Riesling Große Gewächse 2007 – Eine Bestandsaufnahme nach sieben Jahre Flaschenreife

DSC_0150Noch gut erinnern kann ich mich an die lebhafte Diskussion über die Güte des Jahrganges 2007 kurz nach dem Verkaufsstart der Großen Gewächse. Nach dem schwierigen Jahrgang 2006 gefiel zahlreichen Weinfreunden und auch Kritiker die klare, saftige Primärfruchtigkeit, auch die Säure wirkte im Vergleich zum Vorjahr frischer. Andere bemängelten die hochreife Stilistik, die üppige Ausbauweise und die immer noch zu weiche Säure. Nach unserer letzten Vertikalverkostung des Jahrganges vor vier Jahren (Hier lesen) hatte ich kein klares Bild vom Jahrgang. Die Weine waren sehr unterschiedlich, meine Punkte von 84 bis 93 ließen eine große Bandbreite vermuten. Viele Weine waren mir schlicht zu dick, die Frucht zu reif und zuweilen gar überreif, die Säure konnte die barocke Konzentration nicht immer stemmen. Also, ein richtiger Fan des Jahrganges war ich offensichtlich nicht.

Wie wir heute wissen ist 2007 wohl das letzte Jahr gewesen in dem zahlreiche Spitzenbetriebe noch immer auf vermehrte Konzentration setzten und in Folge dessen die Trauben zu lange am Stock ließen mit teilweise fatalen Folgen für die Aromatik und besonders für die Säure. Diese Quittung bekamen wir heute Abend teilweise auf den Tisch. Nach sieben Jahren waren einige GGs darunter, die sich bereits im Abschwung befinden und nun getrunken werden sollten. Gut der Hälfte der Weine mangelte es deutlich an Säure und somit an Frische und Beweglichkeit, nur wenige bewahrten ihr Primärfruchtigkeit über die Jahre hinweg und so notierten wir schon jetzt zahlreiche Kräuter- und Teearomen. In der Tendenz besteht bei den 2007ern die Gefahr, dass mit zunehmender Reife die Trinkfreude auf der Strecke bleibt. Durch die Konzentration wurde dem Riesling die Balance entzogen, seiner Stärken beraubt. Es gibt sie aber, die herausragenden 2007er-GGs, man muss nur nach ihnen suchen und ein wenig Glück beim Einkauf gehabt haben, aber auch diese werden, bis auf ganz wenige Ausnahmen, vermutlich keine Langläufer. An der Nahe wurde mal wieder besonders gut gearbeitet und die Weine aus dem Monzinger Halenberg bewiesen erneut die notwendige Klasse um von echten Grand Cru-Rieslingen sprechen zu können. Die beiden Rieslinge von Emrich-Schönleber und Schäfer-Fröhlich standen bei allen Beteiligten ganz oben auf der Wunschliste. Beide noch überaus lebendig, mit markanter Terroirausprägung, lebendigen Säurespiel, herrlichem Zug am Gaumen. Auch der Frauenberg von Battenfeld-Spanier, das Kirchspiel von Keller und der Würzburger Stein vom Juliusspital gefielen uns ausgezeichnet.

Die Teilnehmer kannte nur ihre beiden eingebrachten Weine, somit kannte niemand das gesamte Line-Up. Die Probe fand blind statt und auch die Reihenfolge war zufällig. Die Weine wurden erst nach der letzten Flasche aufgedeckt. An der Beschreibung und an den Punkten wurde im Nachhinein natürlich nichts mehr verändert. Die Notizen stammen von TM und KA. Die Fotografien von GM. Aufgrund der fortgeschrittenen Entwicklung der Weine, werden wir in Kürze weitere 2007er öffnen, um unsere Einschätzung noch breiter abzusichern.

