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Helles goldgelb. Der Wein hat – insbesondere mit mehr Wärme – eine in Ansätzen komplexe Nase nach Aprikose und etwas Traubenzucker. Die Frucht wirkt dabei hochreif und lässt einiges an Fruchtsüße erwarten. Feines, kreidig-staubiges Mineral. Ein sehr verhaltener Kaffeeton, den man bei konzentriertem Riechen erfassen kann. Mit mehr Wärme bekommt die Nase auch etwas lackiges – es bleibt aber bei einem sympathischen Gesamteindruck. Im Antrunk aus der frisch geöffneten Flasche noch etwas Kohlensäure, “perlt wie Sommerregen über die Zunge”, meint mein significant other spontan. Dichter Spätlesestil. Mit mehr Luft dann rotwangiger Apfel im Geschmack, etwas Aprikose, wieder Traubenzucker, merkliche Fruchtsüße, die aber nicht zu sehr aufgesetzt wirkt, sondern dem Wein zunächst einen schmeichelnden Charme gibt – für Puristen könnte dies aber des guten zuviel sein. Der Wein mag sich in diesem Moment nicht wirklich entscheiden, ob er nun Charakterkopf oder doch nur ein “crowd-pleaser” sein will. Ordentliche Tiefe, auch einer Spätlese vergleichbar. Ich befürchte aber, zum Charakterkopf langt es hier nicht. Zu letzteren passt jedenfalls die doch ein wenig (zu) ruhige Säure. Kräftige Mineralität, die zunächst etwas herb erscheint, dann mit mehr Luft aber einen deutlich medizinalen Charakter einnimmt. Diese Mineralität setzt sich auch am Gaumen fort und fächert sich am Gaumen fruchtbetont (schön!) auf. Gerade schon langer, ganz verhalten schmelziger Abgang, in dem die Fruchteindrücke und die Mineralität sehr strukturiert nachhallen.

Wir haben den – im angenehmen Sinn – süffigen Stil dieses Weines offen und undekantiert probiert.

Im Fachhandel gekauft, 15,80 Euro, 88 Punkte (sehr gut) – jetzt bis 2012+

Sehr dunkle, fast blickdichte Farbe. In der Nase sehr würzig, fruchtsüß, fast ein wenig kompottig, eingelegte Kirsche, ein Hauch von Marzipan, auch etwas alkoholisch. Dagegen steht eine leichte ätherische Kräuternote, was Ansätze zu ganz nettem Spiel ergibt, die kompottige Seite scheint aber zu gewinnen. Am Gaumen gewisse Reifetöne, ohne jedoch direkt die klassischen Tertiäraromen von Waldboden, Laub und Pilzen aufzubieten. Eine gute Struktur mit präsenter Säure und schönem Holz, das uns von einer Flasche aus dem Dezemeber 2008 allerdings noch deutlich intensiver und röstiger in angenehmer Erinnerung war. Eine etwas zu reife Frucht von dunklen, eingelegten Beeren. Der Gesamtverlauf ist irgendwie sonderbar: Während die vorhandene Substanz auf der Zunge lange haften bleibt, verabschiedet der Wein im Abgang zu schnell. Alles in allem schön und mit Unterhaltungswert, aber doch recht rustikal, eher zum Essen denn als Solist geeignet. Ich mochte ihn in einer jugendlicheren Verfassung lieber. Johnson sagt allgemein über die 1999er Bordeaux’, man solle sie 2010 trinken. Ich habe in diesem Fall auch Zweifel, ob längere Lagerung förderlich ist. 12 Stunden karaffiert.

Vom Fachhandel, 22 Euro, 87 Punkte (sehr gut), jetzt trinken (?)

Kräftiges Gelb mit ganz leichtem Grün-Einschlag. Aus dem Glas wallt ein überwältigender Kräuter- und Trockenblumenstrauß, nasser Kieselstein, Tabak und Rauch. Hinter all dem eine deutliche Zitrusfrucht und – etwas diffuser – etwas Pfirsich und gelber Apfel. Viel Kraft, allerdings derzeit vielleicht ein wenig einseitig. Im Mund wieder die Kräuter und die rauchigen Noten, Speck, Zitrus, mürber Apfel, gewisse Süße, etwas widerborstiger Gerbstoff. Eine schöne Struktur, im mittleren Verlauf eine kleine Delle, man würde sich hier etwas mehr Spiel und Tiefe wünschen. Sehr nachhaltig, die Kräuternoten kleben ewig auf der Zunge. Macht schon sehr viel Spaß, dürfte mit etwas Zeit seine Struktur noch mit abwechslungsreicherer Aromatik unterfüttern. Drei Stunden karaffiert.

