Eine Zeitreise in den Rheingau (1953 – 1990)

Es gibt nicht oft die Gelegenheit gut 20 gereifte, zumeist restsüße Spätlesen aus den großen Jahrgängen 1953 bis 1990 zu verkosten. Dank einer geschickten und kundigen Auswahl des Probenleiters hatten wir, abgesehen der üblichen Ausnahmen, einen Abend mit Weinen voller Frische, feinster Firne und Trinkfreude. Keiner der Probenteilnehmer ist ausgemachter Altweinfan und trotzdem hatten wir selten so viel erstaunte Freude am Tisch – da bedurfte es auch keiner Ehrfurcht vor dem Alter der Weine. Bitte beachten sie den Unterschied von Kabinett und Cabinett. Letzterer bezeichnet den besten Wein des Jahres aus der jeweiligen Prädikatsstufe und kommt aus der Schatzkammer des Gutes, eben dem Cabinett-Keller. Eine schöne regionale Eigenart des Rheingaus, die heute leider nicht mehr in der Breite praktiziert wird.


1
Dr. Heinrich Nägler Rüdesheimer Roseneck Kabinett, 1990
Gereifte Nase, ausdrucksstarke, durchaus noch edle Firnenote vermählt mit gelbfleischigen, leicht glacierten Früchten, mineralische Anklänge nach Brotkruste. Am Gaumen saftig, balanciert, feines Süße-Säure-Spiel, fast pikant, klar, transparent, wirkt frisch, knapp mittelanger Nachhall. Erfreulicher, hoffnungsvoller Auftakt.
88 KA-Punkte (Runde 86,0 Punkte)

2
Freiherr Langwerth von Simmern Kiedricher Sandgrub Kabinett, 1990
Etwas gedeckte Nase, Zitrusanklänge, kaum Firne, steinwürzige, recht helltönige Mineralik. Im Antrunk saftig, gute Balance aus Süße und Säure, aber es fehlt ein wenig Spiel, reife Äpfel, ein wenig Steinfrüchte, mineralische Ahnung, weniger Tiefe, recht trocken, leicht verschwommenes Finish.
85 – 86 KA-Punkte (Runde 84,0 Punkte)

3
Weingut Nägler Rüdesheimer Berg Schlossberg Spätlese, 1983
Hochfeiner Firneduft, schönes Früchtebukett nach Stein- und Kernfrüchten und Küchenkräutern. Im Mund von mittlerem Körper, hochreife Frucht mit Akaziensüße, da kommt die Botrytis einen Tick zu sehr zum Tragen, milde Säure, mittlere Länge mit frischer Note.
87 KA-Punkte (Runde 86,8 Punkte)

4
Schloss Groenensteyn Kiedricher Gräfenberg Spältlese, 1983
Herrlich ausdrucksstarke Nase von tiefer, erdbetonter Mineralik dominiert, grassige Anklänge, Hefetouch, Dosenmanderine, Zitrusnoten. Im Mund saftiger Antrunk, mittlerer Körper, auf den Punkte gereift und heute animierende Harmonie aus Fruchtsüße und Säure, erneut hochreife, etwas kandierte Steinfrüchte, insbesondere die Mandarine, erdwürzige Mineralik, gute Länge.
90 KA-Punkte (Runde 89,0 Punkte)

5
Staatweingüter Eltville Rüdesheimer Berg Bronnen Cabinet Spätlese, 1964
Ein wenig altholzige Nase mit gemüsigen Anklängen, im Hintergrund leicht diffuse Fruchtnoten. Im Mund gedeckt, kaum Frucht, noch fast vitale Säure, aber diffuse Aromatik, schon deutlich über den Höhepunkt hinweg, aber noch trinkbar.
80 KA-Punkte (Runde 81,2 Punkte)

6
Staatweingüter Eltville Steinberger naturrein Cabinet, 1959
Ein Bukett nach Rosinen, schwarzem Tee und Pflaumenwein, deutliche Altersnoten, mostige Anklänge. Am Gaumen von kräftiger Statur, etwas harzige, diffuse Fruchtaromen, lebendige Säure, es fehlt dem Wein an Spiel.
82 KA-Punkte (Runde 80,0 Punkte)

7
Staatsweingüter Eltville Rauenthaler Baiken Spätlese Cabinet, 1959
Kandierte Zitrusfrüchte und angetrocknente Steinfrüchte in der Nase, viel Würze, balsamische Anklänge, wirkt balanciert mit Tiefe, hinten ein Hauch Sherry. Im Mund überraschend süß mit Bittertönen, erneut viel Würze, gut eingebundene, wenngleich ein Tick zu milde Säure, dennoch lebendig und stimmig im Verlauf, noch heute ein echter Genuss.
88 KA-Punkte (Runde 90,2 Punkte)