DSC_01480 Weingut Keller von der Fels Rheinhessen, 2007
Süßliches Bukett nach Traubenzucker, Honig, hochreife Steinfrüchte, weiße Blüten, erdwürzige Mineralität, geht in die opulente Richtung. Am Gaumen dichte Struktur, Restsüße spürbar, aber trockener als die Nase vermuten ließ, packende Säurestruktur, kalte Cola, erdige Mineralität, trotz seiner Kraft zeigt er Struktur, feine Anklänge nach Honig, , durchaus schöne Länge, Karamellschwänzchen, Botrytis?
87-88/100, jetzt trinken bis 2016

DSC_01361 Heinrich Spindler Forst Kirchenstück Spätlese trocken Pfalz, 2007
Schöne Reifearomen, etwas marmeladige reife Kern- und Steinfrüchte, Stroh, Gewürzsamen, Kümmel. Am Gaumen unheimlich dicht, buttrig, marmeladig, Dosenobst, sehr süß, herbe Kräuter, die Säure unscheinbar, durchaus Spiel, schiebt gewaltig über den Gaumen, brandig, mittlerer Nachhall.
84-85/100, jetzt trinken

DSC_01222 Weingut Keller Westhofen Kirchspiel Rheinhessen, 2007
Saubere Rieslingfrucht, gereiftes Kernobst, rauchige Mineralität, viel Tabak, sauberer Honig, Traubenzucker, zeigt Tiefe und Komplexität an. Am Gaumen dicht gepackt, jedoch fokussiert, sehr saubere, saftige Rieslingfrucht, Karamell, erneut viel Tabak, sehr stringenter Verlauf, milde, ja eine Spur zu weiche Säure, jetzt herrlich gereift und fächert aromatisch ansprechend auf, etwas wärmend im langen Finish.
92-93/100, jetzt trinken bis 2019

3 Weingut Kühling-Gillot Nackenheim Rothenberg Rheinhessen, 2007
Stroh, erste Reifenoten, Blutorange, die Frucht welk und verwaschen, Trockenblumen. Am Gaumen dicht gepackt, der Antrunk mit hochreifen, in die breite gehende Frucht, leicht bittere Pfirsichschale, die Säure wird von der Konzentration überlagert, die Frucht dämmert im hinteren Bereich weg, es bleibt eine herbe, uncharmante Kräutrigkeit, es fehlt an Spiel, kurzer Nachhall in der eine Mineralität in einer anisigen Wolke dimmert, der Wein befindet sich deutlich im Abschwung.
84/100 (KA), 85/100 (GM), 86/100 (TM), jetzt trinken

DSC_01234 Weingut Battenfeld-Spanier Flörsheim Frauenberg Rheinhessen, 2007
Feuerstein, Fenchel, aparte, betont steinige Mineralität, verbranntes Holz, Holzkohle, verwebt harmonisch mit Stein- und Kernfrüchten. Am Gaumen dicht, erneut ein mineralisch geprägter Wein, bei aller Süße ein klar gezeichnete, noch jugendlich frische Frucht, umhüllt von verbranntem Holz, Asche, Ruß, Feuerstein, straffe Struktur, die Säure eher mild, trotzdem ein hervorragender Zug am Gaumen, sehr langer, vielschichtiger Nachhall.
93-94/100, jetzt trinken bis 2019

DSC_01385 Ökonomierat Rebholz Birkweil Kastanienbusch Pfalz, 2007
Zu Beginn animalische Noten und gekochter kalter Weißkohl, diese Eindrücke verfliegen jedoch schnell im Glas und es bleibt ein duftiges Bukett nach Limetten, Kräuter, Kümmel, exotischen Früchten und ätherischen Noten zurück. Am Gaumen von mittlerer Dichte, der Antrunk bestimmt von getrockneten Kräutern, wirkt frisch, ja jugendlich, gar Minze und selbst die Säure unüblich straff, fast pikant, lässt den Wein herrlich frisch wirken, ein feiner Botrytiseinschlag, Honig, Malz, Mandelhaut, Horn, Gewürzkräuter, sehr saubere und vielschichtige Aromatik. KA wünscht sich hier noch mehr Reifeentwicklung, damit der Wein noch entspannter wirken kann, TM lobt die einmalige Frische und originelle Aromatik, wir beide notieren einen schönen und sehr langen Nachhall.
91+/100 (KA), 94/100 (GM/TM), jetzt trinken bis 2020