Vom Weingut, 13 Euro, 88+ Punkte (sehr gut), 2011 bis 2014

Dunkles Rubinrot mit Aufhellungen zum Rand hin. Die gereifte Nase eröffnet mit nassem Laub, Unterholz und grüner Paprika. Dazu kommt eine verhaltene Minzigkeit, Teer und — leider — auch eine kleine Spur Alkohol. Die rote Frucht im Antrunk ist noch saftig, aber auch sie weist schon Spuren von erkennbarer Reife auf. Mittlere Tiefe. Kirschkern, dunkle Schokonoten ergänzen den Geschmack, der am Gaumen sogar etwas welk und vegetabil wird. Mittellanger, mit leicht trocknenden Tanninen versehener Abgang. Der Wein, zumindest diese Flasche, scheint im Herbst seines Daseins angekommen zu sein. Noch werde ich hinter die Bewertung kein Minus setzen, um damit anzudeuten, dass der Wein seinen Zenit überschritten hat, aber länger zu warten sollte man bei einem Wein in einer solchen Verfassung wohl nicht mehr. Diese Flasche war jedenfalls voll trinkreif. Blind verkostet, drei Stunden belüftet.

Von Freunden gekauft, 20 Euro, 86 Punkte (sehr gut), jetzt trinken

Ach, ich mag unsere Redaktionskonferenzen. Während wir da die Übernahme der Weltherrschaft die zukünftige Gestaltung dieses kleinen Blogs planen und weiter entwickeln, ergibt sich immer wieder die Gelegenheit, sich an den mitgebrachten Weinen zu erfreuen. “Weine mit dem Schwerpunkt Cabernet Sauvignon resp. Bordeaux” lautete die Regieanweisung für den Abend. Schon gut, dass wir kein Milch-Blog sind. Dunkles Purpurrot. Eine rotfruchtige, dichte Sauerkirschnase wartet da im Glas, wärmend und schmeichelnd, aber nicht zu alkoholisch. Tabak und Toffee, etwas verhaltener auch Vollmichschokolade. Konzentriert und eine Spur füllig-vollfruchtig ist auch der Antrunk, saftige Johannisbeere, wieder diese schmeichelnde Sauerkirschnote, etwas Kräuter, mittlere Tiefe. Eine sehr angenehm eingebundene Säure. Der Wein hat Zug zum Gaumen hin, nimmt auch das Holzaroma, Toffee und Kaffee, schön mit. Hier aber fächern sich die Aromen (noch?) nicht sonderlich auf, der Wein bricht etwas undifferenziert ab. Das Tannin ist noch jugendlich und haftet am Gaumen, der Abgang ist nur mittellang. Potenzial ist aber erkennbar. Von mir blind verkostet, der Wein war circa zwei Stunden belüftet.

Im Fachhandel aktuell für ca. 60 Euro zu erwerben, 88+ Punkte (sehr gut), ab 2012+

Mittwochswein, der Vierte. Eine Assemblage der autochthonen portugiesischen Rebsorten Castellao, Touriga Nacional und Touriga Franca.

Dunkles Rubinrot. Die Nase beginnt mit einem etwas aufgesetzt wirkenden Vanilleton, dahinter erst öffnet sich ein subtiler dunkler Fruchtkern, der an Pflaumen und Heidelbeere erinnert. Rauch, Anklänge an Speck und eine leicht staubig anmutende Holznote lassen verraten, der Wein hatte Holzkontakt. Merkliche Fruchtsüße im Antrunk, fruchtbetonter Stil; geschmacklich mit Zwetschgen und einer kräftigen, aber stimmigen Säure. Nicht sonderlich komplex und auch nicht tief im Sinne von tief, aber ungemein trinkig. Der Alkohol ist recht balanciert und das Tannin ist schon ziemlich abgeschmolzen, die würzigen Holzeindrücke bleiben mit einer leichten Herbe in Erinnerung. Gerade mittellanger Abgang.

Ein runder Wein, der dennoch genug Charakter hat, um ein würziges Fleischgericht unaufgeregt und ansprechend zu begleiten. Hat volle Trinkreife. Ich sollte mich vielleicht auch einmal den anspruchsvolleren Weinen dieses Winzers widmen. Undekantiert und offen getrunken.

