Riesling Große Gewächse 2009 – Eine Bestandsaufnahme nach vier Jahren Flaschenreife

Riesling GG 2009-100Der Jahrgang 2009 wurde kurz nach Release der Großen Gewächse als bedeutendes Jahr für den Riesling gelobt. Doch recht bald mehrten sich die Zweifel und mittlerweile wird das Jahr kontrovers diskutiert. Zu barock in seiner Struktur, zu sehr gereifte Fruchtaromatik, die Säure besorgniserregend mild, schneller Reifefortschritt und vieles mehr konnte man in letzter Zeit lesen. Andere loben hingegen gerade die besondere Reife des Lesegutes und die damit einhergehende Saftigkeit und Expressivität der Weine. Das Jahr wird heute auch unter den Winzern kontrovers bewertet. Es würde mich nicht wundern, wenn die aufkommende kritische Haltung gegenüber 2009 weniger etwas mit der Güte des Jahrganges zu tun hat, sondern vielmehr mit den sich ändernden Vorlieben der Verkoster und vielleicht auch der Konsumenten. Ein Trend hin zu schlankeren und auch trockeneren Rieslingen ist eindeutig zu erkennen und da passt ein Jahr wie 2009 natürlich nicht so recht ins momentane Schema. Da bilden und festigen sich schnell bestimmte (Vor-)Urteile und werden nur selten korrigiert, denn nach der Arrivage-Probe haben viele Kritiker und Liebhaber die Weine nie mehr in einer repräsentativen Breite zu einem Entwicklungszeitpunkt verkosten können.

Wie unsere regelmäßigen Leser wissen, gilt unser besonderes Interesse der Reifeentwicklung großer, trockenerer Rieslinge. Nach unseren letztjährigen Proben der Jahrgänge 2008 (Hier lesen) und 2010 (Hier lesen), werden wir 2014 die Jahrgänge 2007 und 2009 näher in den Blick nehmen. Wir beginnen mit 2009, weil auch wir einen überdurchschnittlich schnellen Reifeverlauf prognostizierten und die meisten Rieslinge nach vier Jahre Flaschenreife in ihrer ersten Genussphase vermuten.

Wie immer wurden die Weine blind verkostet. Den Teilnehmern war das Line-Up, bis auf KA, unbekannt. KA öffnete alle Weine am Vorabend, probierte diese kurz und dekantierte darauf hin ca. 2/3 der Weine für wenige Minuten. Während der Probe wurden alle Weine vorab erneut für 30 Minuten dekantiert.

Nach den 18 Weinen waren alle anfänglichen Zweifel verfolgen. Wir hatten eigentlich keinen schlechten Wein im Glas, die allermeisten sind ausgezeichnet, vier von ihnen sind von wahrer Größe und ein Wein könnte sich gar zu einem einzigartigen Gewächs entwickeln. Etwa die Hälfte der Weine waren trotz ihrer Jugend bereits heute ein ausgesprochenes Vergnügen, aber fast jeder Wein wird sich vermutlich in drei bis fünf Jahren noch weiter verbessert zeigen. Überraschend für uns die frische, zuweilen packende Säure, die sich ganz wunderbar mit der reifen, saftigen Fruchtanlage verträgt und so gut wie nie spitz oder sauer wirkt. Man merkt dem Jahrgang seine warmen Monate an, aber die reife Fruchtaromatik wird aktuell von einer festen, häufig salzigen Mineralität gepuffert und so wirken die Rieslinge frisch, resch und felsig, dadurch sind sie sehr animierend zu trinken.

Die 2009er-GGs befinden sich aktuell am Beginn ihrer ersten Trinkphase und je nach Vorlieben bieten sie bereits ein besonderes geschmackliches Erlebnis. Anhänger von griffigen, mineralisch geprägten Weine haben bereits heute viel Freude, liegt die eigene Vorliebe eher bei einer vollends erblühten Fruchtigkeit empfehlen wir hingegen den Weinen noch mind. drei weitere Jahre der Reifeentwicklung zu gewähren. Die Reifeentwicklung schätzen wir nun für doch gut ein, wenngleich das Jahr vermutlich kein Langläufer wird, aber dies bleibt abzuwarten und hängt viel entscheidender vom einzelnen Wein ab, als vom Jahrgang. Die meisten Weine werden vermutlich zu früh getrunken. Wir werden das Jahr aller Voraussicht in vier Jahren erneut in dieser Breite probieren.