DSC_01296 Weingut Schäfer-Fröhlich Monzingen Halenberg Nahe, 2007
In der Nase Mokka, Kräuter, röstige Noten, schon ausgeprägte Sekundärnase, im Mund wunderschön saftig und frisch, noch jugendlich, leichte Salzigkeit, insgesamt raffiniert und nobel, elegant und aromatisch, viel Konzentration auf ganz hohem Niveau, cremige reife Zitronen, Spuren von weißem Nougat, Mineralität ist straff, alles wirkt cremig und frisch zugleich, wunderschön langes Finale, trotz Potential jetzt wunderbar zu trinken. Großer Wein!
95+/100 (KA), 96/100 (TM), jetzt trinken bis 2022

DSC_01317 Weingut Juliusspital Würzburger Stein Franken, 2007
Blanker schwarzer Stein, Apfelzesten, hoch mineralisch geprägt, grüner Tee, sonst fruchtfrei. Am Gaumen von mittlerer Dichte, packender Verlauf, der blanke Stein im Mund, Rauch, sehr straffer Verlauf, animierend pikante Säure, grüne Kiwi, Erbsen, zum Ende hin etwas kräftig, sehr langer Verlauf, ein hoch eigenständiger Wein, betont trocken ausgebaut.
92-93+/100, jetzt trinken bis 2019

DSC_01268 Weingut Bürklin-Wolf Ruppertberger Gaisböhl Pfalz, 2007
Butterscotch, Keks, nussige Anklänge. Am Gaumen von mittlerer Dichte, Kräutertee, sehr entspannter Eindruck, ein Hauch Schweiß, die Säure ist zu mild und kippt im hinteren Bereich weg, ein durchaus harmonischer Wein, dem es mir persönlich (KA) an Rasse und Zug fehlt, aber das sehen andere auch anders, der Wein kommt insgesamt sehr gut an, der Alkohol ist moderat, eher mäßige Länge.
89-90/100, jetzt trinken bis 2017

DSC_01339 Weingut Georg Breuer Rüdesheim Berg Schlossberg Rheingau, 2007
Reife Grapefruit, Zitrus, frisch geschnittene Kräuter, Kieselsteine, verbranntes Holz, Kreide, packende Mineralität. Am Gaumen mittlere Dichte, im Antrunk auf der zitronigen Seite, festes, steinbetontes mineralisches Fundament, straffer, fokussierter Verlauf, feste Struktur, aber noch gänzlich verschlossen, in seiner Höhle liegend, fast puristisch karg, könnte sich noch ausgezeichnet entwickeln, weitere fünf Jahre weglegen.
89+/100 (KA/TM), 91+/100 (GM), 2019 – 2024

DSC_014410 Domaine Trimbach Emile Elsaß, 2007
Staubige Noten, in Kern eine klare Apfelfrucht, Nadelhölzer. Am Gaumen knochentrocken, sofort ist die französische Machart zu schmecken, fester, fast harter Kern, glockenklare Kernfrüchte, mineralisches Fundament, hat hinreichend Extraktdichte, leicht oxidativer Einschlag, getrocknete Kräuter, hat eine gewisse Lebendigkeit, etwas Holunder, rote Beeren, gute Länge. Den Wein haben wir aus dem Winterschlaf gerissen. Für eine Abschätzung der weiteren Entwicklung fehlt es mir schlicht an Erfahrung.
84+/100 (GM), 88+/100 (KA/TM), 2021 – 2030

DSC_013411 Weingut Bassermann-Jordan Deidesheimer Kalkofen Pfalz, 2007
Weißer Flieder, Traminer, Blockmalz, röstige Noten, Fruchtgummi, bereits in der Nase deutet sich die Konzentration und Mächtigkeit an. Im Mund sehr dicht, mästiger Eindruck, dickliche Textur von gesüßtem Schwarztee, trockener Stil, kaum Säure, Biskuit, Ananas, Creme Brulée-Noten zeigen sich im Verlauf, dazu unschöne Kartoffelschalen, das Glycerin schleppt sich über den Gaumen, gute Länge. Offenbar ein Wein, der dem Jahrgang zum Opfer gefallen ist. Austrinken.
84/100 (GM) / 86/100 (KA/TM), jetzt trinken

