Reifeentwicklung trockener Rieslinge – Jahrgang 2005

von Thorsten Mücke und Rainer Kaltenecker

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Nach den sehr schön gereiften Weinen aus den Jahrgängen → 2001, → 2004 und schließlich → 2002 gingen wir nun zu jüngeren Weinen über. Es folgte der Jahrhundert-Jahrgang 2005, der jedoch damals viel zu früh gekrönt und mit Lob überschüttet wurde. Der ewige Sommer verzückte die Winzer, und am Ende bekamen die Weine schließlich mehr schönes Wetter als sie vertrugen. Sehr hohe Mostgewichte killen gute Säurewerte, und so reifen die Weine längst nicht so gut, wie man sich damals sicher wähnte. In derart warmen Jahren kann es sich lohnen, sich beim Kauf besser auf die Ortsweine oder trockenen Spätlesen zu konzentrieren. Die vermeintlich kleinen Weine haben weniger Konzentration, wurden früher gelesen, was die Weine durchaus besser reifen lassen kann. Doch wir hatten Große Gewächse im Glas, und ganz wie erwartet waren die Flights auch tatsächlich die uneinheitlichsten an diesem Abend. Trotzdem, jeder Wein erzählte seine eigene Geschichte.

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Eigentlich ging es sehr gut los, wenngleich auch auf ungewöhnliche Art. Die Nase der Koehler-Ruprecht Kallstadter Saumagen Auslese trocken R 2005 liefert Reifenoten von Pflaumen und Sojasauce, das Bukett ist nicht frei von einer gewissen Muffigkeit, der Wein reicht nach Keller, mancher vermutet Kork. Das alles ist nicht unbedingt ungewöhnlich für einen Koehler-Ruprecht, dahinter kann sich aber eine großartige Frucht verbergen. Und ansatzweise war das auch hier so, wenn auch die Aromen etwas gedeckt blieben und nicht ganz so brillieren konnten. Im Antrunk grüne und gelbe Früchte, Pflaumen, nasser Stein, kalter Rauch, Sauerkraut, Ananas, wieder Sojasauce, konsequent trockener Stil, straffe Struktur, Gerbstoff, eine ausgeprägte dunkle, erdige Mineralität, grüne Blätter. Am Gaumen wirkt der Wein sehr fest und bietet ein herrliches Spiel von Kräutern, Mineralität und einer fordernd ziehenden Säure. Die Aromatik ist spannend, der Verlauf etwas holprig, das Finish aber ist lang und harmonisch. Leider konnte sich nicht jeder Teilnehmer auf den Wein einlassen, somit war er der erwartete Streitpunkt. Das war schade, denn förmlich mit jeder Minute verflog der Muffton im Glas, und es entwickelte sich ein nahezu fruchtfreies, aber komplexes Bukett. Dies ist einfach kein Wein für Marathonverkostungen, er benötigt einfach Zeit, um sich zu entfalten. Noch immer ist er ein Baby und sollte vorab mindestens zwei Stunden dekantiert werden und dann mit Ruhe und viel Zeit probiert werden. Wir Weintasting-Verkoster wussten das zu schätzen und lagen schließlich einheitlich bei 91 Punkten.

Noch eine Schäufelchen Irritation drauf legte der Marc Kreydenweiss Kastelberg Grand Cru Le Chateau 2005. Die Nase ist ausgesprochen gewürzig mit viel gelben Früchten, mostigen Äpfeln und ganz viel oxidativen Noten. Auch im Antrunk sehr oxidativ, an Aromen aber ein großer reifer Obstkorb, viel Kernfrucht, Apfelschalen, Pflaumen, stark ausgeprägte jodige Anmutung, herbe Mineralität, wenig Alkohol. Der Wein wirkt sehr mürbe, ist aber auf seine ganz spezielle Art immer noch fit und sogar tief und komplex. Dafür braucht er ganz viel Luft. Auch dieser Wein findet mit seiner extremen Art wenig Fürsprecher am Tisch, vielleicht ist er bei einer solchen Probe auch nicht gut aufgehoben. Trotzdem sind das für uns 90 Punkte.