Im Fachhandel gekauft, 9,20 Euro, 83 Punkte (gut), jetzt trinken

Ganz allmählich entwickelt sich eine Gewohnheit im kleinen Kreise: Sonntagabends ein paar gute Weine ohne besonderen Rahmen aufzuziehen, quasi als Kontrastprogramm zu den aufwendigen Weinverkostungen. In entspannter Atmosphäre mit leckerem Essen, Kaminfeuer und Gesprächen auch abseits der Weinwelt, wollen wir die Weine genießen und nicht verkosten. Also das, wofür diese Weine eigentlich gemacht wurden. Von einem solchen Abend will ich heute berichten, aber keine Sorge, nur von den Weinen, nicht vom Abseits …

Schloss Lieser Riesling trocken QbA, 2008
Feine Nase, sehr stahlig und klar. Fein gezeichnete Mineralik, die sich auch im Mund bis zum Abgang konsequent durchzieht. Kabinett-Qualität im besten Sinne. Etwas schlichte, aber glockenklare Steinfrucht-Aromatik, verhalten, aber mit Stil. Mittlerer Abgang, endet gut auf mineralischen Noten, noch etwas unruhig aufgrund seiner Jugendlichkeit. Der ideale Wein, um den Abend zu beginnen. Großer Anklang am Tisch.
Vom Weingut, 83 Punkte (gut), jetzt bis 2012


Meyer-Fonné Riesling Pfoeller, 2005
Ein ganzer Korb reifer, gelber Früchte; Aprikose, Pfirsich, mürber Apfel. Dahinter die typische jodige und kräuterige Mineralik von Meyer-Fonné. Noch sehr jung, nur ganz dezent zeigen sich Anklänge an Limetten-Blätter und leicht oxidativen Noten. Für fast alle eine grandiose Nase. Im Mund versöhnen wir uns alle wieder, derart saftig und einschmeichelnd ist der Antrunk trotz seiner Jugend. Wieder diese fast tropfende Saftigkeit nach reifen Aprikosen und Pfirsichen. Dahinter viel Bienenwachs und eine dunkle Mineralik gepaart mit getrockneten Küchenkräutern. Die Säure ist mir eine Spur zu verhalten, einfach weil ich die unheimliche Salzigkeit noch mehr am Gaumen spüren möchte. Der Abgang hat Länge und endet auf eben dieser Salzigkeit, gepaart mit einer druckvollen Frucht. Wirkt nach vielen Stunden in der Karaffe noch immer nicht ganz entwickelt. Großer, knackiger, fruchtiger Spaß im Glas für relativ wenig Geld.
Vom Fachhandel, 90+ Punkte (ausgezeichnet), 2011 bis 2014


Friedrich Becker Pinot Noir Deutscher Tafelwein, 2005
Kindermord, der aber notwendig war. Am Vortag gab es Beckers 2006er Sankt Paul als Pirat in einer Badener-Spätburgunder-Probe, und es reizte uns einfach, direkt danach sein Top-Gewächs im Glas zu haben. Deutlich erkennen wir seine Handschrift. Erneut diese grazile Kirschkonfit-Nase, nur eine Ecke konzentrierter und komplexer mit kreidiger Mineralik. Trotz seiner eleganten Präsenz wirkt er noch jugendlich scheu. Eine grandiose, feingezeichnete Holzwürze durchzeichnet den gesamten Duft. Einmalige Eleganz. Im Mund sehr jung, wirkt aber schon jetzt wie ein perfekt gestimmtes Klavier. Erneut diese zartwürzigen Holznoten, die ein grandioses Spiel mit der Mineralik eingehen. Die Tannine haben Rückgrat, aber sind schon heute fein und weich. Komplexe Fruchtaromen von Kirschkonfitüre, roter Johannisbeere und jungen Pflaumen, extrem nachhaltig. Unendlicher, komplexer Abgang. Die Frucht will überhaupt nicht mehr vom Gaumen weichen, aber ohne aufdringlich zu wirken; sehr elegant und transparent, daneben weiche, cremige, unheimlich animierende Mineralik, noch etwas steife Struktur; sie lässt jedoch nach jedem Schluck das Wasser im Munde zusammenlaufen und weckt das Verlagen nach dem Nächsten. Großes Kino. Die hohen Bewertungen können wir nachvollziehen.
Vom Weingut, 93++ Punkte (ausgezeichnet), 2015 bis 2020