DSC_014312 Heymann-Löwenstein Uhlen R Mosel, 2007
Spontiton, Gummi, Ginster, mineralisch geprägte Nase, keine Pirmärfrucht vorhanden. Im Mund von mittlere Dichte, süßlicher Antrunk, mit klarer Rieslingfrucht, reife Steinfrüchte sind vorherrschend, halbtrockene Stilistik, schöner mineralischer Biss mit schönem Säurespiel, das ist wirklich lecker, aber auch ein wenig simpel, würzige, dunkle Mineralität, gute Beweglichkeit, gute Länge, aber die anspringende Süße wäre mir spätestens beim zweiten Glas zuviel.
89/100, jetzt trinken

TM/GM sahen den Wein anders, daher hier TMs Notiz:
In der Nase kreidige Mineralität, kühler Stil, Limettenschale, Cassisblätter, im Mund deutlich süß, aber mineralischer Biss, hat Saft, ist nicht sonderlich eindringlich, hat aber ein tolles Süße-Säure-Spiel, mineralische Anklänge und etwas Gerbstoff-Struktur, ist beweglich, eine Spur weniger Körper, aber sitzt genau auf dem Punkt. Hat Länge. Mit all seiner Süße trotzdem
92/100.

DSC_015313 Weingut Diel Dorsheim Goldloch Nahe, 2007
Feste mineralische Note, feines Karamell, sehr sauber, Honig, Röstaromen, dazu Zitronen im Kandismantel. Am Gaumen mittlere Dichte, wirkt harmonisch, sehr entspannt, das liegt erneut an der reifen, weichen Säure, die etwas höher stehen könnte, zieht sich im hinteren Drittel etwas zusammen, steinige Mineralität, zeigt eine gewisse Lebendigkeit, trotz milder Säure, kühler Stil, sehr reife Apfelfrucht, Gerbstoffig, Pfefferwürze, ausgezeichnete Länge.
91/100 (KA/GM), 93/100 (TM), jetzt bis 2018

DSC_013014 Weingut Emrich-Schönleber Monzingen Halenberg Nahe, 2007
Verbranntes Holz, kalte Kohle und Rauch, Zitruszesten, Asche, Würze von frisch geschnittene Kräutern, herrlich jugendliche Grapefruit. Am Gaumen mittlere Dichte, packende Mineralität, Schalen von Pfirsich, hat viel Zug am Gaumen, bemerkenswerte Nachhaltigkeit und Lebendigkeit, packende Mineralität, hohe Extraktdichte, die Mineralität schält sich im Verlauf immer weiter in den Gaumen, komplexe und wilde Kräuterwürze, sehr langer Nachhall. Der Wein steht noch voll im Saft und dürfte sich sogar noch positiv entwickeln. Exzellent.
94-95+/100, jetzt bis 2022

DSC_012415 Weingut Peter-Jakob Kühn Oestrich Doosberg Rheingau, 2007
Altapfelige Frucht, grobes Leder, am Gaumen oxidiert, schon deutlich auf dem absteigenden Ast, bitter, Schießpulver, kaum Harmonie, in diesem Zustand eine Enttäuschung, aber vielleicht hatten wir schlicht Pech mit der Flasche, wobei ich noch keine wirklich guten 2007er-Doosberg im Glas hatte.
< 80/100, daher nicht zu bewerten

Ab hier verkostet alleine und offen von KA vom 10. bis 20. Dezember 2014:

16 Weingut Koehler-Rupprecht Kallstadt Saumagen Riesling Auslese trocken „R“, 2007
Nach einer Stunde in der Karaffe ist der anfängliche Muffton einem sauberen Bukett gewichen, jugendlicher Duft nach Zitrusfrüchten, Grapefruit, Thymian, Kalkstein, noch verschlossen. Am Gaumen von mittlerer Dichte, ein betont mineralisch geprägter Riesling, viel Steinwürze, diverse Kräuter, sehr straff, trockene Stilistik, wie ein Guß fließt der Wein straff über meine Zunge, beachtlich vitale und jugendliche Säure, animierende Verbindung mit den Zitrusfrüchten, sehr fokussiert, vermeidet jede Schwülstigkeit oder Breite des Jahrgangs, es werden noch einige Jahre vergehen, bis der Wein seinen Höhepunkt erreicht hat, erneut eine ausgezeichnete Auslese R.
92+/100, 2022 bis 2030