Diese Einschätzungen sind natürlich mit Vorsicht zu genießen, da wir ausschließlich Spitzenweine probierte haben und weil Kauf, Lagerung und Auswahl, zumindest teilweise, den Vorlieben der Verkoster bei weintasting.de entsprechen. Für uns ist und bleibt 2009 ein sehr gutes Jahr, dass sich auf der Verkostung erstaunlich frisch und packend präsentierte. Wer gute Bestände hat, dem sei empfohlen die ersten Flaschen einmal zu versuchen.

 

1 Weingut von Racknitz Schlossböckelheimer Kaiserstein Rheingau, 2009
Jugendlich, unentwickeltes Bukett, zeigt zu Beginn noch Schwefelaromen, gelbe Früchte, ein Hauch Cassis, Pampelmuse und Zitrusabrieb. Am Gaumen mittlerer Körper, Zitrusfrüchte im Auftakt, gute Balance, recht präsente Säure, schon jetzt sehr gut zu trinken, mittlerer Komplexität, leicht herber Nachhall mit steiniger Mineralität.
88-89+/100, jetzt bis 2019

2 Weingut Querbach Doosberg Rheingau, 2009
Verhalten, schlanker grüner Apfel, warme Kieselsteine, Pampelmuse, Orangenscheiben. Mittlerer Körper, auch hier eine präsente, jedoch feingliedrigere Säure, die ansprechend mit den jugendlichen Apfelfrüchten spielt, sehr sauber, herrlich animierend, gute Balance, muss noch fünf Jahre reifen, gute Länge, mineralischer Biss, zum Teil über die Säure getragen.
91-92+/100, 2019+

3 Weingut Künstler Stielweg Alte Reben Rheingau, 2009
Kräuter, Rauch, Thunfischöl, dunkle, bodenwürzige Mineralität. Dichter Körper am Gaumen, barocker, üppiger Stil, erinnert mit seiner Holzwürze und der intensiven Zitrusnote an konzentrierte Burgunder, bissige Säure, feste Mineralität, keine Schmusewein, Tabak im langen Nachhall. In einer derartigen Ausprägung hatten wir den Stielweg noch nie im Glas. Noch liegen lassen.
87-90+/100, 2017+

4 Weingut Emrich-Schönleber Halenberg Nahe, 2009
Tiefe Kräuterwürze, Pampelmuse, feine, komplexe Rieslingnase, jugendliche Pfirsichschalen, steinwürzige Mineralität. Am Gaumen von betont mittlerem Körper, herrlich saftiger, klarer Antrunk, komplexe Rieslingfrucht, begleitet von einer herrlichen Kräuterwürze, wirkt packend, die Säure erstaunlich straff, aber bestens eingebunden, enorm nachhaltig, alle Komponenten sind vorhanden, sehr langes Finish, muss noch lange reifen.
93-96+/100, 2019+

5 Weingut Keller Kirchspiel Rheinhessen, 2009
Verschlossenes, noch sehr jugendliches Bukett, Apfelbutzen, ein Hauch tropische Früchte, vor allem Zitrus, Cassis, im Hintergrund eine rauchig-bodenwürzige Mineralität zu erahnen. Am Gaumen von mittlere Dichte, betont straffer Verlauf, tiefe Würze, die Frucht mag sich heute noch nicht zeigen, sehr straff und von scharfer Zeichnung, da ist kein Gramm fett zu viel, aber viel Struktur, salzige Mineralität, sehr langes Finish. Kann ein großer Wein werden, der aber noch über Jahre reifen muss.
93-96+/100, 2019+

6 Weingut Wittmann Kirchspiel Rheinhessen, 2009
Wirkt fülliger als der Keller, samt leichtem Botrytiseinschlag, Akazienhonig, gelbe Früchte, Kaffeefilter, erdig-würzige Mineralität. Am Gaumen dicht, erneut meinen wir etwas Botrytis wahrzunehmen, reife Früchte, deren Süße heute noch ein klein wenig indifferent abseits steht, straffe Säure, griffige Mineralität, im weiteren Verlauf nimmt die Botrytis zu und stumpft heute etwas, wirkt malzig, heute wenig Harmonie, andere loben seine Saftigkeit und vermuten ein großes Potential, langes Finish, recht unterschiedliche Eindrücke am Tisch.
89-93+/100