Bruno Giacosa Barolo Falletto di Serralunga D´Alba, 1999
Der nächste Kindermord, trotz des Alters von 10 Jahren. Erneut ist Potenzialtrinken angesagt. Heftig viel Lösungsmittel, was mit der Zeit langsam abnimmt, freilich ohne gänzlich zu verschwinden. Dafür müssen wir noch weitere 10 Jahre warten, beruhige ich die Zweifler am Tisch. Typische Nase eines gelungen Barolos traditioneller Vinifizierung. Neben dem Klebstoff feines Kirschkonfit im dunklen Schokoladenmantel, ein Touch floraler Noten, etwas altwürzige Holznote nach gegerbtem Leder und die markante Säurestruktur zeichnen sich bereits in der Nase ab. Klar, wir haben etwas Gutes im Glas. Wirkt wie ein 2004e , manche haben Sorge wegen der Säure, die auch im Mund präsent ist. Nach meiner Erfahrung wird diese sich erst in etwa 10 Jahren erstaunlicherweise perfekt einbinden. Ebenso das Holz, heute noch etwas grob nach Tabakkiste und getrockneten Kräutern, die Tannine rauen den Gaumen noch ganz ordentlich auf und lassen daher den komplexen Fruchtaromen nur gelegentlich den Vortritt. Der Wein ringt noch mit seinen Bestandteilen. Manche geben ein ++. Soweit würde ich nicht gehen, obwohl 9199 sicherlich ein ausgezeichnetes Jahr mit großem Potential war. Nachhaltiger Abgang nach roten Früchten mit enormer Extraktsüße, ledrigen Holzaromen und noch etwas grobprorigen Tannine. Aber da reift vielleicht Großes heran.
Vom Fachhandel, 92+ Punkte (ausgezeichnet), 2014 bis 2020


Wagner-Stempel Riesling Restsüß Siefersheimer Höllberg Auslese, 2005
Die beiden 2005er GGs von Wagner-Stempel sind großartig. Sollten Sie irgendwo noch die eine oder andere Flasche im Handel finden, greifen Sie hemmungslos zu. Mir gänzlich unbekannt sind seine Süßweine, und um so gespannter war ich darauf. Die hohen Erwartungen waren dann doch zu groß. Die Nase präsent und durchaus eindrücklich mit gewisser Komplexität nach reifen gelben Früchten, saftiger Steinfrucht, kandierten Aprikosen, etwas Wachsnoten, Kräuter, deutliche Mineralik. Am Gaumen saftig, feine tropische Fruchtanklänge, Steinfrucht, hat Spiel und Präsenz, nicht ganz tief, schöne mineralische Anklänge, die jedoch im weiteren Verlauf abbrechen, wie der ganze Wein im Abgang erstaunlich kurz ist. Hmm, zu Beginn ausgezeichnet, aber dann passiert irgendwann nicht mehr viel. Vielleicht braucht er noch einige Jahre, keine Ahnung; Zweifel bleiben. Klagen auf gehobenem Niveau.
Vom Fachhandel, 86 Punkte (sehr gut), 2010 bis ?


J. J. Prüm Riesling Restsüß Wehlener Sonnenuhr Auslese, 2002
Einfach deutlich feiner, graziler und nachhaltiger die Auslese von Prüm. Ein andere Klasse.  Die Nase überzeugt dank der feinen, aber trotzdem fast druckvollen Schiefermineralik. Wirkt sehr filigran, fast zerbrechlich, jedoch von schöner Eleganz und Finesse. Ein Hauch Honignoten und weiße Blüten kommen uns in Sinn. Wirkt noch gänzlich unentwickelt, braucht noch drei Jahre. Im Mund setzt sich der Eindruck fort, wenngleich der Wein deutliche Einblicke in das vorhandene Potential gewährt: Fein saftiger Antrunk, reife, gelbfruchtige Noten, Honig und deutlich florale Stilistik, sehr fein und balanciert, nicht sonderlich süß, eher als Solist komponiert. Noch nicht ganz offen, sehr langer, eleganter Abgang mit floralen Noten, weichen mineralischen Anklängen und einer glockenklaren Steinfrucht, die noch lange am Gaumen verweilt. Nur 7% Alkohol! Ausgezeichnet, aber leider kein Schnäppchen.
Vom Fachhandel, 90-92+ Punkte (ausgezeichnet), 2012 bis 2022