17 Peter Jakob Kühn Riesling trocken „R“, 2007
Vor den Weinen von Kühn saß ich bereits des Öfteren staunend davor, aber immer wieder verzweifele ich auch an diesen Rieslingen. Nun bewege ich mich wahrlich nicht nur auf den Autobahnen des Rieslings, gerne biege ich aromatisch auch ins freie Gelände ab und entdecke die ganzen aromatischen Möglichkeiten dieser einmaligen Rebsorte und Kühn zählt ganz sicher zu den Pionieren und großen Könnern höchst eigenwillige, aber in ihrer Art stimmige Weine abzufüllen. Die Jahrgänge 2006 und 2007 werden sich mir mit Ausnahme des Schlehdorns aller Voraussicht aber nicht mehr erschließen. Auch dieser Kühn „R“, eine von mir geschätzte Kategorie“, ist so eigenwillig, dass man sich fragen kann, wie die Prüfnummer aus das Etikett kam, denn als Riesling ist der Wein schlichtweg nicht zu erkennen. Soweit so gut, wegen mir muss kein Wein meinen bereits gekannten Vorstellungen entsprechen, im Gegenteil, ich entdecke gerne Neues, wenn der Wein insgesamt harmonisch und hochklassig ist.

Dieser Kühn „R“ duftete nach Strohblumen, animalische Noten, Pferdestall, Stinker von den Naturhefen, etwas Waldmeister, null Frucht. Am Gaumen setzt sich der Eindruck fort, keine Frucht, viel getrocknete Kräuter, Stroh, getrockneter Tabak, animalische Noten, die Säure agil und gut integriert, der Wein ist im Gegensatz zum Doosberg völlig intakt und wirkt frisch, ja, eher noch jugendlich verschlossen, guter Zug am Gaumen, im hinteren Bereich zeigen sich zarte Cassis-Aromen, sehr langer, tabakig-rauchiger Nachhall. Aber schmeckt das? Nö, nicht wirklich. Dieser Riesling wird meiner bescheidenen Ansicht zu sehr von seinem Ausbaustil dominiert und darf einfach zu wenig Riesling sein. Ggf. entwickelt sich der Wein in ein paar Jahren noch positiv, ich bin jedoch skeptisch.
86+/100, 2018 – ?

Im August 2015 habe ich den Kühn R 2007 nachprobiert, weil mich meine Enttäuschung nicht loslies. Und es stellt sich heraus, dass die Flasche vom Januar nicht in Ordnung war, oder ist der Wein binnen einem halben Jahr aus seinem Winterschlaf erwacht? Dieser Riesling war schlichtweg großartig. Es duftet wie auf einer Kräuterwiese im Herbst, ein Hauch Birnenspalten, nussige Aromen, dazu merkt man ihm sein langes Hefelager und die lange Faßreife an. Die Aromen flattern und zeigen immer wieder nur Seiten, hmm, diese nussigen und tabkigen Aromen, großes Kino. Am Gaumen dicht, cremig und blitzsauber und aufgrund von nur 12,5% vol. wärmt der Wein trotz seiner Fülle in keinem Stadium. Er explodiert aromatisch im Mund, florale und kräutrige Aromen wechseln sich ab, die Frucht erinnert eher an Chardonnay, erneut nussige Noten und mild-brauner Tabak, wirkt noch jugendlich aber erblüht, die Säure reif, mit feinem Zug am Gaumen, leicht mit Mineralität unterlegt, kaum endender komplexer Nachhall. Vermutlich weniger als Solist gedacht, als vielmehr ein Riesling der auch kräftige Speisen gut zu begleiten vermag, gebratenes Fleisch oder kräftige Fischgerichte scheinen mir ideal. Einer der wenigen Rieslinge, der mir im Burgunderglas besser gefiel, als in meinem Standardglas, dem Zalto Universal.
93/100 – Ich wünsche jedem Leser, dass sich seine Flasche genau in dieser Weise präsentiert.

