Hospices de Beaune: Domaine Seguin-Manuel Pinot Noir Volnay Premier Cru “Cuvée General Muteau”, 1995

1995-HdBSMVIch hatte durchaus leichte Bedenken hinsichtlich des Zustandes dieses Weines, während ich den vollständig durchtränkten Korken mit viel Mühe aus der Flasche herausarbeiten musste – aber einmal mehr bewahrheitete sich, zum Glück, dass der Zustand des Korkens allein kein Indiz für den Zustand des Weines in der Flasche selbst ist (der Flasche hatte auch einen sehr guten Füllstand).

Dieser Wein, eine Cuvée aus fünf Premier Cru Lagen in Volnay (Le Village, Carelles sous Chapelle, Les Fremiets, Taille Pieds, Les Caillerets Dessus), dessen Namenspatron ein Kriegsheld aus dem ersten Weltkrieg ist,  zeigt sich mit braun-rostroter Farbe, einem leichten Wasserrand und einer ansprechenden und durchaus schon vielfältigen würzig-schokoladigen Nase, die sehr angenehm begleitet wird von süßlicher, dunkler Kirschfrucht, weitern dunklen Früchten und tertiären Waldbodenaromen (Champignons), zudem zeigt sich hier eine balsamischen Aromen-Mischung aus Teer, Soya-Soße, Speck und schwarzem Tee.Der Wein verändert sich an der Luft stetig, auch Orangeschalenzesten finden sich nach einiger Zeit; das ist wirklich schön, hier wiederholt auf Entdeckungsreise gehen zu können.

Im Mund etwas weniger weit fortgeschritten, was den Reifezustand im Vergleich zur Nase betrifft – leider aber nicht ganz so vielfältig: klarer und kräutriger Schwarzkirschantrunk, auch Brombeere, Speck und eine feine Minzigkeit, dazu eine stimmig begleitende dunkle Schoko-Holz-Würze, die für einen etwas herberen Gegenpart zur Frucht sorgt; die Frucht öffnet sich im Mund und dem weiteren Verlauf, sie wird von einer stimmigen Extraktsüße nur begleitet, dann aber von der durchgehend mitschwingenden Holzwürze eingefangen und aromatisch verdrängt.Mittlere Dichte im Mund, der Wein hat einen trinkanimierenden und beweglichen Körper. Die frische Säure verpasst dem Wein eine gute Führung und sorgt für eine speichelanregende Pikanz. Hierdurch hat der Wein auch wieder etwas Balsamisches.

Dieser Burgunder zeigt einen insgesamt harmonischen Verlauf, wenngleich seinen Anlagen – im Mund jedenfalls – einen ganz leichten Hang zur Rustikalität haben, die aromatisch der Holzwürze und der Säure geschuldet sind. Klasse hat dieser Wein, ohne Frage, auch regionale Typizität. Erst im deutlich mittellangen Nachhall zeigen sich die aus der Nase bereits bekannten Tertiäraromen stärker – ohne insoweit zu stören.In seiner Jugend mag dies ein eher Holz-betonter Wein gewesen sein, nach knapp 20 Jahren Reife ist das Tannin aber schon sehr weit abgeschliffen, es bleibt mit dem Nachall nur ein leicht trocknender Film zurück, der das Trinkvergnügen nicht (mehr) sonderlich beeinträchtigt. Macht sich besonders gut als Essensbegleiter zu Fleischgerichten.

Am ersten Abend eine Stunde karaffiert, dann über zwei Abende mit gleichbleibender Güte getrunken. Der Wein ist heute voll trinkreif – er wird sich auf diesem Niveau sicher noch zwei, drei  oder vielleicht auch fünf Jahre halten. Aber wozu warten?

Aus der Versteigerung, um  25  EUR, 89 Punkte (sehr gut), jetzt trinken

Gereifte Rieslinge aus 2002 und 2003 in Oberhausen

Oberhausen Riesling 2002 und 2003 Titel (100 von 1)Als mein guter Weinfreund Norbert zu einer Probe reifer Rieslinge einlud stand für mich natürlich fest, du muss ich hin. Also pilgerte ich voller Vorfreude im Juli 2014 ein weiteres Mal in Richtung Oberhausen. Meine Erwartungen an die Probe sollten nicht enttäuscht werden. Im Schwerpunkt probierten wir Spitzenweine aus 2002 und 2003. Das Line-Up samt der Jahrgänge war den Teilnehmer komplett unbekannt, die Weine wurden blind präsentiert und nach jeder Flasche wurde aufgedeckt. Wie immer wurden Notizen sowie Beurteilungen vor dem Aufdecken verfasst.

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Riesling Große Gewächse 2013

Wiesbaden 2014 Titel (100 von 1)Manche professionellen Verkoster mögen uns kritisieren, aber wir finden die großen Rieslinge des Jahrganges 2013 eigentlich ganz gut. Sie unterschieden sich deutlich vom Vorjahr und haben kaum etwas mit dem Jahrgang 2011 zu tun. Im besten Falle sind sie eine gelungene Mischung aus 2008 und 2010, oder einfach sehr eigenständig. 2013 ist ein Jahrgang, in dem sich allgemeine Aussagen über dessen Güte schlicht verbieten, denn zu unterschiedlich waren die klimatischen Bedingungen in den einzelnen Regionen. Für die Winzer wird 2013 als überaus anstrengendes und Nerven zehrendes Jahr in die Geschichte eingehen. Früh einsetzende Fäulnis und ständige Regenschauer während der Lese verlangten vielen Winzern permanenten Einsatz in den Weingärten ab.

