 Punkte (ausgezeichnet) plädieren ließ. Sorgen kann man haben …


13. Weingut Dr. Herrmann Riesling Erdener Treppchen Trockenbeerenauslese, 1989

Braunrote Farbe. In der Nase deutlich Botrytis, schwarzer Tee. Rosinen. Für eine TBA eine überraschend schlanke Fruchtsüße im Mund, die Pfirsichfrucht ist nur zu erahnen, dafür finden sich nun leicht malzige Töne. Kraftvoller Stil, nicht auf Feinheit bauend; kräftige Säure. Mittellanger, von Salz, Rosinentönen und Honig geprägter Abgang. 89-90 Punkte (sehr gut/ausgezeichnet)


Was denn nach so einem Abend als Fazit bleibt? Nun, zunächst ein herzliches Dankeschön an alle, die zum Gelingen des Abends beigetragen haben.

Und zu den Weinen? Na, man konnte die Qualität der Weine schon so gerade noch ertragen. Wobei, ich kann schon diejenigen irgendwie verstehen, die den Abend haben sausen lassen, um ausgeschlafen anzutreten, zum Neujahrskonzerts von André Rieu … wenn Sie verstehen.

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2 Kommentare zu “Best Bottle 2009

  1. Wunderbarer Bericht, Guido!
    Ich war ja schon verdammt gespannt darauf, aber wenn ich das jetzt so lese, hätte ich eigentlich lieber doch nicht erfahren, was ich so alles verpasst habe 😉
    Mann oh Mann, da habt Ihr’s ja so richtig vom feinsten erwischt. Hervorragende Auswahl. Habt Ihr Euch verdient!

    Steffen

  2. Hallo Steffen,

    danke für die Blümchen – aber das Lob geht an Rainer, der hatte die meiste Arbeit 🙂

    Nächstes Jahr planen wir halt mit mehr Vorlauf… oder Du überwirfst Dich einfach mit den Nachbarn…
    wobei, besser Ersteres…! 😉

    Guido

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