7 Weingut Leitz Kaisersteinfels Rheingau, 2009
Jugendliche Steinfrüchte, klar wie ein Gebirgsbach, Sommersalat mit Zitronenvinaigrette, wirkt animierend frisch. Am Gaumen von mittlerer Dichte, sehr klarer Auftakt mit weißen Johannisbeeren, glockenklare Stein- und Kernfrüchte, auffallend gute Balance, dadurch ungemein trinkig, die Säure erneut packend und fein, straffe Säure, leichtfüßig, salzige Mineralität im langen Nachhall. Bereits heute animierend zu trinken.
92-94/100, jetzt bis 2019

8 Weingut Wagner-Stempel Höllberg Rheinhessen, 2009
Traubenzucker, hochreife gelbfleischige Frucht, erdige Mineralität, wirkt üppig. Am Gaumen dicht, viel getrocknete Kräuter, etwas Botrytis, sehr dicht, fast mollig wirkend, enorme Extraktsüße, salzige Mineralität, die Säure kommt so gerade gegen die Konzentration an, gute Länge, heute aber noch unausgewogen, wenn er sein Speck verliert, sind gute Anlagen zu erkennen.
88-92+/100

9 Weingut Bassermann-Jordan Auf der Mauer Pfalz, 2009
Reife, gelbe Steinfrucht, wirkt in der Nase bereits recht üppig, Spuren von Kakao. Am Gaumen deutlich schlanker als das Bukett vermuten lies, im Antrunk animierende gelbe Grapefruit, herbe Kräuterwürze, im weiteren Verlauf kommen Steinfrüchte auf, straffe, jedoch gut eingebundene Säure, mittlere Länge, heute animierend zu trinken.
90-91/100, jetzt bis 2017

10 Weingut Georg Breuer Rottland Rheingau, 2009
Florale Anklänge, Cassis, etwas Bonbonartig, komplett verschlossen. Am Gaumen von mittlerem Körper, sehr klarfruchtig, wirkt sehr fluide, gute Säurestruktur, aber komplett zu, die Runde diskutiert den Wein kontrovers, eine nicht untypische Aromatik für einen Rottland in diesem Reifestadium, noch mindestens vier Jahre liegenlassen.
87-89+/100, ab 2017+

11 Weingut Georg Breuer Nonnenberg Rheingau, 2009
Kieselsteine, Abrieb von Zitrusfrüchten, glockenklare Aromatik, verschlossen. Am Gaumen mittlere Dichte, kühl und distanziert, kristalline Frucht, geschliffener Verlauf, straffe, ja pikante, aber hochfeine Säure, salzig-steinige Mineralität, aristokratische Noblesse, sehr lang, muss noch mind. fünf Jahre reifen.
91-94+/100, 2021+

12 Staatsweingut Kloster Eberbach Rauenthal Baiken Rheingau, 2009
Kräuter, leichte Spontinase, kalkige Mineralität, feuchte Kieselsteine, reife Blutorangen, zeigt Tiefe an. Am Gaumen konzentriert, herrlich eindringlich, subtile Rieslingaromatik von höchste Komplexität, rauschender Säurebogen, die steinige Mineralität mit Anklägen von Tabak und Salz beißt sich in meine Wangen, wirkt wie aus einem Guss, bringt uns zum Schwärmen und steht doch unnahbar wie ein Granitblock vor uns, wir erahnen nur seine Tiefe, endlich einmal wieder ein potentiell großer, trockener Wein aus dieser Spitzenlage des Rheingaus. Jede Suche wert, noch lange liegen lassen.
94-96+/100, 2021+

13 Weingut Dönnhoff Herrmannshöhle Nahe, 2009
Mineralische Nase, medizinaler Einschlag, Jod, verschlossene Zitrusfrüchte. Im Mund von mittlerem Körper, saftiger Antrunk, für seine Jugend sehr harmonisch, animierendes Spiel aus Säure und Steinfrüchten, ein klassisch komponierter, fast eleganter Riesling, alle Komponenten spielen herrlich zusammen, langes Finish, heute noch nicht ganz tief, jedoch vermuten wir ein großes Potential, liegen lassen.
92-94+/100, 2019+