Den breiten Konsens der Zufriedenheit findet der Künstler Hochheimer Hölle Goldkapsel 2005. Eine feine erdige Nase, sehr filigran, Nussigkeit, Grapefruit, Ananas, alles sehr nuanciert, salzig, das Bukett verliert sich in Feinheit, intensiv, Puderzucker, etwas Tabak, raffiniert verwoben, perfekt integriert. Und im Antrunk geht das genau so weiter, die saftige Säure, eine schöne Kräuterigkeit, ungemein raffinierte Art, sehr langes Finish. Aber der Wein hat auch ein Quentchen spürbaren Alkohols und einen Hauch Restsüße. Das gefällt nicht jedem so richtig gut, und manche wünschen sich die alten schlankeren Zeiten bei Künstler zurück. Aber unser Geschmack ist es und wir verteilen begeistert 93 Punkte.

Als letzter im Flight folgt noch ein weiterer Wein mit eigenem Charakter. Der Wagner-Stempel Siefersheimer Heerkretz 2005 hat in der Nase Waldmeister, Earl Grey, ganz viel Kräuter, aber auch Nadelholz, ätherische Noten, Rauch, grüne Früchte und Fruchtgummi. Im Antrunk Tabak, süße Würze und eine überhaupt sehr süße Anmutung mit angetrockneten Früchten ohne Ende. Die Säure ist weich, hat kaum Pikanz. Insgesamt ein eher feinherber Stil, doch leider etwas müde und indifferent wirkend. Der Wein macht förmlich schlapp am Gaumen. Schade und im Moment nur 86 Punkte wert.

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Und wieder gehen wir im zweiten Flight nach Österreich. Auch hier war der Sommer sehr warm und im Juli und August besonders feucht – in der Wachau kamen beunruhigende 300 Liter pro Quadratmeter herunter. Ein Bilderbuch-Herbst sorgte aber dann – wie in Deutschland – für nahezu perfekte Lesebedingungen. Und die Weine machten auch richtig Freude, wenn sie auch sehr unterschiedliches Reifeverhalten zeigten.

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Der Emmerich-Knoll Loibner Berg Smaragd Vinothekfüllung 2005 ist ein Winterwein, wie er im Buche steht. In der Nase Rauch, Marillen, Tabak, viel Konzentration und Botrytis, aber tief, jugendlich und steinig. Im Antrunk hochintensiv, aber nicht fett wirkend, Bratapfel, tolles Extrakt, vibrierende Säure, Pfeffer, Struktur ohne Ende, wenig Primärfrucht, mürbe, trocken, aber füllig, kräftig, vollmundig. Und auch das Finish ist richtig lang. Der Wein ist nach zehn Jahren schon deutlich gereift, scheint aber nur ganz langsam abzubauen. Noch hält er aber seine 93 Punkte.

Der Franz Hirtzberger Spitz Singerriedel Smaragd 2005 liefert eine ausgesprochen mollige Nase mit einem guten Schuss Botrytis, Kräutern, Gewürzen, gelbe Früchten und einer tiefen Tabakigkeit. Im Antrunk dann überraschend trocken, gute Säure am Gaumen, ganz viel kalter Rauch, Marillen, auch hier wieder Botrytis, die das aromatische Spiel etwas blockiert, dazu Thymian, Grapefruit, ätherische Noten, salzige Mineralität, Mandeln, weißer Nougat. Der Wein wird mit mehr Luft immer besser, zieht sich nochmal zusammen und behält die Frische. Dieser Wein zeigt, dass es sogar 2005 möglich war, sehr langlebige Rieslinge zu machen. Noch fünf Jahre warten, dann kann er richtig groß werden. Wir vergeben 91+ bis 93+ Punkte.

Und hier findet Ihr alle Teile aus der Artikelreihe:

→ Teil 1: Letztes Jahrhundert
→ Teil 2: Jahrgang 2003
→ Teil 3: Jahrgang 2001
→ Teil 4: Jahrgang 2004
→ Teil 5: Jahrgang 2002
→ Teil 6: Jahrgang 2005
→ Teil 7: Jahrgang 2006

Weitere Berichte von dieser Probe und auch manch ganz andere Bewertung einiger Weine findet Ihr bei Achim Becker (→ Weinterminator.de), Felix Bodmann (→ Schnutentunker.de) und Matthias Neske (→ Chezmatze.de). Für die Fotos danken wir → Weinkaiser.de.

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