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Domaine Maillard Pére & Fils Corton-Renardes Grand Cru, 2006

Maillard Corton-Renardes Grand Cru, 2006 (100 von 1)Expressives Bukett nach roten Waldbeeren, dazu Himbeeren, eigenwillige Note nach Trüffeln, dahinter florale Anklänge, etwa staubige Faßaromen, leider zieht der Alkohol ein wenig die Nase hoch, trotzdem angenehm freinfruchtig die Blume. Am Gaumen dicht strukturiert, kräftiger Auftakt nach dunklen Früchten, sehr würziger Einschlag, der Wein explodiert aromatisch förmlich im Mund, die Ursache dafür liegt leider im Alkohohl, denn davon wird der Wein deutlich über seinen gesamten Verlauf getragen, das Holz ist bereits gut eingebunden und auch die Tannine wirken reif und sind nur noch angenehm griffig am Gaumen zu spüren, mittlere Länge und Komplexität. Eigentlich ein gelungener Corton, der jedoch, zumindest am ersten Abend, ein echtes Alkoholproblem hatte und sich im jetzigen Zustand wenig animierend trinkt, dies mag jedoch zu einem kräftigen Essen ganz anders sein. Am darauffolgenden Abend begegnete mir der Wein deutlich entspannter und auch die alkoholische Note besser eingebunden. Freilich war es noch ein kräftiger Wein, seine Frucht wirkte nun jedoch reichhaltiger und gewogener, samt schöner schokoladigen und milder Kräuterwürze im langen Nachhall. Wie gesagt; zum Essen schon heute sehr gut, es ist jedoch nicht wagemutig ihm eine gute Entwicklung in, sagen wir mal, fünf Jahren, zuzutrauen. Nur eine positive Disposition zu der kräftig-kernigen Corton-Stilitik wird vom geneigten Weinfreund abverlangt. Aber dies ist nunmal nicht ein Makel des Weines…

Vom Fachhandel, 36 Euro, 87-88+ Punkte (sehr gut), jetzt bis 2021

Kraftakt Spätburgunder – Teil IV

Kraftakt SB 2013 Titel 1 (100 von 1)Es gibt Verkostungsnotizen, die liegen einem wie Blei auf der Seele. Als Schriftführer dieses Kraftaktes ließ ich mein kleines schwarzes Büchlein im Januar 2013 bei den Gastgebern liegen. Und wie es der Teufel aka Zufall wollte, dauerte es über ein Jahr, bis das Büchlein wieder zurück in meinen Besitz kam. Spätestens damit hatten die Notizen eigentlich nur noch antiquarischen Wert. Dass das Protokoll gleichwohl geschrieben werden sollte, stand für mich außer Frage. Allein, wann Zeit dafür finden…

Unsere Leser sind daher heute nicht minder herzlich dazu eingeladen, in diesem Altertümchen zu stöbern; da ich an diesem Abend viel mtgeschrieben hatte, fiel es nicht schwer, die Notizen nun doch noch “mit ein wenig zeitlichem Nachlauf” zu erstellen.

Da wir einige schöne Weine mit “Reserven” am Start hatten, lohnt es sicherlich auch heute noch… [weiter lesen!]

Peter Jakob Kühn Riesling Spätlese Oestrich Lenchen, 2005

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Die großen trockenen Weine von Peter Jakob Kühn sind bekannt und polarisieren stark. Die restsüßen Weine aber haben einen Ruf, über den wenig gestritten wird. Der Ausdruck des Kühn-Stils mit Restsüße kann enorm sein. Man trinkt so etwas viel zu selten. Umso erfreulicher, dass noch diese Spätlese aus dem Jahr 2005 in meinem Keller schlummerte. Aus einem diffusen Gefühl heraus — immerhin stammt sie aus einem heißen, säurearmen Jahr, zudem ist sie mit einem Schrauber verschlossen — entschied ich mich, den Sonntagabend mit mir zu verbringen. Und war überrascht.