18 Weingut Bassermann-Jordan Forst Pechstein Großes Gewächs, 2007
Duftet in mittlerer Intensität nach getrockneten Kräuter, Wachs, etwas Honig, erdwürzige Mineralität, leicht süßlicher Kakao, die Frucht hat sich weitestgehend zurückgezogen, noch Schalen von Pfirsichen zu vernehmen. Am Gaumen von betont mittlerer Dichte, durchaus saftiger Auftakt, schönes Duett auch Schalen von Steinfrüchten, getrockneten Kräutern und einer animierenden Säure, im weiteren Verlauf zeigt sich die Mineralität des Pechsteins, die Restsüße ist gut integriert und die Säure sehr reif, bringt aber hinreichend Schwung in den Verlauf, mittlerer Tiefe, insgesamt harmonisch zu trinken, erste Reifenoten, passabler Nachhall, jetzt auf seinem Höhepunkt, auf dem er sich noch etwas halten wird, aber eine weitere Verbesserung traue ich ihm nicht zu.
91/100, jetzt bis 2019

19 Weingut Rebholz Siebeldingen im Sonnenschein Ganshorn Großes Gewächs, 2007
Jugendlich anmutendes Bukett nach kandierten Zitronen, Rauch, nussige Noten, etwas Bienenwachs, feine Zeichnung, helltönig und sehr klar. Am Gaumen von einer bemerkenswerten Balance, sehr schöne kandierte Zitrusfrüchte, lebendiges und jugendliches Säurespiel, Süße und Säure spielen animierend miteinander, steinwürzige Mineralität, mit Raucharomen, feiner Zug am Gaumen, angenehm trockene Stilistik, dadurch animierend zu trinken, frisch geschnittene Kräuter und eine salzige Mineralität im langen Nachhall. Rebholz schien mit den Bedingungen des Jahrganges offensichtlich sehr gut umgegangen zu sein, beide Weine waren noch herrlich jugendlich und ihre Vitalität deuten auf ein langes Leben hin.
92/100, jetzt bis 2022

20 Weingut Dönnhoff Niederhausen Hermannshöhle Großes Gewächs, 2007
Herb anmutendes Bukett nach Grapefruit, getrockneten Kräutern, ein Hauch ätherische Noten, auch Petroleum, Schalen von gewachsten grünen Äpfeln, Weinbergspfirsich, Steinmehl, eine hochklassige, tiefe Nase mit überzeugendem Terroirbezug. Am Gaumen dicht gepackt, jedoch ohne jede Breite, oder schwülstigen Süße, der Antrunk hochanimierend mit seiner klaren, zitronigen Frucht, kühler Kalkstein greift in den Gaumen, die Säure für 2007 erstaunlich pikant, aber ohne jemals spitz zu wirken, man merkt zwar die Wärme des Jahres, aber der Wein bleibt sehr fokussiert, mineralisch geprägt, straff im Verlauf und enorm nachhaltig, feste steinige Mineralität, flankiert von einer tiefen Kräuterwürze, im langen Nachhall zeigen sich auch salzige Nuancen. Eine überzeugende Hermannshöhle, die noch eine lange Zukunft vor sich hat und sich gar noch verbessern kann.
94+/100, jetzt bis 2022

21 Weingut Diel Dorsheim Burgberg Großes Gewächs, 2007
Der 2007er-Burgberg hat sich die letzten Jahre deutlich entwickelt und zeigt erneut, dass diese Lage zusätzliche Jahre der Reife benötigt um seine Möglichkeiten zu zeigen. Heute, nach sechs Stunden in der Karaffe, war es spielend ein ausgezeichnetes Großes Gewächs. In der Nase mineralisch geprägt, Röstaromen, Mandeln, Rauch, Grapefruit, gewachste Äpfel, alles recht scheu. Am Gaumen nicht sonderlich konzentriert, von Beginn an ungemein animierend zu trinken, mit präsenter Säure, viel Spiel auf meinem Gaumen, leicht Biss, kandierte Grapefruit und Zitrusfrüchte, erneut Röst- und nussige Aromen, bemerkenswert ist die Harmonie zwischen allen Komponenten, da juckt ständig angenehm die Säure und bringt die vielschichtige Mineralität voll zum Ausdruck, wirkt dadurch ernsthafter und hochklassiger als der ebenfalls gelungene Goldloch, durchaus straffer und nachhaltiger Verlauf, überaus ansprechende Länge. Jetzt mit große Freude zu genießen, wird sich aber noch viele Jahre halten.
93/100, jetzt bis 2022