8
Staatsweingüter Eltville Rauenthaler Steinhaufen Auslese Cabinet, 1953
Duftet nach Wasabi, Pflaume, Meerrettich und ePappe. Interessant. Am Gaumen ein unausgewogen, aber er bietet zahlreiche unterschiedliche Aromen. Zunächst deutlich oxidativ geprägter Antrunk mit vegetabilen Noten, tritt aber binnen weniger Minuten im Glas zurück. Es kommen Rosinen, angetrocknete Pflaumen und dunkle Waldbeeren, glacierte Äpfel auf, die Säure noch ungemein lebhaft, sehr dicht, mittlerer Verlauf. Sensorische sehr interessant, aber nicht sonderlich trinkanimierend.
87 KA-Punkte (Runde 90,5 Punkte)


9
Freiherr Langwerth von Simmern Hattenheimer Mannberg Spätlese, 1990
Frische, würzige Nase mit Kümmel, aufgeschnittenen Pfirsich- und Zitrusfrüchten, wirkt kühl, leichter, angenehmer Botrytistouch. Im Mund noch jugendlich, ungemein vitale, bewegliche Säure, steinbetonte Mineralik, klare Steinfrüchte und Apfelschalen, gutes Finish mit Biss und Säure. Ausgezeichnet!
90 KA-Punkte (Runde 89,7 Punkte)


10 Schloss Schönborn Erbacher Marcobrunnen Spätlese, 1990
leider keine Notizen mehr
89 KA-Punkte (Runde 88,7 Punkte)


11
Freiherr Langwerth von Simmern Rauenthaler Baiken Spätlese, 1988
Tiefe, verspielte Nase mit Würze und rotbeerigen Früchten, feiner steinigen Mineralik, präsentiert sich noch quicklebendig. Große Vorfreude. Im Mund von mittlerem Körper, deutlich Restsüße, die ideal mit der beweglichen, kraftvollen Säure spielt, herrlich animierendes Spiel mit den Zitrus- und Kernfrüchten, viel Zug und Biss am Gaumen, kaum endend wollender Abgang.
91 – 92 KA-Punkte (Runde 89,4 Punkte)


12 Freiherr Langwerth von Simmern Erbacher Marcobrunnen Spätlese, 1976
leider Kork

13
Freiherr Langwerth von Simmern Rauenthaler Baiken Spätlese, 1976
Duftet wie ein Pflaumenwein mit eingelegte Rosinen, dahinter rote Beeren, die nach Hagebutte erinnern, schöne Würze und dazu deutlich medizinale Töne nach Jod und Heftpflaster. Eigenwillig aber durchaus stimmig. Im Mund kaum noch Süße, recht schlank, auch ätherisch wie ein feiner schwarzer Tee, vital, beweglich, intaktes Säurespiel, leichter Botrytiseinschlag, trinkt sich ausgezeichnet, erfrischt.
89 – 90 KA-Punkte (Runde 87,5 Punkte)

14
Staatsweingüter Eltville Erbacher Marcobrunnen Spätlese Versteigerungswein, 1975
Gedeckte, kümmelwürzige Nase mit verwaschener Süße, wirkt müde. Am Gaumen flach, verwaschene Aromatik, recht süß, gute Säurestruktur, trotzdem fehlt es dem Wein an Frische und Spiel. Gute Länge. Noch gut.
81 KA-Punkte (Runde 84,7 Punkte)

15
Staatsweingüter Eltville Rauenthaler Baiken Spätlese, 1975
Mineralische Nase, erinnert an Kalkstaub und Feuerstein, getrocknete Aprikosen, Mirabelle, nicht ganz klar gezeichnet. Mittlerer Körper am Gaumen, Aprikosenkonfitüre, bittere Note, lebhafte Säure, macht viel Trinkfreude, erstaunlich langer Nachhall.
86/87 KA-Punkte (Runde 85,2 Punkte)


16
Schloss Schönborn Erbacher Marcobrunnen Spätlese, 1971
Die Nase deutlich vom Alter gezeichnet. Altholznoten, Firne, verwaschene Steinfrüchte, nicht ganz klar. Im Mund präsentiert sich der Wein von einer ganz anderen Seite. Nun überaus fein und herrlich animierend. Glockenklare, angetrocknete Kernfrüchte, lebhafte Säurestruktur, Aprikosen, wirkt balanciert, mit jugendlicher Frische, großer Trinkspaß, wenngleich nicht sonderlich Tief, mittleres Finish.
89 KA-Punkte (Runde 87,3 Punkte)

