Bordeaux: Bon(n) voyage, Teil 2

Die Zahl „11“ besitzt im Rheinland traditionell ja schon immer einen besonderen Stellenwert…

Man denke da nur an den alljährlichen Beginn der Karnevalssession am 11.11. um 11 Uhr 11, dann kulturhistorisch an die Legende von der Hl. Ursula und den 11 Tausend Jungfrauen, die gar im Kölner Stadtwappen mit 11 kleinen Flammen ihren Platz gefunden hat – und natürlich, wo es gerade um Köln geht, da darf ich sie natürlich auch nicht vergessen, die 11 Flaschen vom FC…

Aber apropos „11 Flaschen“, das gibt mir den perfekten Aufhänger für meine heutige Weinnotizen. Denn wir waren wieder einmal bei Herrn B. eingeladen, um in einer Rundreise durch seinen Keller elf Flaschen Bordeaux auf den Flaschengrund zu gehen…

Alle Flaschen kamen blind auf den Tisch, zuvor war nur bekannt, dass es Weine vom linken Ufer sein würden, aus den Jahren 1989 bis 2000. Mehr war nicht bekannt, das heitere Apellationen-Raten konnte von Neuem beginnen.

Flight eins führte uns in den Norden, nach Saint-Estephe:

Wein 01: Chateau Tronquoy-Lalande, 2000

Dichtes, ganz leicht trübes Purpurrot. Frische Cassis-Kirschnase, minzig, etwas Kaffee. Deutlich Paprika. In Nase und Mund etwas zu alkoholstark. Im Mund sehr fruchtbetont, nur geringe Tiefe, fällt in der Mitte ab. Sehr mildes Tannin, das trotzdem etwas sperrig und leicht trocknend ist. Knapp mittellang. Ein fruchtbetonter, aber eher einfacher Wein, der als Essensbegleiter gefallen kann. Noch liegenlassen. 83 Punkte.


Wein 02: Chateau Calon-Ségur, 2000

Dunkles Purpurrot mit schwarzem Kern. Kaffeebetonte Nase, röstiges Holz, rote Frucht, etwas Kräuter. Flankiert von Noten dunkler Schokolade und Weihnachtsgewürze. Im Antrunk kraftvoll, schwarze Johannisbeere, sehr gute Tiefe, etwas Fruchtsüße, wieder Kräuter, Paprika, mit guter Balance im Mund. Leicht sandiges und rauhes Tannin. Jung und noch etwas verschlossen. Am Gaumen fällt der Wein dann ab, hier kann er die Eindrücke nicht so positiv fortsetzen. Mittellang. Mindestens bis 2014 im Keller verstecken. Derzeit 86 ++ Punkte.

Wir sind dann doch etwas überrascht, als wir beim Aufdecken hören, dass Maryland Bob hier 94 Punkte vergeben hat. Die sehen wir auch mit weiterer Reife nicht kommen… 88-90 Punkte könnten es aber durchaus werden.

Wein 03: Chateau Phelan Segur, 1990

Ernsthafte, leicht stallige Nase, Eisen, ein zurückgenommener Holzeinsatz, der nur stützt. Leichter Minzton, würzige Kräuter, mit mehr Luft verfliegen die Stallnoten, es entwickelt sich ein angenehmer Unterholzton. Weicher Antrunk, eine frische Säure, gute Tiefe, eher feiner Stil. Sehr geschliffenes Tannin, am Gaumen harmonisch, rote Frucht und Unterholz im mittellangen Abgang. Volle Trinkreife. 89 Punkte.


Wein 04: Chateau Phelan Segur, 1989

Helles, transparentes Purpurrot, leichter orangefarbener Wasserrand. Paprika, Bitterschokolade und Kräuter in der schon komplexen Nase. Seidiger, leicht fruchtsüßer und strukturierter Antrunk, rote Frucht, sehr gute Tiefe, würzige Kräuter, auch wieder Paprika, die Säure ist perfekt eingebunden, auch das Tannin wirkt ungemein harmonisch. Langes, mineralisch-rotfruchtiges Finale. Ein eleganter Wein, jetzt mit voller Trinkreife. 91 Punkte.


Der zweite Flight führte uns nach Moulis en Medoc:

Wein 05: Chateau Maucaillou, 1996

In der Nase pilzig, Toffee, dunkelfruchtig, vor allem Schwarzkirsche, Herrenschokolade. Pilzig ist der Wein dann auch im Antrunk, wieder dunkle Kirsche. Der Wein hat viel Druck, aber nur eine moderate Tiefe. Er fällt am Gaumen dann merklich ab, stumpfend im Tannineindruck, hier dann auch durchaus ein klein wenig zu alkoholstark. Mittlere Länge. Am Tisch ist man sich nicht sicher, wohin bei diesem Wein die Reise gehen wird. 84 Punkte.