22 Weingut Künstler Hochheim Hölle Großes Gewächs, 2007
Frischer, ja jugendlicher Duft nach Zitronen, jungen Mirabellen, Abrieb von der Orange, dahinter mineralisches Spiel, erstaunlich fokussiert, ja schlank, hätte ich nicht als Hölle erkannt, wo bitte sind die tropischen Noten geblieben? Am Gaumen auch herrlich frisch, ja, fast unentwickelt, die spürbare Kraft noch in Ketten gehalten, im Antrunk überwiegend Zitrusfrüchte, reintönig und animierend, präsente, verspielte Säure, packender Verlauf, die Mineralität zieht über den Gaumen, erst nach einer Stunde in der Karaffe zeigen sich auch die typischeren Noten nach tropischen Früchten, Karamell, erdige Noten und reifen Steinobst, trotzdem wirkt der Wein noch ungemein jugendlich, es scheint als würde er noch weitere fünf Jahre Flaschenreife benötigen, schon jetzt ganz ausgezeichnet zu trinken, sehr langer Nachhall. Wie gut ist dann erst die Goldkapsel?
92+/100, 2020 – 2030

23 Weingut Künstler Hochheim Kirchenstück Goldkapsel Großes Gewächs, 2007
Nach 30 Minuten im Glas ein erblühtes Bukett mit sauberen, gelbfleischigen Früchten, teilweise kandiert, getrocknete Kräuter, ein Hauch Honig und geröstete Nüsse, erste Reifenoten, überaus balanciert und fein. Am Gaumen durchaus kraftvoll ohne breit zu wirken, harmonischer, etwas leiser Auftakt nach einer Harmonie aus gelben Früchten und Kräuterwürze, schönes Duett aus herben Noten und der vorhandenen Restsüße, erneut zeigen sich auch Honig- und Röstaromen, die Säure reif, jedoch hinreichend frisch, fächert am Gaumen heute noch nicht vollständig auf, dadurch wirkt er ein wenig uncharmant und sperrig, gute Länge. Noch drei Jahre liegen lassen.
90-92+/100, 2018 bis 2023

 

(Text: Rainer Kaltenecker, Fotografien: Guido Müller)

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5 Kommentare zu “Riesling Große Gewächse 2007 – Eine Bestandsaufnahme nach sieben Jahre Flaschenreife

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  2. Kleiner Nachtrag zum Oestricher Doosberg von P. J. Kühn. Wenige Tage später verkostete ich den Wein erneut. Direkt nach dem Öffnen mutet er wie ein klassischer Kühn an, Tabakigkeit, Saftigkeit, kräuteriger Stil. Danach baut er jedoch sofort ab und wird eigenartig bitter. Auch die Säure wirkt sehr reif und schon etwas spitz. Wenn bei Kühn auch vieles denkbar ist, bei diesem Wein gibt es keine Hoffnung mehr, zumindest bei mir. Ein Trauerspiel, jung hat er großen Spaß gemacht. In den nächsten Tagen melde ich mich nochmal mit einer Notverkostung des Mittelheimer St. Nikolaus aus demselben Jahrgang.

    • Hallo Thorsten,

      keine Panik – der St. Nikolaus Dreitrauben 2007 ist aktuel deutlich besser zusammen!
      Hoffe, Deine Flasche hat sich auch gut gezeigt!

      VG
      Guido

  3. „die Frucht dämmert im hinteren Bereich weg“, „das Glycerin schleppt sich über den Gaumen“: Sehr schöne literarische Entwicklung hier, macht Spaß. Ich bin mal wieder traurig, dass ich die Probe nicht mitmachen konnte.

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