17
Staatsweinguter Eltville Hochheimer Domdechaney Spätlese Versteigerung, 1971
Zu Beginn viel Petrol, dass sich binnen 10 Minuten deutlich zurückzieht. Es bleibt eine feine Firne, altholzige Noten, Butterscotch, eingelegte Aprikosen. Im Mund erneut deutlich frischer und klarer gezeichnet. Zu Beginn mehr angetrocknete Aprikosen mit einem Hauch Akazienhonig. Die Mineralik nach Feuerstein, schwarzen Tee und Kieselstein spielt einen perfekten Gegenpart. Dadurch erlangt der Wein Harmonie und Eleganz. Die Säure präsentiert sich moderat, integriert und elegant. Langes Finish. Die Runde ist ziemlich begeistert.
89 KA-Punkte (Runde 89,3 Punkte)

18
Werner´sches Weingut Hochheimer Kirchstück Auslese, 1971
Das mineralische Bukett, erinnert an feuchten Tonboden, altholzige Noten, Firne, eingelegte Steinfrüchten, ausdrucksstark, der Duft strömt aus dem Glas. Im Mund  süß, zum Glück gepuffert von einer kraftvollen Säure, die manchen bereits des Guten zu viel ist. Deutliche Lacknoten. Eingekochte Steinfrüchte, viel Extraktdichte, ziemliches Schwergewicht, es fehlt an Leichtigkeit, trotzdem in Balance. Mittleres Finish.
87 KA-Punkte (Runde 89,0 Punkte)

19
Weingut J.B.Becker Wallufer Walkenberg Auslese, 1971
Allerfeinste Firne, Pflaumen, schwarzer Tee, steinwürzige Mineralik, sehr frisch. Im Mund fällt unmittelbar die enorme Extraktdichte des Weines auf. Kräuterwürziger, fruchtiger Antrunk mit markanter Restsüße, dazu zum Glück eine lebendige, crispe Säure. Sie verleiht dem Wein Frische und Beweglichkeit und macht ihn so beschwingt. Über den gesamten, straffen Verlauf klare Steinfrüchte und rotwangige Äpfel. Feinfruchtiger, langer Nachhall.
89 KA-Punkte (Runde 90,7 Punkte)

20
Weingut Deinhardt Oestricher Doosberg Auslese, 1976
leider Kork

21
Schloss Vollrads Auslese Weißgold, 1976
Ausdrucksstarke fruchtige Nase nach frischen Äpfeln und  getrockneten Steinfrüchten, die Mineralik erinnert an Fahrradschlauch und Linoleum, sehr klar, tief. Herrlich animierende Antrunk, sehr dicht mit viel Zug am Gaumen, frisch, perfekte Balance, noch keinerlei Anzeichen von Alter, klare, fast kühle Steinfrüchte, im hinteren Bereich eine Ahnung von Firne, dass den Wein eine zusätzliche Dimension verleiht, ich bin baff ob dem Druck, der fordernden Säure und Vitalität des Weines. Bleibt lange am Gaumen stehen.
92 KA-Punkte (Runde 89,7 Punkte)

22
Schloss Reinhardtshausen Hattenheimer Wisselbrunnen Auslese, 1990
Duftet nach reifen tropischen Früchten, vor allem Maracuja, erdwürzige Mineralik, etwas gedeckt. Im Mund großartig, aufgrund seiner Klarheit und Vitalität. Der Antrunk saftig und frisch mit verspielten Tropenfrüchte mit feinster Süße, herrlich animierendes Säurespiel, dass sich unbarmherzlich in den Gaumen beißt, wirkt sehr fest, vielleicht ein wenig unnahbar, salzige Mineralik, über den gesamten Verlauf glockenklar und kühl. Eine grandiose Auslese ohne Breite, überflüssige Süße und ohne jede Botrytis. Ein Musterbeispiel gekonnter Winzerkunst.
94 KA-Punkte (Runde 92,6 Punkte)

Manch kritischer Leser mag anmerken, dass die großen Bewertungen, abgesehn vom letzten Wein, gefehlt haben. Und es stimmt, fast allen Weinen fehlte für höhere Bewertungen an der letzten Tiefe,  Konzentration und Komplexität. Aber vielleicht ist auch unsere Bewertungssystem in letzter Zeit ein wenig in Schieflage geraten. Denn selten hatte die Verkostungsrunde, darunter einige kundige Rieslingverkoster, so viel Anlass zur Freude. Es waren Weine von großer Grazie und teilweise Noblesse, die sich ihre eigentliche Bestimmung, dem Trinkgenuss, bewahrt haben. Da macht sogar das dritte Glas noch viel Freude, was bei Alkohlgraden um die 10 % vol. auch ohne Nebenwirkungen möglich ist. Mir scheint als bewerteten wir heute Frische, Trinkfreude und Eleganz gelegentlich zu gering. Ganz so wie bei einer Sypmphonie bei der das Orchester immer den meisten Beifall bei den lauten, kraftvollen Momenten erhält, wohl wissend, dass die Kunst im Leisen liegt. Auch die Winzer aus dem Rheingau sollten sich heute wieder dem besinnen.

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Ein Kommentar zu “Eine Zeitreise in den Rheingau (1953 – 1990)

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