Bis zum nächsten Mal…

Ich weiß noch, wie ich im Frühjahr 2005 im Weingut Richter in der Verkostungsstube saß. Zur mittäglichen Unzeit dort aufgeschlagen, nahm sich der Senior des Hauses, damals hoch in den Achtzigern, meiner an und führte mich kompetent und witzig durch das aktuelle Programm. Von den Riesling-Stilistiken der Mosel hatte ich damals keinen Schimmer, ich wollte einfach einen Kofferraum voll Wein von einem renommierten und dennoch preislich geerdeten Gut haben. Die Versuche des Herrn Richter, mir das schmackhaft zu machen, was die Mosel nun mal auszeichnet – restsüßen Riesling -, blieben nicht ganz erfolglos, einen echten Brummer wollte ich aber auch, und so kaufte ich auch drei Flaschen von diesem hier. Ein sonderbares Format, würde ich heute sagen: Auslese halbtrocken mit 13% Alkohol. “Joa,” nickte der alte Herr Richter damals versonnen, “der hat ‘nen breiten Fuß.” So ist es. Zur kräftigen Substanz und zur spürbaren Restsüße kommt desweiteren ein deutlicher Botrytis-Touch, entsprechend schwer fiel es meinem Besuch am Wochenende, den blind vorgesetzten Wein auch nur halbwegs richtig einzuordnen.

Eine spürbare Botrytisnote wallt mir aus dem Glas entgegen, gepaart mit einer leichten Reife- und ganz leichten Röstnote sowie der Richter-typischen Stilistik, zu der mir meistens nicht mehr einfällt als das Wort “konservativ”: ein Anklang an feuchte Pappe, vielleicht Kräuter, irgendwie und im besten Sinne ein Wein aus einer anderen Zeit. Sehr vage das, ich weiß. Den Kontrapunkt hierzu setzt eine ziehende Mineralik, die sich insbesondere mit der Botrytis ein spannendes Wechselspiel liefert. Deutliche Fruchtsüße, mit hochreifen Aromen von Mango und Maracuja. Ein leichter Anflug von Alkohol. Im Mund dann überrascht mich dieser Wein wieder einmal, ganz entgegen der Erwartungen, die man so gerne an einen 2003er hat, kommt dieser hier mit einer absolut intakten Säurestruktur daher, etwas gerbstoffig (ich meine sogar, im Abgang trocknet er ein wenig zu sehr aus), frischere Fruchtnote hier als in der Nase, eher Zitrus, saftig, Kräutermineralik, Druck und Wucht, aber nicht ewig tief. Auch hier wieder ein leichter Alkoholtouch, den Abgang finde ich nicht allzu lang.

Trotz aller Einwände, trotz des ungewohnten Typus, der Wein gefällt: Konturiert, balanciert und mit einer ansprechenden, abwechslungsreichen Aromatik. Auf dem derzeitigen Niveau dürfte er sich noch zwei bis drei Jahre halten.

Vom Weingut, 15,50 Euro, 87 Punkte (sehr gut), jetzt bis 2012

Undurchsichtiges Schwarzrot. In der Nase fällt sofort ein kräftiger Thymiangeruch auf, dazu Schwarzkirschen, Brombeere und mit weiterer Luft gehacktes Basilikum. Dazu viel röstiges Holz,  ein merklicher Schwarzpfefferton und wieder: röstiges Holz, diesmal in der Bitterschokoladenvariante. Etwas rustikal? Ja, aber nicht unangenehm, zumal sich das am Anfang etwas zu präsente Holz nach zwei bis drei Stunden in der Karaffe immer stimmiger einbindet. Im Antrunk wärmend kraftvoll, trotzdem ätherisch, wieder deutlich Thymian im Geschmack. Dunkle Kirsche. Ein Bund Kräuter. Viel Extrakt, aber kaum Fruchtsüße. Eine sehr frische Säure. Vollreife Schwarzkirsche, viel Bitterschokolade. Dazu auch eine ordentliche Tiefe. Wärmender Alkohol – der Wein hat, wenn man die Temparatur im Glas ansteigen lässt, den rustikalen Charme eines verflüssigten Mon Cherie. Aber gänzlich ohne die Laszivität von Claudia Bertani. Nicht völlig überzogen, aber mehr als die 15 % Alkohol, die das Etikett von sich aus schon freimütig zugesteht, dürften es hier wirklich nicht sein; ein wenig Kühlung tut deshalb gut, bei gefühlten 14-15 Grad hält sich der Alkohol noch im erträglichen Rahmen. Ohne Bitterton.