14 Weingut Ökonomierat Rebholz Kastanienbusch Pfalz, 2009
Botrytis, Orangencreme, Kreide, reife Zitrusfrüchte, Handcreme. Am Gaumen von mittlerer Dichte, der Mehrzahl am Tisch ist die Säure zu resch und spitz, Abrieb von Orangen, recht puristisch, überraschende Aromatik für einen Kastanienbusch, noch ein Kind, die Entwicklung bleibt abzuwarten, heute noch wenig Harmonie, was für einen Rebholz nicht unüblich ist, gute Länge, unbedingt noch einige Zeit reifen lassen.
87-90+/100, 2019+

15 Weingut von Winningen Deidesheimer Kieselberg Pfalz, 2009
Nicht übertriebene Würze vom Faßausbau, Haselnüsse, rote Waldbeeren, kalkige Mineralität, verschlossene Zitrusfrüchte. Am Gaumen von mittlerer Dichte, das Holz tritt hervor, jugendliche Pfirsiche und Kernfrüchte, steinige Mineralität, geröstete Haselnüsse und Mandeln, salzig-röstige Mineralität, verweilt sehr lange am Gaumen, insgesamt herrlich ausgewogen und animierend zu trinken, schon heute schön, würde ihn aber noch weitere drei Jahre reifen lassen.
91-94+, 2018+

16 Weingut Keller Hubacker Rheinhessen, 2009
Rauchig, tabakige Nase, herbe Kräuter, geröstete Mandeln, ansprechende Kombination, im Hintergrund zeigen sich erste Ansätze von sauberen gelben Früchten. Am Gaumen knapp dicht, straffer Antrunk mit verschlossenen Kernfrüchten und Weinbergspfirsich, erneut diese einmalige Mischung von getrockneten Kräutern und Tabak, ungemein spannungsgeladene Säure, trotz dem ganzen Extrakt hat der Wein kein Gramm zu viel Fett auf den Rippen, ein bereits heute grandios zu trinkender Riesling, morgen kann er vielleicht in noch größere Höhen führen.
94-96+/100, 2022+

17 Weingut Keller Abtserde Rheinhessen, 2009
Ganz groß dann die Abtserde. Die Nase ein Feuerwerkt der Mineralität, purer Kalkstein, Feuerstein, kühl und unnachgiebig, ein Hauch dunkle Beerenfrüchte, sonst nur Kühle und Präzision, ein unglaubliches Bukett. Am Gaumen von packender Dichte, die Mineralität und Säure fräst sich in unsere Gaumen ein, trotz seiner Rücksichtslosigkeit geht er derart subtil und geschliffen vor, dass es für einen Moment ruhig am Tisch wird, wir schmecken den kühlen, blanken Felsen, erneut zeigen sich nur sehr behutsam dunkle Beerenfrüchte und Zitrusfrüchte, die Säure rauscht fein und wild umher, bei all seiner Verschlossenheit und Anarchie schenken wir uns trotzdem gerne nach, großer Riesling schon heute, der vielleicht irgendwann, in ferner Zukunft in die Kategorie „Einzigartig“ (99-100) vorstoßen kann. Ich kann mich eigentlich nicht erinnern, einen derartig grandiosen Riesling nach vier Jahre Flaschenreife getrunken zu haben. Ein wahres Großes Gewächs!
95-98+/100, 2022+

18 Weingut Hirtzberger Singerriedel Wachau Österreich, 2009
Deutlich von Botrytis geprägt, Honig, reife gelbfleischige Früchte, Basalt. Heftige Konzentration am Gaumen, Honig, getrocknete Stein- und Kernfrüchte, wirkt barock, animierend floraler Einschlag, die bewegliche Säure wirkt heute ob des ganzen Babyspeck noch ein wenig gedämpft, festes mineralisches Fundament, fächert im langen Nachhall ein wenig auf, Babymord, muss noch lange reifen.
91-93+/100, 2021+

 

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2 Kommentare zu “Riesling Große Gewächse 2009 – Eine Bestandsaufnahme nach vier Jahren Flaschenreife

  1. Pingback: Riesling Große Gewächse 2009 – Eine Bestandsaufnahme nach vier Jahren Flaschenreife | Weintasting.de

  2. Ich finde es großartig, wie Sie sich um die deutschen großen Gewächse kümmern. Für mich sowohl im Netz als auch im Print unerreicht. Ich warte auf ein Buch von Ihnen zum Thema, die Kategorie hätte es in meinen Augen verdient. Bitte weiter so! Nico

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