Im Glas ein schon etwas dunkleres sattes Zitronengelb. Die Nase ist sehr fein mineralisch. An Aromen weiße Steinfrucht, vor allem Nektarinen, dazu frisch geschnittene grüne Kräuter und eine, nicht wie sonst geradewegs aus dem Glas strömende, sondern hier nun ganz feine Tabakigkeit — fast als wenn der Wein versucht, sie zu verbergen. Im Antrunk spürt man sofort den Jahrgang. Viel Extrakt, viel Konzentration, viel Restzucker. Der Wein rinnt opulent und süß über die Zunge. Die Textur ist viskos, die Steinfrucht wirkt ungemein reif und aromatisch, dazu gesellt sich eine helle Honignote. Auch die Kräuter werden kräftiger, sie nehmen jetzt Thymian-Noten an. Vor allem aber schlägt die Tabakigkeit voll zu. Der Wein macht unmissverständlich klar, was seine Herkunft ist. Man vermeint die Kräuter zwischen den Kühnschen Rebzeilen zu schmecken, und den Kamillentee, den der Winzer seinen Pflanzen reicht. Der Wein ist eigensinnig, vor allem durch die Herbheit, mit der die opulente Süße gepuffert wird. Die Säure ist reif und weich, sie spielt hier keine Hauptrolle. Das Spiel setzt sich mehr aus der kräuterigen herben Note und der Süße zusammen. Interessant ist auch, wie sich der Wein im Mund aufbaut, nach der Süße setzt er sich Stück für Stück zusammen, ab der Mitte strömt eine mineralische Frische aus ihm heraus und am Ende verabschiedet er sich mit einem kühlen Hauch. Obendrein ist erfreulich, dass die für eine solche Spätlese satten 10 Prozent Alkohol sensorisch überhaupt nicht auffallen. Insgesamt ist dieser Wein mit seiner süß-kräuterigen Art, seinen Muskeln, der hohen Konzentration und der sanften, aber deutlichen Mineralität kein Eleganzwein. Er ist ein Erlebniswein, der unbedingt als Solist getrunken werden möchte. Und zwar bald, es kann gut sein, dass er nicht noch besser wird.

Vom Weingut, 18,50 EUR, 91 Punkte (ausgezeichnet), jetzt ruhig trinken

Azienda Foradori Teroldego Vigneti delle Dolomiti IGT „Granato“, 1999

1999-FGDer Zufall bescherte uns diesen Wein ins Glas. Wir saßen in einem Restaurant und durchstöberten die Weinkarte, die einen wenig inspirierenden Eindruck hinterließ – fast jedenfalls, denn Foradoris einfacher Teroldego Rotaliano ist natürlich immer eine Option – und auf dieser Karte auch einer der wenigen Weine, der eine Versuchung wert gewesen wäre.

Leider kam auf unsere Order hin nur ein enttäuschtes “der ist aus” von der Kellnerin. “Aber ich hätte da noch einen Wein, außerhalb der Karte – ich muss nur den Chef mal fragen, was der kosten soll. Den Granato. Kennen Sie?” Nicken unsererseits. “Sie sind interessiert?”  Natürlich waren wir das. Und so kam dann dieser wunderbare Wein zu einem guten Kurs ins Glas…

Frisch aus der Flasche noch etwas verschlossen, entwickelte der Granato ab dem zweiten Glas eine wunderbar differenzierte und eher feminine Kirschnase mit komplexen Reife- und Holztönen (angedeutet Oliventapenade, etwas Leder, dazu eine wunderbar animierende Vollmilchschokolade vom Typ “herbe Sahne”), die zum Ende hin noch etwas Zigarrenkiste offenbarte. Dominierend aber die klare Kirschfrucht. Die Nase lies uns hoffen, einen feinen Wein in einem angereifen Zustand zu bekommen.

Und als echter “fine wine” präsentierte sich Foradoris Spitzengewächs an diesem Abend, ein wirklich feingliedriges Exemplar, das fast schon “burgundische Züge” und damit so gar nichts gemein hatte mit der etwas rusikaleren Art, die Teroldego Rotaliano oftmals zeigt:

Eine tiefe, pure Sauerkirscharomatik im Antrunk, weniger gereift als in der Nase, nämlich ohne tertiäre Alterstöne. Der Wein nimmt einen strukturierten, aber feinen Verlauf, mittlere Dichte, schöner tiefer Kirschausdruck, nur minimale und stimmige Fruchtsüße, dazu eine auf den Punkt sitzende Säure. “Wie elegant!” ist ein spontaner Kommentar am Tisch.

Auch als der Wein im zweiten Drittel würziger wird (Teroldego halt), verliert er nicht seinen eher zarten und durchgehend balancierten Charakter. Alkoholprobleme? Überkonzentrierte Schwere? Nicht in diesem Wein, seine 13 % sind nicht zu spüren. Perfekt gereifte Tannine, sie sind cremig (!) und fein gezeichnet, sie stützen die animierend leckere Sauerkirschfrucht, sind aber schon sehr, sehr weit abgeschmolzen, was das Trinken zu einem sinnlichen Vergnügen macht. Das Holzmanagement stimmt ohne Abzüge, man schmeckt den Holzkontakt kaum mehr heraus. Und dieser fast schon filigran verbundene Trinkfluss aller Komponenten setzt sich auch im nachhaltig langen, würzig kirschfruchtigen Finale fort und beschert uns einen harmonischen und zutiefst eleganten Tropfen.

Offen über den Abend mit durchgehender Freude getrunken. Diese Flasche hatte perfekte Trinkreife. Unser Dank geht an alle Gäste, die den einfachen Teroldego ausgetrunken haben…

Im Restaurant, 60 EUR, 93 Punkte (ausgezeichnet), jetzt bis 2016 trinken