Am Gaumen zunächst ein mundfüllendes Tanningerüst, dass sich wie eine Biss-Schiene trocknend über die Zähne legt, mit mehr Luft (und dann vorallem am zweiten Abend) wird dieser Eindruck aber harmonischer. Wieder dieser Schwarzpfefferton am Gaumen, der sich im deutlich mittellangen Nachhall zu der dunklen Frucht und den würzig-schokoladigen Holznoten hinzugesellt.

Ein universell einsetzbarer Winterwein, der sowohl zu Lamm als auch als Solist zu überzeugen weiss. Je mehr Luft er hatte, desto harmonischer wurde er. Weitere Lagerung erscheint mir deshalb angezeigt. Auch wenn es mit Claudia und ihm sicher nichts mehr werden wird… 2 Stunden in der Karaffe, dann offen über zwei Abende getrunken.

Im Fachhandel, 17 Euro, 86+ Punkte (sehr gut), 2012-2015

Blassgelbe Farbe. Verhaltene Sponti-Nase, kaum Frucht, dafür der typisch mineralische Duft. Am Gaumen macht der Wein richtig auf und wirkt als hätte er soeben seinen Höhepunkt erklommen. Jugend zeigt er dank der knackig frischen Säure und seinen frischen pflanzlichen und mineralischen Noten. Hingegen liegen im Früchtekorb eher reife Aprikosen und Pfirsiche, auch dunkle Beerenaromen (Cassis!) mischen sich darunter und vor allem auch ein Touch tropische Anklänge. Wirkt sofort wunderbar trinkanimierend, bleibt dabei aber stets innerhalb meiner Erwartung eines Kabinetts. Hin zum guten Abgang nehmen die Fruchtaromen und die deutliche Restsüße ab und es drängt sich die fast herbe Mineralik in den Vordergrund. Ein toller restsüßer Kabinett mit Spiel und Substanz, der jetzt richtig Freude bereitet. Offen verkostet, 30 Minuten nach dem Öffnen war der Sponti-Geruch verflogen. Preiswert!

Vom Weingut, 8,20 Euro, 86 Punkte (sehr gut), jetzt bis 2012

Der Riesling aus dem Muenchberg von Ostertag gehört für mich ganz sicherlich zu den Weinen, die meine Leidenschaft für Elsässer-Rieslinge begründet haben. Sein 2005er zählt für mich bis heute zu den ganz großen sensorischen Erlebnissen, derart einmalig durchzog dem Wein ein komplexe Mineralik, wie ich sie nur ganz selten erlebt habe, ganz zu schweigen von dem grandiosen Säurespiel (94+ Punkte). Heute geht es aber (leider) um den Nachfolgejahrgang.

Gelbgold. Auf den ersten Riecher wird klar, man hat eine komplexe Nase vor sich. Tiefe jod-würzige Mineralik, filigrane Petrolnoten, Wachs, und getrocknete Kräuter kommen mir zunächst in den Sinn. Das alles wird flankiert von etlichen mürben Äpfeln und reifen, fleischigen Mirabellen. Insgesamt fast wuchtig, zumindest opulent und nicht ganz so messerscharf gezeichnet wie der 2005er. Ich befürchte ein Alkoholproblem im Mund. Der erste Eindruck bestätigt dies. Der Antrunk wirkt sehr wild; alle Bestandteile ringen noch um ihren Platz und so treten abwechselnd die Säure, der Alkohol, die Petrolnoten und die vielfältigen mineralischen und fruchtigen Aromen hervor. Wird sich dies je beruhigen? Meine anfänglichen Sorgen werden etwas gemildert, nachdem der Wein zwei Tage im Kühlschrank zubrachte. Noch immer etwas unruhig, aber nun viel stimmiger. Der Antrunk jetzt sehr saftig, weiterhin leider ein wenig alkoholisch, aber ungemein facettenreich und animierend. Eine dezente Petrolnote durchzieht den gesamten Verlauf. Darüber ein reichhaltiges Bukett. Quitten, angetrocknete Aprikosen, Birne und ein Korb von Äpfeln notiere ich mir bei den Fruchtnoten. Deutlich angenähert, aber noch nicht gänzlich verwoben, die kräftigen Kräuteraromen und die zartbittere, ja fast salzig Mineralität mit medizinalem Einschlag. Dies kenne ich so nur bei Ostertag. Der Abgang ist lang und endet auf einem schönen mineralischen Spiel. Ein sehr guter Wein, der seinen Alkohol aber noch nicht komplett verpackt und dem es an Harmonie und Leichtigkeit fehlt, um die 90 Punkte-Grenze zu packen. Heute gebe ich ihm ein Plus, in der Hoffnung, dass sich dies noch geben möge. Sicher bin ich mir nicht. Zu Hause offen über mehrere Tage verkostet.