Wein 06: Chateau Chasse-Spleen, 1995

Brotig, dazu ungemein kühle rote Frucht. Ein edel wirkender Holzeinsatz. Im Antrunk vollmundig, viel dichte Frucht, viel Struktur, fast von allem zu viel. Sehr fleischiger Stil, viel Paprika und rote Johanisbeere, sehr jugendliche Säure. Das Holz ist noch eine Spur zu schärfend, am Gaumen fast ein wenig undifferenziert. Der Wein erinnert mich an einen Pkw, der auf einer Pass-Straße mit zu hoher Geschwindigkeit gefahren wird – jederzeit befürchtet man, in der nächsten Kurve geht er aus der Spur und ab durch die Leitplanken. Potential! Noch einige Jahre liegen lassen und schauen, ob er heil über den Berg kommt. Derzeit 88+ Punkte.


Wein 07: Chateau Chasse Spleen, 1990

Dunkle Hölzer, Bleistift. Unterholz. Orangentöne und rote Früchte. Fast zurückhaltend ist diese Nase, aber ungemein nobel. Schichtenweise kann man hier wieder neues entdecken. Im Mund gereift, Unterholz, pilzig, macht mit Luft noch einmal deutlich auf, druckvoll, Schokotöne, Kräuter, eine feine Fruchtsüße, wieder rote Frucht. Lang und schön. Jetzt und in den nächsten Jahren wunderbar zu trinken. 92 Punkte.

In dieser Appellation wären wir erkennbar noch gerne länger geblieben, aber wir mussten weiter… auf nach Margaux.

Wein 08: Chateau Du Tertre, 2000

Die Nase lässt keinen Zweifel aufkommen, wie jung dieser Wein ist. Die Nase wird vom röstigen Holz bestimmt, die rote Frucht und ein feiner Anklang an Mineralität wird noch fast gänzlich verdeckt. Im Antrunk elegant, dunkle Schokolade, Wachholderbeere, lässt erahnen, dass er über eine gute Struktur verfügt, erscheint uns aber noch gänzlich verschlossen. Vanille, Bitterschokonoten, dazu eine kakaioge Süße. Junges, noch ungestümes Tannin, Kaffeenoten, etwas Pfeffer. Braucht bestimmt 5-8 Jahre weitere Lagerung, dann kann da aber etwas entstehen… 88++ Punkte.


Wein 09: Chateau Rauzan Segla, Margaux, 1993

Grüne, unreife Töne, vegetale Noten kommen mir aus dem Glas entgegen. Dazu sahnige Schokolade, Pepperoni. Schlank in der Nase, der Alkohol ist nicht gänzlich eingebunden. Im Mund mit einem strengen Stil, sehr viel Paprika und rote Früchte, kaum Tiefe, schlank im Mund. Am Gaumen verfasert der Wein leider und zeigt hier deutlich trocknendes Tannin. Macht als Solist wenig Freude, als Essenbegleiter dürfte der Wein aber funktionieren. Der Wein entstammt wirklich erkennbar einem schwachen Jahrgang. 82 Punkte

Es folgte der finale Flight Nummer vier: Pauillac.

Wein 10: Chateau Haut Bages Liberal, 1996

Der Wein eröffnet mit einer jugendlich wirkenden, eher tiefen Nase: „Wald nach Regen“, Paprika, Cassis, dunkle Schokolade rieche ich. Im Mund viel Kraft und einiges an Substanz, fleischige Struktur, würziges, fast noch eine Spur schärfendes Holz, Eisen, dann Nougatnoten, wieder füllige rote Frucht. Der Wein wirkt noch sehr jung, das Tannin ist noch kantig und trocknet etwas am Gaumen. Tief vergraben im Keller, wer ihn hat. Potential. 88+ Punkte.


Wein 11: Les Forts de Latour, Pauillac, 1996

Noble, ganz fein vanillige Holzwürze, frisch und jugendlich erscheint die rotfruchtige Nase mit ihren kühlen Stilistik. Im Mund schlank, aber sehr strukturiert, Granatapfel, rote Frucht, viel Holz. Frische Säure, der Wein wirkt noch deutlich zu jung. Am Gaumen fordernd, noch nicht in der Balance, verschlossen. Mittellanger, von trocknendem Tannin geprägter Abgang, der derzeit überhaupt keinen Charme hat. Liegenlassen. 84++ Punkte.

Es hat wieder sehr viel Freude gemacht – noch einmal ein herzliches Dankeschön an die Gastgeber für einen wunderbaren und genussreichen Abend in netter Runde!

Und sollte das Motto demnächst wieder lauten: „Wer im Januar sein Glas erhebt – hat den Dezember überlebt!“ – kurze E-Mail genügt und ich eile!

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