Vom Fachhandel, 32,56 Euro, 88+ Punkte (sehr gut), 2011 bis ?

Bei einem guten Weinhändler gibt es sie, die Kiste. Eine Schatztruhe mit Weinen, auf die man als Restposten nochmal ordentlich Rabatt bekommt. Und, was mich noch mehr erfreut, auch mal gereiftere Flaschen in die Hand bekommt, die dringend getrunken werden wollen. Neulich aus der Kiste zog ich diesen Cheverny, den Basiswein von der Domaine de Moulin, bereitet aus circa zwei Dritteln Sauvignon Blanc und einem Drittel Chardonnay. Ein Biowein mit Ecocert-Zertifikat für eigentlich rund acht Euro. Auf die 80 Cent Ersparnis kam es mir gar nicht an, vielmehr freute ich mich, noch eine Flasche aus dem Jahr 2005 zu bekommen und zu schauen, was der Wein noch drauf hat.

Im Glas ein klares helles Strohlgelb, zur Mitte hin hell golden. In der Nase alles, nur keine Frucht. Höchstens etwas Birne, vor allem aber gemüsige Noten, Sellerie, dazu ausgeprägte nussige Aromen, Haselnuss, Walnuss, noch mehr Mandeln, dazu eine schöne integrierte Holznote, Marzipan. Alles nicht komplex, aber ausdrucksstark. Im Antrunk zuerst etwas grasig, mit der feingliedrigen, ansatzweise weichen Säure schön animierend. Dann wird’s opulent mit mandeligen, marzipanigen, auch an Blüten erinnernden Aromen. Auch hier wieder die gemüsigen, jetzt aber vor allem torfig-malzigen, mineralisch salzigen Anklänge. Der Weinkaiser zieht hier einen gelungenen Vergleich mit Malt-Whisky. Die Struktur hat Kraft, der Alkohol und auch die erdig-rauchigen Holznoten klopfen immer mal vorne an, dringen jedoch nicht zu weit vor. Sogar Länge hat der Wein. Das einzige, was fehlt, aber von einem Basiswein auch nicht erwartet werden kann, ist etwas mehr Dichte und Tiefe.

Trotzdem ein richtig spannender Cheverny zum kleinen Preis. Interessant, wie die Sauvignon Blanc für die frische Struktur und Säure sorgt und den fetten Chardonnay-Aromen eine grüne, pflanzliche Note gibt. Für sich hätte ich die Rebsorte nicht erkannt, dafür fehlt die vom Holz und sicher auch von der jetzt optimalen Reife zurückgehaltene Primärfucht. Was bleibt zu sagen? Ganz viel Wein für einen mehr als fairen Preis, oder auf Deutsch: für 7 Euro ein echter Knaller! Die höheren Gewächse von der Domaine du Moulin wollen unbedingt mal probiert werden, mehr dazu in Kürze.

Offen zu Parpadelle mit Lachs in zweierlei Sahnesauce verkostet. Der Wein korrespondierte dabei sehr gut mit Thai-Curry wie auch mit Vanille-Chili. Nicht dekantiert, aber auf Temperatur gebracht. Auf dem Etikett empfohlen werden 15 Grad, ein paar mehr schaden ihm aber nicht.

Aus dem Fachhandel, 7,20 Euro, 86 Punkte (sehr gut), 2010-2011

Direkt nach dem Öffnen noch heftig hefiger Duft. Die Säure juckt in der Nase. Am nächsten Tag deutlich beruhigt. Kühle, frische und mineralische Nase mit fein gezeichnetem Duft nach Äpfeln und Pfirsichen, dahinter ein Touch Limetten. Angenehme Präsenz. Im Mund wieder sehr frisch. Die feine Süße und die noch leicht unruhige Säurestruktur halten sich angenehm die Balance. Gefällt am nächsten Tag deutlich besser als direkt nach dem Öffnen. Sehr fruchtiger Antrunk erneut nach Äpfeln und Pfirsichen, dahinter schöne pflanzliche Noten, feine Schiefermineralik. Er hat dank seiner saftige Frucht und prickelnde Säure durchaus eine gewisse Kraft. Großer Trinkspaß mit mittlerem Abgang. Guter Basisriesling mit ausgezeichnetem Preis-/Leistungsverhältnis. Noch ein wenig liegen lassen.

Vom Weingut, 7 Euro, 83+ Punkte (gut), 2010 – 2011

Eigentlich wollte ich diesen Wein schon in der Best-Bottle-Probe an Silvester einstellen, aber dann sagte ich mir: “Ach komm, lass doch den Quatsch. Der Wein ist schlimmstenfalls gänzlich verschlossen und Du ärgerst Dich eh nur über diese blödsinnige Idee.” Und so ließ ich es sein… Aber, wie das so ist mit den Stimmen im Inneren, sie gaben einfach keine Ruhe, bohrten jedesmal nach, wenn ich mich in den Keller begab, “komm, nimm sie schon mit und mach sie auf, Du weißt doch genau, sie wird Dir zu gefallen wissen.”  Und wie das so ist mit kruden Ideen und großer Neugierde… jaahaa, ich wollte es halt auch.

Helles Goldgelb. In der leichtfüßigen, aber tiefen Nase ein milder Limonenton, Pfirsich, etwas Bittermandel und florale Anklänge. Mit mehr Luft auch mürber Apfel. Dazu eine animierende, rauchige Mineralik. Die Nase ist schon offen und sehr zugänglich. Im Antrunk mit seidiger Textur, nachhaltig, mit Zitrusfrüchten, gelber Steinfrucht, grünen Kräutern, Kardamom, ein animierendes Tonic-Bitterl, wieder diese feinrauchige, sehr kräftige Mineralik. Alles sehr kompakt verwirkt. In diesen Eindrücken wirkt der Wein dennoch noch etwas unentwickelt jugendlich, aber diese “kleine Delle” wird der Wein mit Reife schließen können, ich habe keinen Zweifel daran. Der Wein steht merklich unter Spannung, vor einigen Monaten bei der Jungweinprobe schrieb ich “vibriert im Mund wie unter Bass-Einsatz” — und genau diese Assoziation habe ich wieder. Nur feinste Fruchtsüße. Die Säure ist sehr jugendlich, sie trifft wie ein Peitschenschlag auf den Gaumen, dann streicht der Wein heilsame Fruchtpaste darüber. Sehr strukturiert und balanciert. Allenfalls ein ganz feiner Alkoholton fällt auf, wenn man genau hinschmeckt — der irritiert mich aber nicht und führt deshalb auch nicht zu Abzügen in der B-Note. Der Wein läuft kaskadenartig über den Gaumen, ist dort schmelzig und bleibt wie eine Strukturtapete an der Wand. Und bleibt… und bleibt… und bleibt! Eine irre Länge hat dieser Wein, in der sich die Zitrus- und Steinfrucht auf der einen und die herbe Mineralik auf der anderen Seite wiederfinden. Noch hat die Frucht hier ein wenig die Überhand, aber die Mineralik erinnert mich an einen grollenden Gewitterdonner in der Ferne, der Himmel füllt sich plötzlich mit lilafarbener Dunkelheit, Sturm hebt an. Man spürt es in allen Poren, da zieht gehörig was auf…

Meine Sorge, dass der Wein sich abweisend zeigen würde, hat sich zum Glück nicht bestätigt. Jugendlich ist der Wein noch, keine Frage, aber er bietet bereits jetzt sehr viel, ja sogar überraschend viel an. Offen über drei Abende getrunken.

Im Fachhandel, 32,50 Euro, 93+ Punkte (ausgezeichnet), Ende 2010 bis 2018+

Kürzlich hatte ich das wohl einmalige Vergnügen alte, und ich meine wirklich alte Burgunder zu geniessen. Ein ebenso verrückter Weinfreund lud ein und es sollte ein denkwürdiger Abend werden. Jahrgänge zwischen 1919 bis 1953 standen an. Zwischendurch sorgten unsere lieben Gastgeber anhand eines vorzüglichen Menüs in vier Akten für die notwendige Kondition. Natürlich reiste ich mit der festen Überzeugung an, dass dieses alte Zeug überhaupt nicht mehr schmecken kann und ich mich nicht von Jahreszahlen oder irgendwelchen Namen wie Romanee etc. blenden lassen würde. Gänzlich bekehrt und demütig verließ ich sehr spät am Abend die Gedenkstätte…..Weiterlesen

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